Herz aus Stahl

Diese Besprechung von Dr. Alexander Wiehart wurde am 3. Januar 2015 online gestellt.

Bitte Folgendes beachten: Ziel meiner Besprechungen ist es nicht, Empfehlungen abzugeben. In erster Linie setze ich mich essayistisch mit Filmen und Serien auseinander und behandle an ihnen allgemeine philosophische, sozial- und geisteswissenschaftliche Fragen. Dabei muss ich das „Ende“, Pointen, Wendungen und Clous oft in die Überlegungen einbeziehen. Wer sich daher Spannung und Suspense nicht verderben lassen will, lese meine Kritiken immer erst nach Sehen des Films! Die Spoilerwarnung ist hiermit ausgesprochen.

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Herz aus Stahl (Fury): USA 2015, R: David Ayer, D: Brad Pitt, Logan Lerman, Shia LaBeouf, Michael Peña, Jon Bernthal, Anamaria Marinca, Alicia von Rittberg u.a.

Besprechungsgrundlage ist eine Kinoaufführung.

Wo findet man die Fratze des Krieges schärfer gezeichnet als in US-amerikanischer Literatur, etwa in Joseph Hellers Catch-22 (1961) und Kurt Vonneguts Slaughterhouse-Five (1969)? Die zeitnahen hochkarätigen Verfilmungen dieser Romane, die Komödie Wie ich den Krieg gewann (How I Won the War, UK 1967) von Richard Lester und selbstverständlich Apocalypse Now (USA 1979), Francis Ford Coppolas Tour de Force in die kriegspsychischen Abgründe, etablierten auch im Kino die schmerzlich präzise Enthüllung der Absurdität des Krieges. Das von gigantischen Verwaltungsapparaten organisierte industrielle Hinmetzeln einer schutzlosen Zivilbevölkerung und junger Soldaten, die nicht begreifen können, wie ihnen geschieht, setzt beständig alle mühsam erlernten Maßstäbe menschlichen Handelns außer Kraft und zwingt dem einzelnen Menschen ein Agieren gegen alle zivile Norm auf. Nichts davon lässt sich überzeugend in die herrschenden Sinnsysteme integrieren. Dadurch entstehen seelische Spannungen, die wir nicht ertragen können und uns in Psychopathen verwandeln. Der Bloßstellung dieser Situation und der sie bewirkenden Mechanismen widmet sich die eine Sorte von Kriegsfilm, die gelingen kann. Die andere nimmt die Perspektive der Opfer ein und zeigt, wie etwa die Zivilbevölkerung dem Wüten beziehungsweise einem politischen Kalkül ausgesetzt bleibt, welches das Wohl oder auch nur das Überleben selbst ganzer Völker und Staaten nicht in Rechnung stellt. Ein solcher Kriegsfilm ist etwa Three Kings (USA 1999, R: David O. Russell) mit Clooney und Wahlberg.

Herz aus Stahl gehört zu der mittlerweile wieder vorherrschenden Kategorie heroischer Kriegsfilme und -serien, die um authentische Schlachtdarstellungen bemüht sind. Brutalität, persönliche Nöte und Ängste einzelner Beteiligter finden sich zwar ausgebreitet, dennoch erscheint der Krieg als insgesamt gerechtfertigtes, gar notwendiges Unternehmen. Hierzu eignet sich als historischer Hintergrund der Zweite Weltkrieg besonders gut, weil er tatsächlich gegen ein kriegstreiberisches, rassistisches, völkermörderisches und totalitäres Unrechtsregime geführt wurde, geführt werden musste und sollte. Man zeigt körperlich und seelisch bis zur Zerstörung beanspruchte Männer, die aber dennoch Helden sein können. Als aufwendige Beispiele zu nennen sind Spielbergs Der Soldat James Ryan (USA 1998, R. Steven Spielberg) sowie die ebenso unter Beteiligung von Spielberg und Tom Hanks produzierten Miniserien Band of Brothers (2001) und The Pacific (2010). Lone Survivor (USA 2013, R: Peter Berg) verzichtet auf die historische Kulisse und erzählt den schließlich glücklich beendeten heroischen Leidensweg eines Navy SEAL im aktuellen Afghanistankrieg.

Solche Produktionen blenden das Wesentliche am modernen Krieg weitgehend aus: dass er nicht von heroischen Einzelpersonen geführt, gewonnen und verloren wird, sondern von grotesken, überpersönlichen Kriegsmaschinerien, die ihren eigenen Gesetzen folgen, den einzelnen auf seine Funktion reduzieren und zum schnell austauschbaren Rädchen entwürdigen. Traumatisierung führt in Filmen wie Herz aus Stahl nicht zu völligem Selbstverlust, sondern bleibt lösbare Aufgabe oder zumindest Bürde, die es halt zu tragen gelte. Kriegsverbrechen werden von den guten Amerikanern regelmäßig verhindert und verrückt gewordenen Einzeltätern zugeordnet, die sogleich die gerechte Strafe ereilt. Das Leiden der Zivilbevölkerung kommt bestenfalls in operettenhaften Einzelmartyrien in den verschleierten Blick – besonders ärgerlich in Herz aus Stahl: Staff Sergeant Don „Wardaddy“ Collier (Brad Pitt) sucht bei deutschen Frauen eine heile Familienszene und verhindert deren Mehrfachvergewaltigung durch die eigenen Männer. Eingewoben findet sich die Mär von der kurzen sexuellen Romanze zwischen dem deutschen Mädel Emma (Alicia von Rittberg) und dem ebenso unschuldigen und kultivierten amerikanischen Kriegsneuling Norman (Logan Lerman). Kann eine junge Frau in Todesangst gegenüber einem Angehörigen der feindlichen Truppen so schnell auf jugendliche körperliche Lust umschalten? Die Spitze der Unglaubwürdigkeit ist gegen Ende erklommen, wenn Norman von einem jungen SS-Angehörigen, dessen Einheit er gerade beigetragen hat empfindlich zu dezimieren, in seinem Versteck unter dem Panzer entdeckt, aber nicht verraten wird. Offenbar gilt es, das Publikum über die Schrecken des Krieges mit Einsprengseln leuchtender Humanität dann doch hinwegzutrösten. Herz aus Stahl legt nahe, dass der Krieg so schlimm nun auch wieder nicht sei und nicht wirklich alle Menschlichkeit zerstöre.

Noch ärgerlicher sind die Ästhetisierungen. Norman und uns Kinobesuchern blickt das engelsgleiche Antlitz der eben in deutschem Bombenhagel hingeschiedenen Emma sauber und unversehrt aus einer exakt auf das Gesicht zugeschnittenen Öffnung in dem Trümmerberg entgegen. Das ist deutlich zu viel Hollywood! Doch solches stand bereits nach der ersten Szene zu erwarten: Dort reißt „Wardaddy“ in kühnem Westernsprung einen berittenen Deutschen vom Pferd, nimmt dem Schimmel das Zaumzeug ab und lässt das Tier laufen: die symbolschwere ästhetisierte Aussage vorneweg, dass das deutsche Staatsross durch die Amerikaner von seinem grausigen Nazireiter befreit wird. Es sind durchweg solche abgegriffene Bilder, die der Film bietet – bis zur letzten Einstellung mit dem zerschossenen Heldenpanzer von oben, um den herum tote SS-Schergen massenhaft drapiert sind. The Wild Bunch (USA 1969, R: Sam Peckinpah) lässt insgesamt grüßen, in dessen berühmter Eingangssequenz Kinder wie grausame Schicksalsgottheiten Skorpione von unzähligen Ameisen aus Spaß töten lassen und damit das Ende des Films (unaufdringlich und in damals frischer Symbolik) vorwegnehmen: das Niedermähen einer anonymen Überzahl von Mexikanern durch wenige US-amerikanische Abenteurer, die schließlich doch wie die Skorpione dem ameisenhaften Anrennen der Gegner zum Opfer fallen. Im Kino nichts Neues, nur dass Herz aus Stahl zu altbackenen eleganten Leichendrapierungen und Heldenposen zurückkehrt, wie sie Peckinpah in den 1960ern überwunden hatte.

Eine geistlose Wiederholung von Actionkinoweisheiten bringt die dauernd unterlegte und einmal auch noch ausdrücklich formulierte Gegenüberstellung von Ideal der Menschlichkeit und Realität des Krieges. Die markigen Sprüche zu Gunsten der Realität sind nicht nur von unüberbietbarer Plattheit. Sie zeigen auch, wie wenig Vertrauen der Regisseur in seine Bilder hat. Diese Trägheit des penetranten Wiederholens immer wieder derselben Banalität lässt jede Lust am Nachdenken erlahmen. Das Stakkatopochen auf „Erschieß oder werde erschossen!“ lässt keine Denkräume offen. So etwa greift der Film nirgendwo die gegenwärtige Debatte auf, die sich an Judith Butlers Frage entzündet, „warum wir nicht jedes Leid beklagen“ und von folgender Vermutung ausgeht:

Die Rahmen oder Raster [frames], mittels welcher wir das Leben anderer als zerstört oder beschädigt (und überhaupt als des Verlustes oder der Beschädigung fähig) wahrnehmen oder eben nicht wahrnehmen, sind politisch mitbestimmt. Sie sind ihrerseits schon das Ergebnis zielgerichteter Verfahren der Macht (Raster des Krieges. Warum wir nicht jedes Leid beklagen, FaM, NY 2010, S. 9).

Ein akzeptabler Kriegsfilm hat uns nicht bloß zu entsetzen. Damit reproduziert er ja nur solche Reaktionen, die innerhalb des vorgegebenen Rahmens zu erwarten stehen. Er soll vielmehr die „Verfahren der Macht“ sichtbar machen, die uns zwischen Leben, die wir betrauern, und solchen, die wir nicht betrauern, unterscheiden lassen.

Herz aus Stahl hingegen bewegt sich intellektuell ausschließlich auf dem Niveau seiner Protagonisten, die das große Ganze nicht nur nicht überblicken, sondern gar nicht überblicken wollen und sich selbst darauf reduzieren, eine ihnen von sonstwoher vorgeschriebene „Pflicht“ zu erfüllen. Der gesamte Film ist aus der Froschperspektive von Unteroffizier und Mannschaft erzählt. Der junge, unerfahrene Second Lieutenant (Xavier Samuel), der in einem solchen Streifen nicht fehlen darf, verbrennt bald, der ältere Offiziershaudegen, Captain „Old Man“ Waggoner (Jason Isaacs), der in einem solchen Streifen ebenso nicht fehlen darf, lässt seinem Unteroffizier weitgehend freie Hand. Auf der letzten Mission der Fury bricht dann selbstverständlich die Funkverbindung ab und man kämpft ganz allein, scheinbar gelöst aus dem übrigen Kontext. Weder also die Offiziersebene spielt eine größere Rolle, noch kommt je die Politik in den Blick. Der Mittelbau wird so gezeigt, wie er sich am liebsten selbst sieht, nämlich als völlig auf sich gestellt und ganz aus der Position des erfolgreichen Praktikers operierend – Zugeständnis an das zu erwartende Publikum, dessen Ignoranz bezüglich seines straffen Eingespanntseins in ein unüberschaubares, abstraktes System offenbar bloß nicht erschüttert werden soll. Hier vermisst man die Scharfsichtigkeit eines Joseph Heller am meisten. Den Krieg als komplexes Gebilde aus Politik, Industrie, Verwaltung, Kultur, Psychologie und Kommunikation blendet Herz aus Stahl völlig aus und reduziert Krieg auf Frontgeschehen. Das ganze wird dadurch bei allem äußerlichen Realismus so wirklichkeitsfern, wie der weitgehend nackte, nur mit Schwert bewaffnete Duisburger Siegfried das tatsächliche Bild eines Soldaten des 1. Weltkrieges verfehlt:

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Besonders verräterisch ist, dass das Zusammengepferchtsein von fünf Männern bei höchster Anspannung in engster Stahlkabine visuell überhaupt nicht vermittelt wird. Stattdessen filmt man die Personen innerhalb des Panzers auf eine Weise im close-up, die sicher stellt, dass der jeweils gleich daneben, darüber oder darunter befindliche Soldat nicht mit in dasselbe Bild kommt. Ein Gefühl für die klaustrophobische Enge erhält man so nicht. Ebenso wenig lässt der Film den Lärm in einem Panzer nachempfinden; man scheint sich miteinander in normaler Lautstärke recht gut unterhalten zu können. Die Treffer bilden nicht mehr als einen kleinen, dumpfen Rumms. Zudem herrscht im Inneren des Panzers ein, wenn auch etwas gedimmtes, aber alles gut ausleuchtendes relativ gleichmäßiges Licht. Scharfe Hell-Dunkel-Kontraste werden wie alle anderen sich hier anbietenden Mitteln der Dramatisierung vermieden. Ein geradezu kuscheliges Zusammensein – im Vergleich etwa mit der Szene innerhalb des von Zombies umstellten Autos in Ben & Mickey vs. The Dead (The Battery, USA 2012, R: Jeremy Gardner). Dagegen will Herz aus Stahl den Zuschauer_innen sinnlich offenbar nicht allzu viel zumuten. Die Darstellung der Gräuel des Krieges bleibt auf wenige, erwartbare Schockbilder beschränkt: das an Metalloberfläche klebende halbe Gesicht des Vorgängerbordschützen, die Leichenberge am Straßenrand und im Lastwagen, der im Matsch überrollte tote Körper, der in einer Maschinengewehrsalve entzweigeschossene Unterschenkel, der Pferdekadaver, von dem sich eine alte Frau ein Stück Fleisch abschneidet. Alles das sind Bilder, für die gilt, was Susan Sontag über Fotografie schreibt:

Obwohl die Kamera eine Beobachtungsstation ist, ist der Akt des Fotografierens mehr als nur passives Beobachten. Ähnlich dem sexuellen Voyeurismus ist er eine Form der Zustimmung, des manchmal schweigenden, häufig aber deutlich geäußerten Einverständnisses damit, dass alles, was gerade geschieht, weiter geschehen soll. Fotografieren bedeutet an den Dingen, wie sie nun einmal sind, interessiert zu sein, daran, dass ihr status quo unverändert bleibt (wenigstens so lange, wie man zu einer „guten“ Aufnahme braucht). Es bedeutet, im Komplott mit allem zu sein, was ein Objekt interessant, fotografierenswert macht, auch – wenn das gerade von Interesse ist – mit dem Leid und Unglück eines anderen Menschen (Über Fotografie, 18. Aufl., FaM 2008, S. 18).

Folglich

hat die „anteilnehmende“ Fotografie mindestens ebensoviel dazu getan, unser Gewissen abzutöten, wie dazu, es aufzurütteln (ebd., S. 26).

Herz aus Stahl gehört eindeutig zu den Filmen, die durch ihre Kriegsbilder das Gewissen abtöten.

Aufgrund all dieser Aufhübschungen und Mängel eignet sich der Film als Propagandastreifen für einen „Krieg gegen den Terrorismus“ oder vielleicht demnächst gegen Russland. Bei aller Brutalität wirkt es im Film durchaus schick, wie der von Brad Pitt verkörperte sympathisch kantige „Wardaddy“ zu sterben: Unmittelbar vor ihm sind zwar zwei Stabhandgranaten im Panzer explodiert, doch er sitzt danach wie friedlich entschlafen da mit nur zwei Kratzern auf der Wange! Der einzige Überlebende erhält abschließend vom Sanitäter die Bestätigung, dass er nun ein Held sei. Lohnt es sich nicht vielleicht doch, dafür in den Krieg zu ziehen? An jungen Menschen, die diesen Film eher als Werbung für den Krieg denn als Abschreckung auffassen, dürfte weltweit kein Mangel bestehen – wie ja auch in Jarhead (USA 2005, R: Sam Mendes) schön gezeigt wird, dass selbst eine so quälende Szene wie das Niedermähen von Zivilisten durch die Hubschrauberstaffel in Apocalypse Now von Jungkriegern als vorbildliches Heldenstück aufgenommen werden kann. Der Reiz des Krieges für simple Gemüter wie Grady „Coon-Ass“ Travis (Jon Bernthal) in Herz aus Stahl liegt auf der Hand: er bietet für die unteren Chargen eine einfache Welt: allen politischen Spitzfindigkeiten sowieso unendlich fern, treffen strategische und taktische militärische Entscheidungen die Offiziere. Der Mannschaft wird das Handeln durch Befehl und Situation diktiert. Es folgt letztlich der simplen Maxime „Entweder du oder ich!“ Die Kommunikation ist normiert und bietet daher keine Probleme. Man hat seinen wohldefinierten Platz in klarer Hierarchie. Schließlich präsentiert sich die Welt als schön säuberlich eingeteilt in Gut (die eigene Seite) und Böse (die Feinde). Die Aussicht auf Beförderung, Auszeichnung und Heldentum schafft zudem eine klare Anreizstruktur. Eine Haltung der Jugend ohne Gott, wie sie Ödön von Horváth im gleichnamigen Roman von 1937 beschrieben hat, wird daher bis heute ihre Verfechter finden, wenn auch nicht unter den empfindsamen, nachdenklichen jungen Männern, die wie Norman gerne Bücher lesen und Klavier spielen:

Alles Denken ist ihnen verhasst.
Sie pfeifen auf den Menschen! Sie wollen Maschinen sein, Schrauben, Räder, Kolben, Riemen – doch noch lieber als Maschinen wären sie Munition: Bomben, Schrapnells, Granaten. Wie gerne würden sie krepieren auf irgendeinem Feld! Der Name auf einem Kriegerdenkmal ist der Traum ihrer Pubertät (FaM 1983, S. 24).

Heutzutage gesellt sich zu einer solchen Jugend auch noch ein Gott hinzu, der den Krieg sakralisiert. Soldaten empfinden sich als Jünger, zum bewaffneten Kampf und äußersten Opfer von höchster spiritueller Instanz berufen. Das Zitieren von Bibelversen vor dem letzten Gefecht in Herz aus Stahl spricht Bände.

Angesichts der weltweit wachsenden Kriegsbereitschaft besondere Sorgen bereitet diese Wendung in Herz aus Stahl von einem professionell erledigten Gemetzel zum Kreuzzug, der mit Bibelsprüchen aller auf den Lippen ausgefochten wird – auch derjenigen, die sich davor über den betenden und predigenden Boyd Swan mit dem bezeichnenden Kampfnamen „Bible“ (Shia LaBeouf) lustig gemacht haben. Selbst der bislang allein auf (vor allem seine eigenen) diesseitige Kräfte vertrauende „Wardaddy“ erweist sich, wenn es um das ultimative Opfer geht, als dann doch bibelfester Christ. In der Phantastik des Films blickt also ein wohlwollender Christengott von oben auf die Panzerkrieger, die er als seine Soldaten auswählt, damit sie eine Kreuzung für ihn gegen die Nazis sichern. Folgerichtig bietet die letzte Einstellung die göttliche Perspektive eines sich langsam nach oben bewegenden Top-Shot auf den zerstörten Panzer, die nach und nach den Blick auf die herumdrapierten Feinde eröffnet: der Krieg als Dienst, der uns durch möglichst effektives Töten zu Gott hinaufführt? Wo bleibt da der im Film sonst so vielbeschworene Realismus?

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6 Gedanken zu “Herz aus Stahl

    • Danke für den Hinweis. Aber woher wissen Sie, dass ich Deutscher bin? Ernsthaft: Ich glaube nicht, dass wir dem Film gerecht werden, wenn wir darin eine Geschichtslektion sehen oder erwarten. V. a. Kriegsfilme handeln immer von der Gegenwart: von der jetzige Sicht des Krieges. Das ist es auch, was mich an dem Film bei meiner Deutung interessiert: die sogar in Europa wieder wachsende Bereitschaft, in den Krieg zu ziehen, Helden zu produzieren und den Tod der Feinde nicht zu beklagen. Dass in „Herz aus Stahl“ Nazis zu Hunderten niedergemäht werden, gefällt mir an dem Film noch am besten – ebenso wie das völlig unhistorische Massaker an den Nazioberen und an Hitler in Tarantinos „Inglourious Basterds“ mir das Herz erwärmt hat. Nur leider ist „Herz aus Stahl“ kein Tarantino-Comic, sondern ein Werbefilm für das US-Militär, der den 70 Jahre zurückliegenden gerechten Krieg gegen die Nazis missbraucht, um aktuelle Kriege zu legitimieren.

      • „Nur leider ist “Herz aus Stahl” kein Tarantino-Comic, sondern ein Werbefilm für das US-Militär, der den 70 Jahre zurückliegenden gerechten Krieg gegen die Nazis missbraucht, um aktuelle Kriege zu legitimieren.“
        Ich sehe folgendes:
        Die Lektion, die die Enkel dieses Landes aus den zwei Kriegen gezogen haben ist die, dass man sich aus allen raus halten muss, denn Krieg ist was schlechtes, weil er einen selbst schadet (Dresden ect.). Deshalb halten sich hier alle mit den ‚Kriegswunsch‘ zurück, weil die heutigen Rufe nach Krieg keine Rufe der Verteidigung der eigenen Privilegien sind, sondern es sind Aufforderungen, andere zu retten und ihnen ebenfalls so etwas wie ein freies Leben zu ermöglichen. Einen Krieg zu führen, um Menschen vor Unrecht zu beschützen, ist ein Krieg, der noch nie von diesem Land aus ausging. Es ist gepflegte deutsche Tradition die Hände in den Schoß zulegen, wenn anderen Unrecht geschieht, deshalb gab es den Holocaust auch hier und nicht woanders.
        Und genau diese Tradition ist es, die dafür sorgt, dass man gerne die, die tatsächlich auch aus anderen Gründen, wie Rassenwahn, Krieg führen als Kriegstreiber bezeichnet. Man kann natürlich auch den Krieg an sich verurteilen und alles objektiv sehen, doch diese bequeme, von vielen wohl gesehene Meinung, hat nicht Auschwitz befreit und wird nicht die IS zurückhalten. Sie scheißt aber den Amerikanern ganz passabel ans Bein.
        Sind Sie den Deutscher? Ich bin davon ausgegangen, hatte ich Unrecht?

      • Warum soll es denn so wichtig sein, ob ich Deutscher bin oder nicht? Ist es wirklich immer so einfach wie im Falle der Nazis, den Schurken in einem Konflikt eindeutig auszumachen? Ist es nicht vernünftig, Krieg lieber zu vermeiden, etwa indem man eine Politik betreibt, Kriegsursachen gar nicht erst entstehen zu lassen? Sind Prävention und Ächtung des Krieges nicht gerade auch wegen der immensen Opfer in der Zivilbevölkerung, die moderne Kriegführung mit sich bringt, vernünftig? Welche Politik hat denn etwa IS überhaupt erst ermöglicht? Unter „den Amerikanern“ befinden sich glücklicherweise auch einige, die nicht in den Drohnen die Lösung aller Probleme sehen.

  1. Danke für den Hinweis per E-Mail: Selbstverständlich hätte ich auch noch „Steiner – Das eiserne Kreuz“ (Cross of Iron, UK, D, Jugoslawien, 1977, R: Sam Packinpah, D: James Coburn, Maximilian Schell, Senta Berger u. a.) in der kurzen Liste der klugen Filme erwähnen sollen, die Struktur und Absurdität des Krieges erkunden. „Steiner“ ist zudem hervorragend filmisch umgesetzt: mit den ruppigen Schnitten, Zeitlupenaufnahmen, plötzlichen Standbildern, die zusammen den Verlust einer Sinneinheit zum Ausdruck bringen. Als Einstellungsgröße herrscht eine Totale vor, die in jedes Bild eine Fülle an Information packt und das Eingebundensein jedes einzelnen Kämpfers in einen großen, für ihn unüberschaubaren Zusammenhang zum Ausdruck bringt. Auch werden unterschiedliche unvereinbare Perspektiven eröffnet, die bis zuletzt unversöhnlich nebeneinander stehen. „Steiner“ klingt nicht in sakraler Top-Shot-Kamerafahrt aus, sondern in dem irrsinnigen Lachen Steiners. Dieser Film sei als positiver Kontrast zu „Herz aus Stahl“ wärmstens empfohlen. Das Bild des vom Panzer überrollten und noch tiefer in den Dreckt gedrückten Leichnams hat der Regisseur von „Herz aus Stahl“ aus „Steiner“ geklaut – bei „Steiner“ ist es viel beiläufiger gezeigt und dadurch nur umso erschreckender.

  2. Pingback: Herz aus Stahl, Eulen aus Stoff und zwei neue Graphic Novels | Philosophie und Kultur

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