Byrhtferth und das Geheimnis der Schöpfung

Vielfältig sind die mittelalterlichen Bildstrategien, uns die Welt als Gottes Schöpfung und Herrschaftsbereich zu präsentieren. Man denke etwa an die Darstellungstypen der Maiestas Domini und des Pantokrator. Weniger bekannt dürften die zahlreichen überlieferten Schemata sein, worin man die kosmischen Elemente und Wirkkräfte in ihren Beziehungen zueinander und zu Gott verzeichnete. Als besonders aufschlussreich erweist sich das Diagramm De concordia mensium atque elementorum (Über die Eintracht der Monate und Elemente), Oxford, St. John’s College, MS 17, fol. 7v. Es stammt aus einer kurz nach 1100 angefertigten Kopie von Teilen des Enchiridion (Handbuchs) des Byrhtferth, der um 1000 in einem englischen Kloster wirkte. Der umgebende Text des Diagramms charakterisiert das Diagramm selbst:

Diese Figur über die Eintracht der Monate und Elemente (figura de concordia mensium atque elementorum) legte Bryhtferth [sic] vor, Mönch des Klosters Ramsey. Wieder gibt diese Figur die zwölf Tierkreiszeichen, die zwei Sonnwenden, die beiden Tagundnachtgleichen und die zwei mal zwei Jahreszeiten; und darin sind die vier Namen der Elemente, die Namen der zwölf Winde und der vier Lebensalter des Menschen eingeschrieben. Zugleich sind die zwei mal zwei Buchstaben des Namens des ersterschaffenen Adam hinzugefügt (meine Übersetzung).

Es handelt sich also um den Versuch, den Kosmos als geordnete Struktur einprägsam darzustellen. Folgendes Schema bietet keine durchgängige Übersetzung der eingetragenen Texte des Diagramms, sondern soll einen fundierten Überblick ermöglichen:

Diagramm De concordia mensium atque elementorum nach Byrhtferth (Schema Wiehart)

Die in meinem Schema des Diagramms nicht wiedergegebene Mitte enthält rätselhafte Eintragungen in griechischer und in Ogham-Schrift sowie drei Symbole. Sicher zu deuten ist einzig eine griechische Abkürzung für „Christus“. Das Innere des Diagramms weist also offenbar auf Gott als Ursprung allen Seins hin. Ihm am nächsten eingetragen finden sich daher die das Zentrum umgebenden Buchstaben A-D-A-M, die den Namen des Ersterschaffenen bilden. Gottes Unerfassbarkeit wird womöglich durch die Unentzifferbarkeit der Zeichen ausgedrückt. So fände das Diagramm eine kluge Lösung, die im Mittelalter immer wieder behandelte Spannung zwischen irdischem Verstehen und Unbegreiflichkeit der ersten Ursache ins Bild zu setzen.

 

Weiterführendes zu Vorstellungen der Schöpfung, des Kosmos und der menschlichen Erkenntnisvermögen im Mittelalter findet sich in meinem Aufsatz:
A. Wiehart: „Glück durch Karte – Die Erde als Begegnungsraum auf mittelalterlichen mappae mundi, insbesondere auf der Ebstorfer Weltkarte“, Duisburger Forschungen, Bd. 59, 2013, S. 1-130.

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