Sex and the City

Karoline   Rosalie   Mia 2   Paula

Diese Besprechung von Dr. Alexander Wiehart wurde am 19. Februar 2015 online gestellt.

Bitte Folgendes beachten: Ziel meiner Besprechungen ist es nicht, Empfehlungen abzugeben. In erster Linie setze ich mich essayistisch mit Filmen und Serien auseinander und behandle an ihnen allgemeine philosophische, sozial- und geisteswissenschaftliche Fragen. Dabei muss ich das „Ende“, Pointen, Wendungen und Clous oft in die Überlegungen einbeziehen. Wer sich daher Spannung und Suspense nicht verderben lassen will, lese meine Kritiken immer erst nach Sehen des Films beziehungsweise der Serie! Die Spoilerwarnung ist hiermit ausgesprochen.

Sex and the City, USA 1998–2004, TV-Serie, 94 Episoden in 6 Staffeln, Showrunner: Darren Star, D: Sarah Jessica Parker, Kim Cattrall, Kristin Davis, Cynthia Nixon.

E-Mail an einen „Sex and the City“-Fan, nicht abgeschickt aus Angst, altväterlich belehrend zu wirken und es mir mit der Adressatin zu verderben.

Betreff: Nachtrag zu „Sex and the City“

Liebe N.N.,

hab gestern in der Nacht ‚mal zu „Sex and the City“ recherchiert. Also: gerade in der feministischen Community wird diese Serie eher als Ausdruck eines Postfeminismus und eines antifeministischen backlash gesehen. Die Argumente sind:
1) Die vier Frauen werden gezeigt, wie sie sich v. a. mit Männern beschäftigen, auch wenn sie vorerst keine traditionellen Beziehungen anstreben. Sie scheinen sich nicht über ihre Arbeit zu definieren, bei der sie kaum zu sehen sind.
2) Wenn sie gerade nicht mit Männern befasst sind, befassen sie sich mit dem Einkaufen, womit sie ein konsumorientiertes Rollenbild der 50er Jahre reproduzieren.
3) Sie entwickeln keine alternativen weiblichen Rollenverständnisse oder Lebensformen. Schließlich fallen sie in die traditionellen Rollen zurück, indem sie am Ende doch heiraten und ein Familienleben führen, meist indem sie hinter dem Mann beruflich zurücktreten.
4) Sie zeigen eben keine realen Charaktere, sondern bilden das problematische Leitbild einer weißen, konsum- und erfolgsorientierten Mittelschicht ab. Damit schreiben sie eine Ideologie fest und setzen alle realen Frauen unter Druck, diesem Leitbild zu entsprechen.

Wie gesagt: das habe nicht ich mir ausgedacht, sondern das ist eine Zusammenfassung der feministischen Diskussion. Positiv wird dort eigentlich nur hervorgehoben:
a) der offensive Umgang mit einer selbstbestimmten Sexualität,
b) das Unterhalten einer sozial starken Frauenfreundschaft, worin die einzelne Frau Unterstützung und halt findet – v. a. gegen männliche Usurpationsversuche. Aber leider richtet sich diese Gemeinschaft eben nur gegen einzelne Männer, nicht aber gegen den im Fortgang der Serie offenbar immer obsessiver sich gestaltenden Männerbezug.

Mich stört an der Serie besonders, dass immer fest gestellt wird, wer oder was das Gegenüber ist und welche Absichten es hegt. Mich selbst stimmt das auch immer hilflos und traurig, wenn andere sogleich ihre Rubrik für mich bereit haben. Das führt selbstverständlich dazu, dass sie mich dann so wahrnehmen, dass ich auch genau in diese Rubrik passe. Verhalte ich mich doch einmal auf eine Weise, die sich bei aller Anstrengung nicht in das Bild, das sie von mir hegen, integrieren lässt, empfinden sie das als Art Vertrauensbruch und werden böse. Vor allem musste ich bemerken, dass Frauen es mir oft schlicht nicht abnehmen oder sich unwohl fühlen, wenn ich mich mit ihnen über ihre Arbeit oder ihre sachbezogenen Interessen unterhalten möchte – vielleicht auch aus Angst, Männer damit einzuschüchtern und zu vertreiben. Doch das ist auch bei Männern das, worüber zumindest ich am liebsten spreche, weil ich dabei am meisten über Bereiche etwas lerne, die mir sonst verschlossen sind. Das Allzumenschliche, vor allem das „wer mit wem“ bildet für mich kein allzu großes Faszinosum.

Grundsätzlich ließe sich auch kritisieren, dass die vier Frauen die problematische herrschende Empowermentstrategie anwenden: sie versuchen, sich vor Unwägbarkeiten, eigenen Unsicherheiten zu wappnen und Machtpositionen zu erobern durch ein Wissen, das sie gemeinsam erst konstruieren. Das ist aber nichts anderes als die neuzeitliche Machtstrategie, wie sie Michel Foucault beschreibt, die letztlich jedes Sichtreibenlassen, jedes Spiel mit Entwürfen und Lebensformen, jedes sich Einlassen auf undefinierte Möglichkeiten und damit den Rückgewinn von Freiheit verunmöglicht. Die philosophische Kritik an solcher Machtstrategie ist Legion. Man denke nur an die Existenzphilosophie seit Kierkegaard. Nur kurz hingewiesen sei hier auf philosophische Versuche (etwa von Martin Buber und von Emmanuel Levinas), jenseits solchen versteinernden und vereinnahmenden Wissens zu einer Zwischenmenschlichkeit zu gelangen beziehungsweise dem Anderen zu begegnen, ohne ihn gleich in das eigene Begriffs- und Erwartungsschema zu pressen. Doch all das dürfte den „Sex and the City“-Heldinnen zwischen Affären, Sprechen über Affären und Einkaufen entgehen. Vermutlich würden ihnen solche Ansätze ohnehin nur als „Kinderfernsehen“ vorkommen, weil darin Sex keine entscheidende, Einkaufen keine positive und New York gar keine Bedeutung gewinnt.

Gute Unterhaltung und gutes Schaffen
Alexander

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10 Gedanken zu “Sex and the City

  1. Zur Diskussion: Sex and the City

    Nachdem ich ihre Diskussion über diese Serie interessiert verfolgt habe, möchte ich mich ein bisschen einmischen und dazwischenrufen.
    Irgendwie kommt es mir so vor, als befänden Sie sich auf zwei verschiedenen Dampfern, die so nicht zusammen kommen können.
    Bonjour 909 argumentiert in meinen Augen streng innerhalb des „Systems“, also des von Wiehart so bezeichneten „ideologisch vorgegeben Rahmens“, in dem sich auch die Frauen aus der Serie bewegen, während Wiehart versucht, außerhalb dieses Rahmens auf die Serie zu blicken.
    Bisher ist mir keine US-Serie bekannt, die sich nicht ideologisch innerhalb des Rahmens der „herrschenden Ansichten und Wertungen“, also des „american way of life“ bewegt. Vielleicht gibt es so was weitab vom mainstream in irgendwelchen Underground- Produktionen.
    Das Perfide an dieser Serie ist ja geradezu, dass sie uns Frauen vor gauckelt, die dort agierenden Frauen seien irgendwie anders: Modern, unkonventionell, feministisch gar, aber „glücklicherweise“ nicht besonders politisch. Wie soll das denn gehen? Feminismus, ohne den vorgegeben Rahmen, den das Patriarchat gesteckt hat, politisch anzugehen?
    Natürlich könnte es erfreulich sein, wenn das Geschlechterspiel mal nur aus weiblicher Sicht dargestellt wird. Geschieht das aber hier?
    Nein, auch ich finde, dass in der Serie Frauen gezeigt werden, die den Vorgaben einer patriarchalen Politik und Gesellschaft „ so gut wie möglich entsprechen“. Sie sind in den Grenzen der „herrschenden Ideologie gefangen“, ohne sie überhaupt zu sehen. Geschweige denn, sich daraus befreien zu wollen.
    Eine humorvolle US Serie halt, die letztlich als „disziplinierender Machtfaktor im Sinne herrschender Verhältnisse“ dient. Vor solchen Frauen braucht Mann sich eigentlich nicht zu fürchten. Sind es doch Geschöpfe ganz in seinem Sinne, im Aussehen, in den Gesprächen, in der Lebensplanung, in der täglichen Beschäftigung. Moderne Selbstentfaltung innerhalb des bewährten und gewährten Rahmens eben! Und der schönste Tag im Leben der meisten ist weiterhin die Hochzeit in weiß!

    • Der zugegebenermaßen etwas entlegene Philosoph Herakleides Pontikos wird wahrscheinlich selten im Zusammenhang mit „Sex and the City“ genannt. Er aber hat die Philosoph_innen mit den Zuschauer_innen der olympischen Spiele verglichen – im Gegensatz zu den sportlichen Akteur_innen und jenen, die das Event in erster Linie als Verdienstmöglichkeit betrachten. In der Tat unterscheiden sich hier die Perspektiven deutlich: die philosophische Perspektive der distanzierten, kritik- und theoriegeleiteten Betrachtung von außen und die teilnehmende Perspektive jener, die sich selbst im Kampf der Geschlechter aufreiben sowie unter den immer höchst unvollkommenen herrschenden Bedingungen ein eingebundenes und nach gängigen Vorstellungen glückliches Leben führen wollen. Diese letzte Perspektive, für die die „Sex and the City“-Frauen stehen, will ich gar nicht schlecht machen; sie scheint mir aber schon immer mit den Kosten einer ideologischen Gefangenschaft verbunden zu sein und leider auch mit der Tendenz, die philosophische Perspektive nicht zuzulassen und sogar zu verfolgen.

  2. Pingback: Funky Forest, Gefreiter Wiehart und Statistik | Philosophie und Kultur
  3. Lieber John Doe,
    ich nehme es zur Kenntnis, dass Du im ersten Teil Deiner vernichtenden Kritik über eine erfolgreiche amerikanische Fernsehserie, „nur die gängige feministische Position“ dazu wiedergibst. Aber auch diese ist in Frage zu stellen. Lass mich kurz die vier Punkte etwas kommentieren aus meiner bescheidenen Sicht der Dinge: 1) Doch, sie streben von Anfang an „traditionelle Bindungen“ und andererseits auch nicht (Samantha bspw. ist sehr ungebunden in ihrem Lebensstil; Charlotte sucht nach einem Ehemann). Es stellt sich bereits innerhalb der Vierergruppe sehr verschieden dar, man kann das also nicht so generalisieren. Und sie beschäftigen sich v. a. mit Männern, weil das Thema und der Plot und letzten Endes der Witz dieser Serie ist. Das muss wohl kaum „überführt “ oder demaskiert zuwerden. Es stimmt nicht ganz, dass die Arbeit der vier Protagonistinnen keine Rolle spielt: Carry ist Kolumnistin, und ihre Texte werden fortwährend zitiert (übrigens in hoher literarischer Qualität, wie ich finde); und Miranda ist eine erfolgreiche Rechtsanwältin, genauso wie Samantha überaus erfolgreich ist; Charlotte arbeitet in einer Galerie. Es werden andererseits auch manchmal Phasen von Geldproblemen thematisiert (meist bei Carry). Sie werden oft bei der Arbeit gezeigt. U. a. spielen viele Szenen in der Arbeitswelt, und wie Frauen sich darin durchsetzen müssen und es für sie nicht immer besonders einfach ist. Also, thematisiert die Serie unterschwellig fast immer feministische Themen, ohne (glücklicherweise) besonders politisch daherzukommen.
    2) Es ist nicht der Fall, dass die vier Frauen ständig beim Einkaufen gezeigt werden, und dass sie kein anderes Interesse hätten. Carry hat einen Schuhtick (ein realistisch beschriebenes Bild, was auf viele Frauen zutrifft, mindestens 80% aller Frauen, die ich persönlich kenne). Sie sind absolut nicht „konsumsüchtig“. Viel mehr nehmen sie an Kursen teil, gehen viel aus, gehen häufig essen, joggen im Park, rauchen, machen Reisen, haben Sex, gucken fern, telefonieren. Normal halt. Warum ist Konsumieren eigentlich typisch 50erJahre? Ich würde sagen, dass konsumsüchtige Frauen eher unsere heutigen Fussgängerzonen bevölkern.
    3) Oh doch. Es geht in einigen Folgen um Experimentieren mit bspw. lesbischer Liebe (Samantha hat in einigen Folgen die wunderbare Sonia Braga zur Freundin), um Liebesbeziehungen mit Männern schwarzer Hautfarbe, um Beziehungen zu viel jüngeren und viel älteren Männern , mit Freaks, mit Kleinwüchsigen usw. usf. Die Frauen sind an alternativen Liebesmodellen interessiert. Diese werden auch beleuchtet (genauso wie die total klischeehaften „Normalen Beziehungen“). Dass es auch in dieser Serie zum Schluss zu Happy Ends kommt, und dass Männer und Frauen sich finden, finde ich jetzt nicht unbedingt ein Beweis dafür, dass der Drehbuchschreiber (oder Schreiberinnen- ich glaube, Männer und Frauen arbeiten an den Drehbüchern in Teams) konventionell und rückschrittlich sind, sondern vielmehr dass dies meist dem Spannungsbogen von fast allen Filmen und Serien entspricht. Auch die vier Protagonistinnen sind ganz normale Menschen, die menschliche , bleibende Beziehungen zuguterletzt eingehen, wie die meisten von uns Menschen.
    Sie sind ja nicht allesamt Singles aus Überzeugung, sondern sie durchleben alle möglichen Formen von Singelschaft- und Partnerschaft. Und Übergänge von einem zum andern.
    4) Ich fühle mich mehr unter Druck gesetzt, wenn ich eine schwierige Oper sehe mit mythologischen Themen die mich intellektuell überfordern mag, als bei Anblick von Sex and the City. Oder besseres Beispiel: Ich fühle mich eher unter Druck(schönheitstechnisch) gesetzt, wenn ich eine Ausgabe der Vogue mit den Superschönheiten sehr bewusst durchblättere als die Serie.
    Jede/r der dies sieht, die Serie, weiß dass es Fiktion ist. Warum wird der Vorwurf nicht bei Serien wie Beverly Hills, 90210 gemacht oder Friends, oder 2 1/2 Man? Da finde ich es viel offensichtlicher, dass es sich um eine idealisierte Welt der Reichen und Schönen geht.
    Wie gesagt, geht es nicht besonders viel um Konsum in S&tC, sondern viel eher um Selbstentfaltung, und in der Serie werden sehr viele praktische Fragen zur Lebensführung gestellt. Dies eingebettet in eine durchaus realistische Schilderung von Alltäglichkeit von Frauen, die sich durch ihr oftmals frustrierendes Liebesleben kämpfen.
    Da findet eigentlich kaum Idealisierung statt, sondern viel eher Selbsironisierung. Und es gibt Humor. Was in vielen anderen amerikanischen supergut ausgestatteten Serien, die mir sonst so einfallen, nach meinem Geschmack eher fehlt.
    Die vier Frauen machen sich sehr oft über sich selbst lustig, ziehen einander auf, und ja: Diskutieren miteinander. Das ist etwas, was ich anderen Serien eigentlich kaum sehe (vorstellbar in bspw. Games of Thrones?) Und warum handelt sich dann gerade Sex and the City den Vorwurf einer „Ideologie“ ein? Wenn sie meiner Meinung nach vielmehr nur Geschichten aus dem Leben von sehr verschiedenen Frauen erzählt, und eigentlich viel eher die Diversität und die große Anzahl an Möglichkeiten wiedergibt, die aber gerade nicht- wie so viele denken- zu einer befriedigenden tollen immer glücklich verlaufenden Liebes- und Sexleben führt.

    Eva Illouz zitiert Candice Bushnell (Autorin deren Kolumne der Serie zugrunde liegt) häufig in ihrem Buch „Warum Liebe weh tut“- aus dem naheliegenden Grund, weil die Amerikanerin und die Serie einen Punkt treffen, der auch nach fast zwanzig Jahren seit der ersten Folge immer noch hochaktuell und den Puls der Zeit trifft. (Manhattan schreitet mal wieder weit voraus…)
    Gerade weil die Serie eigentlich nicht reine Erfolgsstories erzählt (Carry ist auch alles andere als perfekt, genauso wenig wie die drei anderen Figuren – woran sie sich in den meisten Folgen auch mühevoll abarbeiten) ist sie interessant.
    Eva Illouz` Thema, die große Liebessoziologin unserer Zeit, ist die „große Transformation der Liebe`, wie sie in ihren Büchern beeindruckend beschreibt. In der Serie geht es eigentlich auch darum. Sie zeigt vor allen Dingen die Sorgen und Nöte von Frauen über Mitte dreißig, und da ein Leben über dreißig schon tendenziell als problematisch gilt, gibt es genug Stoff. Es handelt sich ganz und gar nicht um Idealisierung.Es geht viel eher um tiefliegende Nöte, die geradezu intellektuell in der Serie aufgearbeitet werden.
    Es wird, wie ich finde, auf eine sehr amüsante und häufig überraschend geistreiche Art und Weise wie frau sich verhält in Liebesbeziehungen, dargestellt. So what?

    Du behauptest, es ginge nur um Affären in der Serie. Dem ist, denke ich, nicht so. Alle Facetten von Liebesbeziehungen kommen mal vor: Von: Die ganz große Liebe bis ja- dem One-Night-stand.
    Du schreibst:Grundsätzlich ließe sich auch kritisieren, dass die vier Frauen die problematische herrschende Empowermentstrategie anwenden: sie versuchen, sich vor Unwägbarkeiten, eigenen Unsicherheiten zu wappnen und Machtpositionen zu erobern durch ein Wissen, das sie gemeinsam erst konstruieren. Machtpositionen? Wissen? Äh, hallo? Jede Folge ist mit einer Frage übertitelt, oder sie wird in ebendieser behandelt. Fragenstellen ist eigentlich das Gegenteil von einer Zurschaustellung von „Wissen“. Ist es der Fall, das die vier Frauen Männer „unterdrücken“?
    Das glaube ich überhaupt nicht. Ich kann mich an keine Story dieser Art in den Folgen, die ich sah, erinnern. Und wieso Empowermentstrategien anwenden? Ich weiß wirklich nicht, was Du damit meinst, wenn Du allerdings meinst, dass sie besonders viel Wert auf Mode legen(und das mit Empowermentstrategien- ja da gebe ich Dir recht. Finde ich aber überhaupt nicht weiter problematisch. Falls Du aber der Meinung bist, dass Modeorientiertheit gleichbedeutend mit Konsumsucht ist- ja dann ist es problematisch. (Ich finde Empowermentstrategieren einfach ein vollkommen unpassendes Wert in diesem Zusammenhang, da ja eben gerade KEINE Strategien empfohlen werden, sondern nur alle möglichen Verschiedenheiten in diesen Folgen verdichtet werden…)

    Ich denke, Deine Kritik richtet sich diffus gegen alles, was Ähnlichkeit hat mit stark auftretenden Frauen, die bewusst ihre Sehnsucht nach Liebe und Sexualität ausleben wollen. Du stempelst sie alle ab als Klischees und Stereotypen. Das sind sie aber nicht, denn es wird in der Serie vor allen Dingen thematisiert, dass bei dieser wünschenswerten Umsetzung sehr viel Probleme und Frustrationen auftreten. Du missverstehst die Figuren aus irgendwelchen Gründen als kalte und konsumistische und dominante, männerfressende Sexmonster. Das ist überhaupt nicht der Fall. Weder stilisieren sie sich als Opfer von Männern noch als deren neuen selbsternannten Herrinnen und Meisterinnen.
    Es geschieht mal das eine und mal das andere. Das ist das Leben. Es wird keine Ideologie daraus gestrickt, wenn das eine behauptet wird, wird sofort mit der Gegendarstellung auf dem Fuß geantwortet.
    Sie machen ihre Erfahrungen. Und sie erleben Geschichten.
    So geht es nun mal zu in Fernsehserien.
    Diese Geschichten werden gespickt mit interessanten Beobachtungen, in denen bemerkenswert viel Realismus steckt, und Humor. Was will man mehr? Ich verstehe es nicht als Leitbild.
    Und falls ich oder andere Frauen und Männer es als Leitbild verstehen würden, besonders viele und möglichst beglückende amouröse Erlebnisse mit dem anderen oder demselben Geschlecht zu haben, (ohne den anderen unfair und gemein zu behandeln) so wird es unsere Welt wohl nicht näher an den Abgrund bringen , glaube ich. Ist alles nur Film Alexander!

    Nur ein (billiges) Zitat der „konsumisistchen, machtstrategischen, männerfressenden “ Carry zum Schluss aus der Feder von Candice Bushnell:“Wann haben Sie das letzte Mal jemanden`Ich liebe dich!`sagen hören, ohne das unvermeidliche (wennauch unausgesprochene)`wie einen guten Freund`dranzuhängen? Wann haben Sie das letzte Mal zwei sich hingerissen anstarrendeMenschen gesehen, ohne zu denken: Ja ja schon gut? Wann haben Sie das letzte Mal jemanden verkünden hören`Ich bin wirklich unsterblich verliebt`ohne zu denken Warte nur bis Montagmorgen?`“

    In der Serie geht es viel um Enttäuschungen, und wie man damit umgeht. Es geht nicht um vernebelte romantische Vorstellungen, und darum diese machtstrategisch umzusetzen, sondern vielmehr darum, sich von falschen Vorstellungen zu verabschieden und klar zusehen.
    Im Notfall Trost an der Schulter der guten Freundin zu suchen. Sind das wirklich so falsche Leitbilder? Ich glaube nicht.
    Übrigens, zum allerletzten Schluss bemerkt: Man muss nicht mit so großen Geschossen wie Levinas (der religionsphilosophisch sicherlich viel zu sagen hatte, den ich aber beim besten Willen nicht mit der Welt von Sex and the City auch moralphilosophisch gesehen zusammen bringen kann), Foucault und Kierkegaard kommen, um die Damen unter Druck zu setzen und ihre Existenz zu verdammen.
    Es gibt viele Frauen wie Carry, Miranda, Charlotte und Samantha. Und man wird sie auch nicht mit der Erwähnung der großen Philosophen los.
    Vielleicht wären diese sogar alle restlos begeistert von ihnen und ihren Lebensstil, denn er(dieser Lebensstil) will ja vor allen Dingen eines: Das eigene Leben und sich selbst genießen.
    Nicht das schlechteste Lebensmotto, oder?
    Die Lebensfreude, die die vier ausstrahlen, finde ich beneidenswert und schön.
    Allein deshalb muss man sie doch eigentlich schon mögen. Finde ich jedenfalls.
    Aber Du musst auch nicht meiner Meinung sein. Vielleicht hast Du als Mann auch einfach nur ein Problem mit so vielen Frauenthemen.Kann ja sein. Finde ich auch gar nicht so schwer verständlich. Ich kann auch keine Actionfilme sehen und sie interessieren mich nicht.
    Aber ich belasse es einfach dabei und unternehme nicht den Versuch, sie in ihrer ganzen Existenz in Frage zu stellen, und philosophisch gegenzuargumentieren. Hat eh keinen Zweck. Danke fürs Zuhören bzw. Lesen!

    • Herzlichen Dank für das ausführliche Koreferat! Und Entschuldigung, dass ich erst jetzt dazu komme, eine Antwort zu schreiben.

      Dass die „Heldinnen“ von Sex and the City alle einem interessanten Beruf und Interessen jenseits von Sex und Mode nachgehen, wird in der Serie gesagt, manchmal auch gezeigt, bildet, dramaturgisch gesehen, aber lediglich den Hintergrund dessen, worum es in der Serie eigentlich geht: um Männer, Sex und Liebe. Die Serie Homeland und ihre Hauptfigur beispielsweise sind da aus ganz anderem Holz geschnitzt: Carrie Anne Mathison (wundervoll verkörpert von Claire Danes) definiert sich über die Arbeit, in der sie auch die gesamte Zeit gezeigt wird. Sex, Liebe spielen dabei ihre Rollen, aber lediglich als etwas, das mit der Agentenarbeit kollidiert, von dieser Arbeit geformt, funktionalisiert und kolonialisiert wird. Daran lassen sich gut allgemeine Gedanken anschließen zum Verhältnis von Arbeit und Liebe, Sex, Partnerschaft, Zwischenmenschlichkeit. Sex and the City dagegen bleibt gefangen in der naiven Gedankenwelt der „Work-Life-Balance“. Etwa erfasst es die Probleme zwischen den Geschlechtern nicht als Problem unserer innersten Formung durch das Berufsleben. Darin besteht die Ideologiebelastung der Serie. Dass all die überall beklagten Probleme in Sex and the City gewälzt werden, entlastet diese Serie nicht von diesem Vorwurf: es kommt darauf an, wie sie gewälzt werden: in dem ideologisch vorgegebenen Rahmen oder, indem dieser Rahmen selbst hinterfragt wird. Ich sehe nicht, dass letzteres vom Sex and the City-Personal geleistet würde.

      Mir fallen beim Stichwort „starke Frauen“ Filmfiguren ein wie Emma Peel, Foxy Brown, Ellen Ripley und selbstverständlich Buffy sowie, aus gegebenem Anlass des bevorstehenden Aufeinandertreffens: reale Frauen wie Cat Zingano und Ronda Rousey. Bei letzteren handelt es sich um die zwei gegenwärtig wohl weltbesten MMA-Kämpferinnen, zwei der Athletenpersönlichkeiten, die mich bisher überhaupt am meisten beeindruckt haben. Man siehe etwa das überraschend sensible und ehrlich wirkende Doppelporträt:


      .
      (Ceterum Censeo: MMA ist in Deutschland zu unrecht geächtet.)

      Carry, Samantha, Charlotte, Miranda fallen mir beim Stichwort „starke Frauen“ überhaupt nicht ein, dann schon eher wie Dir beim Stichwort „normal halt“. Genau in dieser Normalität besteht doch ihre Schwäche – diese Redeweise ist ungenau: besteht die Schwäche der Serie, die unfähig ist, wirklich starke Frauen zu zeigen, die so stark sind, sich von gesellschaftlichen Vorgaben zu emanzipieren. Stattdessen zeigt die Serie Frauen, die diesen Vorgaben so gut wie möglich entsprechen. Sie sind vermeintlich „Realistinnen“ – das heißt aber nur so viel, dass sie die herrschenden Ansichten und Wertungen nicht überwinden können, weil sie gar nicht sehen, dass es hier etwas zu gestalten, zu verändern gäbe. Anders ausgedrückt: sie sind in der herrschenden Ideologie befangen und haben nicht die intellektuelle Kraft, sich selbst davon zu befreien. Womöglich könnte philosophische Lektüre hierzu ja Perspektiven öffnen.

      Alles Wesentliche scheint für sie bereits festzustehen und läuft in vorgegebenen Bahnen: Erziehung, Ausbildung, Job, Mode, Genusskultur und das Fernziel der wahren Liebe. Ein vorgefertigtes Leben im Geiste des Konsums. Spannungen und Krisen ergeben sich nur daraus, wenn es zu Lieferungsengpässen der angepriesenen Güter kommt oder irgend etwas nicht ins Regal passt: was in dieser Serie v. a. heißt: wenn sich Handsome und Mr. Big nicht einstellen oder nicht spuren. Vielleicht ist „spuren“ das Wort, das diese Serie am besten charakterisiert (in der herrschenden Sprache sagt man nicht „spuren“ dazu, sondern „erfolgreich sein“): Man selbst will spuren, man erwartet von anderen, dass sie spuren, und erwartet, dass, wenn alle spuren („erfolgreich sind“), sich endlich Fun und Genuss einstellen. Das Leben als lustige Show, worin alles nach vorgegebener Choreografie ineinander greift. Das versprechen des Kapitalismus. Für mich der Inbegriff der Ödnis und der Schwäche, der Gewaltsamkeit (gegen alle – sich selbst und andere -, die nicht spuren, um sie wieder auf Spur zu zwingen), Entfremdung und Selbstverdinglichung (indem man sich zum Objekt entwürdigt, das in den herrschenden Spuren zu leben hat).

      In der Tat: vor dem äußerlich starken Auftreten solcher Frauen habe ich genauso Angst wie vor dem äußerlich starken Auftreten ebenso konformer Männer. Denn solches Auftreten wirkt als disziplinierender Machtfaktor im Sinne der herrschenden Verhältnisse.

      Gespräche und Genussstreben in Sex and the City werden wundervoll persifliert in Funky Forest: The First Contact. Siehe meine Besprechung dieses Filmes auf dieser Webseite.

      Nur nebenbei: Showrunner von Sex and the City ist ein Mann: Darren Star, noch dazu derselbe, der ebenso für eine von Dir offenbar als Negativbeispiel genannte Serie verantwortlich ist: für Beverly Hills, 90210 – und für deren Ableger Melrose Place und 90210. Zu diesen Serien kann ich nichts sagen, weil ich sie nicht kenne.

      • Die Serie Sex & the city ist als harmloses Unterhaltungsformat aus meiner Sicht nicht geeignet, um es als Inbegriff der Konsumsucht, Unemanzipiertheit und weiblich-banaler Durchschnittlichkeit zu identifizieren und anzugreifen. Superheldinnen wollen die vier Frauen nicht sein und streben es auch nicht ein, nicht einmal Perfektion. (Du brachtest ungenauerweise „bessere“ Beispiele von weiblichen Superheldinnen, die über übernatürliche Kräfte verfügen und/oder an der Seite von Hauptprotagonisten agieren. Man kann einfach nicht die Beispiele miteinander vergleichen, auch nicht unter dem Aspekt „weibliche Stärke“.)
        Ich würde gern auf manch andere Ungenauigkeit oder falsche Zuschreibungen in Deinem Text eingehen, will mich aber lieber konzentrieren auf zentrale Punkte, die mir wichtig erscheinen.

        Aufhalten möchte ich mich kurz bei der Hypothese des „Nicht-Spuren-Wollens“ des
        männlichen Gegenparts und die als weiblich kategorisierten „Einpeitscherinnen“ und vermeintlich tonangebenden Frauen dabei.
        Diese Annahme impliziert, dass die vier Frauen in subtiler oder weniger subtiler Weise Gewalt gegen die männliche (unwillige) Welt ausüben, und auch dass eine Verweigerung der Männer in dem Konflikt besteht.
        Ich möchte dieses Szenario gern skizzieren aus meinem weiblichen Verständnis heraus. Denn ich denke, Du bist auf der richtigen Spur, wertest weibliche Haltungen, Reaktionen, Verhalten und Beweggründe aber falsch und latent frauenfeindlich.
        Frauen, die sich hier sexuell aktiv zeigen (in vielfältiger und auch durchaus im Scheitern begriffener Form) werden von Dir rundweg als schlecht, von niederer Moral, egoistisch, oberflächlich, konsumistisch, eindimensional kommentiert.
        Diese Argumentation überzeugt mich in keinster Weise.
        Wieso müssen Frauen im TV Alles-Könnerinnen sein, die absoluten Powerfrauen, karate-kämpfende, supersmarte Emma Peels oder working women wie C.D. in Homeland ?
        Wenn wir dem folgen, was Du annimmst, nämlich, dass die Ladies nur wollen, dass Männer spuren, weil sie ja „ach-so-stromlinienförmig“ der gesellschaftlichen Norm entsprechen wollen, was ist dann der Sinn und Zweck dieser Serie, in der minutiös und genüsslich gezeigt wird, dass es eben nicht immer so läuft wie Frau und man sich das vorstellt? Und ist die verweigernde Haltung der Männer, die auch vorkommt, eine „Strafe“, für das Selbstbewusstsein und die Selbstbestimmtheit, die Frauen angeblich doch immer zeigen sollen? Wenn sie es denn wirklich tun (selbstbewusst und selbstbestimmt sein, also aktiv, hoffnungsfroh und positiv), wird ihnen sofort „männerverschleißendes“, gefühlloses Handeln vorgeworfen.
        Möglicherweise zeichnet die Serie ein realistisches Bild der Geschlechterbeziehungen, nämlich, dass sie vor Konflikten nur so wimmelt. Möglicherweise ist diese Serie vergleichbar mit einer sozialen Studie (nur sehr witzig aufbereitet, so dass man auch drüber lachen kann.)
        Das alles macht den Plot dieser Staffeln aus, mit all den Tücken, Fallstricken, Schwierigkeiten, die bei diesem Unterfangen auftreten, reich bespickt.

        Niemand bestreitet, dass bei sexuellen und amourösen Eroberungen oder Annäherungen (bezeichnen wir es lieber so, da ja ein Macht-Element in dem Substantiv „Eroberungen“ steckt, das gewöhnlich unproblematisch aber jahrhundertelang bei männlichem Verhalten angewendet werden durfte) Schwierigkeiten und Hindernisse verschiedenster Form auftreten können. Missverständnisse, die in den Gräben zwischen den Geschlechtern zu suchen sind.
        Warum ist es okay, dass dies in unzähligen Serien, Spielfilmen, Werbespots aus vornehmlich männlicher Sicht seit Jahrzehnten als legitimer Eroberungswille dargestellt wird? Wenn das Spiel aber einzig aus weiblicher Sicht dargestellt wird, wollen die Frauen nur, „dass die Männer spuren“.
        Ich denke, es gibt nicht ei-ne Erzählung in den vielen der Serie, in der auf Männer Druck gegen ihren Willen ausgeübt wird. Aber ich weiß, Du meinst es ja „strukturell“, das heißt „besonders manipulativ und gerissen- typisch weiblich halt“.
        Eine angenommene Verweigerungshaltung muss in ganz anderen Ursachen gesucht werden. Bestimmt nicht in der angeblichen Unmoral oder Druckausübung von Frauen (in der Serie). Doch ich kann mir vorstellen, dass Du gar Verführungsversuche dazu zählst.
        Insofern kann man nicht von Machtstrategien oder gar Gewalt sprechen. Es ist eher eine Reaktion auf passive Aggressivität, ein Vergehen, das man Männern gegenüber aber nie wagen sollte, zum Vorwurf zu machen..

        Es geht aber in der Serie auf eine mir persönlich sympathisch erscheinende Weise tatsächlich um Problematiken dieser Art, auf dem Weg, „den Richtigen zu finden“.
        Diese letzte Formulierung ist nicht abwertend gemeint, da sie für Frauen eine besondere Bedeutung hat, anders noch als für Männer.
        Es ist meiner Meinung nach bei S&tc nicht das erklärte Ziel, eine infame „Machtstruktur weiblicher Art“ aufzubauen mittels „Strategien, die skrupellos angewandt werden“.
        Sondern es geht vielmehr darum wie mir scheint, zu protokollieren, wie es für Frauen eigentlich ist, diese unschönen aber auch gleichzeitig schönen Erfahrungen in der Liebe zu machen. In philosophischer Haltung stellen die Frauen sich für sie grundlegende Fragen. Das ist nicht oberflächlich. Meist ist es eher geistreich, wenn man sich dem
        gegenüber offen zeigt.
        Und diese Fragen bewegen sich meist eben im Themenbereich: Beziehungen (auch zu Frauen), Liebe und Sex. Irgendwie muss das Konzept der Serie ja erkennbar sein. Das bedeutet um Himmels willen nicht, dass die vier Frauen repräsentativ behaupten wollen, dass sich alles und jedes nur um diese Thematiken dreht, sondern es ist nur ausschnitthaft und pointiert dargestellt (eigentlich hätte ich angenommen, dass das jeder Teenager versteht).
        (Kleiner Einschub: als ich in New York 2012 war, nahm ich es allerdings so wahr als ob sich doch alles darum drehte.. Die Frauen auf den Bürgersteigen unterhielten sich nur über solche Themen, was mir auch von meinem männlichen alteingesessenen New Yorker Begleiter bestätigt wurde)..(Ich denke, diese Tatsache ist eher eine Reaktion auf eine tieferliegende Krise im Geschlechterverhältnis.)
        Okay, Du kritisierst, dass dies ein problematisches (allzu reduziertes) Frauenbild abgibt. Aha.
        Dazu kann ich nur sagen, dass Konflikte und Probleme dieser Art ein solch epidemisches Ausmaß in unserer Gesellschaft annehmen, dass ich es für nicht besonders konstruktiv halte, dies alles als „blöden Frauenkram“ abzutun, und sich stattdessen „kennerhaft“ in Fiktionen zu stürzen, und diese zu konsumieren, in der Annahme, dies sei „klüger“..
        Frauen denken über Liebe und Sex nach. Und das ist an sich erst einmal kein Verbrechen, weder kindisch noch albern, noch unreif noch konsumgeil.
        Wenn der dazugehörige männliche Part, das Objekt der Begierde, sich für Liebesverhältnisse verweigert und nicht zur Verfügung steht (was tatsächlich häufig diskutiert wird in der Serie, aber wie ich meine auch in adäquaten Reaktionen, in denen Gefühle von Enttäuschung und Frustrationen und Wahrnehmung von Tragik und Selbstreflektionen eine Rolle spielen) dann ist dies durchaus ein Zeitphänomen, das bemerkenswert vorausschauend und ehrlich dokumentiert wird.
        Ein Zeitphänomen in der Art, wie Eva Illouz es in ihren Büchern bespricht: Dass letztendlich die Frauen meist in diesen gegenwärtigen Beziehungsmustern den kürzeren ziehen müssen. Aus mannigfaltigen Gründen.
        Ich möchte jetzt wirklich kein langes Referat über die Bücher dieser großartigen scharfsinnigen Soziologin einbauen. Letzterer Satz ist auch ihre These, nicht nur meine. Man kann das alles bei ihr nachlesen. (Gleich eingeschoben: Ihre Bücher wiederum sind in keiner Weise männerfeindlich- genauso wenig wie die Serie über die wir hier schon so lange sprechen, jedenfalls aus meiner Sicht, und ich glaube sogar auch aus Deiner.)
        Ich denke nur, dass die Serie eine ähnlich realistische gegenwärtige Verfassung der Geschlechterverhältnisse wiedergeben möchte.
        Ich beharre: Es wird eben nicht die erfolgsverwöhnte, in Liebesdingen ewig-reüssierende, knallharte Frau gezeigt, sondern Frauen mit Schwächen, in peinlichen Situationen, die große Anstrengungen vollbringen und viele Blessuren wegstecken müssen, um für sie zufriedenstellenden Beziehungen zu erlangen.
        Wie jede/r von uns.
        Wenn Dir das zu menschelnd und zu sehr triste Realität ist, dann kannst Du Dich ja an die humorlosen, vollkommen fiktionalen, hirnlosen Dialoge der von Dir favoritisierten Sendeformate halten.
        Ich persönlich werde lieber zum Lachen gebracht und sehe lieber Frauen, mit denen ich mich tatsächlich wenigstens teilweise identifizieren kann. So banal Dir das auch erscheinen mag. Außerdem erfreue ich mich immer an Wortwitz.
        (Eine nicht ganz unwichtige Motivationen, wie ich doch glaube, – um Serien zu sehen- abgesehen von dem ihnen eingepflanzten Suchtfaktor).

        Aber im Grunde genommen möchte ich in Zukunft überhaupt keine Serien mehr sehen sondern lieber am Leben teilnehmen. Das erscheint mir sowieso die sinnvollste Option, und schließe mich damit der Meinung von Jochen Distelmeyer an, wie er jüngst in einem Radiointerview zu diesem Thema kurz befragt, äußerte.
        Leider konnte ich mich in diesem Aufsatz nicht so kurz und knapp halten.

      • Freue mich immer über eine lebendige und gerne auch emotional geführte Diskussion. Nicht einverstanden bin ich allerdings mit der Unterstellung von Positionen, die ich 1) nirgendwo geäußert habe und 2) definitiv nicht vertrete. Insbesondere ist mir nicht klar, wie Du Anführungszeichen verwendest. Normalerweise sind sie, wenn man Meinungen anderer kritisiert, reserviert für wörtliche Zitate des Kritisierten. Du aber verwendest sie offenbar, um klischeehafte Wendungen zu markieren, mit denen Du meinst, meine Auffassung zu referieren. Das ist unredlich, zugleich aber bezeichnend, bezeichnend für den Stil des Umgangs miteinander, wie er nicht zuletzt in „Sex and the City“ bis zum Überdruss praktiziert wird. Ich halte diesen schlechten Stil für die Ursache all der Kalamitäten zwischen den Geschlechtern und mache die Erfahrung, dass Menschen, die anders miteinander umgehen, diese großen Probleme, die Du immer wieder beschwörst, gar nicht haben. Genau das stößt mich von „Sex and the City“ am meisten ab: der Mangel an Fähigkeit und Willen, einander zuzuhören und nicht immer gleich vermeintlich entdeckt zu haben, was die eigentliche (in der Regel schlechte egoistische) Intention des anderen ist. Ein Gespräch, worin sich beide nur noch im Gestus der Enthüllung der Schlechtigkeit der_des Anderen begegnen, kann nicht gelingen. Alle werden darin nur immer wieder jeden bekannten Verdacht bestätigt finden. Es ist eine Situation des permanenten Anklagens und Angeklagtwerdens. Alles wird gnadenlos gegen einen verwendet. Um nur ein Beispiel zu nennen: Als Mann traut man sich gar nicht mehr das Wort „Mutter“ in den Mund zu nehmen, um nicht gleich als ödipal verseuchtes Muttersöhnchen abgestempelt zu sein. So wurde mir etwa allein aus der Tatsache, dass ich selbst die Leichenrede für meine Mutter hielt, die entsprechend böswillige Freudsche Diagnose gestellt. Der Inhalt der Rede fand dabei gar keine Beachtung. Auch das „Sex and the City“-Personal speist das, was die_der Andere sagt, sofort in die eigene geschmierte Rechthaberei- und Unterstellungsmaschine ein, die dann einen auf die eigene Erwartung zugeschnittenen Pappkameraden auswirft, auf den man ungehemmt losballert. Wer so agiert setzt sich selbst in ihrer_seiner eigenen Scheinwelt aus immer denselben tauben Konstrukten gefangen – ich korrigiere mich: nicht ihre_seine eigene Scheinwelt, sondern die sozial vorgeschriebene Scheinwelt. Ist es passive Aggression, wenn Menschen schlicht keine Lust mehr auf Gespräche haben, die keine sind, weil darin das Gegenüber immer gleich meine eigene Position usurpiert und so tut, als wüsste es eh schon, wohin bei mir der Hase läuft? Das (und nicht deren problematische Theologien) meinte ich übrigens in meiner Besprechung mit dem Hinweis auf Buber und Levinas…
        Entsprechend erfasst du die Vergleichshinsicht nicht, auf die es mir in der Gegenüberstellung der „Sex and the City“-Frauen mit etwa Buffy ankommt: Es geht um jene Stärke, vorgestanzte gesellschaftliche Erwartungen nicht zu erfüllen und Rollenverständnissen nicht kritiklos zu entsprechen. Buffy hat (sowohl als „Slayer“, als auch als mittelständische US-Amerikanerin) den Mut, eigene Entwürfe auszuprobieren (wenn man selbstverständlich auch die Buffy-Figur einer Ideologiekritik, Diskursanalyse etc. unterziehen kann und soll). Diesbezüglich sind die „Sex and the City“-Frauen beschämend schwach. Und: klar sind solche Vergleiche zulässig; denn in dieser Hinsicht ist eine Vergleichbarkeit gegeben. Dass es sich dabei um Unterhaltungsformate handelt, spricht nicht gegen deren Kritisierbarkeit: es werden bestimmte Typen von Frauen entworfen, die grundsätzlich kritisiert werden können. Die Kritik ist zudem sozial relevant, weil nachgewiesen ist, dass reale Menschen über sich anhand solcher fiktionaler Figuren nachdenken (was übrigens bereits seit der Antike nachweislich so ist). Daher sind sie zu Recht Gegenstand insbesondere der Genderforschung – und der feministischen Kritik. Das ist state of the art in den Geistes- und Sozialwissenschaften.

  4. Pingback: Sex and the City | Philosophie und Kultur

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