Pyramiden, Beamte und der Sinn des Lebens

Religionsgeschichtliche, mythologische und assoziative Deutungen antik ägyptischer Bildwerke sind Legion. In meinen Interpretationen möchte ich die seltenere und wahrscheinlich unsympathischere sozialwissenschaftliche Perspektive einnehmen. Unsympathischer ist dieser Gesichtspunkt deshalb, weil er weder mit pointierten Erzählungen aufwartet noch mit dem Anschein der Weisheit altehrwürdiger Religionen. Stattdessen findet sich die Urlaubsstimmung ernüchtert in der Konfrontation mit der damaligen sozialen Realität, die sich allerdings als mindestens ebenso erstaunlich und lehrreich erweist wie gefällige Geschichten und erbaulicher Tiefsinn.

Pyramiden in der heutigen Realität.

Bei aller Sympathie für populärkulturelle Capricen wie Stargate (USA, F 1994, R: Roland Emmerich, D: Kurt Russell, James Spader, Mili Avital) – Außerirdische müssen nicht in Anspruch genommen werden, um die Wunder Ägyptens verständlich zu machen: in den Pyramiden manifestiert sich zum weltgeschichtlich ersten Mal das Soziale und das Politische mit der Wucht geballter Monumentalität.

Auf einem zirka 40 m hohen Felsplateau der Libyschen Wüste liegt der wohl bekannteste Pyramidenbezirk, jener von Gizeh mit den beiden größten, fast 150 m hohen ägyptischen Pyramiden: der um 2600 v. Chr. errichteten Pyramide des Cheops/Chufu (Altes Reich, 4. Dynastie). Nur wenig niedriger ist die Pyramide des Chephren/Chaefre, der wahrscheinlich ebenso wie Mykerinos/Menkaure, der Bauherr der kleinen Pyramide, Sohn des Cheops war.

Beginnend auf der Höhe Kairos, über eine Länge von zirka achtzig Kilometern nach Süden bis zum Fayyum finden sich auf Felsplateaus in der Wüste westlich des Nils die meisten und bei weitem größten der bisher über achtzig bekannten Pyramiden. Bis heute werden Spuren weiterer Pyramiden entdeckt. Aber auch in bereits seit langem erforschten Pyramidenbezirken ergeben sich immer wieder erstaunliche Funde, beispielsweise in Giza die Ausgrabung der Überreste einer Großbäckerei zur Versorgung der Arbeiter. Wie genau und warum Pyramiden im Alten Ägypten gebaut wurden, bleibt in der Forschung stark umstritten. Gängig sind folgende Deutungen des Warum:

1) Grabkammern wurden unter gigantischen Steinbergen und in oft labyrinthischen Gangsystemen versteckt, um den wertvollen Grabschatz vor Räubern zu schützen. Ältere Sepulkralanlagen wurden oft bereits kurz nach der Bestattung geplündert.

Grabkammer der „Roten Pyramide“ des Snofru (Altes Reich, 4. Dynastie, 27. Jh. v. Chr.) in Dahschur, Höhe der Kammer: knapp 15 m, Kraggewölbe.

2) Pyramiden entwickeln formal die Grabtumuli weiter, wie es die Stufenpyramide des Djoser mit ihren übereinandergeschichteten Mastabas (Grabbau in Gestalt einer Steinbank) nahelegt. Sie brächten damit eine womöglich auch politisch angestrebte Synthese aus Tradition und Innovation zum Ausdruck.

Stufenpyramide des Djoser (Altes Reich, 3. Dynastie, 27. Jh. v. Chr.) in Saqqara, ca. 60m hoch.

3) Die Pyramidenform ahmt den Sonnenstrahlenfächer nach, der bei bestimmten Wolkenkonstellationen sichtbar wird, und beschwört die Verbindung zwischen den Göttern des Himmels und der von Menschen bewohnten Erde.

4) Die Pyramiden bilden Steintreppen für den Pharao in den Himmel mit eingebauten Korridoren, die als Art Abflugrampen der königlichen Seele in himmlische Gefilde dient.

Pyramide des Cheops/Chufu (Altes Reich, 4. Dynastie) in Giza, fast 150m hoch.

5) Unter dem Gesichtspunkt von Politik und Gesellschaft als besonders anregend erweist sich die Deutung der Pyramiden als Nachahmung des in Gestalt eines Steines verehrten Schöpfungshügels von Heliopolis. Dafür spricht, trotz Gelehrtenstreites im Detail, dass dessen Name „bnbn“ (Benben) nachweislich bereits in der Hieroglyphenschrift der Pyramidenzeit Bestandteil der Bezeichnung der Spitze von Pyramiden und Obelisken (bnbnt) ist.

Spitze (Pyramidion, li.) der „Roten Pyramide“ des Snofru (Altes Reich, 4. Dynastie, 27. Jh. v. Chr.) in Dahschur, rekonstruiert und am Boden ausgestellt. Im Hintergrund die „Knickpyramide“ (s. u.), ebenfalls unter Snofru erbaut.

Wollten die Pharaonen mit ihren Pyramiden beweisen, dass sie so viel vermögen wie Schöpfungsgötter, indem sie die pyramidenförmigen Erhebungen nachahmen, wie sie sich etwa in der Wüste oder längs des Nils überall finden?

Erhebungen (wohl verfestigte Dünen mit schwarzem Geröll an der Oberfläche) in der Libyschen Wüste (aus Sicht der Ägypter der „Westlichen Wüste“) auf dem Weg zwischen Assuan und Abu Simbel.

Thebanische Berge mit der höchsten Erhebung El-Qurn (ca. 420 m über dem Meeresspiegel) am Westufer des Nils gegenüber Luxor. In diesem Massiv liegen etwa das Tal der Könige und der Königinnen.

Die Schöpferkraft menschlicher Könige besteht im Verfügen über eine kluge, arbeitsteilige Organisation, worin Fachkompetenz entwickelt und effektiv koordiniert wird. Die große, in den Pyramiden gefeierte welthistorische Entdeckung besteht darin, dass der vergesellschaftete und politisch integrierte Mensch etwas aus eigener kollektiver Kraft zustande bringen kann, das er davor nur als Götterwerk bestaunen konnte.

Pyramide des Mykerinos/Menkaure (Altes Reich, 4. Dynastie, 26. Jahrhundert v. Chr.) in Giza, zirka 66 m hoch. Die unteren sechzehn Schichten wurden mit Rosengranit aus Assuan verkleidet. Dieses enorme logistische Unternehmen, härtestes Gestein in Oberägypten abzubauen, einzuschiffen, zirka 1000 km (Luftlinie) auf dem Nil nach Giza zu transportieren und dort in der Pyramide des Mykerinos zu verbauen, ist zugleich eindrucksvolle Performanz der Reichseinheit und der administrativen Leistungsfähigkeit.

Im gut geplanten Zusammenspiel von Arbeitern, Baumeistern, Architekten, Zulieferern auf dem Nil und zu Lande, Catering, Unterkunftsmanagement usw. schwingt sich der Mensch zum Mitgestalter des Kosmos auf: Neben die von den Göttern verbürgte Ordnung des Unbelebten, des geografischen Raumes, der Pflanzen und Tiere, der Gestirne und in Ägypten vor allem der Nilschwemme tritt als menschliche Ergänzung die soziale und politische Maat.

Relief, Giza, Cheops-Nekropole, Westfriedhof, Opferkammer des Merib, Westwand, Kalkstein, Altes Reich, 4. oder 5. Dynastie (Berlin, Neues Museum, ÄM 1107). Inschrift und bildliche Darstellung charakterisieren Merib als einen der führenden Amtsinhaber. Aufgrund seiner gehobenen Bedeutung in der Reichsverwaltung und als Grabherr erscheint er zwar deutlich größer als die Opfergabenträger vor ihm, aber genauso wie diese in die strenge Ordnung aus Spalten und Zeilen fest eingebunden: Jeder agiert an seinem jeweiligen, von der Maat bestimmten Ort.

Die Pyramiden wären dieser Deutung zufolge Bild einer selbsttragenden Vollständigkeit: Stein um Stein ein Ganzes, das zugleich jedem Stein einen bestimmten Platz zuweist, an dem er eine tragende Funktion für das Ganze hat.

„Rote Pyramide“ des Snofru (Altes Reich, 4. Dynastie, 27. Jh. v. Chr.) in Dahschur, ca. 100 m hoch.

Das Ganze bewahrt aber zugleich den einzelnen Stein vor der funktionslosen Isolation, dem Vergessen, der Endlichkeit, der beliebigen Verwendung in immer wechselnden Zusammenhängen. Insofern ist die Pyramide auch ein Bild der Gesellschaftsordnung – nicht also sosehr, was ihre hierarchieausdrückende Form betrifft, sondern im sinnspendenden Verhältnis zwischen einzelnem Stein und ganzem Bau.

Giza: Blick von Osten über das zentrale Gräberfeld der Nekropole des Mykerinos/Menkaure (Altes Reich, 4. Dynastie, 26. Jh. v. Chr.) auf die Chephren-Pyramide.

Pyramidenbezirke ausschließlich Pharaonen zuzuschreiben, verstellt die Tatsache, dass in diesen weitläufigen Anlagen sich auch die Gräber nicht nur der Angehörigen der Königsfamilie finden, sondern ebenso von Führungspersonal der Reichsverwaltung.

Das Königsgrab wird zum Symbol des „Zentralstaats“, dieser in der damaligen Welt völlig neuartigen Form eines gesellschaftlichen und politischen Verbandes ganz großen Umfangs, der auf dem Prinzip durchgreifender und interlokaler Herrschaft gegründet ist. Das Beamtengrab symbolisiert entsprechend die individuelle Teilhabe an – und Bewährung in – dieser Herrschaft (Jan Assmann: Stein und Zeit. Mensch und Gesellschaft im alten Ägypten, 3. Auflage, Darmstadt 2003, 22).

Die regelrechten Totenstädte mit der Pyramide im Zentrum bilden zudem die administrative Hierarchie ab, die unter den Lebenden bestand. So etwa repräsentiert die größte und wohl berühmteste Pyramide, jene des Cheops, eine zentral geplante, wohlgeordnete Struktur aus mehreren Dutzend geräumiger Familien- und Beamtengräbern – wie der Pharao zu Lebzeiten den gesamten Hof und Beamtenapparat repräsentierte.

Relief, Giza, Cheops-Nekropole, Westfriedhof, Opferkammer des Merib (G 2100-I-annex), Ostwand, Kalkstein, Altes Reich, 4. oder 5. Dynastie (Berlin, Neues Museum, ÄM 1107). Inschrift und bildliche Darstellung charakterisieren Merib als einen der führenden Amtsinhaber. Unter anderem war er Verwalter und Priester mehrerer Totenstiftungen des Königs Cheops. Diese sind in den oberen Registern zwischen den beiden im Bedeutungsmaßstab entsprechend groß dargestellten Merib-Figuren genannt und durch Personifikationen oder Vertreter*innen der Ländereien/Gutshöfe visualisiert. Die beiden unteren Register zeigen Gaben- beziehungsweise Opferträger und eine Rinderschlachtung.

Selbst Mitarbeiter der unteren Ränge finden sich, wenn auch oft anonym, in den Nekropolen des Alten Reiches bei ihrer jeweiligen Tätigkeit verewigt: auf den streng geometrisch in Registern und Spalten komponierten Reliefs der Elitemastabas. (Noch nicht abzusehen ist, welche Hinweise auf eine architektonische Abbildung der Bürokratie die Erforschung der Arbeiter-, Handwerker- und Funktionärsstädte, die sich um die Pyramiden herum gebildet haben, bringen mag.) Überspitzt ausgedrückt: Der Pyramidenbezirk des Cheops bietet ein Organigramm der damaligen pharaonischen Administration.

Pyramide des Cheops/Chufu (Altes Reich, 4. Dynastie) in Giza, fast 150m hoch.

Und sie sprachen: Auf, wir wollen uns eine Stadt und einen Turm bauen, und seine Spitze bis an den Himmel! So wollen wir uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Fläche der Erde zerstreuen! Und der HERR fuhr herab, um die Stadt und den Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Und der HERR sprach: Siehe, ein Volk sind sie, und eine Sprache haben sie alle, und dies ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts unmöglich sein, was sie zu tun ersinnen (1.Mose 11,4-6).

Durchaus treffend überliefert das Alte Testament den Grund für frühe Großbauten wie dem Turm zu Babel. Auch der göttlichen Analyse wird man zustimmen: Die Menschen ermächtigen sich im Errichten eines solchen Werkes und werden den Göttern ähnlich. Der Pyrmidenbau im Ägypten des Alten Reiches war wohl das älteste und großartigste sozialintegrative Projekt menschlichen Empowerments, das durch gemeinsam erbrachte architektonische Großleistung gelang. Material und Spezialisten wurden aus dem gesamten Reich zusammengezogen, um diese eine große Aufgabe zu bewältigen. Auserwählte (und nicht etwa Arbeitssklaven oder zwangsrekrutierte Bauern), welche die dabei entstehende Ober- und Mittelschicht bildeten, wurden trainiert, sich als Teil einer großen gemeinsamen Herausforderung zu begreifen. Damit war die Vorstellung vom „Sinn des Lebens“ geboren, verstanden als Ausfüllen der zugewiesenen Planstelle in überpersönlicher, kosmischer Großordnung. Dieser Sinn wurde bereits im Pyramidenbau von einer offensichtlichen Funktion entkoppelt: die Pyramiden haben ja keinen unmittelbaren Nutzen etwa für Lebensmittelproduktion oder Kriegführung; sie sind als Grabbauten aller direkten Verwendung zu Erhalt und Gedeihen des Lebens entzogen. Dafür bildete sich eine arbeitsteilige Beamtenschaft im Prozess des Pyramidenbaus. Dabei erst erlernte sie das Organisieren in großem Maßstab; es entstand eine Verwaltungselite und eine Mittelschicht aus Fachleuten. Die Pyramiden sind nicht nur Bild des streng hierarchischen Gesellschaftsaufbaus, sie sind zu einem großen Teil dessen Ursache. Daher findet Pyramidenbau fast während des gesamten Alten Reiches permanent statt. Mit Regierungsantritt beginnt Pharao seine eigene Pyramide zu errichten, was meist, gegebenenfalls mit Umbauten und Erweiterungen, die gesamte Regierungszeit in Anspruch nimmt: Nach der Pyramide ist vor der Pyramide. Snofru ließ während seiner fast fünfzigjährigen Regierungszeit sogar drei Pyramidenkomplexe errichten, in denen er insgesamt 3,6 Millionen Kubikmeter Stein verbaute.

„Knickpyramide“ des Snofru (Altes Reich, 4. Dynastie, 27. Jh. v. Chr.) in Dahschur, ca. 105m hoch. Sie wurde aufgrund von Rissen und Senkungen mit einem „Knick“ versehen. Doch die Verringerung des Neigungswinkels konnte den Bau nicht retten, weshalb Snofru eine weitere, seine insgesamt dritte Pyramide errichten ließ: die oben abgebildete „rote Pyramide“.

Andere hinreichend lang regierende Pharaonen wie etwa Djoser weiteten ursprüngliche Planungen nach und nach aus. Solche Kontinuität ist erforderlich, um staatliche Einrichtungen, Kompetenz und soziale Gliederung zu erhalten. Als der Pyramidenbau nach Pepi II. zum Erliegen kam, verfielen auch Bürokratie und Handwerk. Die politische Einheit ging verloren, das Alte Reich verschwand aus der Geschichte. Es begann die Erste Zwischenzeit.

„Schwarze Pyramide“ des Amenemhet III. (Mittleres Reich, 12. Dynastie, 19. Jh. v. Chr.) in Dahschur, „schwarz“ aufgrund der verwendeten luftgetrockneten Lehmziegel (die ursprüngliche Außenverkleidung aus Tura-Kalkstein ist verloren). Mit einer Höhe von ca. 78m war sie die höchste der nach dem Alten Reich erbauten Pyramiden. Die Widerbelebung des Pyramidenbaus im Mittleren Reich fiel, was Dimensionen und Material betrifft, vergleichsweise halbherzig aus.

 

 

Zitierte und weiterführende Literatur

Jan Assmann: Stein und Zeit. Mensch und Gesellschaft im alten Ägypten, 3. Auflage, Darmstadt 2003.

Michael Haase: Eine Stätte für die Ewigkeit. Der Pyramidenkomplex des Cheops aus baulicher, architektonischer und kulturgeschichtlicher Sicht, Mainz 2004.

Regine Schulz, Matthias Seidel (Hgg.): Ägypten. Die Welt der Pharaonen, Köln 1997, S. 46ff. (Stadelmann), S. 78ff. (Altenmüller).

Rainer Stadelmann: Die ägyptischen Pyramiden. Vom Ziegelbau zum Weltwunder, 2. Aufl., Mainz 1991.

Christian Tietze (Hg.): Pharao. Leben im Alten Ägypten, Darmstadt 2017, 226ff.

Christian Tietze (Hg.): Die Pyramide. Geschichte, Entdeckung, Faszination, Weimar, Berlin 1999.

Olivia Zorn, Dana Bisping-Isermann: Die Opferkammern im Neuen Museum Berlin, Berlin 2011.

 

Am 28. Mai 2017 online gestellt. Alle Rechte vorbehalten. Impressum beachten!

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