Swiss Army Man

Diese Besprechung von Dr. Alexander Wiehart wurde am 16. Oktober 2016 online gestellt.

Bitte Folgendes beachten: Ziel meiner Besprechungen ist es nicht, Empfehlungen abzugeben. In erster Linie setze ich mich essayistisch mit Filmen und Serien auseinander und behandle an ihnen allgemeine philosophische, sozial- und geisteswissenschaftliche Fragen. Dabei muss ich das „Ende“, Pointen, Wendungen und Clous oft in die Überlegungen einbeziehen. Wer sich daher Spannung und Suspense nicht verderben lassen will, lese meine Kritiken immer erst nach Sehen des Films beziehungsweise der Serie! Die Spoilerwarnung ist hiermit ausgesprochen.

Swiss Army Man: USA 2016, R: Daniel Kwan, Daniel Scheinert, D: Daniel Radcliffe, Paul Dano u. a.

Rosa

Besprechungsgrundlage ist eine Kinoaufführung.

Schon die Einfügung eines kleinen, vielleicht deplazierten Details kann eine Situation oder ein Werk völlig verändern. Gewohntes erscheint uns plötzlich fremd. Es wird der Routine des Deutens und Zuordnens entrissen und erhält den Charakter einer Aufforderung – der Aufforderung, sich auf die Suche nach angemessenen neuen Begriffen und Beschreibungen zu begeben. Zu einer solchen Suche finden wir uns glücklicherweise gut gerüstet, denn wir verfügen über ‚reflektierende Urteilskraft’. Immanuel Kant erläutert in seiner Kritik der Urteilskraft, die zuerst 1790 erschien:

Urtheilskraft überhaupt ist das Vermögen, das Besondere als enthalten unter dem Allgemeinen zu denken. Ist das Allgemeine (die Regel, das Princip, das Gesetz) gegeben, so ist die Urtheilskraft, welche das Besondere darunter subsumirt, […] bestimmend. Ist aber nur das Besondere gegeben, wozu sie das Allgemeine finden soll, so ist die Urtheilskraft bloß reflectirend (B XXVf., AA V 179).

Domänen der bestimmenden Urteilskraft sind etwa die Naturwissenschaften, die Technik und die Juristerei. Denn dort wenden wir uns einem bestimmten Ereignis oder Objekt zu, um es als Exemplar eines bereits formulierten Naturgesetzes, als Mittel zu vorgegebenen Zwecken oder als Fall geltenden Rechts zu erweisen. Normen der Nützlichkeit, Natur- und Rechtsgesetze bilden das bereits bekannte und insofern gegebene Allgemeine. Beim Erfassen eines Kunstwerkes als Kunst können wir auf diese Weise nicht vorgehen, weil es keine fixierten, allgemein anerkannten Kriterien von Kunst geben kann. Denn ein Kunstwerk, das diesen Namen verdient, bestätigt gerade nicht unsere vorgefassten Meinungen über Kunst, sondern zwingt uns, über das, was Kunst ist, aufs Neue nachzudenken. Das besondere Werk ist also jenseits dessen angesiedelt, was wir bisher für Kunst gehalten haben. Jede einzelne künstlerische Arbeit schickt uns auf die Suche nach einem ihr gerechten, bisher ungebräuchlichen allgemeinen Kunstbegriff und wendet sich somit an unsere reflektierende Urteilskraft. Daraus ergibt sich übrigens die enorme seelische Dynamik bei Konfrontation mit Kunst, die Beunruhigung. Wir erfahren, dass wir hinter dem Kunstwerk immer zurückbleiben mit unseren allgemeinen Urteilen. Das Kunstwerk erweist sich als Horizont, der bei Annäherung nicht näher kommt. Es hält uns bei aller sinnlichen Präsenz beständig auf Distanz. Dabei verbirgt es uns nicht, was es ist, sondern öffnet sich so sehr, dass es unerschöpflich an Interpretationsmöglichkeiten bleibt. Die oft abschätzige Frage: „Ist das überhaupt Kunst?“ ist dem Kunstwerk also ebenso eingeschrieben wie dessen Absehen von allem Nutzen.

Um die reflektierende Urteilskraft zu mobilisieren, würde, wie gesagt, bereits eine winzige Verwerfung, unmerkliche Unregelmäßigkeit, eine zarte Überraschung reichen: etwa ein Champignon aus dem Supermarkt, der sich plötzlich in ein Porträt gezeichnet findet. Aus einem Bildnis mag dann ein Sieversches Selbstpilznis werden, von dem wir erst herausfinden müssen, was es eigentlich ist, wohl wissend, dass keine Deutung es je ausschöpfen kann.

Swiss Army Man hingegen misstraut unserer Sensibilität. Denn dieser Film wartet gleich mit ganzem Leichnam auf, den ein Star wie Daniel Radcliffe verkörpert. Noch dazu verfügt die Leiche, angetrieben von ihren verwesungsbedingten Furzen, geradezu über Superkräfte. So kann Hank (Paul Dano) auf ihr wie auf einem Jet-Ski über das Meer fegen und sich wie mit Düsen in die Lüfte erheben. Ihr Mund spendet Wasser zum Trinken und Duschen und kann beliebige Gegenstände abschießen, ihr steifes Glied dient als Kompass. Kurzum: Leiche Manny erweist sich als postmortales menschliches Schweizer Taschenmesser, das für jede Aufgabe ein probates Mittel bereit hält; daher der Titel „Swiss Army Man“ nach „Swiss Army knife“, englisch für „Schweizer Taschenmesser“. Der Film füllt sich durch Mannys Multifunktionalität („multipurpose tool guy“) so sehr mit zudem benimmnormüberschreitender Phantastik an, als wolle er unsere reflektierende Urteilskraft zu Höchstleistungen regelrecht zwingen. Sollen wir auf diese Weise vielleicht trainieren, uns aus all den Festgefahrenheiten unseres Lebens herauszureißen: Kinobesuch als Befreiungsakt?

Wie gut die Absicht auch sein mag: Der Film scheitert, weil er gerade in seiner krampfhaften Merkwürdigkeit nur allzu leicht zu durchschauen ist. Wir fühlen: Das ist einfach zu viel des Guten, das ist aufdringlich. Am Ende befällt den Film gar die Angst vor der eigenen Schneid und er bietet eine schmerzfreie und platte „Auflösung“: Hank, der so viele Abenteuer mit der Leiche besteht, war gar nicht auf ferner Insel gestrandet, sondern erweist sich als liebenswerter Sonderling, der im Wahn einige Tage durch das Wäldchen seines Wohnortes irrt, die angespülte Leiche eines Selbstmörders als Gefährten im Schlepptau. Seinesgleichen geschieht offenbar und konnte man zur Zeit der Printmedien in den Lokalteilen der Zeitungen, gerührt von der Tragikkomik dieser Geschichte, nachlesen. Welche tiefere, womöglich gar „philosophische“ Bedeutung sich hinter einer solchen Abweichung von gesellschaftlicher Norm verbergen sollte, kann ich nicht erkennen. Hank ist ein Don Quijote ohne jegliche Brisanz, ein harmloser Wirrkopf, der für nichts Allgemeines steht und bestenfalls boulevardeskes Interesse beanspruchen darf. Andere Produktionen schürfen an selbem Ort viel tiefer: Man denke nur an einen Film wie I’m a Cyborg, But That’s OK (Südkorea 2006, R: Park Chan-wook) oder an Asylum, die zweite Staffel der TV-Serie American Horror Story (USA 2012-13, 13 Episoden, Showrunner: Ryan Murphy, Brad Falchuk). Dort spiegelt Abweichung problematische soziale Strukturen, Institutionen und/oder grundlegende menschliche Bedingtheiten und Möglichkeiten. Eine so effekthascherische, zugleich aber trotz hoher Flatulenzdichte und Zombieanklängen seltsam geruchlose Phantasie wie den Taschenmessermann als Ausdruck existentieller seelischer Bedrängung zu bemühen, wird der Komplexität menschlichen Seins und gegenwärtiger Gesellschaft nicht gerecht.

Abgesehen davon beendet die kommod psychologische Auflösung des seltsamen Geschehens jegliche Aktivität der reflektierenden Urteilskraft. Es herrscht kein Mangel an Allgemeinem, unter das sich wahnhaftes Verhalten flott subsumieren lässt. Die Interpretation des Filmes verlagert sich von der Deutung eines Kunstwerkes in die bestimmende Urteilskraft psychotherapeutischer Expertise. Kreativbastler*innen mögen Hanks filigranen Nachbau des Inneren eines Autobusses aus Zweigen und Müll inspirierend finden, Erzieher*innen die kindlichen Rollenspiele, die Hank mit der Leiche aufführt, pädagogisch wertvoll.

Meine Erfahrung findet sich bestätigt, dass die allgemein gern als „philosophisch“ angesprochenen Filme vielleicht Schrulliges warm servieren und Grenzerfahrungen human poetisieren, aber kaum Anlass wirklich zum Philosophieren bieten. Meist sind es Wohlfühlfilme, die einem saturierten Publikum Gelegenheit bieten, sich auf der Seite sympathischer Außenseiter zu wähnen und sich mit ihnen symbolisch zu solidarisieren. Dabei muss man die eigene Position nicht aus der bequemen Mitte bringen und findet sich nicht konfrontiert mit der Brüchigkeit des eigenen Lebens. Swiss Army Man ist nichts als leere Ästhetisierung für chronisch unbeunruhigte Menschen.

Advertisements

2 Gedanken zu “Swiss Army Man

  1. Mir gefällt Ihre Besprechung, aber ich muss Ihnen teilweise widersprechen.

    Die andauernden Fürze und die Philosophie um Scheiße wirkte wirklich aufdringlich und krampfhaft, aber es ist falsch den Film darauf zu reduzieren. Weniger wäre mehr gewesen, aber dennoch beunruhigt der Film gerade in der Endszene, lässt er uns doch an der Wahrheit zweifeln. Er lässt uns den Scham von Hank, das vermeintliche Zerbrechen seiner Welt, mitfühlen, als Beobachter mit Verständnis für beide Seiten – und so plump und „neatly resolved“ das Ende mit der „Es war alles nur in seinem Kopf!“-Erklärung auch wäre – die Leiche lebt! Deplatziert, der Moment ruiniert… oder doch nicht? Wir werden zurückgelassen ohne wirklich zu wissen was wir fühlen sollen. Weniger ist mehr, zu viel ist immer noch etwas.

    „Die Interpretation des Filmes verlagert sich von der Deutung eines Kunstwerkes in die bestimmende Urteilskraft psychotherapeutischer Expertise. “
    Ich denke Sie beziehen sich damit auf den Twist am Ende; Manny lebte nie.

    Nachvollziehbar und eine valide Interpretation des Films, aber letztlich hat die Frage nach der Realität des Gezeigten relativ wenig Auswirkungen auf den Kern des Films: Ob mit der wirklich leblosen Leiche projiziert, phantasiert und selbsttherapiert wird, oder ob der Schweizer Magie Klippenspringer, der dem Leben entsagte, als weißes Blatt neu beschrieben wird, macht kaum einen Unterschied.

    „Hank ist ein Don Quijote ohne jegliche Brisanz, ein harmloser Wirrkopf, der für nichts Allgemeines steht und bestenfalls boulevardeskes Interesse beanspruchen darf.“

    Sind grundlegende Fragen zu Repression, sozialen Normen und Akzeptanz nicht Allgemeines? Hank ist nicht Stellvertreter aller Menschen, aber in seiner Einsamkeit und seinem Leid, ist es uns möglch Empathie für ihn zu empfinden als archetypischer „Underdog“, ewiger Verlierer und später auch unangenehm abnormer Sonderling.
    Dennoch, ich sehe die menschliche Verfassung in der Selbstfindung Hanks und im unbeholfenen „Beschreiben“ Mannys, das ihm wieder Leben einhaucht.

    Dem Film hätte es gut getan, wenn Mannys Nützlichkeit mit der Fähigkeit zu sprechen ausgeschöpft gewesen wäre. Die phantastische Komik ist wirklich nur inessentielles Beiwerk zur Lockerung und Schrulligkeit – stellenweise witzig, visuell sehr gut.

    • Vielen Dank für Kommentar und Kritik! Ich bleibe aber bei meinen Vorbehalten gegenüber dem Film.

      Das Ende mit der dann doch wieder furzgetrieben davonbrausenden Leiche hat mich nicht so sehr überrascht. Es passt ins Bild, laufend bemüht zu sein, etwas offen zu halten. Aber ich glaube diesem Film nicht, dass es eine solche Leiche tatsächlich gibt. Daher beunruhigt das Ende nicht wirklich – etwa im Vergleich mit zahllosen anderen Filmen und Qualitätsserien, die glaubhaft zwischen Wahn und Realität angesiedelt bleiben und sich jeglicher Auflösung verweigern (und diese auch nicht delegieren an die Psychotherapie), z. B. Carpenters „Die Mächte des Wahnsinns“ (um nur den Film zu nennen, der mir gerade als erstes in den Sinn kommt).

      Das Problem, das ich mit „Swiss Army Man“ habe, liegt u. a. gerade darin, dass weder Hank noch Manny In ihrem jeweiligen Leid fassbar werden. Zwar finden die Symptome sich genüsslich ausgebreitet, nichts aber erfahren wir über die tieferen Gründe und die sozialen Mechanismen, die Hank in den Realitätsverlust und Manny (genauer: den Menschen, der er einmal war) in den Selbstmord getrieben hatten. Soziale Normen, Repressionen, mangelnde Akzeptanz blendet der Film gerade aus.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s