James Bond 007: Spectre

Diese Besprechung von Dr. Alexander Wiehart wurde am 20. November 2015 online gestellt.

Bitte Folgendes beachten: Ziel meiner Besprechungen ist es nicht, Empfehlungen abzugeben. In erster Linie setze ich mich essayistisch mit Filmen und Serien auseinander und behandle an ihnen allgemeine philosophische, sozial- und geisteswissenschaftliche Fragen. Dabei muss ich das „Ende“, Pointen, Wendungen und Clous oft in die Überlegungen einbeziehen. Wer sich daher Spannung und Suspense nicht verderben lassen will, lese meine Kritiken immer erst nach Sehen des Films beziehungsweise der Serie! Die Spoilerwarnung ist hiermit ausgesprochen.

James Bond 007: Spectre (Spectre): UK 2015, R: Sam Mendes, D: Daniel Craig, Christoph Waltz, Dave Batista, Léa Seydoux, Monica Bellucci, Ralph Fiennes, Ben Whishaw, Naomie Harris, Andrew Scott u. a.

Besprechungsgrundlage ist eine Kinoaufführung.

In der eröffnenden Actionsequenz mit furioser Keilerei in einem Helikopter, der auf einen überfüllten Platz in Mexico-Stadt zu stürzen droht, zeigt Regisseur Sam Mendes, was er kann, aber dann den gesamten Film über doch nicht tut: einen rasanten, verspielten, im Detail überraschenden Genrefilm im Stil der Bond-Streifen der 60er und 70er zu inszenieren. Stattdessen beschränkt er sich in der Folge darauf, handwerklich solide den gängigen Erwartungen zu entsprechen. PaulaMendes verwaltet das Erbe, statt es für unsere Zeit zu beleben. Damit fällt Spectre an Charme, Esprit, Suspense und Sinnlichkeit weit etwa hinter einem gelungenen Sixties-Revival wie Codename U.N.C.L.E. (The Man from U.N.C.L.E.: USA 2015, R: Guy Ritchie) zurück. Der neue Bond hat etwas von angestrengter, arbeitsweltlich geforderter Lustentsagung und taugt somit wenigstens als Bild gegenwärtiger Gesellschaft.

Spectre transportiert das Bild des hart Arbeitenden, den zwar permanent die Genüsse locken, der sich aber das Auskosten verkneift. Ganz anders etwa als Sean Connery vor einem halben Jahrhundert in Feuerball (Thunderball: UK 1965, R: Terence Young), den man permanent naschen, essen, trinken, schwimmen, spielen, Frauenrücken mit Nerzhandschuhen pflegen, prickelnde Schäferstündchen halten und einmal sogar – im geradezu prophetischen Vorbiss auf Tarantino – den Fuß Claudine Augers anknabbern sieht. Daniel Craig gibt sich geradezu asketisch, zumindest aber konsequent fantasielos. Sex ist Programmpunkt. Zwangsläufig und zugleich verstohlen wird er schließlich eruptiv im Gepäckwagen vollzogen. Mehr als den Quickie zwischendurch scheint die harte Agentenarbeit heutzutage nicht zu erlauben.

In einer Zeit des beruflichen Drucks, sich regelmäßig intern auf die eigene Stelle neu bewerben zu müssen, kommt der Drang hinzu, permanent Eignung zu demonstrieren. In Spectre geht es daher gar nicht mehr um die Rettung der Welt durch Bond, sondern um die Rettung Bonds dadurch, dass er beweist, die Welt immer noch retten zu müssen und zu können. Das macht die Figur so unentspannt: Wie ein älter werdender Arbeitnehmer läuft sie verzweifelt ihrer eigenen Legende der Unersetzlichkeit hinterher. Kein Wunder, dass sie sich nur noch selbst zu zitieren traut. Immerhin das lässt uns der Film intensiv erleben.

Vollends zur hilflosen, geradezu panischen Selbstbehauptungsgeste gerät Bonds Hervorholen des zum x-ten Male reparierten Aston Martin in der Schlussszene. Ohne dieses Gefährt wüsste er nicht, wer er ist und wie er der schönen Frau an seiner Seite begegnen sollte. Bond drückt sich weder verbal, noch mimisch aus: aus versteinerten Gesichtszügen quetschen sich nur gruftige Zitate aus früheren Filmen. Die Kommunikation vollzieht sich über Posen, Markenkleidung und technisches Zeugs, v. a. über Fortbewegungsmittel, in die man die Frau wie in eine Konspiration ewiger Jugend gnädig aufnimmt. Im Gegenzug wird der Frau schweigendes Einverständnis abverlangt, mag es auch noch so gequält ausfallen. So symbolisiert die Kunstfigur Bond in ihrer aktuellen Variation eine Beziehungsunfähigkeit, die unzählige reale Männer hinter dem Lenkrad meinen mit ihrem Auto- und Technikfetischismus überspielen zu können, ergänzt durch wegwerfende Aggression gegen alles, was nicht in das überholte Männlichkeitsbild passt. Entsprechend platt und uncharmant gerät die Zurückweisung des Gesundheitscocktails in dem Gebirgssanatorium. James Bond ist vom großzügigen Lebemann zum Wutbürger geworden, der um seine subalterne Position bangt und sich deshalb ab und zu betrinkt. Sogar der einleitende „Alleingang“ in Mexico-Stadt entpuppt sich als postmortal per Videobotschaft beauftragt von der verstorbenen M (Judi Dench).

Banalität bestimmt auch den Plot: Das Verhältnis zum Bösewicht wird mit der küchenpsychologischen Eifersuchtsplattitüde rivalisierender Stiefbrüder überfrachtet. Vollends scheitert der Film an der Darstellung der Bedrohung, die es abzuwehren gilt: der Totalüberwachung durch demokratisch unkontrollierbare, Grundrechte aushebelnde Klüngel aus nationalen Geheimdiensten und global agierenden Sicherheitsfirmen. Spectre verharmlost einen aktuellen tiefgreifenden strukturellen politischen Missstand, den man nicht durch einen Befreiungsschlag in Bond-Manier beheben wird können. Die Strukturen blieben erhalten, entließe man auch alle führenden Akteure.

Besonders dieser Bond steht nicht für sich. Er lebt ganz und gar von den Filmen der Hochzeit dieser Reihe in den 60er und 70er Jahren. Was Bond tut, was geschieht, ist ausschließlich aus diesen Filmen zu erklären und wird nur wegen des Wiedererkennungswertes noch einmal inszeniert:
– die Kampfszene in einem Fortbewegungsmittel, welche den Beteiligten während des Gerangels die Steuerung des Vehikels abverlangt;
– die mondäne Spectre-Vorstandssitzung mit dem verborgenen Blofeld, auf der ein versagendes Vorstandsmitglied hingerichtet wird;
– die Begegnung mit Q, M und Miss Moneypenny;
– Bonds Ausrüstung mit Neuem und Bewährtem;
– die unschuldig involvierte, entführte und gerettete Schönheit;
– Verfolgungsjagden, einmal mit technischer Überlegenheit, einmal mit Unterlegenheit Bonds;
– die trickreiche Eliminierung des monströsen feindlichen Tötungsspezialisten;
– der rettende finale Gimmickeinsatz;
– die Vernichtung des pittoresken Superschurken-HQ.
Bond erarbeitet sich in Spectre redlich Etappe um Etappe dieses vorgezeichneten Weges. Viel Phantasie bietet er beim aktuellen Variieren des Entkommens, Verfolgens und Umbringens aber leider nicht auf. Um nur einige Beispiele herauszugreifen: Die Tötung des hünenhaften Mr. Hinx (Dave Batista) erfolgt, indem ihm Bond ein Seil um den Hals schlingt, woran aus dem fahrenden Zug gestoßene Aluminiumfässer hängen. Ähnliches zeigen Kino und Fernsehen am laufenden Band. Auch der aufwendigen Verfolgungsjagd mit dem nach und nach demontierten Flugzeug fehlt letztlich alles Spektakuläre und Raffinierte. Trotz einiger Langeweile gewinnt man den Eindruck, dass sie zu früh zu Ende geht, weil sie die Möglichkeit, Spannung durch immer neue Steigerungen und verblüffende Wendungen zu erzeugen, nicht ausschöpft. Den totalen dramaturgischen Rohrkrepierer liefert schließlich die finale Rettung Madeleines (Léa Seydoux) aus dem explodierenden ehemaligen Hauptgebäude des MI6: Bond hetzt planlos in der Ruine herum, bis er in letzter Sekunde zufällig die richtige Türe aufstößt. Und als alles rettendes Gimmick lässt man sich nichts Verblüffenderes als eine Uhr mit integrierter Bombe einfallen.

Das erinnert an Titus Feuerfuchsens Ausführungen in Johann Nepomuk Nestroys Posse von 1840: Der Talisman (1. Akt, 17. Szene):

…wer die Menschen kennt, der kennt auch die Vegetabilien, weil nur sehr wenig Menschen leben, und viele unzählige aber nur vegetieren. Wer in der Früh aufsteht, in die Kanzley geht, nacher Essen geht, nacher präferanzeln [Préférence spielen] geht, und nacher schlafen geht, der vegetiert, wer in der Fruh in’s G’wölb [Kaufladen] geht, und nacher auf d’ Mauth geht, und nacher essen geht, und nacher wieder in’s G’wölb geht, der vegetiert, wer in der Fruh aufsteht, a Roll durchgeht, nacher in die Prob geht, nacher essen geht, nacher in’s Kaffeehaus geht, nacher Comödiespielen geht, und wenn das alle Tag so fortgeht, der vegetiert. Zum Leben gehört sich billig berechnet, eine Million, und das ist nicht genug, auch ein geistiger Aufschwung g’hört dazu, und das find’t man höchst selten beisamm…

Ein solcher „geistiger Aufschwung“, zeigte er sich auch nur in kreativer Actionchoreografie, fehlt dem neuen Bond völlig. Frei nach Nestroy gilt daher für Spectre: Ein Bond, der in der Fruh aufsteht, von Q ausgerüstet wird, nacher verfolgt wird und entkommt, nacher Alkoholisches trinkt, nacher um die Welt reist, um den Superschurken zur Strecke zu bringen und eine Schönheit zu retten, und nacher mit ihr im alten Sportwagen davonfährt, der vegetiert.

Solches Kino führt auch Zuschauerin und Zuschauer nicht aus dem Vegetieren heraus, sondern fügt dem Alltagstrott nur einen weiteren schlurfenden Schritt hinzu. Früher verkörperte Bond die Sehnsucht nach dem Ausbrechen aus der Routine in eine internationale Glamour- und Abenteuerwelt voller exklusiver Befriedigungen bis hin zum (nach heutigen Maßstäben ökologisch nicht ganz korrekten) Unterwassersex im farbenfroh lebendigen Korallenriff. Für den neuen Bond gilt weitgehend, was früher nur für die verbissenen Superkiller im Dienste des Superschurken galt: Sie versagen sich die Genüsse, um rundum einsatzfähig und jederzeit abrufbar zu bleiben. Greift dieser Bond zur Flasche, wird daraus ein ödes Besäufnis in mäusebevölkerter Absteige. Selbst der neue Blofeld (Christoph Waltz) hat nur deshalb eine Katze, weil die Figur Blofeld eben eine Katze hat. Eine innere Beziehung zu Katzen des neuen Blofelds ist nicht ersichtlich, während der alte Blofeld sie permanent liebkoste und offenbar Genuss aus der Gegenwart der Katze zog (was der alte Bond hinwieder auszunutzen verstand). Nicht zuletzt der Vergleich von Blofelds einstiger Katzenliebe mit aktueller Reduktion der Katze zum Attribut bestätigt obige These der Lustentsagung in den Bondfilmen der Ära Craig – eine Lustentsagung, die ebenso Zuschauerin und Zuschauer abverlangt wird: Wir gehen unbefriedigt nach Hause.

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