Lone Ranger

Diese Besprechung von Dr. Alexander Wiehart wurde am 12. September 2013 online gestellt.

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Bitte Folgendes beachten: Ziel meiner Besprechungen ist es nicht, Empfehlungen abzugeben. In erster Linie setze ich mich essayistisch mit Filmen und Serien auseinander und behandle an ihnen allgemeine philosophische, sozial- und geisteswissenschaftliche Fragen. Dabei muss ich das „Ende“, Pointen, Wendungen und Clous oft in die Überlegungen einbeziehen. Wer sich daher Spannung und Suspense nicht verderben lassen will, lese meine Kritiken immer erst nach Sehen des Films beziehungsweise der Serie! Die Spoilerwarnung ist hiermit ausgesprochen.

Lone Ranger (The Lone Ranger): USA 2013, R: Gore Verbinski, D: Helena Bonham Carter, Johnny Depp, William Fichtner, Armie Hammer, Tom Wilkinson, Ruth Wilson.

Besprechungsgrundlage ist eine Kinovorführung.

Keine Überraschung bietet die Story, die doch sehr an Spiel mir das Lied vom Tod (C’era una volta il West, Italien, USA 1968, R: Sergio Leone) erinnert – von der Verbindung zwischen Eisenbahnchef und Verbrecherbande über deren Motiv der Landaneignung bis zur Rachegeschichte des Außenseiters, der sich am Ende dem Mörder der Seinen nicht durch eine Mundharmonika, sondern eine Taschenuhr zu erkennen gibt. Mehr muss hier über den Inhalt auch gar nicht gesagt sein, der sich aus den genannten Stichworten wie von selbst ergibt. Der junge Jurist John Reid wird zum maskierten Lone Ranger (Armie Hammer), um zusammen mit dem Indianer Tonto (Johnny Depp) der kriminellen Allianz das Handwerk zu legen und Indianer vor Diffamierung, Landraub, Zwangsumsiedlung und Genozid zu bewahren.

Angenehm enttäuscht der Film, indem er, wie aufgrund des Regisseurs eigentlich zu befürchten, keinen Wild-West-Aufguss der Pirates-of-the-Carribean-Folgen bietet. Dem Western-Genre gemäß wird langsamer erzählt. Die Handlung entwickelt sich nicht ganz so schwerelos, da es auch um große ernste Themen wie Gerechtigkeit, Selbstbetrug und die korrumpierende Wirkung von Geld geht. Andererseits verweigert sich Lone Ranger erfolgreich heroischer Cowboyepik und gleichermaßen den Verlockungen einer Indianeresoterik: Das Gerede Totos von edlen Seelenwanderern und bösen Geistern, die nur mit speziellen Silberpatronen ins Jenseits zu befördern seien, entlarvt der Film als Flucht des Indianers vor verdrängter Schuld. Und sobald der Lone Ranger sich in die aus den Comics bekannte Heldenpose werfen will, wird er rüde von seinem Partner zurückgepfiffen. Der Mythos Wild West findet sich hier nicht reproduziert, sondern dekonstruiert: Am Ende reitet nicht der Held nach seiner glanzvollen Bewährung einsam Richtung Sonnenuntergang, den Fortschritt des Rechtsstaates in der Wildnis ausbreitend. Sondern der greise in den 1930er Jahren als Schaubudenfigur arbeitende Tonto wankt im Anzug und mit Koffer durch die Wüste dem Horizont entgegen. Eine Art Charlie Chaplin hat den Helden abgelöst. Keine bessere Zukunft, nicht Gerechtigkeit gehen mit ihm ins Land, sondern alte, unglaubwürdige, gar lächerlich gewordene nationale Heldennarrative verlaufen sich im Nirgendwo: ein ausgedienter Budenzauber. Geblieben ist eine Natur im Ungleichgewicht, worin der Hase raubtierartig den Skorpion frisst, und ein Gemeinwesen, worin der Gerechte nur unter der Maske des Gesetzlosen Gerechtigkeit üben kann. Man ist an heutige Whistleblower erinnert – und selbstverständlich an Bärbel Bohley (die sich wohl nicht gerne im Zusammenhang mit diesem Film zitiert gesehen hätte): „Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat“. Und dieser Rechtsstaat dient nun in erster Linie, so könnte man den Eindruck gewinnen, den Konzernen, Banken, Steuerhinterziehern und sonstigen Oberschichtenkriminellen. Begründer des Rechtsstaates ist John Locke, der zugleich die Ideologie des Eigentums durch Arbeit predigt, woraus man Vertreibung und Völkermord an den Indianern meinte legitimieren zu können. Lockes Zwei Abhandlungen über die Regierung (Two Treatises of Government) kommen im Film denn auch zwei Mal vor: einmal als „Bibel“ des Rechtsstaates, die John Reid als engagierter junger Staatsanwalt immer bei sich trägt, einmal als Gewährsmann des verbrecherischen Eisenbahnmanagers, der damit Landraub und Völkermord an den Indianern vermeintlich rechtfertigt. Die Anspielungen auf Locke im Film sind also durchaus kenntnisreich und pfiffig – eine weitere angenehme Überraschung, die Lone Ranger bereitet. Er zelebriert den schmerzlichen, aber überfälligen Abschied von John Locke.

Es ist kein Wunder, dass dieser so betont unamerikanische, weil auf heroische Posen ganz verzichtende Film in den USA floppte und vorwiegend schlechte Kritiken erntete: er enttäuscht die patriotischen, moralischen und optimistischen Genreerwartungen. Zugleich reflektiert er darüber, warum der Western tot ist: weil die Realität seinen Erzählungen hohn spricht. Man gewinnt nicht den Eindruck, dass der maskierte Revolverheld auf dem Schimmel auf Dauer auch nur das geringste bewirken kann. Das drückt die Stimmung und man verlässt das Kino in der Tat mit ambivalente Gefühlen.

Dabei sind abgesehen vom Abspann durchaus auch das Timing mancher Slapstickeinlagen bemerkenswert. Immer wieder wird eine szenische Spannung aufgebaut und auf überraschende, aber durchaus folgerichtige Weise gelöst. Geschickt sind auch einige Rückblenden und die Rahmenhandlung eingesetzt, um die Geschichte zu erzählen – vor allem die Episode um die Sprengung der Brücke. Zu denken gibt besonders auch die Figur des Captain, der deshalb zum Schurken wird, weil er sich sonst eingestehen müsste, unschuldige Menschen ermordet zu haben und weiter zu ermorden. So bindet in der Tat Verhetzung die Aufgehetzten an das verhetzende System. Durch pauschale Diffamierung des Gegners sollen Schuldgefühle vermieden werden. An dieser Diffamierung muss festhalten, wer im Sinne dieser Verhetzung gehandelt hat, will er vor sich selbst nicht als Monstrum dastehen. Dadurch wird er aber genau das, was er unter keinen Umständen sein will: ein Monstrum, das sich deshalb umso mehr für das verbrecherische System einsetzt, weil dieses das Monstrum mit der (nicht zuletzt öffentlichen) Meinung versorgt, kein Monstrum zu sein – jener Droge, um vor sich selbst bestehen zu können.

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