Gravity

Diese Besprechung wurde von Dr. Alexander Wiehart am 6. Oktober 2013 online gestellt.

Bitte Folgendes beachten: Ziel meiner Besprechungen ist es nicht, Empfehlungen abzugeben. In erster Linie setze ich mich essayistisch mit Filmen und Serien auseinander und behandle an ihnen allgemeine philosophische, sozial- und geisteswissenschaftliche Fragen. Dabei muss ich das „Ende“, Pointen, Wendungen und Clous oft in die Überlegungen einbeziehen. Wer sich daher Spannung und Suspense nicht verderben lassen will, lese meine Kritiken immer erst nach Sehen des Films beziehungsweise der Serie! Die Spoilerwarnung ist hiermit ausgesprochen.

Gravity: USA, Vereinigtes Königreich 2013, R: Alfonso Cuarón, D: Sandra Bullock, George Clooney.

Mia

Besprechungsgrundlage ist eine Kinovorstellung.

Wie im wirklichen Leben: Man hangelt sich mit Ach und Krach von einem explodierenden Wrack zum nächsten, landet schließlich unsanft in kaltem Wasser, wo man fast ertrinkt, rettet sich auf felsiges Ufer und kann noch froh sein, so viel Glück gehabt zu haben. Fehlte nur noch der Weiße Hai, in dessen Revier die Raumkapsel zufällig gestürzt wäre. Manchmal ist das Leben eine aberwitzige Folge von Schicksalsschlägen, vor denen uns all unsere Technik nicht bewahren kann. Im Gegenteil: die Technik lässt uns in lebensfeindliche Bereiche vordringen, wo sich der kleinste Defekt leicht fatal auswirkt. Denn wir nutzen die Technik oft nicht, um uns abzusichern, sondern, um unseren Aktionsradius bei gleichbleibendem oder sogar erhöhtem Risiko auszuweiten. Airbag und ABS verleiten nur umso mehr zu gemeingefährlichem Rasen. Technik reduziert Kontingenz daher nicht immer, sondern setzt uns ihr bisweilen verstärkt aus – Kontingenz im Sinne von Faktoren, die über das Gelingen unseres Lebens bestimmen, aber nicht in unserer Gewalt stehen.

Unter dem Titel „symphorá“ bildet Kontingenz ein Hauptthema bereits der antiken griechischen Literatur und Philosophie. Aischylos etwa erkennt in prägnanter Formulierung:

Ach sterblich’ Angelegenheiten: fallen gut (eutuchein)
Sie aus, ein Schatten kann sie wenden (trepein), schlecht (dustuchein),
Ein nasser Schwamm im Drüberstreichen löscht die Schrift (meine Übersetzung).

Herodot geht sogar so weit, Mensch und Kontingenz gleichzusetzen:

Von allen diesen Tagen in den siebzig Jahren, den sechsundzwanzigtausendzwei­hundertundfünfzig, führt der eine Tag nicht ganz die gleiche Sache (pragma) wie der andere heran (prosagein). Da es so ist, Kroisos, ist der Mensch ganz Kontingenz (sumphore; meine Übersetzung).

Stabiles und dauerhaftes Gelingen ist daher ein Vorrecht der Götter, wie bereits Simonides von Keos betont,

…ein Mann [Mensch] aber – nicht
Ist es möglich, dass nicht schlecht (kakos) sei,
den erfindungslose Kontingenz (amechanos sumphorá) niederwirft.
Denn jeder Mann, geht es ihm gut (eu prassein), ist gut,
Schlecht aber, wenn schlecht … (meine Übersetzung).

Die Helden von Gravity, die Ingenieurin Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock) und der Space Shuttle-Kommandant Matt Kowalski (George Clooney), haben ganz klar auf ihrer Mission im Orbit einen tragisch schlechten Tag erwischt. Während eines Weltraumspazierganges wird deren Shuttle durch Trümmerteile vernichtet, jeglicher Kontakt zur Erde bricht ab. Es beginnt ein schlau, spannend und bildgewaltig inszenierter Überlebenskampf im schwerelosen Raum, der damit endet, dass Dr. Stone die Landung auf der Erde gelingt. Kowalski driftet ab und bleibt im Weltraum verschollen.

Gegen all die sinnlose Kontingenz bewährt sich Dr. Stone letztlich durch ihren Überlebenswillen. Doch selbst der Überlebenswille stellt sich nicht von selbst ein; sie muss zu ihm im Laufe der Handlung erst mühsam finden. Angesichts der nicht reizlosen Gelegenheit, in einer Raumkapsel friedlich zu entschlafen, erhebt sich besonders klar die philosophische Frage, warum wir immer weitermachen, immer und immer kämpfen und uns von einer Prüfung zur nächsten hetzen lassen sollen. Immerhin hat kein geringerer als Albert Camus die Option des Selbstmordes zu Beginn seines Essays: Der Mythos von Sisyphos (Le mythe de Sisyphe, zuerst 1942) als das einzige wirklich ernste philosophische Problem bezeichnet. Als solches wird es in der ganzen Kinogeschichte selten sichtbar und spürbar. Denn nur wenige Spielfilme stellen das Aufgeben überhaupt als gewählte, nachvollziehbare Option dar wie so berührend in: Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss (They Shoot Horses, Don’t They?, USA 1969, R: Sydney Pollack), in jüngerer Zeit etwa in: Million Dollar Baby (USA 2004, R: Clinton Eastwood) und vor allem in: Das Meer in mir (Mar Adentro, Spanien, Italien, Frankreich 2004, R: Alejandro Amenábar). Je einen Film gesehen zu haben, der das Aufgeben regelrecht empfohlen hätte, kann ich mich nicht erinnern. Ich bitte um Hinweise! Sonst fast überall nur ewiges Bemühen, alle auferlegten Prüfungen zu bestehen, auch wenn dies noch so aufwendig, grausam und aussichtslos erscheint. Dem entspricht exakt die Tagline zu Gravity: „Don’t let go“ (Lass nicht los!). Aber warum eigentlich, warum es nicht einfach sein lassen?

Diese Frage sei hier lediglich aufgeworfen und zu weiterem eigenen Nachdenken aufgegeben. Im folgenden möchte ich nur einen möglichen Grund nennen, warum uns überall und mit allen Mitteln eine Abscheu vor dem ultimativen Aufgeben eingeimpft wird. Vorbereitende Gedanken finden sich in meiner Besprechung von Blade Runner. Die Macht durchdringt und formt, wie Michel Foucault ausführt, seit dem siebzehnten Jahrhundert unser gesamtes Leben, das sie als Gegenstand der Gestaltung ganz für sich beansprucht. Dem einzelnen Menschen wird die Entscheidung über sein eigenes Weiterleben daher nicht überlassen. Sterben gilt nicht mehr, wie etwa noch in der Antike, als Handlungsoption des Individuums. Die Macht will unser Leben ganz für sich. Daher füttert sie uns überall mit Kampf- und Durchhalteparolen, bringt schieres Weitermachen beständig als Heldenstück zur Aufführung und institutionalisiert aufwendig unseren angeblichen unbedingten Überlebenswillen auf mannigfaltige Weise. Neben Film und Fernsehen denke man an den Sport und seine unausweichlichen Triumphe sowie an das Gesundheitssystem, insbesondere das Hinauszögern lebenserhaltender Maßnahmen, die Transplantationsindustrie und das Verpönen der Sterbehilfe. Auch Psychologie, Psychiatrie und Religionen werden aufgeboten, um uns ja immer bei Lebenslaune zu halten. In den Gefängnissen verhindert man Selbstmorde wie Ausbruchsversuche, weil die Macht uns, in freiheitlichen politischen Ordnungen, doch noch auf Kurs bringen, in despotischen, seelisch in die gewünschte Form brechen will – wie in George Orwells Roman 1984 (Nineteen Eighty-Four, zuerst erschienen 1949) der Protagonist am Ende nicht einmal mehr eines einzigen widerständigen Gedankens fähig ist, um sich gegen Big Brother wenigstens innerlich zu behaupten. Erst nach vollständiger, auch psychischer Umformung und damit vollkommener Aneignung durch das System erfolgt die Liquidierung durch das System. Der Film Blade Runner hat sich unter anderem deshalb als philosophisch so ergiebig erwiesen, weil er das Sterben als eine Chance präsentiert, sich aus dem umfassenden, durchdringenden und formenden System zu lösen.

Wem dies ein zu düsterer theoretischer Hintergrund ist, der möge sich lieber an Blaise Pascal halten:

Der Mensch ist nur ein Schilfrohr, das schwächste der Natur. Aber es ist ein denkendes Schilfrohr (l’homme n’est qu’un roseau, le plus faible de la nature, mais c’est un roseau pensant). Das gesamte Weltall braucht sich nicht zu waffnen, um ihn zu zermalmen: Ein Dampf, ein Wassertropfen genügen, um ihn zu töten. Doch wenn das Weltall ihn zermalmte, so wäre der Mensch nur noch viel edler (encore plus noble) als das, was ihn tötet, denn er weiß ja, dass er stirbt und welche Überlegenheit ihm gegenüber das Weltall hat. Das Weltall weiß davon nichts. Unsere ganze Würde besteht also im Denken (Toute notre dignité consiste donc en la pensée; Blaise Pascal, Pensées, Frg. 347 nach L. Brunschvicg, meine Übersetzung).

Tatsächlich zeigt Gravity Menschen und ihre Raumstationen als zarte Schilfrohre: Im Sturm der lautlos rasenden Trümmer zerbersten sie in der Stille wie nichts oder werden mit Leichtigkeit in den Kältetod hinausgeschleudert. Die Würde des Menschen verortet der Film in der Fähigkeit nachzudenken, wie man sich gegen die drohende Vernichtung bemitteln kann, und zuerst überhaupt einmal den Willen dazu zu finden. Geradezu ein visuelles Denkmal menschlicher Selbstbehauptung und Würde schafft die Schlussszene: wie eine klassische Statue kämpft sich Dr. Stone gegen die ungewohnte Schwerkraft der Erde in eine aufrechte Haltung und wie an einem Heldenmonument gleitet daraufhin der Kamerablick an ihrem Körper empor, bis sich dieser Körper in extremer Untersicht vor uns bildfüllend aufbäumt. Der symbolische Akt des sich krampfhaft Aufrichtens wurde jüngst bereits in einem anderen Kinohymnus auf das Überleben überstrapaziert, in: After Earth (USA 2013, R: M. Night Shyamalan).

Schade auch, dass in Gravity eine bereits seit längerer Zeit tote Tochter Dr. Stones sentimental in das Geschehen vermengt wird: ein Zugeständnis an das Publikum, das nicht aus hochspezialisierten WeltraumheldInnen bestehen dürfte und das in diesem Film sonst überhaupt keine Anknüpfungspunkte der eigenen Lebenswelt fände. Offenbar ist es für das Mainstreamkino zudem unvorstellbar, eine Frau als Heldin zu zeigen, die nicht gebären wird, gerade gebiert oder geboren hat. Wissenschaftliche Exzellenz und menschliche Existenzangst allein reichen wohl nicht aus, um sie einem breiteren Publikum als Identifikationsfigur anzubieten oder zumindest sympathisch zu machen. Vielleicht scheiterte Agora – Die Säulen des Himmels (Spanien 2009, R: Alejandro Amenábar) an den Kinokassen aus diesem Grund: Man wollte keine Frau sehen, die wie Hypatia ihr Leben ganz der Wissenschaft widmet und sich auf keinerlei erotische Abenteuer einlässt, ganz zu schweigen von Ehe und Familie. 1997, als Judie Foster mit ihrer Verkörperung der ruppigen Wissenschaftlerin in Contact (USA 1997, R: Robert Zemeckis) nicht nur Erfolge bei der Kritik, sondern auch beim Publikum feiern konnte, billigte man Frauen noch größere Räume zu, ein Leben jenseits der traditionellen sozialen Rollen zu führen.

Überhaupt scheint Gravity bereits überholte Geschlechterrollen zu aktivieren und anzupreisen. Kowalski mit bewährtem Clooney-Charme hat als Kommandant das Sagen und fungiert als entspannter und effektiver Retter der hyperventilierenden und orientierungslos rotierenden Dr. Stone. Ansonsten scheint er ausschließlich beseelt von dem Gedanken an einen klassischen „Wer hat den Längeren?“-Wettbewerb: Er will den bestehenden Rekord des längsten Außenbordeinsatzes ohne Sicherheitsleine brechen. Schließlich bleibt es dem, wenn auch aus Sauerstoffmangel von der Frau herbeiphantasierten, Mann vorbehalten, auf die rettende Idee zu kommen, die Bremsdüsen als Antrieb einzusetzen – dies, obwohl eigentlich die Frau die Ingenieurin ist. Dr. Stones Leistung besteht überhaupt vor allem darin, sich selbst wieder zu fangen und durchzuhalten. Man ist an die Tugenden der Königin Luise von Preußen erinnert, oktroyiertes Vorbild für brave Bürgertöchter über mehrere Generationen hinweg.

Diesem Frauenbild korrespondiert die Auffassung des weiblichen Körpers in Gravity. Er ist drinnen in permanentem Striptease begriffen. Draußen in der feindlichen Umwelt gibt man sich im Raumanzug hochgeschlossen. Die Entkleidungsszene in der Luftschleuse der russischen Raumstation erinnert äußerlich an die hocherotische Eingangssequenz von Barbarella (Frankreich, Italien 1968, R: Roger Vadim). Allerdings lässt die Titelheldin dieses Streifens auch und gerade außerhalb des Raumschiffs ihrer Sexualität freien Lauf und bleibt insgesamt die Herrin ihres Handelns. Vor allem aber zu der weiblichen Astronautin Ripley in Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt (Alien, Großbritannien, USA 1979, R: Ridley Scott) könnte der Kontrast nicht größer sein: auch sie sieht man, sich in Todesangst mit einem Raumanzug bekleiden, den sie allerdings äußerst kreativ nutzt als Waffe gegen das in der Kapsel lauernde, deutlich männlich gezeichnete Ungetüm. Sie macht nicht wie Dr. Stone in Gravitiy erschrocken für den kurz, aber spektakulär penetrierenden Mann Platz in ihrer Kapsel, sondern säubert sie von unerwünschter maskuliner Beimischung, um sich in Ruhe mit ihrer Katze schlafen legen zu können. Dr. Stone in Gravity hingegen driftet in Unterwäsche endlos die engen Röhren der Raumstationen malerisch wie eine Taucherin entlang, immer auf der Suche nach einem rettenden Kabäuschen. Eine bizarre Übersteigerung ins Hochtechnologische der berüchtigten Passage aus Schillers Lied von der Glocke (1800; vv. 106f., 116f.), für Generationen Ausdruck angestrebter Rollenverteilung:

Der Mann muss hinaus
In’s feindliche Leben,

Und drinnen waltet
Die züchtige Hausfrau…

Sie hütet im Negligé die Raumkapsel, der Mann fliegt in den Weiten des Alls auf Nimmerwiedersehen davon und dringt in ihrer Phantasie nur mal kurz auf einen harten Drink ein, um ihr einen lebenswichtigen Rat zu erteilen. Der Postfeminismus hat endgültig den Weltraum erobert.

Literatur und Quellen

Zum Begriff der Kontingenz sowie ihrer literarischen und philosophischen Würdigung in der griechischen Antike:
A. Wiehart: Philosophos. Platons Frage und ihre Verteidigung, Marburg 2008, S. 337-375. Die hier gegebenen Zitate und Quellenangaben finden sich ebenfalls dort, und zwar: zu Aischylos auf S. 345, Herodot auf S. 346, Simonides auf S. 344.

Michel Foucault: Sexualität und Wahrheit, Bd. 1: Der Wille zum Wissen, 10. Aufl., Frankfurt am Main 1998, S. 159ff.

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Ein Gedanke zu “Gravity

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