Orientalismus im Nachdenken über das Alte Ägypten?

Edward W. Said versteht unter „Orientalismus“ die sachlich unbegründete und kolonialpolitisch interessierte Konstruktion eines „Orients“ im vielfältigen Diskurs, der in Europa und Nordamerika seit dem späten 18. Jahrhundert geführt wurde. Das „Orientalische“ findet sich dabei in Wissenschaft, Politik, Kunst, Unterhaltungsindustrie und überhaupt in allen Medien zusammengemixt aus stereotypen Merkmalen wie Stillstand, Rückstand, Despotie, Irrationalität, unkontrollierbare Sinnlichkeit, Verweichlichung, Passivität, leichte Beeinflussbarkeit und Degeneration.

Medinet Habu, Totentempel Ramses‘ III.: Ägyptische Verbände (re.) rücken geordnet gegen Feinde (li.) vor, die in Auflösung durcheinaderpurzeln. Den Alten Ägyptern selbst kann man wohl den Vorwurf des Orientialismus machen: Angehörige von Fremdvölkern wurden stereotyp dargestellt als ungepflegt, chaotisch und unterlegen, als Aggressoren, die es zu disziplinieren oder gleich niederzumetzeln gelte.

Sogar ein Denker wie Ernst Bloch verfängt sich bisweilen in diesem Vorurteilsgestrüpp, wenn er pauschal die angebliche „ägyptische Erstarrung als die Gefahr des lückenlosen Konstruiertseins überhaupt“, „als totale Herrschaft der anorganischen Natur über das Leben“ in marxistischem Geschichtsschema verortet und mit dem Brandzeichen des Revolutions-, Utopie- und Lebensfeindlichen versieht. Die Formulierungen sind markant und lassen sich, wie oft bei Bloch, effektvoll zitieren: „der absolute Steingeist“, „tote, starrende Ruhe“, „lebenverneinend, geradlinig, kubisch, mit einem ungeheuren Fanatismus der Starre“ – mit „Fanatismus“ klingt zusätzlich das orientalistische Vorurteil der Irrationalität an.

Relieffragment, Saqqara, Grab des Pehenuka, Kalkstein, Altes Reich, 5. Dynastie (Berlin, Neues Museum, ÄM 1132): Stachelschwein und Panther in der Wildnis. Als „starr“ würde ich solche Darstellungen nicht beschreiben…

Heute muss nicht mehr betont werden, dass solche undifferenzierten, die Vielfalt einer Kultur zur Unkenntlichkeit vereinheitlichenden Deutungsregime von der Altertumswissenschaft nicht gedeckt sind. Gegen das Vorurteil der Starrheit weist etwa Erik Hornung gerade auf die Strategien subtiler Variation antik ägyptischer Kunst und Politik hin und sieht dort „das Prinzip von der ‚Erweiterung des Bestehenden'“ am Werk – eines Prinzips, das Bloch wohl durchaus sympathisch gewesen wäre.

Medinet Habu, Totentempel Ramses‘ III.: Variation des „Erschlagens der Feinde“. Auffällig sind die unterschiedlichen Kronen, die der Pharao dabei trägt.

Auch ein Max Weber gerät zumindest in die Nähe des Orientalismus, wenn er über moderne Bürokratie schreibt:

Und dieses Gehäuse, welches unsere ahnungslosen Literaten preisen, ergänzt durch die Fesselung jedes Einzelnen an den Betrieb (Anfänge dazu: in den sogenannten »Wohlfahrtseinrichtungen«), an die Klasse (durch zunehmende Festigkeit der Besitzgliederung) und vielleicht einmal künftig an den Beruf (durch »leiturgische« staatliche Bedarfsdeckung, das heißt: Belastung berufsgegliederter Verbände mit Staatsaufgaben), würde nur um so unzerbrechlicher, wenn dann etwa auf sozialem Gebiet, wie in den Fronstaaten der Vergangenheit, eine »ständische« Organisation der Beherrschten der Bürokratie angegliedert (und das heißt in Wahrheit: ihr untergeordnet) würde. Eine »organische«, d.h. eine orientalisch-ägyptische Gesellschaftsgliederung, aber im Gegensatz zu dieser: so streng rational, wie eine Maschine es ist, würde dann heraufdämmern (Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, besorgt von Johannes Winckelmann, Studienausgabe, 5. Aufl., Tübingen 1980, S. 834).
Es ist das Wesen des Leiturgiestaates, als welcher Aegypten, vollständig im »neuen«, dem Keim nach schon im »alten« Reich, uns entgegentritt, welches sich darin äußert: jeder einzelne ist gebunden an die Funktion, die er innerhalb des sozialen Organismus vorsieht, daher ist im Prinzip jeder unfrei. Schon in den ältesten historischen Zeiten ist diese Entwicklung so weit verbreitet, daß es zwar jeweils privilegierte Schichten, aber keine rechtlich freien Volksgenossen im Sinn der hellenischen πόλις oder κώμη gibt, und im Prinzip jeder Sklave, wenigstens wenn es ihm gelang, in die Karriere des »Schreibers« zu gelangen, den »Marschallstab im Tornister« hatte (Max Weber: Agrarverhältnisse im Altertum, in: Gesammelte Aufsätze zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, hg. von Marianne Weber, 2. Aufl., Tübingen 1988, S. 64f.).

Max Weber, dessen jüngerer Bruder Alfred und andere Bürokratietheoretiker mögen zwar immer wieder einem Orientalismus gefährlich nahekommen oder bisweilen gar in ihn abgleiten. Ein pauschaler Orientalismusvorwurf wie jener Georg Stauths schießt allerdings über das Ziel hinaus:

Bei Bürokratie ist immer eine Idee des Pharaonischen oder Asiatischen im Spiel (Herausforderung Ägypten. Religion und Authentizität in der globalen Moderne, Bielefeld 2010, 250f.).

Denn in den heute überwiegenden Fällen wird Bürokratie ganz ohne Ägyptenbezug problematisiert. Moderne Bürokratie ist als europäische Errungenschaft seit dem 17. Jahrhundert erkannt, als Folge von Verwissenschaftlichung und Implementierung von Rationalität, also von Entwicklungen, die man „den Orientalen“ gerade nicht zutraute. Bereits Max Weber selbst betont, dass es sich bei der altägyptischen Bürokratie aufgrund des Fehlens einer Geldwirtschaft und einer maschinellen Produktion um ein von moderner Bürokratie deutlich unterschiedenes Phänomen handelt. Allgemein gesprochen: Orientalismus besteht nicht bereits darin, mit Merkmalen des vermeintlich Orientalischen überhaupt zu operieren. Dies muss zu Unrecht erfolgen, klischeegeleitet und mit (offener oder verdeckter) kolonialpolitischer Stoßrichtung. Dass im Alten Ägypten ein zumindest bürokratieähnliches Ordnungssystem herrschte, worin jeder seine definierten Funktionen zu erfüllen hatte, womit sich die Menschen damals weitgehend auch identifizierten und wodurch sie sich als anderen Kulturen überlegen empfanden, ist eine aufgrund der Quellen ebenso gut fundierte These wie jene, dass in den bronzezeitlichen politischen Verbänden keine Freiheitsrechte galten.

Relief, Giza, Cheops-Nekropole, Westfriedhof, Opferkammer des Merib, Westwand, Kalkstein, Altes Reich, 4. oder 5. Dynastie (Berlin, Neues Museum, ÄM 1107). Inschrift und bildliche Darstellung charakterisieren Merib als einen der führenden Amtsinhaber. Aufgrund seiner gehobenen Bedeutung in der Reichsverwaltung und als Grabherr erscheint er zwar deutlich größer als die Opfergabenträger vor ihm, aber genauso wie diese in die strenge Ordnung aus Spalten und Zeilen fest eingebunden.

Wer wie Max Weber solche sachlich vertretbaren Thesen heranzieht, um strukturelle Ähnlichkeiten zwischen antiken und modernen Verhältnissen festzustellen und moderne Verhältnisse, etwa bestimmte Auswirkungen des Bürokratischen auf das Individuum, zu kritisieren, macht sich also nicht von vornherein eines Orientalismus schuldig. Der Orientalismusvorwurf mag im Einzelfalle: gegenüber einzelnen Autor*innen, Werken, Thesen, Passagen oder Wendungen gerechtfertigt sein. Doch ist Sorgfalt in beide Richtungen geboten: beim Aufspüren oft verdeckter Orientalismen, aber auch beim anklagenden Erheben des Zeigefingers.

Oft verbindet sich Orientalismus mit einem Rassismus, wonach die angeblichen Eigenschaften der „Oriental*innen“ biologisch feststünden und irreversibel seien. Das alles diente letztlich den handfesten politischen Interessen, die kolonialistische Unterwerfung und Ausbeutung durch „Westmächte“ als Heilsbringung zu rechtfertigen. Selbst in heutigen weitgehend postkolonialen Zeiten lebt Orientalismus fort und bestimmt bisweilen immer noch, wenn auch unterschwellig, unser Denken und Erforschen – auch wenn es sich bezieht auf alte, seit Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden vergangene Kulturen. Bin mir dieser Gefahr durchaus bewusst, kann aber als fehlbares Wesen bei allem Bemühen nicht ausschließen, dass mir in meinen Veröffentlichungen der eine oder andere Ausrutscher ins Koloniale unterläuft. Sollte dies passieren, mich bitte aufmerksam machen! Das Alte Ägypten und seine Kunst galten allerdings nie als Paradebeispiel des „Orientalischen“. Zudem hegten weder Bloch noch Weber und hegen weder der Verfasser noch die Bundesrepublik Deutschland die Absicht, irgendeinen „Orient“ zu kolonisieren.

Überhaupt ist es methodologisch unhaltbar, eine Kultur als in sich geschlossenen Kreis oder unabhängiges Individuum isoliert zu betrachten, wie dies etwa Oswald Spengler forderte:

…man stelle die antike Kultur als in sich abgeschlossene Erscheinung, als Körper und Ausdruck der antiken Seele neben die ägyptische, indische, babylonische, chinesische, abendländische und suche das Typische in den wechselnden Geschicken dieser großen Individuen, das Notwendige in der unbändigen Fülle des Zufälligen, und man wird endlich das Bild der Weltgeschichte sich entfalten sehen, das uns, den Menschen des Abendlandes, und uns allein natürlich ist (Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, 11. Aufl., München 1993, S. 36).

Römischer Kindersarkophag, Marmor, 3. Jh. n. Chr. (Karlsruhe, Badisches Landesmuseum, Inv. 69/47). In der römischen Kunst war die stilisierte Nillandschaft (hier eindeutig identifiziert durch den Leuchtturm von Alexandria re. o.) weit verbreitete Bildformel für Glück. Die ägyptische Kultur hat auch sonst auf vielfältige Weise die griechisch-römische Antike mitgestaltet.

Spengler ist vehement zu widersprechen. Denn abgesehen davon, dass es kein Kriterium gibt, etwas Zufälliges einer Kultur von angeblich Notwendigem, Typischem zu unterscheiden, lebt jede Kultur, selbst das geografisch relativ stark abgeschlossene Alte Ägypten, zu einem guten Teil von Austausch, Verflechtung und Durchdringung. Dabei handelt es sich um nichts Äußerliches, Akzidentelles sondern um Konstitutives. Für die mediterrane Bronzezeit liefert jüngst Eric H. Cline einen einführenden Überblick dieses Beziehungsgeflechts, der alle damaligen Kulturen und politischen Verbände Griechenlands, Kleinasiens, der Levante, Mesopotamiens und Ägyptens integriert. In diesem von Palastkulturen geprägten, vielfach vernetzten Raum zwischen „Orient“ und „Okzident“ zu unterscheiden, gibt es überhaupt keinen sachlichen Grund. Erst von diesem verbindenden Ansatz aus kann sich übrigens die Relevanz der Erforschung der späten Bronzezeit für heutige Globalisierung erschließen:

Wir wollen hier eine globalisierte Welt betrachten; ein System mit mehreren Zivilisationen, die alle miteinander interagierten und (zumindest teilweise) voneinander abhängig waren. Es gibt nur wenige Fälle in der Weltgeschichte, in denen ein solches globalisiertes System existierte; zu den besten Beispielen dafür gehören tatsächlich die Welt der späten Bronzezeit und die von heute. Die Parallelen zwischen diesen Epochen – besser gesagt, die Vergleichsmomente – sind mitunter wirklich faszinierend (1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation, Darmstadt 2015, S. 14f.)…: diplomatische Bemühungen und Wirtschaftsembargos, Entführungen und Lösegelder, ermordete Herrscher, prunkvolle Hochzeiten und unangenehme Scheidungen, internationale Intrigen und vorsätzliche militärische Desinformation, Klimawandel und Dürren und sogar das ein oder andere Schiffs- wrack. Hier gewisse Ähnlichkeiten zwischen unserer Zeit und den Ereignissen, Menschen und Orten vor mehr als drei Jahrtausenden zu suchen, ist mehr als nur eine akademische Übung (ebd., S. 14).
Here, we are considering a globalized world system with multiple civilizations all interacting and at least partially dependent upon each other. There are only a few instances in history of such globalized world systems; the one in place during the Late Bronze Age and the one in place today are two of the most obvious examples, and the parallels – comparisons might be a better word – between them are sometimes intriguing (Eric H. Cline, 1177 B.C. The Year Civilization Collapsed, 1st paperback printing, Princeton, Oxford 2015, xvi)

– including diplomatic embassies and economic trade embargoes; kidnappings and ransoms; murders and royal assassinations; magnificent marriages and unpleasant divorces; international intrigues and deliberate military disinformation; climate change and drought; and even a shipwreck or two — that taking a closer look at the events, peoples, and places of an era that existed more than three millennia ago is more than merely an academic exercise in studying ancient history (ebd., xv).

Besonders etwa fasziniert auch die stilistische und inhaltliche Melange der Spätantike sowie der vielfältige Kulturtransfer, der im Imperium Romanum durch das Straßennetz leicht stattfinden konnte.

Isistempel von Philae: Den Bildtypus der Isis lactans, der den Horusknaben stillenden Isis, übernahmen die Christen in den entsprechenden Mariendarstellungen (Maria lactans, Galaktotrophousa), ebenso ihre bereits in der Namenschreibung fixierte Auffassung als Thron (vgl. Maria als Thron der Weisheit, Sedes sapientiae). Das Alte Ägypten gestaltete also nicht nur die griechisch-römische Antike mit, sondern auch das sogenannte „christliche Abendland“.

Es muss nicht betont werden, dass das Feststellen von Bezügen und das Feststellen von Unterschieden nur zwei Seiten ein und derselben Medaille sind.

 

Zitierte Literatur und Passagen (die im Text nicht angeführten Seitenzahlen werden hier nachgereicht):

Ernst Bloch: Geist der Utopie. Bearbeitete Neuauflage der zweiten Fassung von 1923 (= Werkausgabe, Bd. 3), FaM 1985, hier: S. 32f.

Eric H. Cline, 1177 B.C. The Year Civilization Collapsed, 1st paperback printing, Princeton, Oxford 2015; dt. Übers.: 1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation, Darmstadt 2015.

Erik Hornung: Der Geist der Pharaonenzeit, Düsseldorf 2005, hier: S. 88.

Edward W. Said: Orientalism, reprint, London u. a. 2003. Ursprünglich 1978 erschienen.

Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, 11. Aufl., München 1993.

Georg Stauth: Herausforderung Ägypten. Religion und Authentizität in der globalen Moderne, Bielefeld 2010.

Max Weber: Agrarverhältnisse im Altertum, in: Gesammelte Aufsätze zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, hg. von Marianne Weber, 2. Aufl., Tübingen 1988.

Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, besorgt von Johannes Winckelmann, Studienausgabe, 5. Aufl., Tübingen 1980.

 

Allgemeine weiterführende Literatur:

„Orientalismus“, DNP 15/1, Sp. 1233ff.

Thomas L. Gertzen: Einführung in die Wissenschaftsgeschichte der Ägyptologie, Münster 2017, insbes. 161ff.

 

Am 26. Mai 2017 online gestellt. Alle Rechte vorbehalten. Impressum beachten!

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