Passengers

Diese Besprechung von Dr. Alexander Wiehart wurde am 29. März 2017 online gestellt.

Bitte Folgendes beachten: Ziel meiner Besprechungen ist es nicht, Empfehlungen abzugeben. In erster Linie setze ich mich essayistisch mit Filmen und Serien auseinander und behandle an ihnen allgemeine philosophische, sozial- und geisteswissenschaftliche Fragen. Dabei muss ich das „Ende“, Pointen, Wendungen und Clous oft in die Überlegungen einbeziehen. Wer sich daher Spannung und Suspense nicht verderben lassen will, lese meine Kritiken immer erst nach Sehen des Films beziehungsweise der Serie! Die Spoilerwarnung ist hiermit ausgesprochen.

Passengers: USA 2016, R: Morten Tyldum, D: Jennifer Lawrence, Chris Pratt, Michael Sheen, Laurence Fishburne e. a.

Besprechungsgrundlage ist eine Kinoaufführung.

Das Urteil über Passengers ist längst gefällt: ein enttäuschender Film trotz der gutaufgelegten Superstars Jennifer Lawrence und Chris Pratt, bei deren Aufeinandertreffen aber eben nicht wirklich die Funken sprühen (anders etwa als zwischen der Lawrence und Bradley Cooper). Der Grund mag einerseits in dem Hubern abgestandener Geschlechterklischees bestehen, womit der Film allzu penetrant Idealen entsprechen will, an die heutzutage wohl nicht einmal mehr die gehobene weiße US-Mittelschicht so richtig glaubt. So ist der Mann sprachgehemmter, in Werbeslogans redender, aber effektiver Ingenieur und die Frau eine wortgewandte, emotionale, anspruchsvolle und unzufriedene Kreative. Der Mann bastelt die meiste Zeit allein vor sich hin in einer kommunikationsfernen, insbesondere vor weiblicher Präsenz geschützten Garage. Liebesbezeugungen auszutauschen wird an einen Reinigungsroboter delegieret; persönlich trifft man sich aufgeschniegelt an der Bar, wo man über die Bande des Barkeeperroboters (Michael Sheen) gepflegte Feierabendkonversation führt. Selbstverständlich kommen Frau und Mann nach anfänglichem Zerwürfnis zusammen, um in einem aus Technik und Landwirtschaft eingerichteten Idyll gemeinsam das Leben zu verbringen. Dieses Idyll vereinigt den Hochglanz der Konsumtempelinnenarchitektur des Raumschiffes mit der Lieblichkeit eines wuchernden Gartens Eden, der allerdings nicht von Tieren, sondern wieder von Robotern durchstreift wird: keimfreie Wildnis in einer Umhegung aus wohldesignter Professionalität: Spiegel der unentschiedenen Sehnsüchte gut ausgebildeter Anfangdreißiger, die beständig schwanken zwischen geschäftsmäßiger Unverbindlichkeit, Einlullendem und authentisch inszeniertem, zugleich aber versichertem Abenteuer. Bevor dieses Paradies seine Pforten öffnet, bewährt sich der Mann erwartungsgemäß männlich, indem er sich wie ein Ritter mit Schild dem Feuerstrahl entgegenstellt, der ihn ins All hinausschleudert. Die Frau bewährt sich weiblich, indem sie den Mann ins traute Habitat zurückholt, ihr literarisches Projekt der gemeinsamen Robinsonade opfert und auf ihre glänzende soziale Zukunft als gefeierte Dichterin zugunsten eines hochtechnisierten bäuerlichen Lebens mit dem Mann verzichtet. Schade nur, dass man am Ende nicht wie in Zardoz (Irland, USA 1974, R: John Boorman) beider Skelette Händchen halten sieht.

Dass der Film nicht ankommt, mag auch an den in ihrer Fülle und aufgrund ihrer Handlungsrelevanz dann doch störenden Ungereimtheiten liegen. Warum etwa registriert die KI des Raumschiffes nicht, dass Jim und später Gus (Laurence Fishburne) systemfehlerbedingt aus dem Kühlschlaf erwacht sind, warum merkt sie nicht, dass Jim alle möglichen Funktionen 90 Jahre zu früh aktiviert? Warum gibt es für solche Fälle keine Notfallroutinen und keinerlei Möglichkeit, mit dem Hauptcomputer Kontakt aufzunehmen? Selbst die Ursache der ganzen Misere bleibt unglaubhaft: Denn warum hat der so hoch entwickelte Bordcomputer einen so simplen Fehler gemacht, wie mitten durch einen dichten Asteroidengürtel zu navigieren, wodurch es überhaupt erst zu den schweren Schäden kam? Zwar ist es sehr schön und spannend, Aurora fast ertrinken zu sehen in der Wasserblase, worin sie sich nach Ausfall der künstlichen Gravitation aus dem Swimmingpool elegant erhebt. Die Szene beruht jedoch offenbar auf der Vorstellung, dass sich der Mensch, schwebt er in Schwerelosigkeit mitten im Raum außer Reichweite der Wände, nicht ohne externen Antrieb fortbewegen kann. Doch das gilt strenggenommen nur im Vakuum; Aurora ist aber von Wasser umgeben, aus dem sie sich durch Schwimmbewegungen jederzeit hätte ab- und herausstoßen können. Regisseur Morten Tyldum erschwindelt also ziemlich plump Ästhetik und Dramatik auf Kosten physikalischer Korrektheit.

Bildet die Havarie des smarten und geleckten Raumschiffs, die in ihrer wahren Schwere erst nach und nach erkennbar wird, die weit verbreitete Stimmungslage in USA und Europa ab – nämlich das Gefühl, unter Bedingungen eines multiplen Systemversagens zu leben, das durch die glanzvolle Oberfläche staatlicher Institutionen und beschwichtigender Rhetorik seitens des Establishments immer schlechter kaschiert werden kann? Diese politische Befindlichkeit des unerwarteten Kippelns am Abgrund findet ihre psychische Entsprechung in den seelischen Dauerkrisen, worin wir uns längst wie in einem langsamen, unaufhaltsamen Sinken eingerichtet haben. Tag für Tag gelingt es auch jedem einzelnen immer weniger, den Schein eines intakten Innenlebens zu wahren. Wie das Raumschiff fallen wir und alles um uns herum auseinander. So wird es zumindest oft empfunden und von Medien kolportiert.

Doch weil Passengers althergebrachte Geschlechterrollen so willfährig reproduziert, verdient es dieser Film eigentlich gar nicht, anspruchsvoll interpretiert zu werden. Immerhin bietet er die Gelegenheit, auf ein philosophisches Problem hinzuweisen, das er zwar aufwirft, ohne es aber auch nur angemessen vorzustellen, geschweige denn zu diskutieren oder zu lösen: Jim erwacht als einziger der fünftausend Passagiere neunzig Jahre zu früh aus dem Kälteschlaf. Die Raumfahrt zu einem Planeten, der kolonisiert werden soll, ist auf insgesamt 120 Jahre anberaumt. Eine Möglichkeit, die defekte Kryokapsel zu reaktivieren und die Hibernation fortzusetzen, besteht ebenso wenig, wie das mit fast Lichtgeschwindigkeit fliegende Raumschiff zur Erde zurückzulenken. Botschaften an die und von der Erde benötigen ebenfalls je mehrere Jahrzehnte. Erschwerend kommt hinzu, dass kein Zugang zu den Schlafkammern der Raumschiffcrew besteht; Verantwortliche und Vertreter des Raumfahrtveranstalters sind nicht erreichbar. Jim ist also isoliert und völlig unverschuldet durch einen technischen Fehler dazu verdammt, sein gesamtes Leben auf der Avalon zu verbringen. Immerhin versorgt ihn das Schiff rundum (und bietet zahlreiche Freizeit- und Bildungsfazilitäten, inklusive Bar, Kino und Bibliothek), so dass er sich um sein körperliches Weiterleben keine Gedanken machen muss. Nach einem Jahr der Einsamkeit droht er allerdings, wahnsinnig zu werden. Einziger Ausweg ist das Aufwecken eines anderen Passagiers. Nur bedeutet dies, dass auch dieser Passagier, selbst wenn er ein hohes Alter erreichen sollte, auf dem Raumschiff Jahrzehnte vor der planmäßigen Ankunft sterben würde. Welchen Lebensentwurf er auch immer gehabt hätte, als er sich in den Kälteschlaf und auf Reisen in die astronomische Ferne begab, dieser Lebensentwurf würde sich, frühzeitig geweckt, nicht realisieren lassen. Auf dem Raumschiff wie Jim überleben könnte er allerdings.

Die philosophisch interessante Frage: Ist es unter diesen Bedingungen moralisch gerechtfertigt, einen anderen Passagier aufzuwecken? Genauer formuliert: Hat der Erhalt der eigenen psychischen Integrität einen höheren moralischen Wert als die Realisierungschance des Lebensentwurfs eines anderen Menschen? Dieses Problem lässt sich also auf eine Güterabwägung zurückführen: zwischen dem Fortbestehen einer Person in allen ihren geistigen (und in Folge wohl auch körperlichen) Funktionen und der faktischen Möglichkeit, einen selbstgewählten identitätsstiftenden Entwurf zu leben, zugespitzt: zwischen Überleben und selbstbestimmt Leben. Es handelt sich also nicht um den Fall eines Ertrinkenden, der sich an einen anderen klammert und ihn dadurch mit in den Tod zieht. Ein solches Handeln wäre durch nichts gerechtfertigt. Vielmehr handelt es sich um den Fall eines (noch dazu ohne eigenes Verschulden) Ertrinkenden, der von einem zufälligen Passanten ganz zu Recht verlangen darf, ihn aus dem Wasser zu ziehen, auch wenn dieser Passant dadurch etwa einen für ihn lebensbestimmenden Geschäftsabschluss verpasst oder nicht am Olympiafinale teilnehmen kann, auf das er sein gesamtes bisheriges Leben hintrainiert hatte.

Bliebe Jim für sich und verfiele er dem Wahnsinn, verlöre er sogar das grundlegende Vermögen, sich selbstbestimmt zu entwerfen. Diese Fähigkeit bleibt Aurora, die von Jim (in Verdrehung des Schneewittchen-Motivs) schließlich aufgeweckt wird, trotz der sehr begrenzten Entfaltungsmöglichkeiten auf dem Raumschiff grundsätzlich erhalten. Jim agiert ihr gegenüber zwar wie eine Schicksalsmacht, die alle Pläne und Hoffnungen Auroras zerschmettert. Nicht angetastet wird allerdings ihr Entwurfsvermögen als solches: sie kann sich in der ihr aufgedrängten Situation selbstbestimmt neu entwerfen (und tut es im Film schließlich auch). Ihr wurde zwar die Möglichkeit genommen, der Mensch zu sein, der sie ursprünglich werden wollte, behält aber bei allen äußeren Einschränkungen die Möglichkeit, Mensch zu sein.

Fazit: Es ist in der Konstellation des Films moralisch grundsätzlich erlaubt, einen anderen Passagier aufzuwecken. Diesem darf gar das Scheitern seines bisherigen Entwurfs zugemutet werden, wenn er nur die faktische Möglichkeit hat, sich neu zu entwerfen und damit seine Würde zu wahren.

Als zweites stellt sich die Frage, wen Jim aufwecken sollte. Auch diesbezüglich trifft er durchaus eine moralisch zu rechtfertigende Wahl. Denn Aurora ist als Literatin, die zudem ohnehin nach einigen Jahren wieder zurück zur Erde fliegen wollte, für den Erfolg des Kolonisationsprojektes und das Gedeihen der Kolonisten entbehrlich. Jim schadet also den anderen Passagieren nicht, wenn er Aurora aus deren Kreis herauslöst. Aus Auroras Videobotschaft geht zudem hervor, dass sie diese Reise aus etwas selbstverliebten dichterischen Gründen unternimmt: Sie möchte der erste Mensch sein, der auf der Erde authentisch von der Besiedlung eines fremden Planeten berichtet. Dieser Plan scheint noch vergleichsweise leicht an die neue Lage angepasst werden zu können. Denn nun wird sie die erste und wahrscheinlich einzige Dichterin, die das gesamte folgende Leben bis zu ihrem Tode auf einem Raumschiff verbringt. Den Ruhm ihrer daraus entstehenden Reportageromane wird sie zwar nicht persönlich ernten. Die Aussicht auf Nachruhm mag allerdings auch Auroras Eitelkeit entschädigen, wie sie die Eitelkeit schon so vieler Poet*innen entschädigt hat.

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