Im Herzen der See

Diese Besprechung von Dr. Alexander Wiehart wurde am 9. Dezember 2015 online gestellt.

Bitte Folgendes beachten: Ziel meiner Besprechungen ist es nicht, Empfehlungen abzugeben. In erster Linie setze ich mich essayistisch mit Filmen und Serien auseinander und behandle an ihnen allgemeine philosophische, sozial- und geisteswissenschaftliche Fragen. Dabei muss ich das „Ende“, Pointen, Wendungen und Clous oft in die Überlegungen einbeziehen. Wer sich daher Spannung und Suspense nicht verderben lassen will, lese meine Kritiken immer erst nach Sehen des Films beziehungsweise der Serie! Die Spoilerwarnung ist hiermit ausgesprochen.

Im Herzen der See (In the Heart of the Sea): USA 2015, R: Ron Howard, D: Chris Hemsworth, Benjamin Walker, Brendan Gleeson, Tom Holland, Ben Whishaw, Cillian Murphy.

Besprechungsgrundlage ist eine Kinoaufführung.

Milou

Jahreszahlen erweisen sich bisweilen als anregend. 1819, im selben Jahr, als das Walfangschiff Essex zu seiner letzten Fahrt ausläuft, erscheint weit weg von Nantucket, jenseits des Atlantik im 6000 km entfernten Leipzig der Erstdruck von Arthur Schopenhauers Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung. Nordamerikanische Walfänger werden davon keine Notiz genommen haben, zumal das Buch sogar bei zeitgenössischen deutschen Philosophen vorerst weitgehend unbeachtet blieb. Die Welt allerdings, wie sie Schopenhauer als Wille auffasst, dürfte jener durchaus entsprechen, worin die Walfänger agierten und die uns der Film Im Herzen der See in packenden Bildern nacherleben lässt. Mit eisernem, illusionslosem Willen, getrieben von Profitgier jagen die whaler unter Lebensgefahr monate- bis jahrelang auf ihren Segelschiffen, gebeutelt von Stürmen, Großwalen hinterher, in die sie per Hand ihre Harpunen zu schleudern versuchen: eine strikt materielle Welt, worin die massigen Säugetiere nicht als Mitgeschöpfe anerkannt, sondern als Ressourcenlager erbarmungslos ausgeschlachtet werden. Man triumphiert über das von Blut rot gefärbte Ausblasen der sterbenden Wale. In den Kopf des Pottwales steigt man hinunter wie in ein Bergwerk, um Spermaceti (wörtl. „Sperma des Seeungeheuers“) abzubauen und in Fässer zu füllen. Daraus gewann man an Land Kerzenwachs. Die zentimeterdicke Fettschicht des Wals diente zur Herstellung von Lampenöl. Während des gesamten Films sind die Wale daher auch an Land präsent – als Lichtbringer für Privaträume und ganze Städte. Straßenlaternen werden mit Tran befüllt. Das nächtliche Gespräch zwischen Herman Melville (Ben Whishaw) und dem bereits ergrauten Augenzeugen Thomas Nickerson (Brendan Gleeson) findet im Schein aus Walrat produzierter Kerzen und Walöllampen statt; effektvoll spiegelt und bricht sich das Rotgelb der Flammen mehrfach in dem Glas der zahllosen Flaschenschiffe. Walfang war der Vorläufer der Erdölindustrie. Bis in die zweite Hälfte des 19. Jhs. hinein bildete er einen der tragenden Pfeiler der Zivilisation. Emporragende Harpunen, die Schiffsmaste der Fangschiffe und die rauchenden Schlote einer Industrie, die Amber, Blubber und Spermaceti verarbeitet, bestimmen die Ansichten von Nantucket.

Als die Überlebenden der Essex auf weitgehend ödem Eiland mitten im Pazifik erschöpft und gescheitert stranden, erkennen sie bald, dass sie sich erneut auf die offene See begeben müssen, um nicht zu verhungern. Die zu Beginn so ambitionierte Hauptfigur des Obermaates Owen Chase (Chris Hemsworth) scheint in seinem anfänglich hochfahrenden Willen durch die zurückliegenden Erlebnisse ernüchtert. Er bemerkt, dass wir Menschen auf Erden nur winzige trübe, vergängliche Flecken bilden. Seine Ent-Täuschung bezüglich dessen, was in seiner Macht liegt, scheint ihn somit Schopenhauers Position angenähert zu haben. Denn der in der zweite Auflage von Die Welt als Wille und Vorstellung 1844 neu beigefügte zweite, ergänzende Band beginnt mit einer Entzauberung der Welt:

Im unendlichen Raum zahllose leuchtende Kugeln, um jede, von welchen etwan ein Dutzend kleinerer, beleuchteter sich wälzt, die inwendig heiß, mit erstarrter, kalter Rinde überzogen sind, auf der ein Schimmelüberzug lebende und erkennende Wesen erzeugt hat; – dies ist die empirische Wahrheit, das Reale, die Welt. Jedoch ist es für ein denkendes Wesen eine mißliche Lage, auf einer jener zahllosen im gränzenlosen Raum frei schwebenden Kugeln zu stehen, ohne zu wissen woher noch wohin, und nur Eines zu seyn von unzählbaren ähnlichen Wesen, die sich drängen, treiben, quälen, rastlos und schnell entstehend und vergehend… (zitiert nach der Ausgabe letzter Hand, der 3. Aufl. von 1859: Die Welt als Wille und Vorstellung. Zweiter Band, welcher die Ergänzungen zu den vier Büchern des ersten Bandes enthält, FaM 2006, S. 11).

In diese „mißliche Lage“ gelangen wir durch unseren Willen. Dieser Wille kann uns aus ihr nicht hinausführen, sondern bindet uns, einen je stärkeren Willen wir ausprägen, nur desto unentrinnbarer in die Welt und ihr Leiden ein. Gegen Ende des zweiten Bandes erläutert Schopenhauer in Kapitel 48 die Abhilfe, die er empfiehlt, unter der Überschrift „Zur Lehre von der Verneinung des Willens zum Leben“:

Wenn wir nun den Willen zum Leben im Ganzen und objektiv betrachten; so haben wir, dem Gesagten gemäß, ihn uns zu denken als in einem Wahn begriffen, von welchem zurückzukommen, also sein ganzes vorhandenes Streben zu verneinen, Das ist, was die Religionen als die Selbstverläugnung, abnegatio sui ipsius, bezeichnen: denn das eigentliche Selbst ist der Wille zum Leben. Die moralischen Tugenden, also Gerechtigkeit und Menschenliebe, da sie, wie ich gezeigt habe, wenn lauter, daraus entspringen, daß der Wille zum Leben… sich selbst in allen seinen Erscheinungen wiedererkennt, sind demzufolge zuvörderst ein Anzeichen, ein Symptom, daß der erscheinende Wille in jenem Wahn nicht mehr ganz fest befangen ist, sondern die Enttäuschung schon eintritt… Denn die wahre Rechtschaffenheit, die unverbrüchliche Gerechtigkeit, diese erste und wichtigste Kardinaltugend, ist eine so schwere Aufgabe, daß, wer sich unbedingt und aus Herzensgrunde zu ihr bekennt, Opfer zu bringen hat, die dem Leben bald die Süße, welche das Genügen an ihm erfordert, benehmen und dadurch den Willen von demselben abwenden, also zur Resignation leiten (ebd. S. 704).

Owen Chase ist also dabei, das zu erlernen, wovor uns unsere Kultur und Gesellschaft mit aller Macht abhalten möchte, was uns Schopenhauer aber ausdrücklich nahe legt: nämlich zu resignieren. Diese Resignation äußert sich zuerst in einem überraschenden, abweichenden Verhalten: den eigenen Begierden und Interessen nicht mehr bedingungslos zu folgen, sondern stattdessen die (in der Besprechung von The 100: Staffel 2 eingehender erläuterte) Position der Moral einzunehmen, sich also, ohne sich einen Nutzen davon zu versprechen, um andere Lebewesen zu sorgen und tätig zu bemühen.

Im Herzen der See ist ausdrücklich keine Moby-Dick-Verfilmung: das Treffen zwischen Melville und Nickerson endet mit Melvilles Bekenntnis, dass es sich bei seinem Roman um Fiktion handeln soll. Dagegen folgt Ron Howards Film im großen Ganzen der gleichnamigen, im Jahre 2000 veröffentlichten, preisgekrönten historischen Rekonstruktion der Ereignisse durch Nathaniel Philbrick. Zwar vermenschlicht der Film den weiß gescheckten Großwal immer noch zu sehr: das Tier folgt den Booten und macht der kleinen übrig gebliebenen Besatzung bis zuletzt klar, dass es sie jederzeit vernichten könnte. Doch zum Showdown wie in Melvilles Klassiker von 1851 zwischen einem rachebesessenen Captain Ahab und einem dämonischen Seemonster kommt es schließlich nicht. Denn Chase verzichtet Auge in Auge mit dem Wal, die Harpune zu schleudern, der Wal verzichtet daraufhin auf den letzten, alleszermalmenden Angriff und schwimmt in die Weiten des pazifizierten Pazifiks davon. Gängiger Erwartung an eine eskalatorische Hollywooddramaturgie entspricht das nicht, die nur allzu oft einen starken Willen feiert, der sich im Kampf bis zum Äußersten und in der Vernichtung des Gegners entlädt. Uns überrascht der beiderseitige gerechte Gewaltverzicht; er verleiht Wal und Mensch die Würde, aus der Rolle zu fallen und dadurch Freiheit in gegenseitigem Respekt zu beweisen – ähnlich wie dies Roy in Blade Runner schließlich gelingt. Im Herzen der See entsagt Heroismus und symbolischer Aufladung gänzlich, insbesondere dem Zelebrieren eines abgedroschenen und unnötigen Kampfes zwischen Mensch und Natur. Nicht mehr muss der Wal als blutrünstiges Monster herhalten, sondern darf als Meeressäuger tun, was Meeressäuger aufgrund ihrer Biologie eben so tun. Die zu Beginn des Films etwas altbacken reißerisch gestellte Frage: „Ungeheuer – gibt es sie wirklich?“ beantwortet der Film also richtig mit „Nein!“ Nur die Menschen spinnen sich Monster zusammen und provozieren durch ihre eigenen monströsen Handlungen Reaktionen, mit denen sie nicht gerechnet haben und die ihnen deshalb monströs erscheinen.

Im Herzen der See entlastet sogar uns Menschen, uns als Ungeheuer sehen zu müssen. So erfährt Thomas Nickerson, der dreizehnjährige Schiffsjunge, der das Essex-Desaster überstand (Tom Holland), gegen Ende seines Lebens die Erlösung: indem er sich überwindet und Melville in der Rahmenhandlung davon erzählt, wie das Häufchen Männer, die auf den notdürftig ausgebauten Walfangbooten im Nirgendwo des Stillen Ozeans trieben, nur durch Verzehr der Leichen der verstorbenen Kameraden überleben konnten. Die jahrzehntelang nagenden Selbstvorwürfe, ein Kannibale zu sein, werden ihm von dessen Ehefrau und Melville genommen. Schön deftig Melvilles Kommentar:

Der Teufel liebt unausgesprochene Geheimnisse, besonders wenn sie in der Seele eines Menschen faulen.

Humanität überwindet diese Fäulnis. Das ist nicht sonderlich spannend, entspannt uns aber moralisch in die richtige Richtung.

Am Ende des Films finden wir auch die Hauptfigur, den jungen Obermaat Owen Chase erlöst von seinem Getriebensein, insbesondere von seinem Willen, unbedingt Kapitän auf einem Walfangschiff zu werden. Als vergleichsweise wenig abenteuerlicher Handelskapitän, der fern von allem Jagen und Abschlachten auf festen, sicheren Routen verkehrt, findet er seine unheroische Ruhe in Annäherung an Schopenhauersche Resignation. Mit Kapitän Pollard (Benjamin Walker), seinem unfähigen Vorgesetzten auf der Essex, kann er Frieden schließen. Chase hätte sich sogar in den Tod auf dem Pazifik gefügt, wäre sein Boot nicht doch noch rechtzeitig in einen Hafen getrieben.

Der historische Owen Chase (1797-1869) entschied sich übrigens anders. Ganz im Gegensatz zu seinem Filmcharakter setzte er seine Walfangfahrten noch 20 Jahre lang fort – mit großem Erfolg. Bald war er tatsächlich Kapitän und schließlich Kapitän auf eigenem Walfangschiff. Bis er sich zur Ruhe setzte, verbrachte er das Leben größtenteils auf See. Zwei weitere seiner Kinder lernte er erst geraume Zeit nach deren Geburt kennen. Im Alter allerdings scheinen ihn die unbewältigten Erlebnisse als kannibalischer monatelang Schiffbrüchiger zunehmend verfolgt zu haben.

Im selben Jahr wie Owen Chase wurde Annette von Droste-Hülshoff geboren – unterschiedlichere Biografien sind kaum denkbar! Doch das nur nebenbei als Anregung wieder aufgrund gleicher Jahreszahlen. Vielleicht fällt jemandem dazu etwas Kluges ein… 1819 lief übrigens nicht nur die Essex zum letzten Mal aus und erschien Schopenhauers Hauptwerk zum ersten Mal, Théodore Géricault präsentiert im Pariser Salon auch sein monumentales Ölbild Das Floß der Medusa (Le Radeau de la Méduse), womit er an das wohl skandalöseste Schiffsunglück dieser Zeit erinnerte.

In den 1850er Jahren läutet die Meisterung der Petroleumherstellung und Errichtung der ersten Erdölförderanlagen das Ende der ersten Walfangära ein. Doch führte die nun unblutige Gewinnung des neuen Energieträgers, wie wir an uns Heutigen nur allzu gut beobachten können, keineswegs dazu, dass die Menschen mit sich ins Reine gekommen wären: giergetriebenes Abenteurertum verlagerte sich lediglich von maritimer Blutrünstigkeit auf die (bis heute anhaltende) Berauschung an dem Schwarzen Gold unter der Erde. Unversöhnliches dazu findet sich in dem herausragenden Kinofilm: There Will Be Blood (USA, 2007) von Paul Thomas Anderson mit Daniel Day-Lewis und Paul Dano. Demgegenüber und im Vergleich mit den Biografien der realen Besatzungsmitglieder der Essex präsentiert Im Herzen der See menschliche Ambition vielleicht dann doch als zu harmlos: als zu entrinnbar und unrealistisch wenig destruktiv. Bei allen Sympathien für einen guten, detailverliebten Film mit humaner Botschaft: Das Prädikat „Besonders Wertvoll“ verdient Im Herzen der See nicht.

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