Star Wars: Das Erwachen der Macht

Diese Besprechung von Dr. Alexander Wiehart wurde am 5. Januar 2016 online gestellt.

Bitte Folgendes beachten: Ziel meiner Besprechungen ist es nicht, Empfehlungen abzugeben. In erster Linie setze ich mich essayistisch mit Filmen und Serien auseinander und behandle an ihnen allgemeine philosophische, sozial- und geisteswissenschaftliche Fragen. Dabei muss ich das „Ende“, Pointen, Wendungen und Clous oft in die Überlegungen einbeziehen. Wer sich daher Spannung und Suspense nicht verderben lassen will, lese meine Kritiken immer erst nach Sehen des Films beziehungsweise der Serie! Die Spoilerwarnung ist hiermit ausgesprochen.

Gaston

Star Wars: Das Erwachen der Macht (Star Wars: The Force Awakens): USA 2015, R: J. J. Abrams, D: Daisy Ridley, John Boyega, Harrison Ford, Carrie Fisher, Mark Hamill, Peter Mayhew, Adam Driver, Oscar Isaac, Domhnall Gleeson, Lupita Nyong’o, Andy Serkis, Gwendoline Christie u. a.

Besprechungsgrundlage ist eine Kinoaufführung.

Angenehm vertraut: Am Anfang zieht ein Lauftext, der die unmittelbare Vorgeschichte zusammenfasst, unter den durchdringenden Orchesterklängen der berühmten Eröffnungsfanfare in die Weiten der Galaxis voraus. Wie in allen bisherigen sechs Teilen ist damit ein Genremix angekündigt: das Bild des sternenbestückten Weltalls lässt Science Fiction erwarten, der Text versetzt uns in die Haltung des Lesens alter Epen und der romantische, an Richard Wagner geschulte musikalische Bombast verheißt ungebrochenes Tragödiengetöse. Tatsächlich wird die Handlung hin und her pendeln zwischen technikgesättigter Zukunftsvision und Heldensage: zwischen einem Futurismus voller Aliens, interstellarer Missionen und Schlachten, die mit Strahlenwaffen und Raumkreuzern ausgefochten werden, und einer Mittelalterlichkeit aus Schwertduellen, moralischen Bewährungsproben, Ritterorden und Visionen. Diese Melange garnieren fernöstliche Details, vor allem die enge persönliche Beziehung zwischen Kampfkunstmeister und -schüler, sowie die Esoterik einer alles durchwaltenden überpersönlichen kosmischen „Macht“ (force), die von Auserwählten kontrolliert und für ihre Zwecke genutzt werden könne.

Alles ist vertraut in Folge VII des Star Wars-Zyklus: Die wiederkehrenden Figuren aus den Folgen IV-VI sowieso. Und wieder wächst in der provinziellen Unwirtlichkeit eines Wüstenplaneten ein junger, technikaffiner Mensch heran, in dem die „Macht“ erwachen wird. Wieder beginnt alles mit einem Massaker an unschuldiger dörflicher Bevölkerung und mit einem in pfeifsprachlichem Droiden versteckten Geheimnis. Bände würde es füllen, den gesamten eingearbeiteten Traditionsbestand zu erfassen: von dem gnomenhaft monströsen Äußeren des Anführers der naziartigen Bösen über das Hin- und Hergerissensein eines besonders mächtigen Auserwählten zwischen dunkler und heller Seite bis hin zur Starkiller-Basis. Auch diese Weiterentwicklung des Todessterns umgibt ein undurchdringlicher Schutzschild, der deaktiviert werden muss, bevor die Raumflotte des Widerstandes mit Aussicht auf Erfolg angreifen kann. Selbstverständlich darf auch die Bar-Szene nicht fehlen. Sogar die filmischen Gestaltungsmittel sind weitgehend im Stil der ersten drei Filme aus den Siebziger- und Achtzigerjahren gehalten. Besonders schön nostalgisch: die romantische Grobkörnigkeit der Umarmung zwischen den Geschlechterkampfveteranen Leia Organa (Carrie Fisher) und Han Solo (Harrison Ford). Wie James Bond 007: Spectre versammelt auch Star Wars: Das Erwachen der Macht ohne größere Selbstironie alle gewohnten Elemente der eigenen Reihe. Allerdings entstand dabei, anders als mit dem neuen Bond, eine vitale, mitreißende Variation des Bewährten. Wer mit Krieg der Sterne aufgewachsen ist, dem spricht Han Solo, genau kalkuliert, aus der Seele, wenn dieser beim Wiederbetreten seines Millennium Falken dem treuen Gefährten Chewbacca (Peter Mayhew) gegenüber feststellt: „Wir sind zu Hause.“ Vertiefende Neudeutung gelingt J. J. Abrams allerdings ebenso wenig, wie er neue designerische Akzente setzen kann. Damit fällt er zurück hinter die eigene Leistung bei der kinofilmischen Reanimation der Star Trek-Fernsehserie um Kirk, Spock und Uhura (2009, 2013).

Als bereichernd erweist sich vor allem der Blick auf das imposante Trümmerfeld abgestürzter, bereits zum Teil im Sand versunkener, oft gigantischer Kriegsraumschiffe, die noch 30 Jahre nach dem Sieg über das Imperium ausgeschlachtet werden und Schrottsammler_innen ein kärgliches Auskommen ermöglichen. Kriege, zumal zwischen den Sternen ausgefochtene, erscheinen dadurch nicht nur als Spielfeld schneidiger Heroin_en. Durchgängig beeindruckt die Leistung der Schauspieler_innen. Eine herausragende Abschiedsgala gibt Harrison Ford, dem es sogar gelingt, nicht nur die Konfrontation zwischen Han Solo und dem zur dunklen Seite gewechselten Sohn (Adam Driver), sondern auch Solos Tod packend und schmalzlos zu gestalten. Mit weitgehend unbekannten Mimen sind, wie bei Star Wars üblich, die Rollen der jugendlichen Held_innen besetzt: Daisy Ridley stattet ihre Rey mit der körperlichen Präsenz eines Stummfilmstars aus. Allein schon ihr kraftvoll behändes, zugleich zierliches Laufen enthüllt uns Reys Charakter.

Deutlich zu spüren ist der Kontakt zur Fangemeinde, wenn der Film mit den liebgewordenen Unglaubwürdigkeiten und Auslassungen spielt. So erfährt Chewbaccas Waffe besondere Würdigung. Aus technisch unerfindlichen Gründen sieht sie wie eine Armbrust aus, obwohl sie, wie alle anderen Schusswaffen in der Star Wars-Welt auch, kurze Stöße gebündelten Lichts aussendet. Die Sturmtruppler erweisen sich laufend als immer noch genauso schlechte Schützen wie in den Teilen IV-VI. Sie schießen bei Hauptfiguren grundsätzlich immer daneben, sogar aus nächster Nähe. Zudem haben sie eine Tendenz, sich im Gefecht völlig unnachvollziehbar zu verhalten: etwa ohne zu feuern deckungslos auf Gegner zuzurennen – und das auch noch in strahlendweißen Rüstungen, damit sie ja nicht übersehen werden (Tarnfarbe wurde in dieser hoch technisierten Galaxis wohl noch nicht erfunden). Dagegen treffen die immer gut Deckung suchenden Hauptfiguren regelmäßig genau aus den größten Entfernungen und verzwicktesten Winkeln. Dies wird mehrfach persifliert, etwa wenn Han Solo einen wieder einmal sinnlos heranstürmenden Sturmtruppler ohne hinzusehen erschießt. Auch das chronische Fehlen von Blut, offenbar den Altersfreigaben geschuldet, wird sachte aufs Korn genommen. Zu Beginn fährt ein sterbender Sturmtruppler mit der Hand über den weißen Helm seines Kameraden FN-2187 (John Boyega) und hinterlässt markierende Blutspuren. Wenig später sieht man FN-2187 in Großaufnahme, von den eben erlebten Gräueln verstört, den gezeichneten Helm abnehmen, was ihm sofort eine Rüge der Vorgesetzten (Gwendoline Christie) einbringt. In den Filmen davor dienten die Sturmtruppler lediglich als penetrant gesichtsloses Kanonenfutter. Das bleibt auch unter der „Ersten Ordnung“ in Das Erwachen der Macht weitgehend so. Immerhin gesteht man FN-2187 zu, aus der soldatischen Uniformität auszubrechen und thematisiert dabei mit leichtem Augenzwinkern den sonst streng kollektivistischen Charakter der Sturmtruppen. Die bloße „Nummer“ gewinnt durch Abnehmen des Helms ein Gesicht und durch die folgende Desertion Charakter. Widerstandskämpfer Poe Dameron (Oscar Isaac) gibt FN-2187 daraufhin den persönlichen Namen „Finn“. Dieser entledigt sich, auf Jakku aufgeschlagen, sofort symbolträchtig des Sturmtruppenpanzers und beginnt beherzt seinen Weg einem unbekannten Ziel entgegen.

Ganz anders Kylo Ren, ursprünglich Ben Solo, der verlorene Sohn aus der Beziehung zwischen Han und Leia: Er strebt nicht nach Befreiung, sondern nach vollkommener Integration in die dunkle Seite der Macht. Damit erweist sich diese Figur als besonders aktuell in einer Zeit des permanenten Rufes nach Rollenmodellen. Für Kylo scheint genau das sein größtes Problem zu sein: das übermächtige Vorbild seines Großvaters Darth Vader. Offenbar erst durch dieses Identifizierungsangebot driftete er auf die dunkle Seite der Macht ab und wird dort gehalten aus Angst, dem Idol nicht zu entsprechen. Nicht nur in Kylos vergleichsweise wenig erschreckender Gesichtsmaske kommt diese Verunsicherung, in die ihn der ständige Vergleich mit seinem Rollenmodell stürzt, zum Ausdruck, sondern vor allem in den staksigen Versuchen, mit der unheilverkündenden Majestät eines Darth Vader zu wallen. Heraus kommt dabei aber nur eine abgehackte, leicht nach vorne gebeugte Halbstarkenvehemenz. Vader umwehte heroisch stets ein ausladendes Cape, an Kylo Ren hängt etwas Stoff schlapp herab.

Mit Sören Kierkegaard ausgedrückt: um sich nicht der Unsicherheit auszusetzen, in die eigene Existenz ohne Netz zu springen, gibt Kylo Ren sich ganz der Verzweiflung hin, verzweifelt nicht er selbst sein zu wollen. Sein Wollen richtet sich darauf, sich nicht als Selbst im strengen Sinne begreifen zu müssen: nicht als Möglichkeitsfülle, nicht als frei, sondern auf nur eine Lebensform für alle Zeiten festgelegt.

Über sich verzweifeln, verzweifelt sich selbst loswerden wollen ist die Formel für alle Verzweiflung… Das Selbst, das er verzweifelt sein will, ist ein Selbst, das er nicht ist (denn das Selbst sein zu wollen, das er in Wahrheit ist, ist ja gerade das Entgegengesetzte der Verzweiflung), er will nämlich sein Selbst von der Macht losreißen, die es setzte. Aber dies vermag er trotz allen Verzweifelns nicht; trotz aller Anstrengung der Verzweiflung ist jene Macht die stärkere und zwingt ihn, das Selbst zu sein, das er nicht sein will. Aber so will er ja sich selbst loswerden, das Selbst, das er ist, loswerden, um das Selbst zu sein, wonach er selber getrachtet hat. Ein Selbst zu sein, wie er das will, würde, wenn auch in einem anderen Sinne ebenso verzweifelt, seine höchste Lust sein; aber gezwungen zu werden, Selbst zu sein, wie er es nicht sein will, das ist seine Qual, die ist, dass er sich selber nicht loswerden kann (Die Krankheit zum Tode, übers. u. hg. v. L. Richter, 4. Aufl., Hamburg 2002, S. 20).

Bei der hier erwähnten „Macht“ handelt es sich selbstverständlich nicht um die von Jedi und Sith genutzte „force“ der Star Wars-Religion. Vielmehr versteht Kierkegaard hier unter „Macht“ etwas, das uns ein bestimmtes Selbstverhältnis erschließt: nämlich in unserem Leben nicht festgelegt zu sein, Offenheit für neue Entwürfe zu bewahren. Die „Macht“ im Sinne Kierkegaards lässt uns selbst als unbegrenzte Seinsmöglichkeit erleben. Kylo Ren strebt also gegen seine eigene, eigentlich unaufgebbare absolute Entwurfsfreiheit nach endgültiger Festlegung auf ein bestimmtes Selbstverständnis. Zu diesem Zweck zwingt er sich, die ultimative, unverzeihliche Untat zu begehen: Seinem eigenen Vater Han Solo, der sich ihm friedlich und mit einem Hilfeangebot nähert, feige das Lichtschwert durchs Herz zu stoßen. Dieser Akt soll die finale, irreversible Entscheidung herbeiführen, die Kylo von aller Zerrissenheit erlöst und endgültig in der dunklen Seite verankert. Restlos in der Rolle eines Sith-Lords aufzugehen, ist seine Hoffnung. Kylo Rens Verzweiflung hat, mit Kierkegaard gesprochen, die Intensität ‚des Dämonischen’ erreicht:

Ein Selbst, das verzweifelt es selbst sein will, windet sich vor Schmerzen in der einen oder anderen Pein, die sich nun einmal von seinem konkreten Selbst nicht wegnehmen oder abscheiden lässt. Gerade auf diese Qual wirft er seine ganze Leidenschaft, die zuletzt ein dämonisches Rasen wird; und wenn es auch geschähe, dass Gott im Himmel und alle Engel ihm anböten, ihm daraus zu helfen, nein, nun will er nicht, nun ist es zu spät, damals hätte er gern alles dafür gegeben, diese Qual los zu sein, man ließ ihn warten, nun ist es vorüber, nun will er lieber gegen alles rasen, der von der ganzen Welt, vom Dasein ins Unrecht Gesetzte, dem es gerade von Wichtigkeit ist, aufzupassen, dass er seine Qual zur Hand hat, dass niemand sie von ihm nimmt – denn dann könnte er ja nicht beweisen und sich selbst überzeugen, dass er recht hat… O dämonischer Wahnsinn, er rast am allermeisten bei dem Gedanken, dass es der Ewigkeit in den Sinn kommen könnte, sein Elendsein von ihm zu nehmen (ebd., S. 70).
Es ist ein Versuch, der Sünde dadurch Haltung und Interesse wie einer Macht zu geben, dass es nun ewig entschieden sein soll, dass man nichts hören will von Reue und nichts von Gnade (ebd., S. 104).
Er ist sich bewusst, die Brücke hinter sich abgebrochen zu haben und für das Gute so unzugänglich zu sein wie das Gute für ihn, so dass es, selbst wenn er in einem schwachen Augenblick es wollen könnte, doch unmöglich wäre (ebd., S. 103).

Erstaunlich, wie präzise die Analysen in einer 1849 erschienenen Schrift die Verzweiflung eines Anakin Skywalker/Darth Vader und eines Ben Solo/Kylo Ren deuten! Auf dem von Kierkegaard beschriebenen dämonischen Wahnsinn bauen die Sith ihre Ideologie auf. Solche Dämonie zu stabilisieren, zu steigern und in selbstgefälligem Leiden die ganze Galaxis mit Rechthaberei zu tyrannisieren, ist das Ziel der Sith und Kern ihrer Lehre.

Doch wir alle, auch wenn wir dem Dämonischen nicht verfallen, haben die Tendenz, vor unserer eigenen Offenheit und Unendlichkeit der Seinsmöglichkeiten in einen fixierten Lebensentwurf zu flüchten. Das macht uns zudem berechenbar und kontrollierbar für unsere Umwelt, weshalb sie eine solche Selbstverendlichung mit Applaus begleitet und als Merkmal des Erwachsenseins lobt.

Die Verzweiflung, die einem nicht nur keine Ungelegenheit im Leben bereitet, sondern einem auch das Leben bequem und behaglich macht, die wird natürlich auf keine Weise als Verzweiflung angesehen (ebd., S. 32f.).

Es scheint, als könne man gerade durch Verzicht auf „Unendlichmachung“ völlig beruhigt das Leben in sicheren Bahnen führen. Aus der Perspektive eines Kierkegaard verstetigen wir dadurch aber nur die Verzweiflung, unser freies Selbst zu verleugnen. Machen es die Jedi besser? Eigentlich nicht. Denn auch sie ziehen aus Gründen der Statik unbiegsame Pfeiler und Träger in ihr Dasein ein: den strengen mönchischen Kodex, dem sie in ihrem gesamten Leben punktgenau zu folgen haben. Kierkegaard würde sie vermutlich der ethischen Existenzweise zuordnen, deren Anhänger sich in moralische Festlegungen zu retten versuchen, um sich mit der eigenen Unfestgelegtheit nicht auseinandersetzten zu müssen. Eine beständige Gefährdung, den Verlockungen der dunklen Seite zu erliegen, ist die Konsequenz dieser entfremdenden Selbstzucht.

Es fällt auf, dass sich kaum eine der Figuren im aktuellen Star Wars-Film als Möglichkeit entdeckt, sich wenigstens ab und zu neu zu erfinden: Han Solo verdingt sich wieder als Schmuggler und versucht, sich aus allen Schlamasseln herauszureden, Leia wirkt als Generalin und politische Integrationsfigur, Chewbacca folgt Han Solo immer noch treu, C-3PO steht als Protokolldroide immer noch eigentlich nur im Weg herum, BB-8 vertritt R2-D2 als beherzter drolliger Droide, der sofort alle Sympathien auf seine Seite zieht. Den gealterten Luke Skywalker (Mark Hamill) vermuten wir in der Rolle des alten Obi-Wan Kenobi, der zurückliegendes Versagen als Jedi-Lehrmeister durch Trainieren eines würdigen neuen Schülers wiedergutzumachen und dadurch die Macht ins Gleichgewicht zu bringen hat. Rey scheint die Jedilaufbahn vorgezeichnet. Das verrät bereits ihre lumpige Kleidung als Schrottsammlerin, die an einen Jedi-Gi erinnert. In Rey bohrt sogar ein Schmerz, der sie zur tragischen Figur á la Anakin und Luke Skywalker prädestiniert: der Schmerz über den Verlust der Eltern, die sie als kleines Mädchen auf Jakku zurückließen. Über dieses Tor, man ahnt es sofort, könnte die dunkle Seite in sie einbrechen – mit Kierkegaard gesprochen: sie wird von einer Pein jener Art geplagt, die sie in dämonischen Wahnsinn stürzen könnte. Einzig Finns Zukunft scheint unbestimmt. Ist die Macht auch in ihm erwacht, obwohl sie sich ungeschult keineswegs so stark erweist wie in Rey? Was erblickt Maz Kanata (Lupita Nyong’o) in seinen Augen? Bis auf Finn scheinen jedenfalls allen wichtigeren Figuren allzu bekannte Star-Wars-Narrationen eingeschrieben; deren Entwicklungsoptionen, wenn sie denn solche überhaupt haben, scheinen festzustehen (welche sie davon letztendlich realisieren, lässt sich selbstverständlich nicht vorhersagen).

Kylo Ren steht somit für den gesamten Film: Denn dieser scheint ebenso von der Angst beherrscht, am Vergleich mit seinen berühmten Vorgängerproduktionen zu scheitern. Deshalb verzichtet er weitgehend auf Neuerungen und Vertiefungen. Aber vielleicht findet man in den beiden noch ausstehenden Folgen der aktuellen Trilogie zu dem Mut, sich aus den bewährten Erfolgsrezepten zu lösen. Möge die Macht diesbezüglich mit den Machern sein!

Die Frage, die sich schon beim Ansehen der Folgen I-III aufdrängte, legt besonders auch Das Erwachen der Macht nahe. Warum misst Star Wars den Jedi und Sith überhaupt eine so große politische und militärische Bedeutung bei? Denn offenbar sind es auch in deren weit entfernter Galaxis Verwalter, Ingenieure, Generäle und Politiker, welche die Geschicke bestimmen. Deren Fähigkeiten entscheiden über Sieg und Niederlage, nicht die ritterlichen Zweikämpfe mit dem Lichtschwert oder die psychokinetischen, hypnotischen und mantischen Kunststückchen. Damit dezimieren sich Jedi und Sith nur gegenseitig. Den Krieg entscheiden Todessterne, Raumkreuzer, Jagdflieger, Strategien, Taktiken und glückende Kommandounternehmen wie jene unter dem nicht-Jedi Han Solo. Man erfährt auch nicht, welche Position etwa Kylo Ren gegenüber General Hux (Domhnall Gleeson) einnimmt, der die Starkiller-Basis befehligt und vor einer Kulisse im Nazidesign eine flammende Kampfrede in Goebbels-Manier hält. Wirklich nützlich erweist sich Kylo Ren lediglich als Verhörspezialist. Ansonsten nimmt ihn vor allem seine eigene heroische Zerrissenheit in Beschlag. Nicht viel anders steht es um die Nützlichkeit der Jedi für den Widerstand: Luke Skywalker glänzt durch Abwesenheit. Die Suche nach ihm erzeugt nur Kosten, ohne dass deutlich würde, was ein anwesender Luke großartig bewirken könnte. Womöglich zog er sich deshalb zurück, um nicht im Schmerz über sein Scheitern, Jedi-Nachwuchs heranzuziehen, Gefahr zu laufen, der dunklen Seite anheim zu fallen. Die schlachtentscheidenden Taten vollbringen jedenfalls Han Solo, Finn und Poe. Jedi und Sith kreisen immer nur um sich selbst, versichern einander in ihren aristokratischen Duellen gegenseitig ihrer jeweiligen Exzellenz, die aber außerhalb dieses Kreises niemand wirklich braucht.

Warum trägt der Kampf zwischen dunkler und heller Seite der Macht dann aber das gesamte Star Wars-Franchise? Er dient einzig und allein der Befriedigung spiritueller Sehnsüchte des Publikums – Sehnsüchte nach der Geborgenheit in einem kosmischen Zusammenhang und danach, mehr zu sein als ein verschwindend kleines und jederzeit austauschbares Rädchen im gewaltigen Welt- und Gesellschaftsgetriebe. Wir wünschen uns so sehr, zu einem Kreis der Auserwählten zu gehören, die mit einer wertvollen Gabe beschenkt wurden und wie antike Gottheiten gleich mit all ihrer Kraftfülle in die Existenz hereinbrechen. Ebenso wünschen wir uns, von unserem Umfeld so wichtig genommen, geliebt zu werden, dass man um unsertwillen größte Mühen auf sich nimmt und unsere egomanischen Krisen nicht nur erträgt, sondern als heroische innere Konflikte hochjubelt. Tatsächlich müssen wir uns für jedes Brösel abrackern, kleinliche Missgunst aushalten und uns beständig mit grotesken Widerständen herumschlagen. Die Wirklichkeit kommt unseren Sehnsüchten überhaupt nicht entgegen. Selbst höchste Entscheidungsträger_innen haben nur äußerst begrenzte Gestaltungsspielräume und den Genieglauben, dass Kreative über irgendwie höhere Kräfte und/oder Einsichten verfügten, mussten wir auch längst aufgeben. Nur zu gut wissen wir mittlerweile, dass, wer sich den herrschenden sozialen Imperativen nicht unterwirft, von der Gesellschaft gnadenlos ausgeschieden wird – egal, welche wie verbrämte Position man davor bereits erklommen hatte oder für sich beansprucht. Nur Unterhaltungsindustrie und Esoterik führen noch den Traum kosmischer Einbettung und Relevanz des einzelnen im Angebot. Haben wir uns ihm hingeben, funktionieren wir am nächsten Arbeitstag wieder wie geschmiert auf unserem bedeutungslosen, tristen Plätzchen.

Offenbar können wir vor allem die Einsicht in unsere tatsächliche Irrelevanz im Gesamt der Welt nicht ertragen. Douglas Adams macht sich darüber lustig und präsentiert in Kapitel 11 von The Restaurant at the End of the Universe den „Vortex der Gesamtperspektive“ eines gewissen Trin Tragula. Dieser Apparat vermittle jedem Nutzer den korrekten Eindruck von sich selbst im Verhältnis zur Unendlichkeit des Alls. Der dadurch erzeugte Schock sei so gewaltig, dass er das Selbstbewusstsein sofort auslösche. Herausragende Fechtkenntnisse, das Schwebenlassenkönnen von ein bisschen Masse, direkte psychische Beeinflussung anderer und obskure Vorahnungen könnten da unsere Position eigentlich auch nicht wesentlich verbessern. Levitation und Gabelverbiegen werden überhaupt allgemein überschätzt. Abgesehen davon, dass es dafür keine belegten Fälle gibt, ist insbesondere nicht zu erkennen, warum es sich bei telekinetischen Fähigkeiten, sollten sie einmal tatsächlich auftreten, um Kennzeichen höherer Weisheit, politischer Klugheit und gesteigerten kosmischen Einflusses handeln sollte. Treffende Satiren auf solche Vorstellungen finden sich im Kinofilm Looper (USA, China, 2012, R: Rian Johnson) und der Fernsehserie Heroes (USA 2006–2010, Showrunner: Tim Kring). Das Star Wars-Franchise erweist sich diesbezüglich hingegen als nicht gerade kritikfreudig. Aber vielleicht endet die aktuelle Trilogie ja mit der gegenseitigen Auslöschung von Sith und Jedi beziehungsweise von dunkler und heller Seite der Macht. Bis es so weit ist, können wir im Anschluss an Kierkegaard feststellen, dass es sich bei den dort bedienten esoterischen Sehnsüchten um auch nichts anderes handelt als Äußerungen der Verzweiflung, verzweifelt nicht selbst sein zu wollen. Um sich ja nicht mit eigenem Bedeutungsmangel und „Geworfenheit“ bei gleichzeitiger Unfestgelegtheit konfrontieren zu müssen, schreckt man nicht davor zurück, sich einem dubiosen kosmischen Regime und der Verheißung von noch dubioseren Kräften zu unterwerfen.

Zu Ende gedacht, erweist sich die permanent mit der Harmonisierung ihrer hellen und dunklen Seite beschäftigte „Macht“ des Star Wars-Universums zudem gar nicht als erwärmende Lebensenergie, sondern eher als nie endende, alles durchflutende Destruktivität. Denn diese ihre Polarität hält das Leben in einem Kreislauf vernichtender Kriege und radikaler Regimewechsel gefangen. Auch deshalb wären Neutralisierung der Macht sowie Abschaffung von Jedi und Sith geboten. Lichtschwerter ins Museum!

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