Lights Out (2016)

Diese Besprechung von Dr. Alexander Wiehart wurde am 7. August 2016 online gestellt.

Bitte Folgendes beachten: Ziel meiner Besprechungen ist es nicht, Empfehlungen abzugeben. In erster Linie setze ich mich essayistisch mit Filmen und Serien auseinander und behandle an ihnen allgemeine philosophische, sozial- und geisteswissenschaftliche Fragen. Dabei muss ich das „Ende“, Pointen, Wendungen und Clous oft in die Überlegungen einbeziehen. Wer sich daher Spannung und Suspense nicht verderben lassen will, lese meine Kritiken immer erst nach Sehen des Films beziehungsweise der Serie! Die Spoilerwarnung ist hiermit ausgesprochen.

Lights Out, USA 2016, R: David F. Sandberg, D: Teresa Palmer, Gabriel Bateman, Alexander DiPersia, Alicia Vela-Bailey, Maria Bello, Billy Burke, Lotta Losten.
Besprechungsgrundlage ist eine Kinoaufführung.

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Die Erwartungen waren hoch: Handelt es sich bei dem aktuellen Kinofilm doch um die abendfüllende Weiterentwicklung eines nicht einmal drei Minuten langen, preisgekrönten No-Budget-Kurzfilms desselben Titels aus dem Jahre 2013, der, auf YouTube mehrfach hochgeladen, Millionen Clicks, eine Fülle von Nachahmern und zahlreiche „reactions“ zu verzeichnen hatte. Mit einfachsten Mitteln wie dem geschickten Kontrastieren von Licht und Dunkel, von Stille und Getrampel, von Alltag und plötzlichem Einbruch des Übersinnlichen erzeugt er darin mit präziser Spannungsführung feinsten Grusel, der in pointiertem Schrecken kulminiert und uns bange bei offenem Ende mit unseren Urängsten zurücklässt. Wie viele YouTube-Watcher haben an dem Abend des ersten Anschauens wohl bei überall grell aufgedrehtem Licht vergeblich versucht, Schlaf zu finden? Für Filmemacher David F. Sandberg (YouTubename „ponysmasher“) sowie Hauptdarstellerin und Ehefrau Lotta Losten bedeutete der Clip den Durchbruch nach Hollywood, wo ihnen mit dem aktuellen Langfilm ein wirtschaftlich triumphales Debüt geglückt ist: die knapp fünf Millionen Dollar billige Produktion spielte weltweit mittlerweile über 70 Millionen Dollar ein.

Leider schließt sich ein großes ABER an diese Erfolgsgeschichte an. Denn Lights Out hat sich in Hollywood offenbar an der dort seit Jahrzehnten grassierende Konkretitis infiziert. Das Bedrohliche wird aus seiner Existenz als Schattenwesen (Alicia Vela-Bailey), das nur im Dunkel seine so starke rumpelstilzchenartige Präsenz entfalten kann, in das verhaltene Hell einer Schwarzlichtlampe gezerrt und im Durchforsten alter Unterlagen vollständig aufgeklärt. Alle Leerstellen finden sich schließlich brav ausgefüllt; das Beunruhigende verflüchtigt sich. Was bleibt, ist eine Action, die ein sinisterer Serienkiller hätte ebenso auslösen können. Bereits in der Einleitungssequenz, worin in bekannter YouTube-Rolle Lotta Losten in witzigem Gastauftritt glänzt, traut Sandberg uns Zuschauer*innen nicht zu, uns den Fortgang selbst auszumalen. Nein, Paul (Billy Burke) muss tatsächlich durch die Luft gewirbelt und sein zerfetzter, zerbrochener Körper tot auf dem Boden der düsteren Schaufensterpuppenlagerhalle gezeigt werden. Solche Konkretisierungen und all die Pseudoerklärungen entwerten die interessante Konzeption eines Schattenwesens, dessen Existenz so verkehrt ist, dass wir es nur bei Dunkelheit sehen können. Es hätte für 80 Minuten wahr machen können, was wir als tagaktive Organismen ohnehin schon immer befürchteten: dass im Keller, im Abstellraum, im verschlossenen Schrank, unter dem Bett und wo es nachts sonst noch knarrt und kratzt eine fremde Anwesenheit auf ihre Gelegenheit wartet, über uns hereinzubrechen. Schade, dass der Film dementiert und zu dem eindeutigen Fazit gelangt, dass es sich dabei nur um Hirngespinste psychisch kranker Köpfe handelt – kranker Köpfe, die um der lieben Ordnung willen weggepustet werden dürfen. Die Realität des Tages, worin wir es uns so bequem eingerichtet haben, wird voll und ganz mit Gewalt rehabilitiert; das Böse löst sich in Rauch auf. Heilung der angeknacksten Seelen in kernfamiliärer Konstellation kündigt sich an.

Der Film überrascht nur an einer einzigen Stelle: Der sympathische, liebevolle, sich dauernd zurücknehmende Freund (Gabriel Bateman) der weiblichen Hauptfigur (beeindruckend Teresa Palmer) muss nicht grausam sterben. Er darf sich nicht nur bewähren sondern auch die Früchte seines vorschriftsmäßigen Verhaltens ernten und mit der Angebeteten künftig nun doch das Leben teilen. Seine Fürsorge darf er sogar noch auf ihren kleinen Halbbruder (Alexander DiPersia) ausweiten. Geschafft ist der Aufstieg vom gelegentlichen Beischläfer und Chauffeur in die Position eines Vaters: Ein ehemaliges loses Schwarze Szene-Pärchen kommt in der Mitte der Gesellschaft an. Monster Diana muss als dunkle Folie herhalten, auf der das heute immer seltener erreichte mittelständische Familienideal leuchten darf. Wie bei Sadako/Samara der Ringu–Reihe, die mit dem japanischen Film von Hideo Nakata 1998 beginnt und amerikanische Remakes mit Naomi Watts nach sich zog (USA, J 2002, R: Gregor „Gore“ Verbinski; Ring 2, USA 2005, R: Hideo Nakata), handelt es sich bei Diana um das seit Geburt böse Mädchen, das sich im Bewusstsein anderer Menschen zu deren Schaden einnistet und vor dem gar seine Eltern versuchen die Welt zu bewahren. Ihre Böswilligkeit führt zu familiärem Patchwork und Alleinerziehung, worunter Mutter (Maria Bello), Tochter aus erster und Sohn aus zweiter Ehe nun zu leiden haben. Nicht etwa brechen Menschen und Beziehungen unter dem permanenten sozialen, ökonomischen Druck, dem sie ausgesetzt sind, zusammen, sondern weil eine personhafte, dämonische Macht sie manipuliere und terrorisiere. Lights Out erweist sich folglich als Paradebeispiel eines durch Verschleierung stabilisierenden Horrorfilms, der gesellschaftliche, wirtschaftliche Ursachen konsequent ausblendet und so Kritik verhindert. Als Abhilfe weiß er nur altbackene Familienbilder zu beschwören, die Teil des Problems, nicht der Lösung sind.

Schmerzlich mag einem älteren Publikum auch auffallen, dass heutzutage offenbar schon die 1980er Jahre als barbarische Vorzeit erscheinen, hier als Vorzeit einer Psychiatrie, deren Leistung im Kern offenbar darin bestand, Patient*innen an eine Art Elektrischen Stuhl zu fesseln und in einem Blitz zum Verschwinden zu bringen. Nur der Schatten auf dem Leder blieb. Das erinnert entfernt an den japanischen Streifen Pulse (回路, Kairo, japan. für „Schaltung“, 2001, R: Kiyoshi Kurosawa), nur dass sich dort die Menschen letztlich von selbst in ihre Schatten auflösen, weil sie in der modernen Lebenswelt keine individuelle Zuwendung und Würdigung erfahren. Solche guten sozialkritischen Perspektiven eröffnet Lights Out leider nicht. Schattenwesen Diana erweist sich vielmehr als umgekehrtes Frankenstein-Monster: ein ehemaliger Mensch, durch sich elektrisch entladende Apparaturen aus ärztlichem Versehen in einen dämonischen Geist verwandelt. Ist nicht das System, das solche Medizin praktiziert, das eigentliche Monster? Doch der Film macht in der Manier der Verschwörungstheoretiker, Populisten und Diktatoren das Böse aus in einem feindlich gesonnenen Einzelindividuum. Dass Diana zuerst unverhältnismäßigen Disziplinierungsmaßnahmen, getarnt als väterliche Erziehung und medizinische Versorgung, zum Opfer gefallen und deshalb zur Außenseiterin geworden war, übersieht der Film geflissentlich. Die mit heroischer Geste zelebrierte Vernichtung des Monsters soll uns dann wohl ganz von selbst wieder gesunden und so werden lassen, wie man uns haben will.

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2 Gedanken zu “Lights Out (2016)

  1. Eine treffende Besprechung wie ich finde!

    Würde mich sehr über einen Beitrag zum Film „Der Babadook“ aus dem Jahr 2014 freuen!

    • Dank für das Lob! Den „Babadook“ habe ich damals im Kino leider verpasst; er steht aber bereits auf meiner to watch-Liste. Wann ich allerdings zum Anschauen und wann zum Besprechen komme, steht ganz in den Sternen. Aber jetzt habe ich ja einen zusätzlichen Ansporn…

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