King Arthur: Legend of the Sword

Diese Besprechung von Dr. Alexander Wiehart wurde am 15. Mai 2017 online gestellt.

Bitte Folgendes beachten: Ziel meiner Besprechungen ist es nicht, Empfehlungen abzugeben. In erster Linie setze ich mich essayistisch mit Filmen und Serien auseinander und behandle an ihnen allgemeine philosophische, sozial- und geisteswissenschaftliche Fragen. Dabei muss ich das „Ende“, Pointen, Wendungen und Clous oft in die Überlegungen einbeziehen. Wer sich daher Spannung und Suspense nicht verderben lassen will, lese meine Kritiken immer erst nach Sehen des Films beziehungsweise der Serie! Die Spoilerwarnung ist hiermit ausgesprochen.

King Arthur: Legend of the Sword: USA 2017, R: Guy Ritchie, D: Charlie Hunnam, Jude Law, Eric Bana, Astrid Bergès-Frisbey, Djimon Hounsou, Aidan Gillen, Neil Maskell.

So schön haben es sich die Macher von King Arthur: Legend of the Sword ausgemalt: Als mehrteiliges Filmepos sollte der britische Nationalmythos an einen Erfolg wie dem des Star Wars-Franchise anknüpfen. Da der erste Teil dieser projektierten Reihe bei Zuschauer*innen und Kritiker*innen floppt, wird wohl nichts aus diesen hochfliegenden Plänen – glücklicherweise, denn Guy Ritchies Arthur-Interpretation wird dem Stoff nicht gerecht und erweist sich auch sonst, insbesondere intellektuell, als lähmend.

So schleusen übergriffige Normannen, reichlich entlohnt von dem englischen Gewaltherrscher Vortigern (Jude Law), Kinderarbeitssklaven nach England. Dabei stehen die Normannen als Bewohner entweder der Normandie oder Nordeuropas offensichtlich für die EU, die nach rechtspopulistischer Meinung das Vereinigte Königreich mit billigen Arbeitskräften und jugendlichen Flüchtenden überschwemme. Bei dieser böswilligen Entmachtung der britischen Arbeitnehmer*innen stünde die EU im Bunde mit einer korrupten heimischen Politik- und Wirtschaftselite. Ritchie ist sich also nicht zu schade, die gedankenlose rechtsextreme Demagogie der Brexit-Betreiber in seinem Film fortzuführen und aus dem Dunkel einer heroischen Frühzeit zu legitimieren. Arthur (Charlie Hunnam), der diesem Menschenhandel einen Riegel vorschiebt, tritt am Ende des Films den verdutzten EU-Normannen als Vertreter und Exekutierer des britischen Volkswillens gegenüber, vor dem die Normannen zu knien haben, bevor sie an dem Verhandlungstisch zugelassen werden – Labsal für die zunehmend von Austrittsängsten geplagten Brexit-Populisten. Warum und inwiefern Arthur legitimer Repräsentant des Volkes sein soll, bleibt im Film gänzlich offen. Eine Vergangenheit als Art MMA-Kämpfer und Chef eines kriminellen Netzwerkes qualifiziert dazu nicht bereits an sich.

Überhaupt strotzt der Film wie die Politik eines Donald Trump vor leeren Posen. Was der Charakter des Helden nicht rechtfertigt, muss unmotivierte, dafür mit umso mehr Pathos in Szene gesetzte Magie leisten: Letztendlich richtet Zauberschwert Excalibur alles, was durch den bösen Vortigern verbogen wurde, ohne dass man erführe wie und warum eigentlich. Im Grunde ist Merlin der einzige Akteur auf Seiten des Guten. Denn, obwohl bis auf eine kurze Rückblende im Film abwesend, ist er es, der durch lange zurückliegende Verhexung des Schwertes die Handlung bestimmt. Arthur ist lediglich Marionette, die das ihm in Excalibur vorherbestimmte Fatum erfüllt. Magie kann als schmückendes Detail im Fantasy-Genre durchaus viel Charme entfalten, wie etwa laufend grandios in Peter Jacksons Herr der Ringe – Adaption (2001-2003). Wo sie aber zum Träger der Handlung wird, entwertet sie alle Figuren zu Statisten, die hinter einem unfasslichen, schicksalhaften Wirken völlig zurücktreten. Am Ende verdrängt eine aus wer weiß welchen Gründen gute hellblaue Energie halt irgendwie eine böse feuerrote Energie, wodurch ein Turm zum Einsturz gebracht und Arthur König wird. Geradezu folgerichtig ersetzt Posieren die Schauspielkunst: Gesichter, Gesten und Figurenanordnungen frieren ohne jegliche ironische Brechung zu werbeästhetischen Hochglanzbildern ein. Modeln tritt an die Stelle des Acting. Besonders den Frauenfiguren wird durchgängig nichts Anderes gestattet, als bedeutsam leeren Blicks vor sich hinzustarren – egal, ob sie gerade von einem Speer oder Dolch durchbohrt werden, in schwarze Wasser hinabsinken, einen kleinen Waisenjungen in einem herangetriebenen Boot finden, sich klug im Widerstand engagieren, den Mächtigen schmücken oder ein überdimensioniertes Tier magisch fernsteuern.

Ebenso völlig unmotiviert ist das ganz auf Bombast hin gequälte Detail: Warum etwa lässt Mordred ausgerechnet schwarze Riesenelefanten, an deren Rüssel eine Steinkugel als Abrissbirne gebunden wird, aus englischem Fels hervorbrechen? Lägen Drachen nicht näher und böten sie nicht mehr Gelegenheit, Fantasie zu entfalten? Ritchie fällt mit seinen Elefanten gar hinter dem geografischen Kenntnisstand mittelalterlicher Bestiarien und Weltkarten zurück. Weil ihm offenbar nichts Eigenes einfällt, ahmt er die Olifanten aus Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs (USA, NZ 2003) nach, die dort allerdings unter anderem die Funktion haben, auf die südländische Herkunft der Feinde zu verweisen. Der Kampf gegen die Olifanten entfaltet sich voller Spannung und bietet Gelegenheit, insbesondere Legolas‘ elbische Behändigkeit als Kämpfer darzustellen. Demgegenüber verflüchtigt sich in King Arthur: Legend of the Sword die Bedrohung durch die Monsterelefanten flott wieder – nämlich sobald die gute blaue Energie des von Uther Pendragon (Eric Bana) geführten Schwertes die böse rote Energie Mordreds irgendwie besiegt.

Vor allem aber scheitert Ritchie – und das in mehrfacher Hinsicht – an dem historischen Stoff. Mit der eklatanten Missachtung der Geschichte bereits bei der Ausstattung will ich mich gar nicht lange aufhalten. Stile, Architekturen, Gewänder und sonstige Gegenstände von der Antike bis zum Barock finden sich naiv zusammengemixt. Und es werden alle Chancen verschenkt, ironisches Spiel damit zu treiben: etwa mit der auffälligen Hirschkäferapplikation an Vortigerns düsterer spätmittelalterlicher Prunkrüstung. Schwerer wiegt, dass das inhaltliche Potential der Arthurepik völlig ungenutzt bleibt: Die Verfilmung King Arthur (UK, Irland, USA 2004, R: Antoine Fuqua) mit Clive Owen und Keira Knightley in den Hauptrollen greift wenigstens den neueren Forschungsstand auf und versetzt Arthur in die Zeitenwende des Zusammenbruchs der römischen Provinzialherrschaft in Britannien und dem Vordringen der Angelsachsen. (Der tatsächlich womöglich rein fiktionale oder aus mehreren historischen Akteuren konstruierte) Artus erscheint als Scharnier zwischen Antike und Mittelalter; er hat sich in der Krise eines alle Lebensbereiche erfassenden Systemwechsels zu bewähren, wie er uns Heutigen womöglich bevorsteht. Neue Allianzen galt es im fünften nachchristlichen Jahrhundert zu knüpfen, neue gemeinschaftliche Organisationsformen (Tafelrunde) zu finden und die Balance zwischen der römisch-keltischen Tradition und den Herausforderungen der Zukunft zu wahren. Der arthurische Sagenkreis ließe sich also durchaus aktualisieren, wie er bereits Anfang der 1980er Jahre erfolgreich von Tankred Dorst mit dem Theaterstück Merlin oder Das wüste Land aktualisiert worden war, damals als Antikriegsstück und Abgesang auf Utopien. Ritchie aber lässt die politische Brisanz des Stoffs links liegen und reduziert Arthur auf eine der im Kino nur allzu verbreiteten Aufsteigerfiguren, die es mit Hilfe eingeschworener Freunde wie ein Pop- oder Sportstar schließlich bis ganz nach oben schaffen. Dass der Begabte dazu wider Willen gedrängt werden muss und vor sich dem eigenen Erfolg gerne fliehen würde, gehört zum (verlogenen) Klischee des politischen Führers.

Drittens sprengten Ritchies überdrehte, durch und durch moderne Straftäterfiguren, wie wir sie in den Gangstergrotesken Bube, Dame, König, grAS (Lock, Stock & Two Smoking Barrels, UK 1998), Snatch – Schweine und Diamanten (Snatch., UK 2000) und RocknRolla (UK 2008) schätzen lernten, jede Fantasywelt mit Mittelalterflair. Die durchgeknallten Unterweltler mussten in King Arthur: Legend of the Sword daher auf episches Maß herabgedrosselt werden, was Epos wie Kriminelle gleichermaßen ausbleicht und ihrer jeweils eigenen Spannungspotentiale beraubt. Die Gesetze der unterschiedlichen Genres setzen sich gegenseitig außer Kraft und ein geschmackloser Teig ohne Rosinen kommt dabei heraus. Geradezu Paradebeispiel für einen missglückten Genremix bildet das mittelalterliche Martial-Arts-Gym, das von einem fernöstlichen Einwanderer (Tom Wu) geleitet wird. Abgesehen davon, dass es ausgesprochen unwahrscheinlich ist, dass es einen Kung-Fu-Meister in Antike oder Mittelalter nach Britannien verschlägt. In der Tat war der Ferne Osten bis zum 13. Jahrhundert in Europa bestenfalls schemenhaft bekannt. Unter dramaturgischem Gesichtspunkt ist ein Dojo im spätantiken/mittelalterlichen London deshalb zum Scheitert verurteilt, weil er ganz klischeehaft gezeichnet werden muss, damit er überhaupt als Kampfkunstschule in all der pseudomittelalterlichen Staffage für das Publikum erkennbar wird. Ironische Brechung, das Spiel mit dem modernen Topos „Gym“ sind nicht möglich. Was hätte Ritchie im Stile etwa von Snatch. aus dem Thema MMA-Gym in einem Gangsterfilm, der im Heute spielt, machen können! Durch das Mittelaltersetting hebelt sich der Regisseur nur permanent selbst aus. In die historische Irre führt die damit transportierte Touristenattitude, dass überall und zu aller Zeit die Menschen bereits so waren, wie sie heute sind, und taten, was auch wir heute tun. Die historische Distanz wird nicht genutzt, um den Blick auf uns selbst und unsere Zeit zu schärfen. Vielmehr wird unsere Lebensweise unterschwellig historisch legitimiert als etwas, das in einem unbestimmten Damals bereits galt. Das ist nicht nur falsch und untergräbt jegliche kritische Haltung, die sich aus der Geschichte speisen könnte, sondern erweist sich schlicht als fade.

Einzig überzeugen die gruselig glitschig verschlungenen Schlangenleiber der nach dem Blut der Liebsten dürstenden Sirenen, die unheilig im Untergeschoß des Turmes tauchen, sowie, für sich genommen, die rasanten Schnitte, die zahlreiche Szenen zugleich in mehreren zeitlichen Verläufen nichtlinear erzählen – dies aber auch wieder im krassen Gegensatz zu einem mittelalterlichen Zeitempfinden der Generationenfolge („Sippen- oder Familienzeit“), des gemächlichen jahreszyklischen Rhythmus von Vegetation („Agrarzeit“) und christlichem Festkalender („liturgische Zeit“) sowie der erlösungsgeschichtlichen Weltepochen („sakrale Zeit“).

Das Jahr, die Jahreszeit, der Monat und der Tag – nicht aber die Stunde, geschweige denn die Minute – sind die hauptsächlichen Zeitkategorien des Mittelalters. Die mittelalterliche Zeit ist vor allem langwährend, ausgedehnt und episch (Aaron J. Gurjewitsch: Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen, übers. v. G. Loßack, Dresden 1978, S. 111).
Soweit die Zeit von der Ewigkeit abgeteilt war, erscheint sie in der Tat bei der Untersuchung der Abschnitte der irdischen Geschichte dem Menschen in Form einer linearen Aufeinanderfolge (ebd., S. 115).

Der Unterschied könnte nicht größer sein zu dem visuellen Dauerbeschuss durch die in Ritchies Film oft nur (gefühlte?) Sekundenbruchteile aufflackernden, diskontinuierlichen Shots. Eine deutliche Diskrepanz zwischen heutigem Erzählen und traditionellen Inhalten als solche lässt einen Film nicht bereits missglücken. Das beweist eine Produktion wie etwa Samurai Fiction (J 1998, R: Hiroyuki Nakano). Doch ein Film muss sich dessen bewusst sein und diese Differenz filmisch reflektieren. Dann kann er von einer solchen Spannung sogar leben. King Arthur: Legend of the Sword begnügt sich damit, einer altehrwürdigen Mär nach Kolonistenart ein dumbes visuelles und akustisches Gegenwartsregime aufzuzwingen: Totgeburt.

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