Houses without Doors

Diese Besprechung von Dr. Alexander Wiehart wurde am 9. September 2017 online gestellt.

Bitte Folgendes beachten: Ziel meiner Besprechungen ist es nicht, Empfehlungen abzugeben. In erster Linie setze ich mich essayistisch mit Filmen und Serien auseinander und behandle an ihnen allgemeine philosophische, sozial- und geisteswissenschaftliche Fragen. Dabei muss ich das „Ende“, Pointen, Wendungen und Clous oft in die Überlegungen einbeziehen. Wer sich daher Spannung und Suspense nicht verderben lassen will, lese meine Kritiken immer erst nach Sehen des Films! Die Spoilerwarnung ist hiermit ausgesprochen.

Houses without Doors (Manazil bela abwab): Syrien, Libanon 2016, R: Avo Kaprealian.

Besprechungsgrundlage ist die Aufführung in OV mit englischen Untertiteln am 24. August 2017 im KIN*K – Kino Kapriziös der BLO-Ateliers Berlin Lichtenberg im Rahmen des dortigen Residenzprojekts für Künstler*innen im Exil „HIER & JETZT

„Ein Haus ohne Tür ist kein Haus mehr“ – diese titelgebende und „Houses without Doors“ insgesamt leitende Weisheit fasst treffend die Situation der Entstehung des preisgekrönten und auf der Berlinale 2016 gezeigten Dokumentarfilms zusammen. Die Lage in Aleppo während des syrischen Bürgerkrieges war zu unsicher geworden, um unbeschwert das Haus zu verlassen. Filmen war bereits von der Wohnung aus gefährlich genug. So hatten regimetreue Sicherheitskräfte Kaprealians Filmmaterial schon einmal vernichtet. Der Vater fürchtet sich vor einem neuerlichen stattlichen Einschreiten. Vor allem aber kann jederzeit eine Granate oder Fliegerbombe einschlagen. Nachbargebäude wurden bereits wie Puppenhäuser offengerissen, Bewohner*innen getötet. Brände züngeln ringsum hervor, Qualm hängt in die Gassen. Straßenkämpfe rücken näher, mit Scharfschützen ist zu rechnen. Unter diesen Bedingungen verlieren die Türen ihre Funktion, mit der Außenwelt zu verbinden. Sie werden zum Teil der Mauern und dienen fast nur noch dem einen Zweck, sich vor dem draußen herrschenden Chaos abzuschotten. Kein zivilisatorischer Puffer schützt das Haus vor ungezügelter Gewalt, kein Puffer, der Raum böte, die Türen erwartungsvoll zu öffnen. Bricht die Tür auf, ist die familiäre und persönliche Existenz der Vernichtung preisgegeben. Solange die verschlossenen Türen standhalten, mag zwar noch Hoffnung auf Fortsetzung des Daseins bestehen, die Aussicht auf selbstbestimmte Entfaltung eines einigermaßen guten Lebens aber ist passé. Denn die Bedrohung des nackten Lebens bestimmt das familiäre Zusammenwohnen und die gesamte Lebensführung. Häuser ohne Türen werden zu selbstverordneten Lagern, die unter dem Diktat des Überlebens stehen.

Der Film erkundet diese aufgezwungene Lagersituation erstens im Kontrast und beginnt mit Ausschnitten aus prächtigen offiziellen Propagandafilmen militärischer Aufmärsche. Zwischen monumentalen Jets und Raketen marschieren kleine Menschen in Uniform und Gleichschritt, ganz auf ein Ziel hin gebürstet. Individuelle Unterschiede sind konsequent eingeebnet. Man soll ganz in der Position aufgehen, die einem im Kriegsapparat zugewiesen wurde. Ganz anders der Blick auf die zivilen Bewohner eines Kriegsgebiets: Die Individuen treten mit ihren je eigenen Ängsten, Hoffnungen, Verarbeitungs- und Bewältigungsstrategien in scharfer Kontur hervor. So zieht sich der Vater in weitgehend schweigende Sorge und Paranoia zurück, die Mutter gewinnt Halt in akribischer Hausarbeit und Kartenlegen, Knaben sammeln Patronenhülsen, spielen die Gefechte mit Spielzeugwaffen nach und beschimpfen einander dabei mit aufgeschnappten Propagandawendungen. Jede Bewegung einer Person in der Wohnung oder auf der Straße gewinnt eine ganz eigene Wichtigkeit – es könnte die letzte Bewegung dieses Menschen sein. Besonders ergreift das Schicksal der Kinder. Wieder wächst eine kriegsbeschwerte Generation heran, eine Generation, der man die Kindheit stiehlt – schmerzhafte Erinnerungen an meine eigenen Eltern, bis zu ihrem Tode Kinder des Zweiten Weltkrieges, werden wach. Für alle Kriegskinder steht der Ausschnitt aus El Topo des chilenischen Regisseurs Alejandro Jodorowsky (Mexiko 1970), den Kaprealian nach der Montage aus den Streitkräftewerbeclips bringt: Mit archaischer Wucht in Italowestern-Ästhetik fordert El Topo darin seinen nackten siebenjährigen Sohn auf, die Attribute der Kindheit: Teddybär und Foto der Mutter im Wüstensand zu begraben und von nun ab „Mann“ zu sein. Wie ein zweiter, späterer Ausschnitt zeigt, wurde im Heimatdorf ein Massaker verübt. Mannsein erscheint verengt zur Kämpferexistenz.

Zweitens stellt Kaprealian einen Bezug her zu Deportation, grausamster Misshandlung, Massenvergewaltigung, Massaker, Genozid und Vertreibung seines Volkes. Bereits der Ort, wo die Aufnahmen entstehen, verweist auf diese Vergangenheit. Denn im Midan-Viertel von Aleppo hatten sich zahlreiche Armenier angesiedelt, die dem systematischen Völkermord durch das Osmanische Reich während des Ersten Weltkrieges entkommen konnten. Schätzungsweise 60.000 Armenienstämmige lebten vor Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges allein in Aleppo. Wie viele sich davon mittlerweile wie ihre Vorfahren auf der Flucht befinden, steht in den Sternen. Verständlich, dass unter solchen Umständen Erinnerungen an die bis ins 6. Jahrhundert zurückreichende armenische Exilgeschichte aufflammen. In „Houses without Doors“ ist sie vor allem in Gestalt von Ausschnitten aus älteren Filmen beziehungsweise deren Ton präsent. Kaprealian ruft das filmische Gedächtnis auf. Es reicht zurück bis in die Dunkelheit des Genozides. Denn Arshaluys (Aurora) Mardiganian, eine in die USA emigrierte blutjunge Überlebende, veröffentlichte 1918 ihre Erinnerungen unter dem Titel „Ravished Armenia“ und spielte sich selbst in der unmittelbar folgenden Hollywoodverfilmung Auction of Souls (R: Oscar Apfel, USA 1919). Von dieser Produktion blieben insgesamt zirka zwanzig Minuten erhalten, die in neu zusammengefügter und restaurierter Fassung vorliegen. Mit Mayrig (F 1991) schuf der französische Erfolgsregisseur Henri Verneuil mehr als zwei Generationen später einen konventionellen, aber durchaus berührend Spielfilm mit den Stars Claudia Cardinale und Omar Sharif. In reflektierender Haltung sucht Atom Egoyan aus der historischen Distanz einen filmischen Zugang in Ararat mit Charles Aznavour (Kanada, Frankreich 2002). Avo Kaprealian, Jahrgang 1986, gesteht sich durch das Montieren älteren Filmmaterials ein, wie fragmentarisch und stark vermittelt das Wissen über den Völkermord geworden ist, wie überlagert durch Bilder und Geschichten des Kinos. Bereits Atom Egoyan thematisierte vor allem das Ringen um eine angemessene Haltung der Nachgeborenen gegenüber den weit zurückliegenden Ereignissen, von denen uns heute bereits 100 Jahre trennen.

Kaprealian bezieht sich daher viel gefasster auf die wiederkehrende Gewaltvergangenheit als etwa Theo Angelopoulos in Der Blick des Odysseus (Το βλέμμα του Οδυσσέα: D, Gr, F, I 1995). Harvey Keitel spielt darin einen Regisseur, der sich in dem Chaos des untergehenden Ostblocks auf die Suche nach dem unverstellten Blick begibt und zuerst tatsächlich glaubt, ihn finden zu können in den Arbeiten der Gebrüder Manaki, die als die balkanischen Filmpioniere gelten. Den ungebrochenen Blick, sollte er überhaupt menschenmöglich sein, gibt es jedoch spätestens seit der Kulturentstehung nicht mehr. Selbst Odysseus‘ Blick ist, soweit in den homerischen Epen überliefert, vollständig durch Kultur und Gesellschaft geprägt – und durch leidvolle Kriegserfahrung. Avo Kaprealian sucht denn auch kein Urbild, sondern bescheidet sich, jene Bilder zu bezeugen, mit denen er aufgewachsen ist, durch die er sehen übte. Er weiß bereits und setzt voraus, wo Angelopoulos‘ Film erst ankommen muss. Daher agiert Kaprealian mit seiner Kamera aus dokumentarischer Distanz, ohne zu emotionalisieren oder zu kommentieren. Ausgewählt werden keine betont bedeutungsschweren oder mitreißenden Events, sondern langsame, unspektakuläre Szenen am Rande des Ein- und wieder Abziehen eines Krieges, keine heroische Suche, sondern das unprätentiöse Festhalten des Beginns eines Begräbniszuges, einer Geburt, des Neujahrsfests, des Fegens des Straßenkehrers, des Ganges eines alten Mannes, des Neuanbringens der heruntergeschossenen Balkonmarkise, des Spielens von Kindern, des Kartenlegens, Fernsehens, Telefonierens, Pflegens der Topfpflanzen, Abwaschens, Wäscheaufhängens, Bügelns usw.

Besonders bewegt, wie die Menschen sogar unter Beschuss versuchen, an ihren gewohnten Tätigkeiten festzuhalten. Selbst der Katastrophe können sie eine Normalität abtrotzen. Heroisches findet sich nur im Fernseher. Die Zivilisten, denen sich Stunden, Tage, Wochen, Monate dehnen, liefern keine spannende Story. Zur Untätigkeit verdammt, bleibt nichts anderes übrig, als unter einem Himmel zu warten, der Bomben bringt. Auch Regen ist, wie es im Film heißt, nicht mehr schön, sondern nur noch zusätzliche Beschwernis namentlich für die Ausgebombten. Gegen Ende des Films verhallen Salven und Sirenen; Regierungstruppen haben Aleppo eingenommen. Es ist noch einmal gut gegangen, zumindest für die Überlebenden. Die Gewissheit der Fragilität der bürgerlichen und biologischen Existenz bleibt. Nur langsam fasst das städtische Leben den Mut, sich zu regen und sich seinen Rhythmus nicht mehr durch Todesangst vorgeben zu lassen. Ein Kran wird errichtet; der Wiederaufbau beginnt. Welche Mischung aus Erinnern und Vergessen kann gelingen?

Die Stimmung am Ende des Films findet sich erstaunlich präzise in Formulierungen von Ernst Bloch vorweggenommen. Sie stammen aus einem Interview am Vorabend der 68er-Revolte und stehen unter dem Eindruck einer noch ganz und gar unbewältigten Nazivergangenheit:

Die Zeit, in der wir leben, ist ein Hohlraum, ein Hohlraum mit Funken zweifellos, aber doch ein Hohlraum, den die meisten auch als solchen empfinden, als ein Vakuum empfinden. Der schlichteste Ausdruck ist Langeweile. Der stärkste oder der gewagteste Ausdruck wäre Verzweiflung, mit Nihilismus am Ende. Das ist so eine Mischung, eine unreinliche Mischung, die wir haben. Sie ist noch nicht ganz ausgebrannt, aber jedenfalls scheint Langeweile hervorzutreten, Öde, Nichtwissen, womit man sich beschäftigen soll. Wissen, was man jetzt und nicht nachher will, aber Nichtwissen, was man überhaupt will, keine Ahnung davon haben (Hoffnung mit Trauerflor, in: Ders.: Tendenz-Latenz-Utopie, FaM 1978, 336-349, hier: 347).

Für die ganz ähnliche Befindlichkeit im heutigen Aleppo hat Kaprealian das Bild gefunden von Wäscheklammern auf leerer Leine in der gedimmten Sonne des Balkons, leicht bewegt durch die Luft, weit dahinter der Himmel. Damit klingt der Film aus. Was kann die träge, verunsichernde Leere, die der Krieg im Leben hinterlässt, künftig füllen? Bloch:

Also unsere Arbeit ist aufgerufen, und dieses Hellmachen des Hohlraumes mit Funken vor uns, das eben ist Angelegenheit einer Philosophie der Hoffnung (ebd., 349).

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s