The Hateful 8

Diese Besprechung von Dr. Alexander Wiehart wurde am 2. Februar 2016 online gestellt.

Bitte Folgendes beachten: Ziel meiner Besprechungen ist es nicht, Empfehlungen abzugeben. In erster Linie setze ich mich essayistisch mit Filmen und Serien auseinander und behandle an ihnen allgemeine philosophische, sozial- und geisteswissenschaftliche Fragen. Dabei muss ich das „Ende“, Pointen, Wendungen und Clous oft in die Überlegungen einbeziehen. Wer sich daher Spannung und Suspense nicht verderben lassen will, lese meine Kritiken immer erst nach Sehen des Films beziehungsweise der Serie! Die Spoilerwarnung ist hiermit ausgesprochen.

The Hateful 8 (The Hateful Eight): USA 2015, R: Quentin Tarantino, D: Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh, Walton Goggins, Bruce Dern, Tim Roth, Michael Madsen, Demián Bichir, Channing Tatum u. a.

Paula

Besprechungsgrundlage ist eine Kinoaufführung.

Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Tarantino ist ein unaufdringlich hochintellektueller Film gelungen, worin sich Text, Bild und Handlung auf ästhetisch bestechende Weise verschränken: ein filmischer Essay über das Geschichtenerzählen, über Wahrheit, Lüge und die perspektivische Beschränkung, der wir bei der Beurteilung einer Situation nicht entgehen können. Freilich kommt The Hateful 8 nicht unter dem Banner des künstlerischen Autorenfilms daher, sondern präsentiert sich auf den ersten Blick als in Kapitel gegliederter, nicht linear erzählter, kammerspielartiger Spätwesterncomic mit komisch übertriebenen Splattereinlagen und dem schwarzen Humor von Gangstern, die in der Logik der Steckbriefe ihre eigenen Leichen als Zahlungsmittel anbieten. Verwirrspiele um Genre und Anspruch sind bei Tarantino keine Seltenheit – und doch fallen insbesondere deutsche Filmkritker_innen regelmäßig darauf herein: Filmkritiker_innen sind eben keine Philosoph_innen und lassen sich leicht vom Schein zu Fehlinterpretationen verführen. Oder ist es bloß zeitsparend und vermittelt das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, wenn man die ewigen Tarantino-Klischees wiederholt, ohne sich auf den Film eingelassen zu haben? Folgende ausdrücklich nicht-postmoderne Besprechung zeigt jedenfalls, dass The Hateful 8 keineswegs nur aus Zitaten oder gar Selbstzitaten besteht, sondern auf hohem Niveau grundlegende Strukturen der Zwischenmenschlichkeit reflektiert.

Dem Geschichtenerzählen kommt eine zentrale Bedeutung zu bei der Akzeptanz eines anderen Lebewesens als Person. So erkennt der greise Konföderiertengeneral a. D. (Bruce Dern) dem afroamerikanischen ehemaligen Nordstaatenmajor (Samuel L. Jackson) zu, eine Person zu sein, wenn er dessen Geschichte anhört und sie für wahr hält. Auch die Existenz von so etwas wie Wahrheit erweist sich dabei als unentbehrlich, nämlich als notwendige Bedingung, jemandem Denken zuzuschreiben:

Die Wahrheit ist… nicht deshalb wichtig, weil sie besonders wertvoll oder nützlich wäre – obwohl auch das natürlich hin und wieder sein kann -, sondern sie ist deshalb wichtig, weil wir ohne den Wahrheitsbegriff weder denkende Wesen wären noch verstünden, was es heißt, dass jemand anders ein denkendes Wesen ist (Donald Davidson: Rehabilitierung der Wahrheit, in: Donald Davidson, Richard Rorty: Wozu Wahrheit? Eine Debatte, FaM 2005, S. 311).

Und jemandem Denken zuzuerkennen, ist notwendige Bedingung dafür, ihn als Person zu akzeptieren, d. h. als Akteur, der sich seine Handlungen selbst bewusst zuschreibt, sowie als Träger von Verantwortung und Schuld. Genau dies tut General Smithers, wenn er die Geschichte über den Tod seines Sohnes (Craig Stark), die Major Warren vor ihm ausbreitet, für wahr hält: Warren erzählt, wie er Smithers Sohn grausam und unter größten Demütigungen erfrieren ließ, woraufhin Smithers ihn aus Rache zu erschießen versucht. Mit diesem Versuch, erkennt er Warren immerhin als Person an. Zwar will er Warren vernichten, aber er will ihn als Person vernichten aufgrund einer Tat, die Warren nur als Person begangen haben kann. Denn, schriebe er Warren nicht die Schuld am Verschwinden des Sohnes zu, hätte er auch keinen Grund, Warrens Leben beenden zu wollen.

Diese Episode bestätigt zudem, was André Glucksmann (dessen Ausführungen zum Thema Hass ich sonst eher distanziert gegenüber stehe) über den Zusammenhang zwischen Hass und Geschichten beobachtet:

Der Hass stellt die Kunst dar, den Zorn durch schreckliche Geschichten am Leben zu erhalten, zu nähren, zu mästen. Aber nicht mit irgendwelchen. Mit Vorliebe solche, die ihn in einen reißenden Abgrund verwandeln, der alles verschlingt (Hass. Die Rückkehr einer elementaren Gewalt, München, Wien 2005, S. 53).

Die Geschichten von und um Warren, Smithers und Chris Mannix (Walton Goggins) halten insbesondere den Hass zwischen Süd- und Nordstaatlern frisch lange über das Ende des Sezessionskrieges hinaus. Aber nicht nur einzelne Erzählungen und Selbstzuschreibungen führen immer wieder in den alles verschlingenden Abgrund des Hasses hinunter, sondern, wie sich zeigen wird, der Film als ganzes.

Zuerst sei allerdings noch etwas eingehender die Rolle der Wahrheit in The Hateful 8 untersucht. Insbesondere ihre Verknüpfung mit gewissen Räumen regt zum Denken an. Ein Innenraum, worin sich Personen drängen, sei es Minnies Miederwarenladen oder die Postkutsche, provoziert Geschichten, die nicht zur Unterhaltung erzählt werden, sondern mit dem Zweck, den anderen, meist unbekannten Anwesenden ein bestimmtes Bild von sich selbst zu vermitteln. Dieses Bild soll kalkuliert Erwartungen schaffen und die Interaktion zu eigenen Gunsten beeinflussen. So schmückt sich Warren, um sich anderen gegenüber aufzuwerten und ihnen Vertrauen einzuflößen, gerne mit einem freundschaftlichen Brief, den er von keinem geringeren als Präsident Abraham Lincoln erhalten haben will. Solche Geschichten, von vornherein als Instrumente zur vorteilhaften sozialen Positionierung konzipiert, werfen sogleich die Frage nach ihrer Wahrheit auf. Räumliche Beengung provoziert also nicht nur Geschichten, sondern schafft einen Kontext kondensierter Wahrheitsproblematisierung. Das konnte Tarantino bereits in seinem Kinoerstling Reservoir Dogs (USA 1992), worin ebenso Tim Roth und Michael Madsen mitspielten, prägnant herausarbeiten. Als verstärkenden Kontrast zu den engen Innenräumen setzt Tarantino in The Hateful 8 Landschaften im Breitwandformat, wo die erzählten Geschichten, um deren Wahrheit es geht, oft spielen: so Warrens innere Landschaft der Genugtuung, sich an dem Sohn des Generals sadistisch gerächt zu haben. Die Landschaft, worin sich am Anfang des Films die Akteure Minnies Miederwarenladen nähern, hat hingegen den Charakter einer symbolischen Landschaft: so zeigt die erste Einstellung einen beschneiten Crucifixus im close-up des Vordergrunds; man denkt sofort an ein Grabkreuz. Aus dem Hintergrund nähert sich gespenstisch wie in einem Vampirfilm die Postkutsche mit John Ruth (Kurt Russell) und Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh): sie eilen bildsymbolisch ihrem Grab entgegen. In den Landschaften selbst erhebt sich die Frage nach Wahrheit nicht; dort findet sie statt. Die Frage nach Wahrheit taucht erst dann auf, wenn die Menschen gezwungen sind, einen Innenraum miteinander zu teilen und einander zu erzählen, was etwa in der Landschaft ohne Beisein der jeweils anderen Anwesenden passiert ist oder warum sie die Landschaft durchqueren. Das gilt auch für die im fünften Kapitel vergegenwärtigte Untat in Minnies Miederwarenladen vor der Haupthandlung: für die erbarmungslose Erschießung von Minnie Mink (Dana Gourrier), Sweet Dave (Gene Jones), ihrer Angestellten und dem Personal der ersten Postkutsche. Denn die erfolgreiche Ausführung dieser Untat im Miederwarenladen setzt wieder Täuschung über die eigene Person, deren Weg und Absichten voraus. Schlagartig zeigen sich die freundlich-schüchternen Reisenden im günstigen Moment als brutale Mörder, die es sichtlich genießen, ihre Tarngeschichten vor den Opfern als Täuschung zu entlarven. Deshalb warten die Bandenmitglieder mit den tödlichen Schüssen so lange, bis ihre Opfer nicht nur realisiert haben, dass sie jetzt sterben sollen, sondern vor allem, dass sie getäuscht wurden.

Wahrheit ist selbstverständlich auch die Voraussetzung, dass es so etwas gibt wie Täuschung und Lüge: Augustinus definiert in Die Lüge (De Mendacio):

…Lüge ist die Äußerung jemandes, der Falsches äußern will, um zu täuschen (…mendacium est enuntiatio falsum enuntiare volentis ut fallat; Opera. Werke, Bd. 50, Paderborn e. a. 2013, §4, 68f.).

Falsches äußern zu wollen, setzt voraus, den Unterschied zwischen Wahrem und Falschem anzuerkennen. Folglich kann, wer lügt, Wahrheit nicht leugnen. Augustinus’ Bestimmung der Lüge weist uns zudem darauf hin, dass mit einer Lüge immer auch eine Absicht verfolgt wird, nämlich eine Täuschungsabsicht.

Was aber ist eigentlich so schlimm daran, belogen zu werden? Bernard Willimas gibt folgende überzeugende Antwort:

Offenbar ist es eine Verletzung des Vertrauens: Ich bringe den Hörer dazu, sich auf das zu verlassen, was ich sage, wenn er einen triftigen Grund dafür hat, und indem ich diesen Missbrauch begehe, missbrauche ich auch das Verhältnis, das darauf beruht. Selbst wenn ich aus triftigen Gründen und im Interesse des anderen handele, gebe ich ihm in dieser spezifischen Hinsicht keine Chance, in eigener Weise auf die Tatsachen (wie sie sich meiner Ansicht nach darstellen) zu reagieren, während ich ihm eben diese Chance einräumen würde, wenn ich mich aufrichtig ausdrückte. Statt dessen vermittle ich ihm ein Weltbild, das meinem Willen entspringt. Indem ich die Wirkung der Welt auf ihn durch meinen Willen ersetze, bringe ich ihn insofern in meine Gewalt und schränke somit seine Freiheit ein oder beraube ihn dieser Freiheit…
In jedem Fall manipuliert der Täuscher die Überzeugungen seines Hörers, aber im Fall der Lüge nimmt diese Verdrängung der Welt durch den Willen eine Gestalt an, die direkter gar nicht denkbar ist…
Sobald er [sc. der Belogene, meine Anm.] erkennt, dass er hintergangen wurde, kommt es zu einer völligen Umkehrung: Anfangs stand der Wille des Sprechers gänzlich außerhalb des Bilds, doch jetzt ist das Bild nichts weiter als ein Produkt dieses Willens. Der Betrogene begreift die ungeschminkte Lüge als nackte und unmittelbare Ausübung von Macht über ihn selbst, ohne dass von seinem eigenen Standpunkt irgend etwas für diese Anwendung der Macht spräche, und das ist eine mustergültige Ursache von Groll: Es handelt sich nicht nur um Enttäuschung und Zorn, sondern um Demütigung und die Einsicht, dass man in ganz buchstäblichem Sinne zum Narren gehalten wurde (Wahrheit und Wahrhaftigkeit, FaM 2013, S. 182f.).

Jetzt verstehen wir auch den Titel des Films: „The Hateful 8“: Die hasserfüllten Acht. Warum saugen sich die acht Personen mit immer mehr Hass voll? Williams nennt den Grund: weil sie zunehmend erkennen, mit Menschen auf engstem Raume eingeschlossen zu sein, die ihnen Wahrnehmungen und Einschätzungen der Situation und der Anwesenden aufdrängen wollen, die nicht der Welt entsprechen, sondern einem fremden, von fremden Interessen geleiteten Willen. Lüge ist ein Übergriff, bei dem die Interessen des Belogenen zu Gunsten der Interessen des Lügenden missachtet werden. Der Belogene wird zum Objekt fremder Zwecke entwürdigt und entmachtet. Das ist, wie in der Besprechung der 2. Staffel von The 100 herausgearbeitet, Kern aller Unmoral. Als besonders kränkend kommt bei der Lüge hinzu, dass der Belogene zugleich im Glauben gelassen werden soll, dass seine Entwurfs- und Deutungsfreiheit sowie seine rechtmäßigen Interessen ohne Unterbrechung Achtung finden. Im Hass auf die Lügnerin, den Lügner äußert sich das Bedürfnis, die Macht über Situationsinterpretation und Verfolgung der eigenen Interessen wiederzuerlangen. Wie gewinnt man sie am effektivsten zurück? Indem man die Person, die diese eigene Macht durch ihre Lügen zu untergraben versucht, unschädlich macht, im Extremfall umbringt. Entsprechend erklärt, wie wir bereits in der Besprechung der 1. Staffel von The 100 feststellen konnten, die rationalistische Affekttheorie eines Baruch de Spinoza den Hass: als Affekt gegenüber jemanden (oder etwas), den (oder das) wir als Ursache erlebten Machtverlustes einschätzen.

Wir sehen auch, dass… der Hassende bestrebt ist, den verhassten Gegenstand zu entfernen und zu zerstören (Videmus deinde, quod… qui odit, rem, quam odio habet, amovere, & destruere conatur; Ethica III Prop. XIII Sch., zit. nach der Ausg. Stuttgart 1984).

Daher ist ein Unwort wie „Lügenpresse“ auch so geeignet, Hass zu schüren, und erzeugt die Entdeckung, dass Medien in autoritären Regimes tatsächlich lediglich den Willen der Potentaten als Welt verkaufen, berechtigte Empörung. Um auf The Hateful 8 zurückzukommen: Aufgrund des engen Zusammenhanges zwischen Lüge und Macht genießen die Mitglieder der Domingray-Bande ihre Selbstenthüllung während des im fünften Kapitel dargestellten Massakers so sehr. Sie genießen dabei nämlich die Macht, den Opfern nicht nur das Leben zu rauben, sondern den Opfern darüber hinaus ihren eigenen Willen als Welt vermittelt zu haben.

Aufgrund des engen Zusammenhanges zwischen Lüge und Hass ist ausgerechnet John Ruth so sehr mit Hass erfüllt – einem Hass, der sich immer wieder in heftigen Schlägen gegen den Kopf seiner Gefangenen Daisy Domergue entlädt. Sein Hass lodert so hoch, weil Ruth in besonderem Maße enttäuschbar ist. Denn er selbst lügt nicht und bemüht sich, den gesuchten Verbrecher_innen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Deshalb erschießt er sie nicht einfach, wie aufgrund der Steckbriefe – „dead or alive“ – erlaubt, sondern liefert sie den staatlichen Instanzen lebendig aus und überlässt es den Gerichten, ein Urteil zu fällen, den staatlichen Henkern, das Urteil zu vollstrecken. Ruth ist ein Kopfgeldjäger mit Prinzipien. Umso größer sein beständiges Befremden gegenüber Menschen, die diese Geradlinigkeit nicht an den Tag legen. Da er sich in einer Welt aus Lügnern und Schwerverbrechern bewegt, begegnet er jedem mit höchstem Misstrauen und wird auch beständig enttäuscht, was ihn seine Tätigkeit als dauernde Beschwernis erleben lässt:

Niemand sagt, dass dieser Job leicht werden wird (No one said this job was supposed to be easy).

Wie bereits im Trailer gezeigt, kontert sein Kopfgeldjägerkollege Major Warren in der Postkutsche:

Sagt aber auch niemand, er müsste anstrengend sein (Nobody said it’s supposed to be that hard, either!).

Warren nimmt alles leichter. Denn er ist selbst Lügner und Totschläger, der sich folglich nicht dauernd entsetzen muss über Lüge und Unrecht als das ihm Wesensfremde. Im Gegenteil: Er versteht es selbst meisterhaft, die Lüge einzusetzen, um anderen ein genau kalkuliertes Bild von sich zu vermitteln. Zu diesem Zweck fälscht er sogar einen privaten Brief Lincolns. In Wahrheit führte der Präsident mit ihm niemals eine Korrespondenz oder war mit ihm gar befreundet.

John Ruth dagegen vertritt die traditionellen Werte des Edelwesterns – allerdings in einer Welt, worin solche Werte keine Orientierung beim erfolgreichen Handeln bieten. Deshalb lässt Tarantino Ruth als ersten sterben und auch noch den ganz und gar unheroischer Tod durch Vergiftung erleiden. Anhand von Ruths Schicksal dekonstruiert Tarantino den Wertekosmos des klassischen Westerns. Wenn die beiden am Ende Überlebenden, Major Warren und der Sheriffanwärter Chris Mannix, in Ruths Namen Daisy Domergue schließlich erhängen und sich an ihrem Todeskampf weiden, entlarvt Tarantino die Gerechtigkeitsrhetorik vollends als Farce. Denn Warren und Mannix haben weder die richterlichen noch exekutiven Befugnisse, um jemanden rechtmäßig am improvisierten Galgen hinzurichten. Auch fehlt ihnen die Leidenschaftslosigkeit (dispassion) bei der Ausführung, die English Pete Hicox (Tim Roth) in seiner Tarnung als Henker Oswaldo Mobray als wesentliches Merkmal der Gerechtigkeit angeführt hatte. Voller Lust und Hohn hieven Warren und Mannix die erstickende Daisy mit letzter Kraft hoch. In The Hateful 8 finden sich Recht und Ordnung am Ende eben nicht wieder hergestellt. Die Welt verbleibt im moralischen Morast aus Lüge, Verbrechen, Hass, Sadismus und Lynchjustiz. Mit Daisy verröcheln auch Ruths Edelwesternstandards: in wundervoller brutalkomischer Symbolik baumelt Ruth mit am Strick, vertreten durch seinen Unterarm, den Daisy kurz davor mit einer Machete abgeschlagen hatte und der durch die Handschellen fest mit ihrem Körper verbunden bleibt. Splatter mit gutem tiefen Sinn!

Die Dramaturgie von The Hateful 8 bezieht ihre Kraft also vor allem aus dem permanenten Versuch der Figuren, einander die Welt vorzuenthalten und an deren Stelle eine Sichtweise aufzudrängen, die fremden Interessen dient. Hinter dem Kampf um Leben und Tod verbirgt sich der Kampf um die Hoheit, Perspektiven zu vermitteln. Dem entspricht visuell der beständige Wechsel der Kameraperspektive, gerade auch in Situationen, die für die Handlung nicht entscheidend sind. Besonders häufig wechselt der Blick von der Außenansicht eines Gebäudes oder einer Postkutsche zu jener von innen nach außen, oft verbunden mit einer fürs Auge unangenehmen Umkehrung der Helligkeit. So ist ausführlich zu sehen, wie die Pferde mühsam durch den aufkommenden Schneesturm in den Stall gebracht werden, wobei der Stall von außen als dunkles Gebilde inmitten einer düsterweißen Umgebung erscheint, während uns von innen der mittige Torausschnitt im chiaroscuro gleißenden Gegenlichts blendet.

Mit unserer eigenen perspektivischen Beschränktheit konfrontiert uns Tarantino, indem er uns immer nur einen engen Ausschnitt des entscheidenden Geschehens aus einem bestimmten Blickwinkel zeigt. Das Gesamt bleibt uns verborgen und enthüllte sich nur, wenn wir mehrere Perspektiven zugleich einnehmen könnten. Oft täuscht uns der Film regelrecht: etwa wenn er uns bisweilen mehrere Perspektiven bietet und uns damit einen Wissensvorsprung gegenüber den Handelnden einzuräumen scheint: Wir etwa wissen, dass unter dem Tisch, an den sich Joe Gage alias Grouch Douglass (Michael Madsen) gerade setzt, noch eine Waffe versteckt ist. Warren und Mannix verfügen nicht über diese Information. Als gamechanger fungiert diese Waffe allerdings nicht; unser diesbezüglicher Wissensvorsprung erweist sich als nicht weiter von Belang. Oder es wird Gift in den Kaffee geleert und nur der Vergifter selbst, Daisy Domergue und das Publikum haben Kenntnis davon. Auch in diesem Falle hilft uns der Wissensvorsprung gegenüber allen anderen Figuren nicht, das Geschehen zu entwirren; er dient lediglich dazu, um Spannung zu erzeugen: Wird Ruth vom vergifteten Kaffee nun trinken oder nicht? Wer den Kaffee vergiftet hat, erfahren auch wir erst viel später – und dann wird sich diese Auskunft als gar nicht so relevant erweisen, weil außer Ruth, Warren, Mannix, Smithers und dem Kutscher (James Parks) ohnehin alle Anwesenden der Domingray-Bande angehören. Tarantino erzeugt also geschickt auch bei uns Zuschauer_innen das Gefühl, jederzeit getäuscht werden zu können, indem er gezielt Erwartungen schafft, die der Film schließlich nicht erfüllt. So schildert er ausführlich und bildgewaltig die Mühen beim Installieren der Seile. Sie sollen als Handläufe das Hauptgebäude mit Stall und Toilettenhäuschen verbinden, um im Schneesturm Halt und Orientierung zu bieten. In der folgenden Handlung spielen sie jedoch überhaupt keine Rolle mehr, weil sich das Geschehen wider Erwarten nicht nach außen verlagert. Ähnlich enttäuscht gezielt der relativ frühe Tod von John Ruth, den Tarantino zu Beginn als Hauptfigur einführt und entsprechend mit einem Star vom Kaliber eines Kurt Russell besetzt. Demnach wäre anzunehmen, dass Ruth eine entscheidende Rolle im Finale spielen würde. Die Aufzählung von Tarantinos Täuschungsmanövern könnte lange fortgesetzt werden. Hingewiesen sei nur noch auf all die schließlich nirgendwohin führenden Andeutungen, dass sich Warren im Stile eines Hercule Poirot als scharfer Kombinierer erweist, das Komplott vorzeitig aufdeckt und den oder die Täter überführt.

Besonders beunruhigend verwirrt uns Daisy Domergue: Zuerst erscheint sie als Opfer, das immer mehr menschliche Züge gewinnt. Am Höhepunkt ihrer Darstellung als sensibler Gitarristin und Sängerin schlägt sie jedoch ganz ins Dämonische um und offenbart sich nach und nach als Drahtzieherin des gesamten mörderischen Spektakels. Ihrem Plan zufolge hätte sie alle zu Marionetten ihrer Fluchtinszenierung gemacht; schließlich aber ist sie es, die am Ende wie ein Marionette am Galgen baumelt. Selbst in ihren letzten Atemzügen changiert ihre Performance zwischen Verletzlichkeit und Monstrosität: Scheinbar unschuldige Augen glänzen und quellen aus blutverschmiertem Gesicht hervor. Sie bannen uns in allen Facetten zwischen Fragilität und namenlosem Hass. Jennifer Jason Leighs schauspielere Leistung ist grandios; bereits in Flesh and Blood (1985, R: Paul Verhoeven) hatte sie ihr Talent bewiesen, Frauenfiguren in der gesamten Bandbreite charakterlicher Ambivalenz zu verkörpern.

Voraussetzung von Lüge und Täuschung ist das begrenzte Wissen des Belogenen beziehungsweise Getäuschten. Als Menschen laufen wir beständig Gefahr, belogen und getäuscht zu werden, weil wir immer nur beschränkte Perspektiven einnehmen können, die uns bestenfalls Ausschnitte der Welt in der Einseitigkeit einzelner Standpunkte erfassen lassen. Die dabei gewonnenen Interpretationen von Situation und involvierten Personen beruht ihrerseits auf perspektivisch beschränkten und verzerrten Antizipationen, Erfahrungen, Begriffen, Theorien und Hintergrundannahmen. Fest etabliert hat Akira Kurosawa mit Rashomon – Das Lustwäldchen (Rashōmon: Japan 1950) diese Einsicht in der Filmgeschichte. Bereits zirka 250 Jahre davor war Leibniz so weit gegangen, jedes Individuum über die einzigartige Unvollkommenheit seiner jeweiligen Perspektive auf sich selbst und die Welt zu bestimmen. The Hateful 8 führt diese Facette menschlicher Unvollkommenheit nicht nur intelligent an irrenden Figuren vor, sondern lässt sie uns am Scheitern unserer eigenen Erwartungen beim Zusehen bitterkomisch erleben. Seinen größten Coup landet Tarantino uns gegenüber bereits mit dem Titel. Denn in Minnies Miederwarenladen stehen einander nicht acht Personen gegenüber, sondern insgesamt zehn. Der Titel soll uns dazu verführen, Daisy Domergue, die verborgene Hauptakteurin, als Akteurin gar nicht erst in den Blick zu bekommen, und uns keine vorzeitigen Hinweise auf ihren im Keller versteckten Bruder (Channing Tatum) liefern. Auch im wirklichen Leben bricht aus vermeintlich stabilen Standflächen Unvorhergesehenes herein und offenbart uns jäh die Doppelbödigkeit unter unseren Füßen.

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