Ritualszenen und Bürokratie

Aegypten hat zwei Institutionen zuerst und in nachher nicht wieder erreichter Vollkommenheit verwirklicht: 1. das Leiturgieprinzip: Bindung des Besitzes an die staatliche Funktion, des Besitzers an Funktion und Besitz, – und 2. die bureaukratische Verwaltung. Beide Prinzipien haben, in der Spätzeit der Antike, von hier aus die Welt erobert… (Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, besorgt von Johannes Winckelmann, Studienausgabe, 5. Aufl., Tübingen 1980, S. 82).
Das historische Muster aller späteren Bürokratien – das neue Reich in Aegypten – ist zugleich eines der großartigsten Beispiele naturalwirtschaftlicher Organisation. Dies Zusammentreffen erklärt sich allerdings hier aus durchaus eigenartigen Bedingungen. Denn im ganzen sind die sehr erheblichen Einschränkungen, welche man bei der Zurechnung jener Gebilde zum Bürokratismus machen muß, eben durch die Naturalwirtschaft bedingt. Ein gewisser Grad geldwirtschaftlicher Entwicklung ist normale Voraussetzung, wenn nicht für die Schaffung, dann für den unveränderten Fortbestand, rein bürokratischer Verwaltungen (ebd., S. 555).

Relief, Giza, Cheops-Nekropole, Westfriedhof, Opferkammer des Merib, Westwand, Kalkstein, Altes Reich, 4. oder 5. Dynastie (Berlin, Neues Museum, ÄM 1107). Inschrift und bildliche Darstellung charakterisieren Merib als einen der führenden Amtsinhaber. Aufgrund seiner gehobenen Bedeutung in der Reichsverwaltung und als Grabherr erscheint er zwar deutlich größer als die Opfergabenträger vor ihm, aber genauso wie diese in die strenge Ordnung aus Spalten und Zeilen fest eingebunden – Ausdruck einer hierarchischen Administration.

Selbstverständlich reicht, wie jüngst Christopher Eyre detailliert herausgearbeitet hat, die altägyptische „Bürokratie“ (Herrschaft des Beamtenbüros) bei weitem nicht heran an moderne europäische öffentliche Verwaltungen: weder, was die technischen Möglichkeiten betrifft, noch bezüglich Unabhängigkeit von persönlichen Bindungen, Verschriftlichung, Formularförmigkeit, Dichte, Durchdringung des Alltags und, ohne orientalistischen Unterton festgestellt, Effizienz. Vieles, was man am Nil im Altertum gerne verwaltet hätte, konnte man schlicht nicht verwalten. Selbst wenn Schulen, Kanzleien, Archive, das Festlegen von Zuständigkeiten und Verwaltungseinheiten, wenn die Inspektionen, die Präsenz von Schreibern und die zahllosen Beamtentitel weitgehend nur Teil pharaonischer Herrschaftsinszenierung gewesen wären, so drückten die Bildwerke zumindest die Sehnsucht nach einer vollständig gut verwalteten Welt deutlich aus: Den göttlichen Verwalter Thot, meist ibisköpfig oder als Pavian dargestellt, finden wir auf zahllosen Bildwerken, wie er das Geschehen notiert und dadurch in einen Verwaltungsakt transformiert. Die menschlichen Schreiber tun es ihm im Gefolge des Pharaos oder eines anderen Großen des Reiches gleich.

Der ibisköpfige Thot als Schreiber im Ramesseum.

Thot (m) hält das Ergebnis des „Wiegens des Herzens“ beim Totengericht fest. Ptolemäischer Hathor-Tempel, Deir el-Medina.

Auf ihren Grabstelen dokumentieren die Beamten vor allem den einen diesseitigen Wunsch, der auch als geflügeltes Wort verbreitet war: dass sie ihr Amt den Söhnen vererben mögen. In den „Weisheitslehren“ wird der männliche Nachwuchs zu würdigem und taktisch klugem Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Gleichgestellten und Untergebenen angeleitet und ermahnt, die Ausbildung als Zugang zu einem lukrativen Verwaltungsposten ernsthaft zu betreiben. Denn die Stellung in der Bürokratie bildete den Angelpunkt im Leben der ägyptischen Oberschicht – und über das Leben hinaus im Tode: im Alten Reich imitieren Sarkophage der hohen Magistrate die Palastfassade und zeigten so die unbefristete Zugehörigkeit zum administrativen Zentrum des Landes an. In Grabbauten und auf Stelen präsentiert man sich mit seiner Amtstitelfülle. Kunst mag auch im ägyptischen Altertum nicht die ganze, oft rohe, immer unvollkommene Wirklichkeit abgebildet haben, sondern jene, die man sich wünschte. Zumindest diese Wunschrealität bestand offenbar in einer alles durchwaltenden Ordnung, die als Omnibürokratie gedacht wurde. Sie bestimmte insbesondere auch das Verhältnis zwischen Pharao und den Göttern sowie den Göttern untereinander. Opferhandlungen bilden die wohl wichtigste Kommunikationsform zwischen Göttern und Menschen. Über zehntausend „Ritualszenen“ sind auf Tempelwänden überliefert. Sie zeigen den König, wie er den Göttern Gaben darbringt, und bilden zirka 90 % der Bilder und Texte in ägyptischen Tempeln.

Ramses III. opfert vor Ptah und Sechmet. Totentempel des Ramses III., Medinet Habu.

Ritualszene aus ptolemäischer Zeit im Doppeltempel von Kom Ombo.

In den Ritualen wird Regelmäßigkeit zur Aufführung gebracht und für die ganze Welt beschworen – ebenso in deren bildlichen Darstellungen, die wohl gleichermaßen als Vorschrift für künftige Wiederholungen wie als Erinnerungsbilder an vergangene vorbildliche Aktionen dienten. Eingemeißelte Hieroglyphen beschreiben im Medium der Sprache die Handlung und fixieren den Text, der während des Opferns zu sprechen ist. Egon Friedell beobachtet im ersten Teil seiner Kulturgeschichte des Altertums. Leben und Legende der vorchristlichen Seele (1936) zum Thema Bürokratie:

… auch der König erscheint, tapetenhaft vervielfacht, immer wieder: das heilige Feuer entzündend, räuchernd, Milch, Wein, Öl spendend… (Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit, Kulturgeschichte Ägyptens, FaM 2009, S. 1131).

„Tapetendesign“ im Horustempel von Edfu.

„Tapetendesign“ im Tempelkomplex von Philae.

Treffender könnte man das beständige, ruhige Wiederholen streng normierten ähnlichen Handelns wohl nicht ins Bild setzen als durch dieses Tapetendesign mit den zahllosen regelmäßig in meist gleich großen Vierecken angeordneten Opferszenen als Rapport. Zu einem Raster fügen sich die Bildfelder, deren Binnenbeschriftung ihrerseits sorgfältig in klar definierten Zeilen und Spalten erfolgt.

Opferliste, Karnak-Tempel, Barkensanktuar des Philippos Arrhidaios, Halbbruder und von 323 bis 317 v. Chr. (umstrittener, glückloser) Nachfolger Alexanders des Großen.

Der exakten Festlegung des Opferaktes entspricht ein strenger Verteilungsschlüssel, welchem Gott was und wie viel von welcher Opfergabe zusteht. Um einen entsprechenden, allerdings mythologisierenden und ptolemäischen, also späten Text von der Innenwand der westlichen Umfassungsmauer des Horus-Tempels in Edfu zu zitieren:

Horus mit seiner Kraft hat die beiden Länder vereint, Seth aber ist gefällt als Nilpferd. Das Falkenweibchen (Isisi) ist zum Haus-des-Horus (Edfu) gekom<men>, und sie sagt zu ihrem Sohne Horus: „[Deine] Feinde sind gefällt, vernichtet bis in Ewigkeit. O Schützer-seines Vaters (Horus) komme, auf dass <ich> dich anleite:
Gib seinen (des Nilpferdes) Vorderschenkel nach Haus-des-Fürsten (Heliopolis) zu deinem Vater Osiris, dem Unversehrt-Erwachenden, wohingegen sein Unterschenkel in *Dep verbleibt für deinen großen Vater Ipi-sehedj.
Lasse seine Schulter nach *Hermopolis bringen für Thot, den Großen, der im Wüstental ist.
Gib seine Seitenteile Dem-mit-großer-Kraft (Onuris?) und seine Brust der Göttin Unut.
Gib das große Fleischstück von ihm dem Gott Chnum von *Netjerit und seinen Nacken der Göttin Uto, dem Doppeluräus, denn sie ist deine große Mutter.
Gib seine Hüfte Horus, dem Urzeitlichen, dem großen Gott, der am Uranfang entstand.
Gib Grillklein davon den Vögeln, die Recht sprechen in *Djebaut.
Gib seine Leber dem Gott Sepa und sein Fett den (gefährlichen) Sendboten aus der Stadt *Dep.
Gib seine Knochen dem Chemu-sep-Göttern und sein Herz der Göttin Meret von Unterägypten.
Mir aber gehört sein Vorderteil, und mir gehört sein Hinterteil, denn ich bin deine Mutter, die er (Seth) bedrängte.
Gib seine Zunge den Kindern der Harpunierer und das Beste von seinem Opferfleisch [ihren Kindern?]
Nimm du dir den Kopf von ihm, der sich die Weiße Krone aufgesetzt (und sich damit) das Amt deines Vaters Osiris (angemaßt) hat.
Was von ihm übrigbleibt glühe aus in jenem Feuerbecken der Herrin-der-beiden-Länder (Hathor-Sachmet) (Dieter Kurth: Treffpunkt der Götter. Inschriften aus dem Tempel des Horus von Edfu, verb. Neuaufl., Zürich 1998, S. 227f.)

Es wird deutlich: Ritualszenen und Inschriften spiegeln das Verwaltungshandeln mit seinen Festlegungen von Abgaben und Tributen sowie mit Anleitungen zu deren Verteilung.

Zentrales Element solcher Opferbilder und -texte auf Tempelwänden ist, dass der Pharao für die dargebrachten Opfergaben Leben (anch), Dauer und Stabilität (dsched), „Herrschaftsglück“ (was), Wohlstand (udscha), Gesundheit (seneb), Schutz (sa) etc. stellvertretend für Ägypten entgegennimmt.

Ramses II. wird von Amun-Re mit Leben in Form der anch-Hieroglyphe beschenkt, dahinter Chons. Ramesseum.

Hieroglyphen für „Herrschaftsglück“ (was), Dauer und Stabilität (dsched) und Leben (anch), zusammengefasst durch das nb-Zeichen (in Form eines henkellosen Korbes) für „jeder“, „alles“, also: „alles Herrscherglück“ etc. – und das noch in einer Reihe vervielfältigt. Relief aus dem Totentempel der Hatschepsut, Deir el-Bahari.

Die Beziehung von Geben und Nehmen beruht also auf omnipräsenten, in Stein gemeißelten Dokumenten, die als gerahmte und wie verschiedene Büros und Akten klar voneinander abgegrenzte Bildfelder eine Fülle von differenziertem, akkuratem Verwaltungshandeln zum Ausdruck bringen. Man vergleiche etwa auch das durch Inschriftenstelen genaue Definieren administrativer Areale von Grabbezirken bis hin zu ganzen Städten.

Alexander der Große vollzieht als Pharao vor den Göttern die vorgeschriebenen Rituale. Im unteren Register bringt der dickbäuchige, hängebrüstige Hapi, Personifikation der Nilschwemme und ihrer Fruchtbarkeit, den Menschen seine Gaben dar. Sanktuar des Luxor-Tempels.

Die versenkten und Flachreliefs mit den Ritualszenen verpflichten beide Seiten zum Wohle des Landes: Wenn der Pharao (faktisch vertreten durch den Hohepriester) seinen Teil der Vereinbarung pünktlich erfüllt, werden die Götter auch den ihren erfüllen und Ägypten erblühen lassen.

Ramses II. vor Amun, Mut und Chons. Ramesseum.

Die göttlichen Vertragspartner treten zudem oft als Gremium zuständiger Gottheiten auf – wie Ressortchefs weltlicher Regierungen, also auf eine Weise, die es ermöglicht, die jeweiligen göttlichen Portefeuilles sogar bei Gemeinschaftsleistungen zu bestimmen und einzelne Zuständige zielgenau anzusprechen. Der Pharao befindet sich in der Rolle eines gut informierten Untertanen, der den Amtsweg kennt und mit den oft komplexen Namen der Götter auch die Passwörter für den Zugang als Voraussetzung der wohlwollenden Prüfung des Anliegens. Entsprechend war es für die Untertanen wahrscheinlich unerlässlich oder wenigstens von großem Vorteil, Titel und Geschäftsbereich der Amtsträger, bei denen sie vorstellig wurden, genau zu kennen. Nicht einmal der Pharao steht also außerhalb des Regelwerkes, sondern wirkt als dessen höchster Erfüller und gibt das leuchtende Vorbild an Konformität für seine Untertanen ab.

Heilig sind die Ordnungen, nicht ihre Durchbrechung. So sind es gerade die routinemäßigen, voll erwartbaren Handlungen des Königs, die als göttlich gelten. Vom König werden keine Zauberkunststücke, keine Wunderheilungen und sonstigen Außeralltäglichkeiten erwartet (Jan Assmann: Stein und Zeit. Mensch und Gesellschaft im alten Ägypten, 3. Auflage, Darmstadt 2003, 245).
Über die ägyptische Vorstellungswelt der creatio continua, der Welt als Handlungszusammenhang einer Götterwelt, sind wir durch die Fülle religiöser Texte sehr gut unterrichtet. Die ursprüngliche Konzeption dieses Handelns lässt sich als Rollenkonformität kennzeichnen: Die Götter handeln in festen Konstellationen und sind nichts anderes als das, was sie im Rahmen solcher Konstellationen in bezug aufeinander sind. Die Möglichkeit eines Handlungsspielraums, und damit Personalität als Instanz von Wille und Entscheidung, sind hier weitestgehend ausgeblendet. Insofern das Handeln des Königs als Mitwirken an diesem fortwährenden Schöpfungswerk (der Erzeugung von Kosmos und Ewigkeit im Gravitationsfeld von Chaos und Vergänglichkeit) verstanden wird, unterliegt es derselben Rollenkonformität, ist rituell festgelegt und kennt keinen Handlungsspielraum (ebd., 250).

Alexander der Große opfert Amun-Re-Kamutef. Gut zu sehen sind die Kartuschen mit Alexanders Geburtsnamen (alksjndrs) und Thronnamen (Setep-en-Ra Meri-Amun) in Hieroglyphenschrift. Sanktuar des Luxor-Tempels.

Kartusche mit dem Geburtsnamen Alexanders des Großen, geschrieben mit hieroglyphischen Einkonsonantenzeichen: „alksjndrs“ für das griechische „Ἀλέξανδρος“. Sanktuar des Luxor-Tempels. Die durch Kartuschen deutlich hervorgehobenen Pharaonennamen spielten übrigens eine entscheidende Rolle beim Entziffern der Hieroglyphen.

Die den Geburts- und den Thronnamen des Pharaos überall in den Hieroglyphentexten hervorhebende Kartusche zeigt demnach eher die enge Begrenztheit seines religiösen und politischen Handelns an und weist ihm den genau bezeichneten Platz zu, der für ihn als Pharao vorgesehen ist.

Pyramiden von Giza, Altes Reich, 4. Dynastie.

Anders als Assmann scheint mir die Rollenkonformität von Göttern und Pharaonen allerdings nicht in einer religiösen kosmologischen Großerzählung begründet, sondern viel irdischer in administrativer Praxis, die sich nicht zuletzt beim Bau der Pyramiden entwickelt haben dürfte. Der König ist vor allem eines: Spitze und Verkörperung einer palastwirtschaftlichen Zentralverwaltung und hat als solche unter nicht-säkularen Bedingungen nicht nur mit gutem Beispiel voranzugehen, sondern den Bürokratenhabitus durch religiöse Überhöhung zu stabilisieren.

Pharao vor Amun-Re-Kamutef. Hathor-Tempel, Deir el-Medina.

Zugleich lösten die Ägypter damit das Problem der Herrschaft und ihrer Ermüdung. Die Langweiligkeit des Herrschers erhoben sie zum religiösen Programm: als irdische Verkörperungen des höchsten Gottes ist den Pharaonen penibel genaue Wiederholung immer desselben aufgegeben: wie von der Sonne erwartet wird, dass sie jeden Tag aufs Neue wieder aufgeht, vom Nil, dass er in jährlichem Rhythmus die Felder überschwemmt, und vom Nachthimmel, dass auf ihm täglich dieselben Fixsternkonstellationen auf bekannte Weise rotieren – eine ganz und gar auf Iteration und Sicherung gepolte Kultur, wie sie sich nur in einem gut zugangskontrollierbaren, weitgehend abgeschotteten Territorium mit florierender Landwirtschaft so lange halten konnte.

Hatschepsut vor Hathor in Kuhgestalt. Hathorkapelle, Totentempel der Hatschepsut, Deir el-Bahari.

Bei allen Unterschieden zwischen Altertum und Moderne erweisen sich einige von Max Webers allgemeinen Beobachtungen zur Bürokratie durchaus als hilfreich für das Verständnis des Alten Ägyptens und vor allem der Ritualbilder. Bürokratie ist demnach

stets Träger eines weitgehenden nüchternen Rationalismus einerseits, des Ideals der disziplinierten »Ordnung« und Ruhe als absoluten Wertmaßstabes andererseits. Eine tiefe Verachtung aller irrationalen Religiosität, verbunden mit der Einsicht in ihre Brauchbarkeit als Domestikationsmittel pflegt die Bürokratie zu kennzeichnen (Wirtschaft und Gesellschaft, op. cit., S. 289).

Entsprechend findet man in der ägyptischen Kunst, insbesondere in den Opferszenen, weder ekstatisches, entgrenzendes Gestikulieren noch stark individualisierte, charismatische Führer. Religion und Politik leben vielmehr vom Rituellen und streng regelmäßigen, kontrollierten Vollzug des angeblich seit je Vorgeschriebenen. Entsprechendes gilt für das Jenseits: Es ist keine radikalerlösende Anderswelt, sondern ein gut verwalteter Ort, an dem im Grunde irdische Verhältnisse herrschen, nur eben so, wie man sie sich gemäß der Ordnungsforderung wünscht.

An Stelle der individuellen Heldenekstase, der Pietät, enthusiastischen Begeisterung und Hingabe an den Führer als Person und des Kultes der „Ehre“ und der Pflege der persönlichen Leistungsfähigkeit als einer „Kunst“ setzt sie die „Abrichtung“ zu einer durch „Einübung“ mechanisierten Fertigkeit und, soweit sie an starke Motive „ethischen“ Charakters überhaupt appelliert, „Pflicht“ und „Gewissenhaftigkeit“ voraus, („man of conscience“, gegenüber dem „man of honours“ in der Sprache Cromwells) alles aber im Dienst des rational berechneten Optimum von physischer und psychischer Stoßkraft der gleichmäßig abgerichteten Massen. Nicht daß der Enthusiasmus und die Rückhaltlosigkeit der Hingabe in ihr etwa keine Stätte hätten. Im Gegenteil…
Das soziologisch Entscheidende ist aber 1. daß dabei alles, und zwar gerade auch diese „Imponderabilien“ und irrationalen, emotionalen Momente rational „kalkuliert“ werden, im Prinzip wenigstens ebenso wie man die Ausgiebigkeit von Kohlen- und Erzlagern kalkuliert. Und 2. daß die „Hingabe“, mag sie auch im konkreten Fall eines hinreißenden Führers noch so stark „persönlich“ gefärbt sein, doch ihrer Abgezwecktheit und ihrem normalen Inhalt nach „sachlichen“ Charakters ist, Hingabe an die gemeinsame „Sache“, an einen rational erstrebten „Erfolg“, und nicht an eine Person als solche bedeutet (ebd., S. 681).

Auch diese „Sachlichkeit“ findet sich in den ägyptischen Opferszenen wieder: in der Darstellung als Austausch vorgeschriebener und oft quantitativ erfasster Güter. Selbst nach erfolgreicher Schlacht erklingt der Jubel um den Pharao streng nach Etikette in vorgegebenen Formeln. Bilder des Sieges zeigen denn auch keine euphorischen Reaktionen der Menschen. Entscheidend scheint vielmehr seine nüchterne administrative Erfassung etwa durch das Zählen der abgeschlagenen Feindeshände und -penisse.

Zählen und Notieren abgetrennter Feindeshände und -penisse. Zweiter Hof im Totentempel des Ramses III., Medinet Habu.

Detail: Haufen aus Feindespenissen.

Detail: Erfassen der abgetrennten Feindeshände.

Eingerückt in die als drückend empfundenen administrativen Großstrukturen des 20. Jahrhunderts mit ihrer allererfassenden, hocheffizienten Bürokratie, die jederzeit gerade auch totalitären Regime willfährig zu Diensten ist, bestimmt Theodor W. Adorno die Aufgabe der Kunst:

„Aufgabe von Kunst ist es heute, Chaos in die Ordnung zu bringen“ (Minima Moralia, Abschn. 143, in: Gesammelte Schriften, hg. v. R. Tiedemann, FaM 1998, Bd. 4, 253).

Im antiken Ägypten galt zweifellos das Gegenteil: Aufgabe von Kunst war es, ersehnte Ordnung in das Chaos zu bringen. Wenn die damalige Kunst Ordnung beständig feiert, mag die Vermutung naheliegen, dass soziale und politische Ordnung tatsächlich so vollkommen nicht bestand, wie man sie sich wünschte. Es blieb nichts übrig, als sie als Ideal in Kunst und Religion wenigstens zu beschwören. Antik ägyptische Kunst bestünde (wie etwa die Klagen des beredten Bauern) demnach zu einem großen Teil im Appell, Maat zu realisieren.

Ramses II. bringt Amun-Re das Maatopfer dar. Im Überreichen einer Maatstatuette kommt die oberste Verpflichtung beziehungsweise Leistung des Pharaos zum Ausdruck, die durch Göttin Maat personifizierte kosmische, soziale und politische Ordnung zu achten und zu schützen. Karnak, Amun-Tempel, Außenmauer des Thutmosis III.

 

Literatur und Links

SERaT. System zur Erfassung von Ritualszenen in altägyptischen Tempeln

SRaT – Studien zu den Ritualszenen altägyptischer Tempel

Projet d’index global des inscriptions des temples de Karnak

 

Theodor W. Adorno: Minima Moralia, in: Gesammelte Schriften, Bd. 4, hg. v. R. Tiedemann, FaM 1998.

Jan Assmann: Stein und Zeit. Mensch und Gesellschaft im alten Ägypten, 3. Auflage, Darmstadt 2003.

Horst Beinlich: Götter und Gruppen in den Ritualszenen der ägyptischen Tempel, Dettelbach 2009.

Christopher Eyre: The Use of Documents in Pharaonic Egypt, Oxford 2013.

Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit, Kulturgeschichte Ägyptens, FaM 2009.

Dieter Kurth: Treffpunkt der Götter. Inschriften aus dem Tempel des Horus von Edfu, verb. Neuaufl., Zürich 1998.

Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, besorgt von Johannes Winckelmann, Studienausgabe, 5. Aufl., Tübingen 1980.

Richard E. Wilkinson: Die Welt der Tempel im Alten Ägypten, Darmstadt 2005.

 

Am 28. Mai 2017 online gestellt. Alle Rechte vorbehalten. Impressum beachten!

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