Batman v Superman: Dawn of Justice

Diese Besprechung von Dr. Alexander Wiehart wurde am 26. März 2016 online gestellt.

Bitte Folgendes beachten: Ziel meiner Besprechungen ist es nicht, Empfehlungen abzugeben. In erster Linie setze ich mich essayistisch mit Filmen und Serien auseinander und behandle an ihnen allgemeine philosophische, sozial- und geisteswissenschaftliche Fragen. Dabei muss ich das „Ende“, Pointen, Wendungen und Clous oft in die Überlegungen einbeziehen. Wer sich daher Spannung und Suspense nicht verderben lassen will, lese meine Kritiken immer erst nach Sehen des Films beziehungsweise der Serie! Die Spoilerwarnung ist hiermit ausgesprochen.

Batman v Superman: Dawn of Justice, USA 2016, R: Zack Snyder, D: Ben Affleck, Henry Cavill, Gal Gadot, Amy Adams, Jesse Eisenberg, Holly Hunter, Jeremy Irons, Diane Lane, Laurence Fishburne, Kevin Costner, Tao Okamoto, Lauren Cohan.
Besprechungsgrundlage ist eine Kinoaufführung.

NymphomanibatFranzGeist und Leib sind nach dieser Actiondusche aufgekratzt; auf dem Nachhauseweg vibrieren die Nervenspitzen nervös nach. Als anregend erweisen sich insbesondere die beigemengten philosophischen Salze. Wie im Titel mit dem „v“ für „versus“ kenntlich gemacht, handelt es sich bei Batman v Superman um einen Genre-Film: alle wichtigen (allesamt mit Stars besetzten) Figuren sind gut bekannt und müssen nicht erst lang eingeführt werden, der Handlungsverlauf lässt sich leicht antizipieren, und den mit dem DC-Universum nur etwas Vertrauten ist die Struktur sowohl der Gründungsgeschichte der Justice League, worauf der Untertitel „Dawn of Justice“ anspielt, als auch des Kampfes zwischen den beiden titelgebenden Superhelden geläufig. An den erwartbaren stadterschütternden Detonationen, berstenden Hochhauszeilen, Todesstrahlen und Mauern durchschlagenden Körpern besteht ebenso genregemäß kein Mangel. Dennoch gelingt Zack Snyder echte Hochspannung, die, da psychologisch glaubwürdig, emotional zu bewegen vermag: etwa wenn Batman in letzter Sekunde, überwältigt von der Erinnerung an seine eigene ermordete Mutter, von Superman ablässt. Das „versus“ im Titel verweist also ganz und gar nicht auf einen Kaiju-no-brainer. Nur das etwas einfallslose Monsterdesign und das Einerlei des finalen Gefechts enttäuschen etwas.

Ben Affleck bringt den wahren Batman auf die Leinwand: den zornigen, erbarmungslosen, unversöhnlichen, knochenbrecherischen Batman, der, wie in den Dark Knight-Comics von Frank Miller, mit seinem gewaltigen Menschenkörper durch Wände über die Schwerverbrecher und Söldner zähnefletschend hereinbricht und sie mit wuchtigen Fausthieben, Kicks und Würfen reihum zu Boden schmettert. Es ist der schnörkellose Kampfstil eines präzisen Schwergewichtlers. Jede Bewegung ist ein Monument. Supermans (Henry Cavill) übermenschliche Kraftakte wirken dagegen geradezu gelinde. Afflecks Batman/Bruce Wayne verweigert sich – im Unterschied zur Verkörperung durch Christian Bale – jeglicher Coolness, ironischer Brechung und ferialbastlerischer Technikhuberei. Ganz Grimm, brodelt es beständig sichtbar unter seiner Haut. Kampf entlastet ihn immer nur kurz von quälenden Gewaltträumen, die ihn an die Ränder von Unrecht und Wahnsinn zu treiben drohen.

Wonder Woman, mit Gal Gadot ebenso ideal besetzt, gewinnt in diesem Film leider nicht hinreichend Kontur. Ihr Amazonenfuror findet sich bestenfalls angedeutet: Appetizer des ihr allein gewidmeten, für 2017 angekündigten Films. Ganz und gar überzeugt Lex Luthor, mit einem langhaarigen Jesse Eisenberg ungewöhnlich jugendlich, jungenhaft und glatzenlos besetzt: ein mad scientist, der es versteht, den Filz aus Politik, Militär, Wirtschaft und Forschung für seine destruktiven Zwecke zu nutzen. Dabei nähert sich seine Performance während des Films immer weiter jener des Jokers an: von Korruption zur Farce scheint es ein kleiner Schritt zu sein. Lex Luthors Hass auf die Menschheit speist sich aus dem Auseinanderklaffen von Wissen und politischer Macht, das ihn namentlich Senatorin Finch (Holly Hunter) empfindlich spüren lässt.

Bemerkenswert ist, dass und wie Batman v Superman das Problem des Kollateralschadens nicht nur bloß antippt, sondern ins Zentrum der Handlung rückt: Ganze Stadtviertel, wenn nicht Städte werden bei Superheldeneinsätzen verwüstet. So sieht sich Batman in einem der Alpträume vor qualmender Skyline inmitten eines völlig dem Erdboden gleich gemachten, postapokalyptischen Areals. Offenbar verarbeitet er auf diese Weise seine Augenzeugenschaft des Kampfes zwischen Superman und General Zorg, der in Man of Steel (USA 2013, ebenso von Zack Snyder und mit Henry Cavill) als Superman-Abenteuer inszeniert war. Hier, in Batman v Superman, sehen wir ihn mit den Augen eines zufällig in Metropolis anwesenden Bruce Wayne aus menschlicher Froschperspektive: Weit oben prallen die Kryptonier in wilden Luftschlachten aufeinander, unten begraben die einstürzenden Wolkenkratzer Menschen unter sich, machen Menschen zu Versehrten und Menschenkinder zu Waisen. Sie irren und schreien im dichten Weiß eines Staubes, der uns aus den Bildern der Anschläge vom 11. September 2001 nur allzu gut bekannt ist. Unsere eigene wütende Fassungslosigkeit sehen wir im nach oben zu den Verursachern geworfenen Blick Bruce Waynes. Bereits in der computeranimierten Pixar-Komödie Die Unglaublichen – The Incredibles (USA 2004, R: Brad Bird) gerieten die Superhelden aufgrund der zahlreichen Begleitopfer ins Fadenkreuz von Politik und Justiz. Der aktuelle Film nimmt die Kollateralschäden zum Anlass, das Superheldentum grundlegend zu hinterfragen und vor allem den Ort der Superheld*innen in Gesellschaft und Staat zu reflektieren. Stehen Superheld*innen gar auf einer Stufe mit Terrorist*innen? War es nicht Superman, um dessentwillen die verbrecherischen Kryptonier die Erde heimgesucht haben? Was ist Supermans Ziel, wie sieht er sein Verhältnis zu den Menschen? Um diese und ähnliche Fragen zu klären, zitiert Senatorin Finch Superman zu einer Anhörung ins Capitol.

Doch nicht nur das menschliche Umfeld bringt die Superheldenmonumente ins Wanken. Die Superhelden selbst sind sich ihres Selbstverständnisses nicht mehr sicher: Batman hat Auto und Flugzeug mit großkalibrigen Feuerwaffen ausgestattet und schreckt auch im Handgemenge vor Schusswaffengebrauch nicht mehr rigoros zurück. Der Film zeigt gereifte und zugleich gezeichnete, desillusionierte, verunsicherte Kämpfer. In der Ruine des nach einem zurückliegenden Gefecht – offenbar jenes gegen Ra’s al Ghul in Christopher Nolans Batman Begins (USA 2005) – ausgebrannten Familiensitzes der Waynes und zerrüttet von Zukunftsängsten stellt Batman sein Vigilantendasein in Frage: Gangster, gegen die er sein Leben lang kämpfte, wachsen wie Unkraut nach. Der Kampf gegen das suspekte rot-blaue Alien böte dagegen die Chance, Historisches zu bewirken. Superman hingegen verdächtigt sich selbst, bloß die Personifikation des naiven

Traums eines Farmers aus Kansas

zu sein: des Traums seines menschlichen Ziehvaters (Kevin Costner) von der klaren Unterscheidbarkeit zwischen Gut und Böse und davon, dass überlegene Kraft, was Lex Luthor mehrfach bestreitet, unschuldig sein könne. Dieser zweifelnde Superman ist durchaus bereit, Batman, wie es Lex Luthor will, zu töten, um die eigene, entführte Ziehmutter (Diane Lane) zu retten. Ziemlich zu Beginn des Films hatte er bereits einen „Terroristen“, der Lois bedrohte, blitzschnell durch mehrere Mauern gedrückt und dadurch offenbar, ohne mit der Wimper zu zucken, getötet. Düsterkeit statt Glanz, Codexverlust, Gerechtigkeitsschwund, Sinnvakuum, Skrupellosigkeit, Angst: Superhelden als Ausdruck unserer individuellen und gesellschaftlichen Befindlichkeit in Zeiten der Finanzkrise, des Bombenterrors und eines wachsenden Bewusstseins von der eignen, immer schlechter kaschierten Illegitimität. Misstrauen allenthalben: Selbst wenn Superman aktuell keine Bedrohung für die Menschheit darstellte, könnte er sich nicht, berauscht an den eigenen konkurrenzlosen Kräften, im Laufe der Zeit in einen Tyrannen oder gar Vernichter verwandeln, gegen den jeglicher Widerstand seitens der Menschen fruchtlos wäre? Die Gefahr, die der menschlichen Weltbevölkerung von ihm drohe, sei so immens, dass selbst die kleinste Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens als Grund reiche, Superman unverzüglich zu eliminieren. Offenbar lässt sich Batman bei diesem seinem Gedankengang von Paranoia leiten. Denn es ist ja keineswegs gesagt, dass sich Superman nicht als treuer Erdenbürger entworfen hat, der die Menschheit noch vor zahlreichen Katastrophen und gar der Vernichtung bewahren wird.

Sachlich berechtigt bleibt die im Film ausdrücklich gestellte Frage, wie sich ein Wesen, das so überlegen ist wie Superman, in menschliche Gesellschaft und Politik integrieren ließe. Superman steht nicht pauschal als Außerirdischer unter Verdacht, sondern als Wesen, das zu überlegen ist, um auf Augenhöhe mit den Menschen zusammenleben und kommunizieren zu müssen. Seine Kräfte stellen ihn außerhalb jeglicher menschlicher Sanktionsmöglichkeit. Mit solchen Supermännern rechnet die klassische neuzeitliche Staatsbegründung nicht. Sie geht vielmehr von einer Verletzlichkeit aus, die für alle Menschen gleichermaßen gilt: Thomas Hobbes schreibt im Leviathan (1651):

Die Natur hat die Menschen hinsichtlich ihrer körperlichen und geistigen Fähigkeiten so gleich geschaffen, dass trotz der Tatsache, dass bisweilen der eine einen offensichtlich stärkeren Körper oder gewandteren Geist als der andere besitzt, der Unterschied zwischen den Menschen alles in allem doch nicht so beträchtlich ist, als dass der eine auf Grund dessen einen Vorteil beanspruchen könnte, den ein anderer nicht ebensogut für sich verlangen dürfte. Denn was Körperstärke betrifft, so ist der Schwächste stark genug, den Stärksten zu töten – entweder durch Hinterlist oder durch ein Bündnis mit anderen, die sich in derselben Gefahr wie er selbst befinden (Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates, hg. v. Iring Fetscher, 13. Aufl., FaM 2006, 94).

Was selbst für einen so mächtigen Menschen wie den englischen König Karl I. gilt, der 1649, also kurz vor Erscheinen des Leviathan, hingerichtet wurde, gilt nicht für den Kryptonier Superman. Seine körperliche Überlegenheit ist so immens, dass Menschen ihn, so viele sich auch gegen „den Stählernen“ verbündeten und so sehr sie sich zu bemitteln versuchten, nicht aufhalten oder schaden können. Aus dem selben Grunde warnen übrigens Stephen Hawking, Bill Gates und andere in unserer Zeit vor einer künstlichen Superintelligenz. Denn für unangreifbare Superwesen bestünde keine Veranlassung, sich mit Menschen zu arrangieren, weil von Menschen für sie keine Bedrohung ausgeht und sie den Menschen nicht benötigen. Sie stehen außerhalb von menschlicher Gesellschaft und Politik, außerhalb jeglichen zwischenmenschlichen Dialoges. Den Menschen gegenüber nehmen sie daher die Position von Göttern ein, an die man sich bittend, dankend, verehrend wenden, mit denen man aber nicht verhandeln kann. Supermans biologischer Vater Jor-El (Russell Crowe) scheint in Man of Steel also zu Recht für seinen Sohn die Planstelle eines irdischen Rettergottes vorgesehen zu haben, als er ihn ins Raumschiff Richtung Erde legte:

Lara Lor-Van: Er wird ein Außenseiter sein. Sie werden ihn töten.
Jor-El: Wie sollten sie? Er wird ein Gott für sie sein.

Entsprechend malt Jor-El Supermans künftige Position unter den Menschen aus:

Du wirst den Menschen ein leuchtendes Beispiel sein. Sie werden dir nacheifern, sie werden stolpern, sie werden fallen. Doch schließlich werden sie zu dir in die Sonne aufsteigen. Mit der Zeit wirst du ihnen helfen, Wunder zu vollbringen (zitiert nach Trailer 3 zu Man of Steel).

Die Klugheit von Batman v Superman: Dawn of Justice besteht nun darin, dieses Raisonnement zu durchkreuzen. Zu diesem Zweck wird nicht Supermans Stärke gefeiert, sondern dessen Verletzlichkeit gezeigt. So wird erwiesen, dass Superman durchaus auf vielfältige Weise von den Menschen abhängig ist und des Dialoges mit ihnen bedarf. Seine Position ist nicht die eines Gottes, sondern die eines gleichberechtigten, an die Normen der Menschen gebundenen Gesprächspartners. Batman kommt die Aufgabe zu, uns dies mit Wucht vor Augen zu führen. Sein Sieg über Superman bekundet erstens dessen Disziplinierbarkeit. Die Frage:

Kannst Du bluten?

wird eindeutig mit Ja beantwortet.

Der Film bleibt bei dieser groben Feststellung allerdings nicht stehen; er dekonstruiert Superman nicht bloß als Gott, sondern rekonstruiert ihn dabei zugleich als Mensch. Denn Lex Luthor konnte Superman zu dem Kampf mit Batman erpressen aufgrund Supermans enger Bindung an Lois Lane (Amy Adams) und die irdische Ziehmutter. Wenn Superman, den Tod vor Augen, Batman bittet, die Mutter vor Lex Luthor zu retten, wird Batman seiner eigenen Kreatürlichkeit in Supermans Sorge gewahr und lernt, Superman als Mitmenschen anzuerkennen. Superman ist kein Gott, nicht so sehr, weil es durchaus Zwangsmittel gibt, ihn gefügig zu machen, sondern weil Erhalt und Entfaltung seiner Persönlichkeit sowie das Gelingen seines Lebens von Menschen abhängen und er um diese Abhängigkeit weiß. Insbesondere bleibt er, da er nicht auch über Superintelligenz verfügt, bei Fragen der Orientierung und der Moral auf den Dialog mit Menschen angewiesen.

Anregende Filmkritik:
http://www.filmfreakcentral.net/ffc/2016/03/batman-v-superman-dawn-of-justice.html
Dank an Heiko für den Hinweis!

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Ein Gedanke zu “Batman v Superman: Dawn of Justice

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