The Philosophers

Diese Besprechung von Dr. Alexander Wiehart wurde am 12. September 2013 online gestellt.

Bitte Folgendes beachten: Ziel meiner Besprechungen ist es nicht, Empfehlungen abzugeben. In erster Linie setze ich mich essayistisch mit Filmen und Serien auseinander und behandle an ihnen allgemeine philosophische, sozial- und geisteswissenschaftliche Fragen. Dabei muss ich das „Ende“, Pointen, Wendungen und Clous oft in die Überlegungen einbeziehen. Wer sich daher Spannung und Suspense nicht verderben lassen will, lese meine Kritiken immer erst nach Sehen des Films beziehungsweise der Serie! Die Spoilerwarnung ist hiermit ausgesprochen.

Philosophisch ergiebige Postapokalyptik bieten auch
Mad Max: Fury Road
The 100,
 Staffel 1
The 100, Staffel 2

The PhilosophersUSA 2013, R: John Huddles, D: James D’Arcy, Sophie Lowe, Rhys Wakefield u. a.
Auf Deutsch erschien der Film als „The Philosophers – Wer überlebt?“, der englische Titel wurde mittlerweile in „After the Dark“ geändert.

Grundlage dieser Besprechung ist die englische Originalfassung, die ich im Kino am 21. August 2013 auf dem Berliner „Fantasy Filmfest“ 2013 gesehen habe. Dieser Film läuft zur Zeit des Erscheinens dieser Besprechung (noch?) nicht in den deutschen Kinos.

FritzDie oder der Philosophierende wird sich über die Ankündigung eines Films mit dem Titel The Philosophers (Die PhilosophInnen) freuen. Glänzen doch Philosophierende auf der Kinoleinwand seit je durch Abwesenheit. Allerdings verfliegt die Freude beim Ansehen. Denn die Frage drängt sich bald auf: Was, bitte schön, hat das alles mit Philosophie zu tun?

Denn das Philosophieren erscheint in dem gesamten Film als Aneinanderreihen eines reißerischen Gedankenexperimentes an das nächste. Nach kurzer Wiederholung bekannter, bereits durchgenommener Gedankenexperimente zwingt der Philosophielehrer seiner Klasse in ihrer allerletzten Philosophiestunde folgendes Szenario auf: Die nuklearen Bomben fallen, die Klasse kann sich zu einem Atomschutzbunker retten, der allerdings nur zehn Insassen für die Dauer eines Jahres Überlebensmöglichkeit bietet. Es ist innerhalb kürzester Zeit eine Auswahl zu treffen; mehr als die Hälfte der Klasse darf nicht hinein. Um die „Bunkerwürdigkeit“ („bunkerworthiness“) ermitteln zu können, erhält jeder durch Los eine bestimmte Qualifikation und damit Rolle zugeteilt: etwa Dichter, Harfist, Zimmermann, Chemiker, Agrarfachmann. Einziges Mittel der Auswahl sei, so der Lehrer, die Logik. Bereits hier wird man als professioneller Philosoph stutzig: Logik ist doch nichts anderes als die Lehre vom gültigen Argument. Sie erforscht damit, ob eine Folgerung schlüssig, nicht aber ob der gefolgerte Satz wahr ist. Denn die Wahrheit der Konklusion hängt von der Wahrheit der Voraussetzungen ab. Und die Wahrheit der Voraussetzungen herauszufinden, kann die Logik in der Regel nicht leisten. PhilosophInnen und andere WissenschaftlerInnen streiten sich daher meist nicht um die Logik eines Arguments, sondern um die Wahrheit seiner Voraussetzungen. Denn, wie Schopenhauer richtig bemerkt: „Gegen logische Gesetze denken, oder schließen, wird so leicht keiner: falsche Urteile sind häufig, falsche Schlüsse höchst selten.“ Philosophie beginnt also meist bei der Frage, was setzen wir warum voraus? Gibt es für unsere gängigen, meist unhinterfragten Annahmen gute Gründe oder sollten wir alles vielleicht ganz anders beschreiben und bewerten? Doch davon ist in dem Gedankenexperiment aus The Philosophers überhaupt nicht die Rede. Ganz unphilosophisch gibt der Lehrer vor, worin die Bunkerwürdigkeit besteht: nämlich darin, einen möglichst großen Beitrag zum Überleben der Gruppe während der Zeit im Bunker und danach zu leisten. Als oberstes Ziel verordnet er wie ein Dekret das Überleben der Menschheit um jeden Preis. Doch genau dieses Ziel, so einleuchtend es auch sein mag, wäre es, das man als Philosophierender zu hinterfragen hätte. Demgegenüber hat die vom Lehrer gestellte Aufgabe nichts Philosophisches an sich. Sie ist bloße Anwendung der Entscheidungstheorie, die etwa auch BWL-Studierende büffeln müssen. Bei dem eigentlich Schwierigen an einer Entscheidung lässt uns diese Theorie als Teildisziplin der Logik aber erwartungsgemäß alleine: nämlich Präferenzen zu wählen und den einzelnen Handlungsoptionen Erfolgswahrscheinlichkeiten zuzuordnen. Die Philosophie nun hinterfragt die Präferenzen, gerade jene, die den meisten Menschen als sehr nahe liegend erscheinen. Ist es etwa wirklich erstrebenswert, einen Atomkrieg zu überleben und das Weiterbestehen der Menschheit zu sichern? Bieten die Umstände nach dem Atomkrieg noch irgendwelche Gelegenheiten für Menschen, würdig zu leben? Hat die Menschheit sich durch die Vernichtung des größten Teils des irdischen Lebens nicht disqualifiziert? Gibt es unabhängig davon einen triftigen Grund, warum es überhaupt besser sein soll, dass die Menschheit existiert, als dass sie nicht existiert? Diese immer offenen Fragen nachvollziehbar aufzuwerfen, ergreift The Philosophers leider nicht die Gelegenheit – anders etwa als der Film The Divide (Deutschland, USA, Kanada 2011, R: Xavier Gens), der mit dem fassungslosen Blick der Heldin auf das zerstörte New York ausklingt: Ihr ultraharter unterirdischer Überlebenskampf hat sich nicht gelohnt. Denn die in eine Hölle verwandelte Erdoberfläche bietet keinen Platz für ein menschenwürdiges Dasein. Eine entsprechende Diskussion wird am Ende der ersten Staffel von The Walking Dead (USA seit 2010) geführt, wo sich schließlich eine der Figuren bewusst und aus nachvollziehbarem Grund gegen den Überlebenskampf in der Zombie-Apokalypse entscheidet. Ist das nackte Überleben tatsächlich das höchste Gut?

Zwar kümmern sich im dritten Gedankenexperiment von The Philosophers die Bunkerinsassen ausschließlich um ihre Wellness und zünden am Ende, als ihnen nichts zum Überleben bleibt, selbst mutwillig eine Atombombe. Sie ersetzen also die verordnete Priorität, den Bestand der Menschheit zu sichern, durch die Maximen „Carpe diem“ („pflücke“, d. h.: „genieße den Tag“) und „Nach mir die Sintflut!“. Doch handelt es sich dabei bloß um eine Trotzreaktion, ein fremdbestimmtes Handeln aus hinter Spaß kaschierter Adoleszentenohnmacht, die sich vor aller Selbstkritik verschließt. Damit verlässt der Film den Bereich des Philosophierens, ohne in ihn je vorgedrungen zu sein. Er macht nichts anderes, als das unphilosophisch funktionale Denken des Lehrers gegen das unphilosophische Befriedigen zufälliger Bedürfnisse der SchülerInnen auszuspielen – das banale Scharmützel, das sich tagtäglich in unseren Klassenzimmern abspielt, ein Scharmützel, das weder LehrerInnen, noch SchülerInnen zu Philosophierenden macht. Der Name der Philosophie wird hier missbraucht, um Schülerfrust im Schein des Anspruchsvollen Luft zu machen. Komödien wie Eis am Stiel (Israel 1978, R: Boaz Davidson), Porky’s (USA, Kanada, 1982, R: Bob Clark) und deren Ableger benötigen eine solche Camouflage nicht. Macht doch lieber kaputt, was Euch wirklich kaputt macht! Die Philosophie gehört jedenfalls nicht dazu. Aber von Gesellschaftskritik, seit jeher eines der Hauptbetätigungsfelder der Philosophie, weiß diese Produktion gar nichts. The Philosophers verfehlt das Thema auf ganzer Linie: keine einzige Philosophin, kein einziger Philosoph kommt darin vor.

Dabei schreit gerade dieser Film nach Gesellschaftskritik: Denn wir befinden uns auf einer internationalen Eliteschule in Jakarta: Die Reichen und Schönen, die künftigen „EntscheidungsträgerInnen“ sind versammelt. Entsprechend edel ist der Klassenraum und in dezentem Schick sind alle gekleidet: eine Hochglanzwelt, in der die Atombunker den höchsten innenarchitektonischen Anforderungen entsprechen und sogar die Atompilze schlank sind und sich malerisch in pittoresker Kulisse hochräkeln. The Philosophers ist ästhetisch so pervers, dass er als Werbefilm für den nuklearen Holocaust funktioniert. Der Lehrer kann einem Leid tun: Nur kurze Zeit und in genau definiertem Rahmen ist er über die SchülerInnen gesetzt, die ihm nach dem Abschluss in die für ihn unerreichbare Glamour- und Gloriawelt der High Society entschweben. Er bleibt einsam, auf sich und seine soziale wie politische Minderwertigkeit zurückgeworfen. Würde er sich in den Gedankenexperimenten nicht willkürlich die Rolle einer „wildcard“ verleihen, stürbe er in jedem Falle als bunkerunwürdig im atomaren Fallout. Das setzt ihn dem Verdacht aus, in den abstrusen Gedankenexperimenten bloß mittelständische Machtphantasien auszuleben. Im wirklichen Leben ist er der Parvenü, der durch Systemtreue und Verbreitung der Eliteideologie um Anerkennung bei den Höheren bettelt. Selbstverständlich wird sie ihm nicht zuteil. Als er dies erkennt, begeht er Selbstmord. Der Schuss hallt durch verlassene Schulräume. Ein wahrer Philosoph hätte, zumal nach der Lektüre von Hannah Arendt, diesen Mechanismus leicht durchschaut, sich von der ihm offenbar zugedachte Rolle emanzipiert und einen entsprechend sozialkritischen Unterricht abgehalten. Vielleicht hätte man ihm gekündigt; sich selbst zu entleiben, hätte er keinen Grund gehabt.

In der Person des Lehrers findet sich die Philosophie zu allem Überfluss auch noch durch die Plattitüde diskreditiert, dass am Ende all das Experimentieren mit abwegigen Szenarien entlarvt wird als nicht nur ebenso abwegiger, sondern zudem perfider Versuch des Lehrers, seine beste Schülerin an sich zu binden. Denn er manipuliert ihre Rolle und die Rolle des Mitschülers, mit dem sie liiert ist, so, dass ihr die geistige Unebenbürtigkeit ihres Freundes auffallen soll. Letztlich gelte also auch für die Philosophen und ihre krausen Ideen: „Cherchez la femme!“ – eine Frau steckt immer dahinter. Das ganze Herumphilosophieren – nur ein schürzenjägerisches oder liebeskrankes Unterfangen? Ein weiteres Philosophenklischee, das der Film im Gestus der verblüffenden Enthüllung hochwuchtet! Dem gesellt sich als begleitendes Klischee hinzu, dass der Philosoph aufgrund seiner Intellektualität unfähig sei zu verstehen, dass Liebe sich eben nicht erschöpft in einer effektiven Seminargemeinschaft zur gegenseitigen Bildung durch haarsträubende Gedankenexperimente.

Auch in einer weiteren Hinsicht vermittelt der Film ein völlig falsches Bild des Philosophierens. Als ob es im Konstruieren völlig abwegiger und letztlich beliebiger Szenarien bestünde! Gerade als Philosophierender weiß man, dass man die Fülle der Faktoren einer konkreten Situation und der Eigenschaften einer realen Person nicht auf simple Erzählungen reduzieren und den Verlauf eines komplexen Geschehens nicht prognostizieren kann. Bestünde das Philosophieren im Entwerfen heillos unterkomplexer Geschichten, müsste man ihm tatsächlich vorwerfen, wie es im Film schülerkess heißt: dass sich Philosophie zum Leben wie Masturbation zu richtigem Sex verhalte. Dies ist aber glücklicherweise nicht der Fall. Gedankenexperimente dienen in der Philosophie denn auch überhaupt nicht dazu, reale Handlungsoptionen auszuloten und zu bewerten, also Orientierung in lebensweltlichen Situationen zu spenden. Vielmehr werden sie eingesetzt, um Inhalte, Konsequenzen oder Probleme einer Theorie beziehungsweise einer These deutlich (wenn auch manchmal, wie etwa im Falle von John Searles „Chinesischem Zimmer“, bizarr) darzustellen. Das wohl berühmteste wissenschaftliche Gedankenexperiment, „Schrödingers Katze“ aus der Physik, stellt doch auch nicht die Frage, ob die arme Katze, sobald sie zugleich lebendig und tot ist, noch Mäuse fangen soll oder wird. Die Szenarien in The Philosophers haben also auch insofern mit Philosophie und dem philosophischen (und allgemein wissenschaftlichen) Einsatz von Gedankenexperimenten nichts zu tun.

Leider ist auch über die schauspielerische Leistung nichts Gutes zu berichten: James D’Arcy, den Lehrer verkörpernd, schwankt zwischen Hölzernheit und Overacting. Es wäre allzu milde, dies als Darstellung eines charakterlich unzuverlässigen und unsicheren Außenseiters zu interpretieren. Denn dann wieder, in den verfilmten Gedankenexperimenten, trifft er plötzlich wie ein Profikiller Schüler exakt zwischen die Augen und prügelt sich erfolgreich mit der Sportskanone der Klasse. Was für ein Philosophielehrer! Als Blickfang dient das schöne und interessante Gesicht von Sophie Lowe, das wieder und wieder in Großaufnahme zu sehen ist. Leider aber kommt immer nur das eine dabei zum Ausdruck: ein überlegenes, deutlich gespieltes Fotomodelschmachten, das schnell seinen Reiz einbüßt. Echte Anteilnahme wird zwar behauptet, nicht aber gezeigt. Die anderen Figuren bleiben blass und alle verkörpern letztlich nur Klischees – nicht nur in den Rollen der Gedankenexperimente, sondern auch als SchülerInnen. Der ohne dramaturgischen Anlass ausgewalzte spätpubertäre Jungentraum von sechs attraktiven Klassenkameradinnen, die immer willig in ihrer jeweiligen kleinen Südseehütte warten, spricht Bände – ein Humor so frisch wie eine Klamotte mit Dean Martin und Jerry Lewis.

Sorgfalt, Sensibilität und Kompetenz lässt dieser Film also in allen Bereichen vermissen: ein Machwerk, ausschließlich dessen gravierende Fehler zum Denken anregen. Das, was Philosophieren ist und worum es beim Philosophieren geht, liegt gänzlich außerhalb des geistigen Horizontes dieses Films.

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28 Gedanken zu “The Philosophers

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  4. Als ich gestern, am 8. April 2015, die Statistiken zu dieser Webseite aufrief, war das Erschrecken groß: an einem einzigen Tag wurde allein meine Besprechung von The Philosophers genau 4090 Mal aufgerufen. Etwas mehr Aufrufe habe ich sonst in einem halben Jahr auf der ganzen Webseite. Die Gründe hierfür wurden mir erst nach und nach von Freunden enthüllt. Siehe unter „Aktuell“:
    https://wiehart.wordpress.com/2015/04/09/4090-klicks-auf-meine-besprechung-von-the-philosophers/

    Heute, am 9. April 2015, ist das Interesse ungebrochen.

    Dank an alle Leser_innen! Hoffe, die Besprechung erweist sich als hilfreich.

    • Hallo Herr Dr. Wiehart,

      ich habe eben den Film ,,The Philosphers“ gesehen und suchte im Anschluss nach einer Interpretation, da ich hoffte, dass dieser Film doch mehr zu bieten hat, als ich vermutet habe. Ihre Argumentation stützt meine Auffassung des Films. Der Film begann mich schon damit zu stören, dass die Probanden nur nach deren Berufen im ersten Gedankenexperiment ausgewählt wurden. So vieles wurde nicht berücksichtigt. Z.B. wie labil die Personen sind und ja, es lief nur auf Entscheidungen hinaus. Willkürliche Entscheidungen. Für mich ist das kein Philosophieren. Ich habe wirklich was anderes erwartet. Zudem hätte das erste Experiment geklappt, wenn die Personen da schon den Code gehabt hätten. In diesem Film wurde alles andauernd so gedreht und verdreht. Ich verstehe überhaupt nicht, was das ganze eigentlich überhaupt sollte. Auch den Racheakt des Lehrers hätte man mit einer anderen Geschichte viel schöner beschreiben können. Das einzige, was der Film sehr platt sagen wollte oder bei mir ankam, war, dass egal, wen man da reingesteckt hätte, es hätte funktioniert oder eben nicht und dass man eine Person nicht an zwei Merkmalen festmachen kann. Und der Film hat mich zum Nachdenken angeregt, zwar nur über die Schwachstellen, aber dennoch zum Denken. Aber dieser Film an sich hat mit Logik und Verstand oder Intelligenz nichts zu tun. Danke für die Interpretation :) Jetzt kann ich beruhigt schlafen gehen ;)

      • Sie nennen einen weiteren interessanten Kritikpunkt: die Merkmale der „Bunkertauglichkeit“ sind heillos unterkomplex. Auch müsste man darauf achten, dass die Ausgewählten ein Team bilden. Das sind Aufgaben für Personalberater*innen, nicht für Philosophierende…

  5. Pingback: 4090 Klicks auf meine Besprechung von “The Philosophers” | Philosophie und Kultur
  6. Vielen Dank Valerie für die schöne Auseinandersetzung! Zu Ihrer Antwort vom 31. Juli 2014, 23:54 (wozu ich keinen eigenen Antwort-Button finde): Das ist mir als Philosophierender aber gar nicht egal, ob sich „The Philosphers“ ernst nimmt oder nicht. Denn nimmt er sich ernst, verbreitet er nur falsche, klischeehafte Vorstellungen über das Philosophieren und bringt vielleicht gerade junge Menschen (das offenkundige Zielpublikum des Films) davon ab, sich mit Philosophie zu beschäftigen. Meiner Meinung nach entginge ihnen dann einiges – eben die Chance, sich zu befreien von den vielen problematischen, unglücksbehafteten Zielen, die ihnen schon in der Schule aufgenötigt werden.

  7. Ich empfinde ihre Argumente als sehr schlüssig aber wer weiß vielleicht heißt der Film nur deswegen the philosophers weil es sich bei den Insassen des Klassenraumes ganz offensichtlich nicht um Philosophen handelt.

    • Solche ironischen Titel gibt es – aber v. a. bei Komödien. So lautet der Titel eines Laurel und Hardy-Films „Be Big“ (also in etwa: „Sei ambitioniert“, „Trau Dich ‚was“) und die Helden scheitern bereits am Anziehen der Schuhe. Gibt es aber einen Hinweis in „The Philosophers“ auf solche Ironie? Einer meiner Kritikpunkte ist, dass sich der Film viel zu ernst nimmt. Er gipfelt sogar in einem pathetisch gefilmten Selbstmord. Und Hinweise, was Philosophie tatsächlich sein könnte im Gegensatz zu dem, was sich im Klassenraum und den Gedankenexperimenten abspielt, findet man leider vergebens.

      • Das kann Ihnen doch aber egal sein, ob der Film sich zu ernst nimmt! Ist ja nur einer von vielen. Nur weil andere nicht von philosophie handeln oder es vorgeben sind sie ja nicht weniger schlecht.

    • In vielen Punkten muss man Ihnen aber ganz offensichtlich recht geben. Die Charaktere sind wirklich sehr klischeehaft dargestellt, vor allem die Kursbeste, die ja von allen das Gefühl bekommt, die Schlauste zu sein, begibt sich doch auf das Niveau herunter, zu sagen, dass sie ihren Freund liebt, obwohl er ihr geistig nicht ebenbürtig ist und das auch noch aus der Meinung eines Lehrers heraus, der selbst geistig wie philosophisch anscheinend nicht so viel draufhat, wie er meint…

  8. Hallo Dr. Wiehart,

    das Hauptproblem des Films ist wohl dessen Titel, der falsche Erwartungen weckt. Klammern wir die mittelmäßigen schauspielerischen und dramaturgischen Leistungen mal aus, würde ich den Film aber gegen einige Punkte deiner inhaltlichen Kritik verteidigen. Lass uns dazu mal eine Podcastfolge aufnehmen.

  9. Hallo Herr Dr. Wiehart,

    das Hauptproblem des Films ist wohl dessen Titel, der falsche Erwartungen weckt. Klammern wir die mittelmäßigen schauspielerischen und dramaturgischen Leistungen mal aus, würde ich den Film aber gegen einige Punkte deiner inhaltlichen Kritik verteidigen. Lass uns dazu mal eine Podcastfolge aufnehmen.

  10. Werter Gerald,
    vielen Dank für den ausführlichen Kommentar. Ich sehe aber wirklich nicht, dass der Film die Philosophie besonders lebensnah zeigte. Warum nicht? Weil er Philosophie überhaupt nicht zeigt. Er stellt eine Pseudophilosophie dar, die sich zur Vollstreckerin obrigkeitlicher Wertvorstellungen macht. Ja, ja und nochmals ja: Philosophie ist dazu da, die unbequemen Fragen zu stellen. Das aber macht der Film gerade nicht. Er reduziert Philosophie auf die Anwendung vorgegebener Zielsetzungen. Philosophie hat die Zielsetzungen selbst zu hinterfragen. Das müsste doch ganz in Ihrem Sinne sein. Und nein: Philosophieren ist meines Erachtens nicht dazu da, sich selbst festzulegen, sondern sich von den Festlegungen, die uns unser ganzes Leben lang antrainiert werden, zu befreien. Dabei können wir jede Hilfe benötigen, die wir kriegen können: Warum also nicht frühere Philosophen dazu heranziehen? – Nicht, um ihnen sklavisch zu folgen, sondern um Anregungen zu erhalten, die jenseits des heutigen Mainstreams liegen. Der Film hingegen macht nur eines: er zementiert Vorurteile und entwirft das groteske Zerrbild eines unselbstständigen, in vorgegebenen Denkmustern gefangenen Pseudophilosophierens.

      • Aber wissen wir den wirklich je genug, um uns mit guten Gründen festlegen zu können? Ist Festlegung nicht immer eine verzweifelte Selbstverdinglichung, um unserer grundlegenden Unfestgelgtheit zu entkommen (s. Kierkegaard, Sartre)? Da halte ich es lieber mit Sokrates und bleibe vorerst beim Fragen.

    • Ich teile Geralds Meinung. Ich denke auch nicht, dass der Film Philosophie lebensnah zeigen muss, soll oder will. Außerdem zeigt der Film gerade doch die Rebellion gegen vorgegebene Denkschemata. Nur entwickeln die Jugendlichen die Rebellion nicht aus der Lektüre philosophischer Klassiker heraus. Sie zitieren bei der letzten Szenarienstrategie keine philosophische Schule und wären dennoch der einen oder anderen zuordbar. Ich kann auch nicht erkennen, dass der Film Philosophie auf die Anwendung von Zielsetzungen reduziert. Denn das gelingt den Handelnden eben nicht, keine ihrer rationalen Auswahlkriterien hilft zu überleben. Somit zeigt der Film, dass Philosophie eben nicht wie ein Handwerks zur Zielerreichung eingesetzt werden kann. Der Philosophieunterricht wird zudem durchaus gewollt als Pseudophilosophie dargestellt, da der Lehrer die Schurkenrolle hat, der die Philosophie von oben herab missbraucht. Hätte der Film eine Denkrichtung vorgegeben, mit der das Apokalypseexperiment lösbar gewesen wäre, hätte ich deine Kritik geteilt. Aber so bleibt die Eingangsfrage offen, wie ein Überleben zu erreichen ist. Stattdessen wird vom Ziel zum Weg verwiesen.

      Weiterhin ist am Grundsetting gar nichts auszusetzen. Die Frage, wer überleben darf und wer nicht, ist alltagsnah und permanent gestellt und erfordert Philosophie. Die Frage kann man in intellektuelle Dramen einkleiden oder wie hier geschehen, für eine junge Pokemon-Zielgruppe aufbereiten.

      • Damit bin ich in allen Punkten nicht einverstanden: Die Rebellion der Schüler_innen erfolgt nicht nur nicht aus philosophischer Klassikerlektüre, sondern auf überhaupt keine philosophische Weise. Unreflektierter pubertärer Trotz, der sich gegen eine Lehrperson richtet, mag manchmal verständlich, begründet und auch heilsam sein, philosophisch ist er deshalb aber noch lange nicht. (Ebenso wenig übrigens gewährleistet die Berufung auf philosophische Klassiker_innen, dass wirklich philosophiert wird: Fußnoten machen niemanden zur Philosophin_zum Philosophen). Die einzige „Philosophie“, die im Film vorgeführt wird, dient sehr wohl ausschließlich als Mittel zur Erreichung unphilosophisch vorgegebener Ziele. Das im Film gezeigte Scheitern einer solchen vom Lehrer verordneten Möchtegernphilosophie wird eindeutig als Scheitern der Philosophie überhaupt verkauft. Wo würde dort denn eine Perspektive auf ein Philosophieren eröffnet, das diesen Namen verdient? Wie gesagt: die vom Lehrer als Philosophie schwindeletikettierte Tätigkeit wird im Film nicht durch echte philosophische Tätigkeit überwunden, sondern durch zwar berechtigten, nicht aber philosophischen Trotz.
        Ebenso wenig sehe ich, dass in „The Philosophers“ auf einen „Weg“ im Sinne einer wirklich philosophischen Fragestellung verwiesen würde. Das denkst Du Dir freundlicherweise dazu, weil Du die Philosophie schätzt und Dir nicht vorstellen kannst, dass es böse Menschen gibt, die die Philosophie als weltfremden, infantilen Blödsinn pauschal verdammen. Solchen bösen Menschen liefert der Film Wasser auf ihre Mühlen. Nicht also auf einen echt philosophischen „Weg“ verweist der Film, er predigt im Gegenteil klischeehaft das „weg“ von der (falsch verstandenen) Philosophie. Entsprechend endet er mit dem Bild leerer Klassenräume, durch die der Selbstmordschuss des verlassenen Lehrers hallt.
        Glücklicherweise ist in unseren Breiten zu unserer Zeit die Überlebensfrage weitgehend (noch?) alltagsfern. Ich sehe auch nicht, dass sie öffentlich diskutiert würde. So wie Du diese Frage formulierst erfordert sie Philosophie allein deshalb, um zu zeigen, wie falsch gestellt sie ist. Denn offenbar ist es weder sinnvoll, gut, noch rechtens, Nobelatombunker zum Überleben der Elite zu bauen – einer Elite, die uns jene künftigen Atomkriege eingebracht haben wird, die sie nun überleben soll. Was soll das auch für ein Dürfen sein, von dem Du hier sprichst, wenn Du die frage stellst, „wer überleben darf und wer nicht“? Welche Norm nimmst Du hierfür in Anspruch? Meines Erachtens ist die Konzeption einer solchen „Bunkerwürdigkeit“ von vornherein verfehlt, weil sie immer auf bestimmten verordneten, nicht aber vernünftig begründbaren Sinnkonstruktionen beruht, die keineswegs allgemein akzeptiert sind. Auch müsste geklärt werden, warum die Menschheit überhaupt überleben soll. Trägt sie beispielsweise nicht Züge einer zerstörerischen parasitären Lebensform, die immer dazu tendieren wird, ihre eigenen Lebensgrundlagen ratzeputz wegzukonsumieren? Hinzu kommt, dass sie einen Großteil ihres Geistes und ihrer Ressourcen dazu verwendet, die gegenseitige Vernichtung zu planen und zu betreiben.

      • Ach, und übrigens: Pokemons sind nicht Zielgruppe dieser Debatte – zumindest, wenn man die Theorie ihrer Entstehung durch atomkriegbedingte Genveränderung voraussetzt. Demnach beruhte ihre Existenz darauf, dass sie oder ihre Vorfahren den Atomkrieg außerhalb eines Bunker überlebt haben. In einer Pokemonschule würde der Lehrer die Schüler_innen vielleicht dazu auffordern, Gründe zu nennen, in einem Atomschutzbunker im Falle eines Atomkrieges gerade nicht Zuflucht zu nehmen…

      • An Dr.: Wiehart:
        Woher wissen sie denn, dass die letzte Handlung aus Trotz geschieht? Ich würde eher sagen aus eigener Überzeugung. Denn vor allem die Schlauste von allen müsste es ja besser wissen.

      • An Valerie: Aber gibt es denn einen Hinweis auf eine solche Überzeugung Petras? Worin bestünde sie? Dass es gerechtfertigt sei, sich in der eigenen kleinen Gruppe einige Zeit wohl zu fühlen und dafür die Auslöschung der Menschheit in Kauf zu nehmen? Mir ist der Film momentan nicht zugänglich, aber wenn ich mich recht erinnere, wird Petras „Lösung“ des Bunkerexperimentes dem Lehrer gegenüber mit deutlichen Zeichen des triumphalen Trotzes präsentiert. Es ist ein Akt der Abnabelung von dem Lehrer, der gut nachvollziehbar und berechtigt sein mag, aber keinen philosophischen Charakter hat. Jedenfalls wird eine Überzeugung Petras, wenn eine solche denn vorliegt, weder formuliert, noch diskutiert, also weder philosophisch vorgetragen, noch philosophisch behandelt.

  11. Ich musste schon stutzen. Ich habe den Film gesehen und sehe mich selbst als einer, der viel von so etwas wie Filmen, Gedankenexperimente, Gesellschaftskritik und auch Philosophie versteht. Warum stutze ich über eine so detaillierte Kritik?
    Ich bin traurig, dass ein Philosoph, wie sie es scheinbar sind, glaubt die Philosophie sei verschlossen gegenüber dem Volk, Philosophie sei eine „Lehre“ in der nur die Gelehrten wandern können. Es soll kein Lehrmaterial sein, es soll kein Film sein, den man nach 5 Semestern vorgesetzt bekommt, um über Ähnliches zu debattieren. Es ist, wie so viele andere Filme und Romane, ein Denkanstoß, ein Versuch eine Auseinandersetzung mit Fragen beim „Viewer“, Leser zu erreichen. Den Film derart abwertend darzustellen, empfinde ich dann doch als falsch. Sicherlich hat er etwas futuristisches, abstraktes in seiner Darstellung, aber um die geht es ja in ihrer Kritik eher selten. (Grüße an Filme wie Kill Bill, Ultraviolett oder andere Filme, die durch Abstraktion Meisterwerke sind) Die Handlung der Schüler wirkt identifizierend, verständlich und man muss sich ständig selbst dabei ertappen, dass man genau den gleichen Einwand hatte wie der Schüler. Es wird gerade zu pervers genau die Denkweise von Menschen dargestellt, vertreten durch unterschiedliche Typen. Man brauch nicht fachsimpeln über Gedankenexperimente und dabei Schopenhauer zitieren wenn man den anderen „Ungelehrten“ die Idee des Gedankenexperimentes näher bringen möchte und die Eigenarten des Menschen oder die kritische Auseinandersetzung mit der Logik in Konfrontation mit „Gefühlen“ aufzeigen möchte, dann absolviert der Film diese Aufgabe mit Bravour. Das Lustige ist, dass eine Interpretationsmöglichkeit des Filmes die Anwendung der Philosophie in der Realität/ unserer Wirklichkeit ist. Das ist die zentrale Frage der „Ungelehrten“ , was bringt mir diese Lehre von der Weisheit tatsächlich. Der Titel des Films spiegelt wie schon oft in der Filmgeschichte nicht das Publikum wieder. Der Film ist für Menschen außerhalb der Lehre, für Menschen die nicht all 5 Sekunden Kant, Aristoteles, Platon, Schoppenhauer, Aquin etc. zitiert bekommen möchten. Wir tuen dem Film Unrecht, wenn wir ihn nach unserer subjektiven Perspektive( als Gelehrte ) betrachten, nehmen wir eine andere Identität eröffnet sich der Film als kreatives Werk, als das er eigentlich gedacht ist. ( Grüße an die Geschichtswissenschaft und die Philosophie- Perspektivenwechsel zur genauen Analyse und Bewertung einer Sache ) Aber es liegt mir fern den Film in höchsten Tönen zu loben, auch ich sehe Sachen die mir nicht gefallen, die mir dann doch zu abstrakt sind, die dann doch ein wenig sehr skurril sind und die Rahmengeschichte ist nicht das, was man bei einem solchen Titel erwartet. Der Inhalt des Filmes ist Philosophie. In ihrer wirklichkeitsnahen, Bücherregalfernen, schreibtischfernen, universitätsfernen Art und Weise, die wirkt als hätte man das Rasiermesser zu ernsthaft angesetzt, bleibt sie dennoch Philosophie und stellt die Fragen, die keiner gerne beantworten möchte müssen, traut sich die Ungelehrten in Konfrontation mit der Apokalypse zu fragen: glücklich sein? Pflicht erfüllen? Erwartungen erfüllen? Verantwortung übernehmen? Entscheidungen treffen?
    Masturbation zu Sex, wie Philosophie zum Leben? Sie sagen nein, ich sage ja. Simulation zu Realität. „Was wäre wenn“ zu „sein“. fiktiv zu real. Das man aus der einen Sache etwas schließen kann bzw. sich ein Bild machen kann von der Möglichkeit ist das Prognostizieren einer Sache, die Vorraussage des Verhaltens, Übertragen von Sachverhalten auf andere Situationen. Das ist Philosophie. Denken über das sein, das war und das werden. Philosophie, die Lehre des Denkens, der Weisheit zerstört sich selbst, in dem sie glaubt festgefahren in den Erkenntnissen der Vorgänger zu sein. Lassen sie sich nicht festlegen von den großen Philosophen der Vergangenheit, legen sie sich selber fest. Ein persönlicher, kleiner, vom Thema abgewendeter, Anstoß an sie.

    Werfen sie mir nicht vor keine Ahnung von der Philosophie zu haben, weil Vorwürfe, welche auf fehlende Informationen stützen, dazu neigen schneller zusammenzubrechen, als uns lieb ist und in einer Diskussion, das Verlassen des distanziert betrachteten Inhaltes und den Übergang zum Persönlichen darstellt.

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