Sausage Party – Es geht um die Wurst

Diese Besprechung von Dr. Alexander Wiehart wurde am 16. Oktober 2016 online gestellt.

Bitte Folgendes beachten: Ziel meiner Besprechungen ist es nicht, Empfehlungen abzugeben. In erster Linie setze ich mich essayistisch mit Filmen und Serien auseinander und behandle an ihnen allgemeine philosophische, sozial- und geisteswissenschaftliche Fragen. Dabei muss ich das „Ende“, Pointen, Wendungen und Clous oft in die Überlegungen einbeziehen. Wer sich daher Spannung und Suspense nicht verderben lassen will, lese meine Kritiken immer erst nach Sehen des Films beziehungsweise der Serie! Die Spoilerwarnung ist hiermit ausgesprochen. Film und Besprechung könnten als anstößig empfunden werden. Auch hiervor wird ausdrücklich gewarnt.

Karoline

Sausage Party – Es geht um die Wurst (Sausage Party): USA 2016, R: Greg Tiernan, Conrad Vernon, B: Seth Rogen, Evan Goldberg, Kyle Hunter, Ariel Shaffir, im Original mit den Stimmen von: Seth Rogen, Kristen Wiig, Jonah Hill, Nick Kroll, Bill Hader, Michael Cera, James Franco, David Krumholtz, Edward Norton, Scott Underwood, Salma Hayek u. a.

Besprechungsgrundlage ist eine Kinoaufführung.

Dass im Geblödel die Wahrheit zu Tage tritt, ist eine altbekannte weltweite Weisheit. Ins Philosophische schwingt sich Blödelei auf, wenn sie unsere gesamte Realität als Aberwitz entwirft. Denn dabei gewinnen wir eine beunruhigende, distanzierte universale Perspektive, die uns vor Augen führt, wie lächerlich haltlos all unsere wohligen Selbstverständnisse und schmeichelnden Sinnkonstrukte eigentlich sind. Solche Höhen erklommen bereits in der Antike Komödiendichter, allen voran Aristophanes, aber auch Philosophen selbst wie etwa Platon mit seinem (übrigens regelmäßig falsch verstandenen) Höhlengleichnis. Als würdige Nachfolge hat sich in unserer Zeit bereits mit dem Film Das ist das Ende der Komikertrupp um Seth Rogen und Evan Goldberg erwiesen. Wuchtiger noch konfrontiert uns jetzt deren animierte Sausage Party mit dem vollen unentrinnbaren Elend unseres Seins. Es geht also nicht um die animierten Würstchen, Brötchen, Hygieneartikel und alle anderen Bewohner*innen von Supermarktregalen, sondern, wie im Untertitel der deutschen Fassung angekündigt, tatsächlich um die eine existentielle Wurst: um die katastrophalen Aussichten auf Struktur und Gelingen menschlichen Lebens, die wir uns permanent in Weltanschauungen und vor allem in Religionen schön reden. Sausage Party repräsentiert das non plus ultra philosophischer Bissigkeit.

Auf den ersten Blick handelt es sich um eine konsequent unter der Gürtellinie angesiedelte Posse. Allerdings mag die penetrante Orientierung fast aller Figuren an sexueller Befriedigung ein kluger Hinweis sein auf das erotische Design und die ebensolche Präsentation zahlreicher Lebensmittel. Es ist ein Leichtes, in der Speisekammer allenthalben Anklänge an das Vaginale, Phallische und Koitale zu entdecken. Würstchen und Brötchen, seit je pubertäre Phantasien anregend, sind als Protagonist*innen bewusst und treffend gewählt. Es sind die Ganzkörpergeschlechtsorgane schlechthin. Aber fast alle Waren werden in Sausage Party gnadenlos sexualisiert. Von feuchten Träumen berichtet etwa das lappige Lavash: aus 77 Flaschen verginem Olivenöl beträufelt zu werden – eine Persiflage auf die bekannte Islamistenphantasie von den 72 Paradiesjungfrauen. Es ist daher nur Konsequent, wenn die Supermarktartikel ihren Sieg über Kunden und Personal in einer so üppigen Orgie feiern, dass sie uns der schamloseste Pornofilmer nicht hätte wüster ausmalen können. Zudem gemahnt die einseitige Ausrichtung auf das Genitale an Herbert Marcuses Klassiker Triebstruktur und Gesellschaft (zuerst im englischen Original 1955 unter dem Haupttitel Eros and Civilization veröffentlicht):

Unter der Herrschaft des Leistungsprinzips sind die libidinöse Besetzung des individuellen Körpers und die libidinösen Beziehungen zu anderen normalerweise auf die Freizeit beschränkt und auf die Vorbereitung und Ausführung des genitalen Geschlechtsverkehrs gerichtet… (Triebstruktur und Gesellschaft. Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud, FaM 1965, S. 197).

Kapitalistische Arbeitsbedingungen reduzieren das Erotische, das eigentlich unser Verhältnis zu allem als liebevolle Zuwendung bestimmen sollte, auf feierabendliches Genitalworkout und flotte Orgasmusbeschaffung. Hiervon war bereits in der Interpretation von Nymphomaniac – Volume 2 (Dänemark 2013, R: Lars von Trier) die Rede.

Bösewicht in dem Sausage Party-Universum ist Douche, eine kommerzielle Intimdusche für Frauen aus der Hygieneabteilung. Einem deutschen Publikum erschließt sich der Anspielungsreichtum dieser Figur nicht. Dass sie zu dem hochsexualisierten Gesamtcharakter des Films hervorragend passt, liegt zwar auf der Hand. Unübersetzbar bleibt aber die Doppeldeutigkeit von „Douche“ oder „Douchebag“. Denn diese Bezeichnung für den Vaginalirrigator hat sich längst als Schimpfwort etabliert und bedeutet so viel wie: unausstehlicher, beleidigender Mann, der selbst nichts vorzuweisen hat. Ein „Douche“ ist also eine Melange aus Kotzbrocken und Trottel. Entsprechend ist der „Douche“ des Films auch charakterisiert: zuerst voller kumpelhafter Anmaßung und, mit durch den Sturz aus dem Einkaufswagen geknicktem Rohr und undichtem Flüssigkeitsbehälter, wutentbrannt auf Rache sinnend. Er fühlt sich um seine Erlösung als Einlauf betrogen. Dass er, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen, andere Lebensmittel brutal aussaugt, mag als Persiflage auf die fragliche chemische Zusammensetzung solcher medizinisch bedenklicher Scheidenduschen dienen, die vor allem in den USA weit verbreitet, aber zunehmend öffentlicher Kritik ausgesetzt sind. Da mein Kinogenuss beträchtlich gestört wurde durch zwei hinter mir sitzende männliche Teenager, die sich während des gesamten Films zunehmend panisch beratschlagten, was „Douche“ denn darstellen solle, verweise ich auf dieses Lehrvideo zur korrekten Benutzung (Warnung vor Verstörungsgefahr!).

Wer sich mit überhaupt irgend einem Bedürfnis nach Political Correctness diesem Film nähert, wird, gelinde gesagt, nicht bedient. Abgesehen von der dichten Sexualisierung werden alle erdenklichen ethnischen Klischees anhand der Nationalspeisen genussvoll gehubert und alle möglichen politischen Empfindlichkeiten teils grob verletzt: So beklagen die jüdischen Bagels eine Vergangenheit in Konzentratlagern und die Sauerkrautgläser marschieren unter dem Kommando von „Frank Führer“, der als seine himmlische Vision verkündet: „We’ll exterminate the juice“: „Wir werden den Fruchtsaft ausrotten“, wobei das englische Wort für Fruchtsaft (juice) sehr ähnlich jenem für Juden (Jews) klingt. Auch politische Heiligtümer der USA finden sich gnadenlos persifliert, etwa die Bilder des ascheweißen 9/11-Infernos mit den verletzten, schockstarren Menschen, die wie aus dem Nichts auftauchen: Wir sehen verstörte Waren im Mehlnebel, die sich nach dem Sturz aus dem Einkaufswagen wieder hochzurappeln versuchen und ihre dabei getöteten Angehörigen – etwa ein zerdeppertes Marmeladeglas – bitter beklagen. Zurückhaltung wird nicht einmal vor körperlichen Beeinträchtigungen geübt: Da rollt völlig unvermittelt ein zerkauter, eingetrockneter und daher bewegungsunfähiger Kaugummi in selbstgebautem Rollstuhl als Stephen Hawking-Parodie heran, der sich in Maschinenstimme durch langwierige wissenschaftliche Auflistung seiner chemischen Zusammensetzung vorstellt:

I am sorbitol, maltitol, xylitol, mannitol, calcium, carbonite, soy lecithin, vegetable, triglyceride and talc. But, for expediency’s sake. You can call me… Gum“ (… aber der Einfachheit halber kannst du mich „Kaugummi“ nennen. Zitiert nach IMDb).

Ein weggeworfenes benutztes Kondom präsentiert sich als klagendes Vergewaltigungsopfer. Schließlich werden Drogen durchweg als effektive Erkenntnismittel vorgeführt: So etwa können Menschen nur unter Einfluss der Designerdroge „Badesalz“ die Supermarktartikel als Lebewesen und Personen wahrnehmen:

The bath salts are showing me the real world. It fuckin’ lifted the veil of non-reality (Die Badesalze zeigen mir die reale Welt. Es lüftete den Scheißschleier der Nicht-Realität. Zitiert nach IMDb).

Entsprechend dringen die „Unverderblichen“, geheime Chefideologen der Supermarktbevölkerung, zu je höheren Einsichten vor, desto zugeknallter sie sind. Am Ende gelingt ihnen mit Unterstützung des stephenhawkingesken Kaugummis bei voller Dröhnung schließlich der ultimative „metaphysische Durchbruch“, den ihr Sprecher Feuerwasser folgendermaßen zusammenfasst:

The world is a fucking illusion, bro. Our lives are being manipulated for the entertainment of monsters, twisted, tasteless, juvenile monsters, puppet masters in the other dimension! We’re something called… Cartoons (Die Welt ist eine Scheißillusion, Bruder. Unsere Leben sind manipuliert, um Monster zu unterhalten, perverse, geschmacklose, kindische Monster, Puppenspieler in der anderen Dimension. Wir sind etwas, das sie „Cartoons“ nennen. Zitiert nach IMDb)

Der ultimative Gag besteht also in der Zerstörung der Kinoillusion. Damit schwingt sich der Film gar auf zu Romantischer Ironie und Metafiktionalität: zu dem Spiel um die Enthüllung seines eigenen Seins als Fiktion und als Produkt der Unterhaltungsindustrie. Nicht weniger als fünf Realitätsebenen werden (zur Freude des Ontologen) in Sausage Party gegeneinander ausgespielt:

1) Die Scheinwelt, worin die Menschen im Film leben und worin sie die Supermarktartikel nicht (genauer: nur im Badesalz-Rausch) als Lebewesen erkennen können. Wie das Schicksal den Menschen gegenüber blind ist, sind im Film die Menschen als entscheidende Schicksalsfaktoren den Lebensmitteln gegenüber blind. Der Vergleich mit den dumben Titanen in: Attack on Titan (J 2015, R: Shinji Higuchi) drängt sich auf: die scheinen gar nicht zu bemerken, was sie denkenden und fühlenden Lebewesen antun, wenn sie Siedlungen im Drübergehen zerstampfen und reihenweise Menschen wie Snacks fressen.

2) Die filmische Realität der lebendigen und personhaften Supermarktartikel.

3) Das Große Jenseits (The Great Beyond), woran die Supermarktartikel glauben, das sich in der filmischen Realität jedoch als gezielt erzeugter kollektiver Wunschtraum entpuppt. Hierzu gleich mehr.

4) Die Fiktion der animierten Filmhandlung und ihrer Figuren, wie sie sich aus der Perspektive des Kinopublikums darstellt und in witziger Romantischer Ironie am Ende gebrochen wird.

5) Die Realität des Kinopublikums, also unsere eigene Wirklichkeit, welche diese Animation aus kommerziellen Gründen hervorgebracht hat.

An diese pluralistische Seinslehre knüpft sich die bis heute unbeantwortete Frage, warum ausgerechnet unsere Wirklichkeit existiert, wenn sie denn überhaupt existiert. Ist sie irgendwie plausibler, natürlicher, verständlicher, rationaler als die Realität der lebenden Würstchen? Sogar neueste Physik geht davon aus, dass lediglich fünf Prozent des Universums aus uns bekannter Materie und Energie bestehe, 95% mache bislang Unbegriffenes und Unnachgewiesenes aus, nämlich „schwarze“ Energie und „schwarze“ Materie (s. Spektrum der Wissenschaft, 9.16, S. 21). Philosophie rechnet spätestens seit Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft sowieso damit, dass wir nicht die Welt wahrnehmen und erkennen, wie sie unabhängig von uns bestünde, sondern dass wir sie im Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozess überhaupt erst in ihrem Da- und Sosein erzeugen. Warum sollte die Welt, wie sie im Drogenrausch begegnet, dann aber weniger real sein als jene, in der wir leben, wenn wir nüchtern und clean sind? Solches weiter zu erwägen sei den geneigten Lesenden selbst überlassen.

In witzigem Gegensatz zu dem also in mehrfacher Hinsicht unerhörten Inhalt steht die biedere, aus Kindercartoons gewohnte zeichnerische Umsetzung: die Figuren sind überwiegend mit Strichbeinchen und –ärmchen animiert, deren vier Finger in weißen Handschühchen stecken. A là Disney erfolgt auch die Präsentation der in den Regalen herrschenden Erlösungsreligion: in gefälligem, simplem Singsang, in den nach und nach alle Konsumgüter bei Eröffnung des Supermarktes begeistert einstimmen. Tagtäglich aufs Neue schwören sie sich im Chor ein auf die Verheißung, dass die als Götter verehrten Supermarktkunden die auserwählte Ware ins Paradies befördere, wo sie, befreit von jeglicher Verpackung, in ewiger sexueller Ekstase ihre Glückseligkeit fände. Wie wir im Verlauf des Filmes erfahren, handelt es sich bei diesem Glauben um das Konstrukt der immer bekifften, nach diversen Gesundheits-, Bio- und Political Correctness-Wellen in hinterste Ecken abgeschobenen „Unverderblichen“ (Non-Perishables): Feuerwassers, einer Packung Grits und eines Twinkie (eines cremegefüllten Kuchensnacks, der, wie es eine urban legend will, aufgrund seiner Chemikalienvielfalt bis in alle Ewigkeit haltbar sein soll). Vor Einführung dieser Erlösungsreligion fristeten die Supermarktregalbewohner*innen, wie in ausgeblichener Rückblende geschildert, ein aufgeklärtes Dasein in beständiger Todesangst. Denn sie wussten, dass sie, kaum eingekauft, auf grausamste Weise gehäutet, zerstückelt, zerkaut, verschluckt, verdaut, schließlich in Exkrement verwandelt und ausgeschissen würden – eine wahrlich nicht rosige Aussicht auf Zukunft und Lebensende, die das Warten im Regal zur Hölle machte. Da ersonnen die findigen Unverderblichen die große sinnstiftende, Emotionen lenkende Erzählung von himmlischen Gefilden jenseits des Supermarktausganges („The Great Beyond“). Dieses Narrativ solle den Konsumartikeln wenigstens die Zeit im Regal versüßen. Ihr schlimmes unentrinnbares Schicksal würden sie noch früh genug erkennen, wenn man sie in der Menschenwelt gnadenlos Verzehr, Verbrauch und Benutzung zuführt. Außerdem eignet sich solche Religion hervorragend zur Disziplinierung des überbordenden libidinösen Verlangens. Bereits ein „Fingern“ zwischen Würstchen und Brötchen erzeugt Schuldgefühle; man beruhigt sein Gewissen durch Verteufelung der eignen Erregung. Die Güter sollen schließlich für die Kunden glänzen und nicht füreinander. Denn darauf käme es im Leben der Waren an: möglichst attraktiv zu wirken, um bald im Einkaufswagen zu landen und ja nicht nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums im Orkus der Mülltonne. Sozial konstruierte Religion schafft Anreize, sich den ökonomischen Normen gemäß zu verhalten: Erfolgreiche Selbsteinspeisung ins Wirtschaftssystem als göttliche Auserwählung – eine treffende Satire auf den in den USA so wirkmächtigen Puritanismus mit seiner strengen Arbeitsethik, wie sie Max Weber in: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (zuerst 1904/1905 als zweiteiliger Aufsatz, 1920 in überarbeiteter Fassung als Monographie) analysierte. Demnach hätte sich der Puritanismus deshalb als ökonomisch so effizient erwiesen, weil ihm das Erzielen von Gewinn als Zeichen göttlicher Gnade gelte. Selbst dürfe man allerdings nicht dem Laster verfallen, die Gewinne (und überhaupt irgend etwas Weltliches) zu genießen. Vielmehr sei man zu innerweltlicher Askese verpflichtet und solle die Gewinne reinvestieren, also zu wirtschaftlicher Expansion einsetzen. Das höchste Gut dieser Ethik sei, so Weber:

der Erwerb von Geld und immer mehr Geld, unter strengster Vermeidung alles unbefangenen Genießens, so gänzlich aller eudämonistischen oder gar hedonistischen Gesichtspunkte entkleidet, so rein als Selbstzweck gedacht, dass es als etwas gegenüber dem “Glück” oder dem “Nutzen” des einzelnen Individuums jedenfalls gänzlich Transzendentes und schlechthin Irrationales erscheint. Der Mensch ist auf das Erwerben als Zweck seines Lebens, nicht mehr das Erwerben auf den Menschen als Mittel zum Zweck der Befriedigung seiner materiellen Lebensbedürfnisse bezogen. Diese für das unbefangene Empfinden schlechthin sinnlose Umkehrung des, wie wir sagen würden, “natürlichen” Sachverhalts ist nun ganz offenbar ebenso unbedingt ein Leitmotiv des Kapitalismus, wie sie dem von seinem Hauche nicht berührten Menschen fremd ist (ebd., S. 164).

In guter antikapitalistischer 68er-Selbstbefreiungsattitüde revoltieren die Supermarktartikel mit der Schlussorgie also gegen den Kapitalismus und seine Religion des Aufsparens aller sinnlicher Erfüllung auf ein erstunkenes und erlogenes Jenseits.

Entscheidend ist allerdings ebenso, dass die Erlösungslehre von den Unverderblichen zwar ausgedacht und verbreitet wurde, von den Supermarktwaren aber offenbar begeistert angenommen und gelebt wird. Den Unverderblichen stünden auch gar nicht die Mittel zur Verfügung, eine Religion gegen den allgemeinen Willen mit Gewalt durchzusetzen. Auch in unserer Welt ist Religion in der Regel nichts Verordnetes, sondern etwas Gewolltes, etwas, wofür sich Menschen ohne gute sachliche Gründe entscheiden. Das sei nach William James auch gar nicht anstößig, sondern ein wesentliches Merkmal des Glaubens. In seinem Essay mit dem programmatischen Titel „The Will to Believe“ (1896) heißt es an zentraler Stelle:

If religion be true and the evidence for it be still insufficient, I do not wish, by putting your extinguisher upon my nature (which feels to me as if it had after all some business in this matter), to forfeit my sole chance in life of getting upon the winning side,—that chance depending, of course, on my willingness to run the risk of acting as if my passional need of taking the world religiously might be prophetic and right (William James: The Will to Believe, and Other Essays in Popular Philosophy, NY e. a. 1912, {27}).
Angenommen, die Religion sei wahr und doch gebe es keinen zureichenden Beweis dafür, so habe ich keine Lust, mir über mein persönliches Wesen, welches meinem Gefühl nach in dieser Sache doch schließlich ein Wort mitzureden hat, einen Lichtauslöscher stülpen zu lassen und mir so die einzige Aussicht im Leben zu verscherzen, mich auf die Seite zu schlagen, welche gewinnt. Natürlich hängt diese Aussicht ab von meiner Willigkeit, das Risiko auf mich zu nehmen, dass ich handle, als wenn mein gefühlsmäßiges Bedürfnis nach einer religiösen Weltanschauung prophetisch und im Rechte wäre (Der Wille zum Glauben, in: Ekkehard Martens (Hg.): Philosophie des Pragmatismus. Ausgewählte Texte von Charles Sanders Peirce, William James, Ferdinand Canning Scott Schiller, John Dewey, Stuttgart 2002, 128-160, hier S. 154).

Ist es also tatsächlich erlaubt, vielleicht sogar geboten, Vorstellungen vom Jenseits und von Göttern ganz nach Belieben, Bedürfnissen und Wünschen zu konstruieren, von diesen Konstrukten überzeugt zu sein und felsenfest an sie als dogmatischen Kernsbestand einer Religion zu glauben? Sausage Party führt uns die Abwegigkeit einer solchen Position vor Augen. Denn sie berücksichtigt folgendes nicht: Auch wenn wir häufig in unserem Leben Entscheidungen ohne hinreichende sachliche Grundlage treffen müssen und uns dabei letztlich von Gefühl und Willen leiten lassen, wäre es fatal, solche Entscheidungen so zu behandeln, als beruhten sie auf unumstößlichen Glaubenswahrheiten. Denn das beraubt uns der Bereitschaft, solche Entscheidungen zu revidieren etwa angesichts grundsätzlich neuer Perspektiven – wie im Film jene, dass die Supermarktkunden alles andere als Götter sind und die Waren keineswegs ins Paradies überführen. Wer unter Risiko oder Unsicherheit handeln muss, sollte sich im Gegenteil viele Optionen offenhalten und sich nicht für alle Zeiten bedingungslos auf eine einzige ‚religiöse Weltanschauung’ einschwören. Als die Supermarktartikel die Wahrheit über ihr Schicksal erfahren und erleben, dass sie gegen die Menschen kämpfen und sie sogar besiegen können, geben sie ihre bisherige, Entsagung fordernde Erlösungsreligion auf und wenden sich der Erfüllung im Hier und Jetzt zu. Nur wenn und wo eine kenntnisreiche Gestaltung des Diesseits definitiv unmöglich wäre, dürfte man sich mit Jenseitskonstruktionen trösten. Können wir aber je ausschließen, dass eine Verbesserung der Verhältnisse nicht vielleicht doch in unserer irdischen Macht liegt? Könnten und sollten wir auf eine Religion nicht besser verzichten, die uns ein unterkomplexes Realitätsverhältnis vermittelt, menschliche Machtlosigkeit predigt und unserem Leben eine Engführung verordnet? (Damit soll selbstverständlich nicht behauptet werden, dass jede Religion als solche diese hinderlichen Eigenschaften hat. Es mag auch durchaus empfehlenswerte Religionen geben.)

Das Problem, worauf Religionen reagieren, bleibt bei aller Religionskritik jedoch bestehen: Uns, so eingebunden und ausgesetzt wir sind, steht bedauerlicherweise keine andere Dimension offen, in der wir befreit von allen sozialen und ökonomischen Zwängen leben könnten. Sogar der Film wirft, wenn auch nicht ausdrücklich, die Frage auf, was den Supermarktartikeln beziehungsweise den Trickfiguren eine Revolution gegen die Menschen brächte. Sie würden unverzehrt und ohne Frischhaltemaßnahmen verrotten beziehungsweise, nicht weiter animiert, zu existieren aufhören. Als Geschöpfe des Menschen verurteilten sie ihre eigene Art zum Aussterben, wenn sie die Menschheit abschafften. Lediglich die bewusste Selbstauslöschung stünde ihnen als selbstbestimmte Option offen, wie auch der Mensch ohne Gesellschaft und ihre unweigerlichen Zwänge weder überleben, noch irgendwie erfüllt leben könnte. Es wird also weiterhin beträchtlicher religiöser und weltanschaulicher Aufwand betrieben werden, mit dem wir uns selbst dieses eingeordnete, stramm verpackte und der Verwertung preisgegebene Leben als gesegnet und aussichtsreich verkaufen. „Das ergibt überhaupt keinen Sinn,“ („That does not make any sense“) ruft das Würstchen aus angesichts der Gräuel, sich selbst zum Verschlungenwerden anzubieten. Wie wahr.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s