The Last Witch Hunter

Diese Besprechung von Dr. Alexander Wiehart wurde am 26. Oktober 2015 online gestellt.

Bitte Folgendes beachten: Ziel meiner Besprechungen ist es nicht, Empfehlungen abzugeben. In erster Linie setze ich mich essayistisch mit Filmen und Serien auseinander und behandle an ihnen allgemeine philosophische, sozial- und geisteswissenschaftliche Fragen. Dabei muss ich das „Ende“, Pointen, Wendungen und Clous oft in die Überlegungen einbeziehen. Wer sich daher Spannung und Suspense nicht verderben lassen will, lese meine Kritiken immer erst nach Sehen des Films beziehungsweise der Serie! Die Spoilerwarnung ist hiermit ausgesprochen.

Frida

The Last Witch Hunter: USA 2015, R: Breck Eisner, D: Vin Diesel, Rose Leslie, Michael Caine, Elijah Wood, Julie Engelbrecht, Ólafur Darri Ólafsson u. a.

Besprechungsgrundlage ist eine Kinoaufführung.

Filme wie Die Hexen von Eastwick (1987) und Dark World (Russland 2010), Serien wie American Horror Story: Coven (2013-14) sowie Buffy und Vampire Diaries präsentieren Hexen als Bild des weiblichen empowerment. Wenn sich die Hexen nicht selbst disziplinieren wie in Der Hexenclub (1996), werden folgerichtig Hexenjäger aufgeboten, um dem Female Shift doch noch Grenzen zu setzten. Auf besonders penetrante Weise geschieht dies in The Last Witch Hunter. Dieser Film ist rundum schlecht, die schauspielerische Leistung allgemein indiskutabel, selbst jene von Michael Caine und Elijah Wood (die diesbezüglichen Erwartungen an Vin Diesel sind ohnehin gering). Warum bespreche ich ihn dann überhaupt? Nun, er repräsentiert gängige geistige Minderleistungen in so hochprozentiger Konzentration, dass er geradezu als Lehrstück taugt. Da, wie etwa das Verbrechen eines Anders Behring Breivik zeigt, die entsprechenden geistigen Minderleistungen bis zu Massenmord führen können, ist eine Besprechung mehr als berechtigt.

Dabei entfalten sich zu Beginn des Films beeindruckende Bilder einer unwirtlichen Landschaft mit vorherrschend verschlungenen Formen. Sie finden sich sogleich gesteigert in den undurchdringlichen Wurzeln des gigantischen Hexenbaumes, worin sich die Gotteskrieger verstricken, die ausgezogen sind gegen eine pestbringende Hexenkönig (Julie Engelbrecht). Das erinnert an mittelalterliches Flechtwerk in Manuskripten und an Sakralbauten, worin kleine Ritter und versehrte, verkrümmte Figürchen mit überall lauernden Monstern kämpfen müssen. Als filmisches Vorbild mag der Baum in Eden Log (F 2007) und, entfernt, in Avatar (2009) gedient haben. Witzig und gut fotografiert ist zudem der Gummibärchenbaum. Mit diesem bunten, lichtdurchströmten Trugwerk lockt ein böser Hexer (Joseph Gilgun) Kinder an – wie uns das Leuchttrugwerk des Films ins Kino lockt. Doch verblassen solche Andeutungen einer medienkritischen Selbstreflexion ebenso schnell wie die kunstgeschichtlichen Anspielungen und die Erwartungen, etwas zum Thema „Natur versus menschliche Verbildetheit“ geboten zu bekommen. Der im Film errichtete Koloss eines überholten Männlichkeitsideals quetscht alles übrige gnadenlos beiseite.

Immerhin bietet The Last Witch Hunter – anders etwa als John Rambo (2008) und die Blade-Trilogie (1998-2004) völlig ungebrochen – ein Kompendium dessen, was ein Mann mit längst überholtem Rollenverständnis von sich und der Gesellschaft erwartet. Und damit enthüllt der Film zugleich, was einem solchen Mann heutzutage alles vorenthalten wird.

Erstens möchte er gerne als unüberbietbar erfahren gelten, mit allen Wässerchen gewaschen und insbesondere im Vollbesitz eines Wissens um die vermeintlich allgegenwärtigen vermeintlich urbösen Mächte. Tatsächlich aber wird er als kommunikationsunfähiger, gefühlsarmer Klotz beurteilt, der sich in heutiger Gesellschaft gerade nicht zurecht findet. Er imaginiert daher einen sozialen Erfahrungs- und Handlungsbereich, worin sich Frauen, Sozialarbeiter_innen, Therapeut_innen, Jurist_innen, Intellektuelle und Wissenschaftler_innen etc. chronisch nicht auskennen: ein Reich kraftstrotzender Unholde und Schatten, die nichts anderes im Sinn hätten, als Familie, Nation und Welt zu bedrohen. Nur der illusionslose, hartgesottene Mann könne sie identifizieren, nur er wisse um die Gefahren, die wirklich von ihnen ausgingen. Solche verquere Gewissheit ist dabei nichts anderes als sein rollenspezifischer Gummibärchenbaum.

Zweitens verlangt der altbackene Mann Anerkennung als tragisch Missverstandener. Seine Beziehungsunfähigkeit und sein paranoides Misstrauen seien keine charakterlichen Defizite, sondern schwere Pflicht des Retters und Beschützers. Denn in einer Welt des überall hervorlugenden Bösen dürfe man an nichts und niemandem sein Herz binden – allein schon deshalb nicht, um das Geliebte nicht zu gefährden: emotionale Kälte als Edelmut. Den Auslöser für das Einschwenken auf den Weg des Helden bildet in Kino und Fernsehen denn auch regelmäßig der Mord an Frau und Kind. Tatsächlich findet sich darin die banale Realität eines gescheiterten Familienlebens überhöht. Der hinausgeworfene Mann ist unfähig, das Scheitern sich selbst zuzuschreiben. Er weiß schlicht nicht, was er falsch gemacht hat; er hätte doch seine Familie mit dem Leben beschützt gegen den allgegenwärtigen Terror dieser Welt. Dafür eine aufgeräumte Wohnung vorzufinden, täglich warmes Essen und ein gerüttelt Maß an Bewunderung zu bekommen, sei doch nicht zu viel verlangt, oder? In diesem Jahr feierte auch San Andreas mit Dwayne Johnson in der Hauptrolle den Mann, der sich (nur) in Extremsituationen bewährt. Pech, dass in unserer Welt kein allzu großer Bedarf an hauptamtlichen Erlösern besteht.

Drittens möchte er Recht haben, von einer Position des Rechthabens aus auf andere ungestraft einprügeln und enthemmt nur jede erdenkliche Gewalttat verüben dürfen. Genau dafür will er gebraucht und angeschmachtet werden. Entsprechend bastelt er sich die Welt als Ort zusammen, der seine zuschlagende Faust nötig hat. Wer diese Konstruktion nicht zu akzeptieren bereit ist, gilt ihm entweder als heillos naiv oder als Paktierer mit dem Bösen. Hexenjäger Kaulder (Vin Diesel) bleibt wie der Männertyp, den er verkörpert, gefangen in der platonischen Höhle seiner Fantasiegebilde, die er mit Gleichgesinnten immer weiter fortspinnt. Er stellt sich die Frage gar nicht erst, was eigentlich warum gut und gerecht ist, sondern verortet sich und seine intuitiven Wertungen von vornherein auf der richtigen Seite, ohne über Gründe und Kriterien richtigen Handelns je nachzudenken. Denn Nachdenken, Problematisieren und Diskutieren mache in seiner Welt nur schwach und naiv.

Wovor eigentlich meint Kaulder und der ihn unterstützende christlich-mönchische Männerbund um den jeweils amtierenden „Dolan“ (Michael Caine, Elijah Wood) die Welt bewahren zu müssen? Die Hexen repräsentieren auch in The Last Witch Hunter eine undomestizierte Natur mit ihren unkalkulierbaren Ausbrüchen, hier in Gestalt gigantischer, Pest verbreitender Insektenschwärme. Solche Natur erscheint in Europa bereits seit mindestens 2600 Jahren als monströse Weiblichkeit: Der Westgiebel des Artemistempels auf Korfu aus der Zeit um 580 v. Chr. zeigt die Enthauptung der Medusa, die hier offenbar als urwüchsige „Herrin der Wildtiere“ (potnia theron) aufgefasst ist. Kultur und eine stabile politische Ordnung werden also bereits Anfang des 6. vorchristlichen Jahrhundert als gestiftet gedacht durch Ausmerzung der ungezügelten Natur, die man sich als selbstbestimmt weiblich vorstellt. Das richtende Schwert führt ein Mann: Perseus. Im Laufe des Kultivierungsprozesses ersetzt Artemis, eine disziplinierte und disziplinierende olympische Gottheit, die Herrin der Wildtiere und drängt sie ins Monströse ab. Zusammen mit ihrem Bruder Apollo tritt Artemis immer wieder als strenge Ordnungshüterin auf und ahndet menschliche Normüberschreitung erbarmungslos. Es spiegelt also die Kulturgeschichte, wenn sich in The Last Witch Hunter die androgyne, schmallippig spröde, aber regelkonforme Modpunkhexe Chloe (Rose Leslie) als artemisartige Ordnungshüterin im Gefolge eines Mannes geriert.

Für welche Kultur und Ordnung kämpfen Kaulder, Chloe und die Mönche? Offenbar für den kapitalistischen way of life aus zerrüttetem Familienleben, edler Wohnung mit Ausblick, Stewardessenflirt, Zuhälterauto, verruchter Bar mit erlaubten Drogen und vor allem darum, sich im permanenten Kampf gegen weltbedrohende Übel fühlen zu dürfen. Die größte Bedrohung scheinen in diesem grotesken Kosmos Frauen wie die Hexenkönigin darzustellen, die es wagen, mit den Männer um Macht in Konkurrenz zu treten. Den Kontrast bildet eine Frau wie Chloe, die ihre persönlichen Ambitionen zugunsten jener des Mannes aufgibt. Als im Zuge von Kaulders Nachforschungen Chloes Bar in Flammen aufgeht, ist ihr, wie sie vorerst auch beklagt, die Grundlage des Berufslebens genommen. Doch bald fügt sie sich bereitwillig ein, ihr gesamtes Leben fürderhin dem Kampf Kaulders zu widmen, dem sie überallhin zu folgen ankündigt. Konsequenterweise endet der Film mit ihrem Dienstantritt als Kaulders Chauffeuse. Abgesehen davon, dass es sich dabei um einen dürftigen Insider-Joke handelt, der auf Vin Diesels seit 2001 zahllosen Auftritten in den The Fast and the Furious-Reißern anspielt, wird hier die Widerspenstige gezähmt: zwar darf Chloe sich auf bisher männlich besetztem Gebiet betätigen: als rasante Autofahrerin die Reifen quietschen lassen. Doch dies geschieht unter gönnerhaftem Männerlächeln. Im Fond der Karosse machen sich weiterhin Krieger und Mönch breit.

So durchsichtig dämlich die Rolle Kaulders angelegt ist und so katastrophal sich Vin Diesels Performance gestaltet, die Männer dieser Welt sind ihm dennoch zu Dank verpflichtet. Denn Diesel zeigt, was Männer alles heute nicht mehr vorspielen müssen, von welch lächerlichen Anstrengungen sie durch die Frauenemanzipation befreit wurden. Als zeitgemäßer Mann ist er nämlich im aktuellen Diesel-Vehikel schlicht nicht vorstellbar. Nicht einmal als Männlichkeitskarikatur taugt er noch.

Jüngst wird zunehmend beklagt, dass Knaben und jungen Männern die Orientierung fehlt, der vorgegebene Ort, das gesellschaftlich gesetzte Ziel. Daraus wird die einzig verbliebene haushohe Überlegenheit männlicher gegenüber weiblicher Jugend erklärt: bei Selbstmorden, Straftaten, Sucht, schulischem, beruflichem und sozialem Versagen. Was aber ist eigentlich so schlecht daran, keinen vorgefertigten Rollenerwartungen entsprechen zu können, weil es solche gar nicht gibt? Was ist so schlecht daran, auf der Suche zu sein und sein ganzes Leben lang zu bleiben? Warum nicht, sich von den Höhlen und Höllen, die wir uns einander im sozialen Interagieren bereiten, distanzieren? Man muss deshalb ja nicht gleich als tollwütiger lonely wolf durch die gesellschaftlichen Gefilde hetzen, sondern könnte gemeinsam mit anderen überlegen, wohin es besser als nächstes gehen sollte. Vielleicht ist es ja tatsächlich das höchste Gut für den Menschen, ein Leben der gemeinsamen ständigen Prüfung seiner selbst, seiner Rollen, herrschender Normen und Regimes zu führen:

Und wenn ich dagegen sage, dass das höchste Gut (megiston agathon) für den Menschen eigentlich dies ist, sich täglich zu unterhalten über das Gut-Sein (arete) und das andere, worüber ihr mich Dialoge führen sowie mich selbst und andere prüfen hört, das ungeprüfte Leben (anexetastos bios) aber nicht lebenswert für den Menschen sei, werdet ihr mir dies noch weniger glauben, wenn ich es sage (Sokrates in Platons Apologie 38a, meine Übers.).

Advertisements

Ein Gedanke zu “The Last Witch Hunter

  1. Bitte beachten Sie die Kommentare zu dieser Besprechung, die gepostet wurden unter:
    https://wiehart.wordpress.com/2015/10/26/filmbesprechung-the-last-witch-hunter/
    Vielen Dank auch für die zahlreichen ermutigenden Rückmeldungen via E-Mail. Einige Zitate daraus:
    „Danke für diesen Hinweis und Ihre interessanten Gedanken dazu, denen ich mich voll anschließen kann. Habe mir den Trailer gerade mal auf you tube angeschaut. Mich langweilen solche Filme eher, weil sich außer Action nichts hinter den Charakteren verbirgt und es nichts wirklich Neues zu entdecken gibt. Immer wieder die alten Muster…“
    „Was,leichter gesagt als gelebt ist,ist das anderssein und das nicht rollenkompatible. Das kostet kraft.“
    „Ich hatte nicht vor den Film zu sehen, kann also die Kritik nicht verifizieren. Nichts destso trotz ist es ein toller Text mit interessanten Einblicken.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s