Erziehung in guten Kreisen

Vor fünfeinhalb Jahren ist mein Vater verstorben, vor einem Jahr meine Mutter. Bis jetzt bin ich immer noch nicht fertig, den Inhalt der Umzugskartons aus meinem Herkunftsort unterzubringen in der kleinen Berliner Wohnung. Überall bricht an den dislozierten Dingen Vergangenheit hervor, oft genug unliebsame Vergangenheit. Mit Bestürzung nehme ich an meinen ersten Schulheften wahr, aus einem wie sehr durchorganisierten Erziehungssystem ich stamme. Nichts hat es dem Zufall überlassen und uns Kinder bis in die tiefsten Tiefen der zarten Seelen geformt, womöglich verformt. Mich beschleicht der Verdacht, dass sich seit meiner Kindeheit nichts grundlegend verändert, manches womöglich verschärft hat. Vielleicht ist also, was ich ausgrabe, von allgemeinem aktuellem Interesse.

Wiehart Erziehung in guten Kreisen 1

Schlampige…

Wiehart Erziehung in guten Kreisen 2

…und ordentliche Kreise: Dressur in nur 7 Seiten.

Gesellschaft bereitet sich nach ihren eigenen Erfordernissen die Menschen zu. Da erfolgreiches Arbeiten in Dienstleistung, Industrie und Verwaltung großer Sorgfalt bedarf und meist wenig Raum für Eigeninitiative bietet, trimmte man uns auf monotone Akkuratesse, bis wir dahin kamen, Freude an Ordentlichem, Regelmäßigem, Vollständigem, klar Abgegrenztem und Vorgeschriebenem zu haben. Auf das Gegenteil reagieren wir mit Unwohlsein und dem Bedürfnis, aufzuräumen, Beschwerde einzureichen oder Vorgesetzte um Direktive zu bitten.

Wiehart Erziehung in guten Kreisen 3

Nicht radieren!

Diese Reaktionsweise halten wir für etwas ganz Persönliches, Eigenes, Richtiges, obwohl man sie uns durch Erziehung und vor allem Primarunterricht aufgezwungen hat. Michel Foucault löste unter Pädagog_innen (mittlerweile allerdings wieder abgeflaute) Proteststürme aus, als er das Erziehungssystem als integrativen Bestandteil einer alles und jede_n durchdringende Disziplinarmacht darstellte: An permanente Überwachung, Beurteilung und Verhaltenskorrektur gewöhne man uns in der Schule. Dabei ziele Unterricht auf Verinnerlichung ab, d. h., dass wir uns schließlich selbst ganz im Sinne der Macht nach den schulischen und später beruflichen Standards überwachen, beurteilen, korrigieren.

Wiehart Erziehung in guten Kreisen 4

Another Brick in the Wall

Sollen wir erbost oder dankbar über diese Formung unseres innersten Inneren sein? Ohne Sorgfalt, verbissene Disziplin und Unterdrückung von Impulsen gäbe es keine Philosophie und allgemein keine Wissenschaft. Wissenschaft sieht Foucault allerdings ebenso ganz im Dienste der Disziplinarmacht. Aber erstens betreibt er selbst reichlich disziplinierte und disziplinierende Forschung, um diese Zusammenhänge zu erkunden. Zweitens bleibt unklar, was er eigentlich unter Macht versteht, drittens ob man einer solchen Macht je entkommen überhaupt könnte, viertens warum und wohin wir die Flucht anstreben sollten. So eindeutig überholt, wie es manche Foucaultanhänger_innen meinen, scheint die traditionelle Erziehungstheorie also doch nicht. Womöglich sollte es uns durchaus ein Anliegen bleiben, menschliche Vermögen wie Sprache, Verstand und Vernunft zu entfalten. Dazu bedarf es Sorgfalt, Durchhaltevermögen und einer entsprechenden, durch Erziehung zu fördernder Motivationsstruktur. Andererseits kann ich mich jetzt wieder gut erinnern, was für eine manchmal tränenreiche Quälerei diese an sich stupiden Schulaufgaben für mich waren. Haben wir das Recht, unsere Kinder einem solchen Regime zu unterwerfen, das sie einen guten Teil ihres Kinderlebens zum Stillsitzen Blickrichtung Lehrkraft zwingt und für das gesamte folgende Leben zum machtkonformen Wärter ihrer selbst einsetzt?

Wiehart Erziehung in guten Kreisen 5

Zu diesem Bild: Auf der linken Buchseite steht die Vorlage für diesen Text nebst detaillierten Gestaltungsanweisungen, sogar dass wir zwei Filzstifte unterschiedlicher Farben, aber einer bestimmten Breite verwenden sollen. Es handelt sich um eine Aufgabe des Schönschreibunterrichts der letzten Grundschulklasse, eines rein disziplinierenden Faches, worin von allen Inhalten abgesehen wurde. Das Lehrmittel: Karl A. Dostal, Irene Dostal: Schön Schreiben – Keine Kunst. 4. Schulstufe, Wien 1973, verdient den Superlativ, das sadistischste Buch zu sein, das ich kenne. Immerhin bietet es in seiner Einleitung ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Macht im Sinne Foucaults sogar auf den Kinderkörper ausgreift, um ihn zu formen. Sitzhaltung, Handhaltung, die Lage des Heftes zum Schreibtischrand: alles wird in Wort und Bild festgelegt nur um des Festlegens willen. Denn mittlerweile weiß man sehr gut, dass es keine wirklichen medizinischen Gründe für solche Regeln gibt. Es werden gymnastische Fingerübungen empfohlen und ein umständliches Verfahren, um durch Stoppen der Zeit die Fortschritte bei der Schreibgeschwindigkeit zu ermitteln – bei Zehnjährigen! Nebenbei bekommt man verordnet, welche Gefühle man seiner Mutter (namentlich am Muttertag) gefälligst entgegenzubringen habe, vor allem aber, wie sie normkonform und formschön auszudrücken seien. Besonders ärgerlich: die Lehrerin korrigiert den Inhalt meines Willens: Ich solle meine Mutter niemals betrüben wollen? Das gelingt wohl keinem Kind und der Satz ist nichts als leere Sentimentalität. Tatsächlich wollte ich sie niemals betrügen (was mir tatsächlich gelang). Es ging im Schönschreibunterricht also doch auch um den Inhalt, uns nämlich daran zu gewöhnen, dass nicht wir selbst über die Inhalte entscheiden dürfen. Wie später im Berufsleben haben wir uns darauf zu beschränken, etwas Vorgegebenes exakt zu reproduzieren. Selbständige Hinzufügungen, Weglassungen, Änderungen oder gar eigene Entwürfe verboten!

Um die Analyse von Schulheften geht es auch auf den Seiten:
Religionsheft 1: In der Identitätsschmiede
Religionsheft 2: Kindermissionare

Advertisements