Julia Rüther: Schemen und Geist

Selbstverständlich können Künstler_innen mit der immensen wissenschaftlichen Theorieproduktion unserer Gegenwart nicht konkurrieren; sie sind nicht kompetent, uns die Welt zu erklären oder verständlich zu machen.

Julia Rüther: o. T., 2015, Öl auf Lw., 53 x 42 cm

Julia Rüther: o. T., 2015, Öl auf Lw., 53 x 42 cm

Sie verfügen über keine besonderen Inspirations- oder Erkenntnisquellen, die nur ihnen zugänglich wären – ein (von Interessen des Kunstmarkts beflügelter) Traum früherer Zeiten, der heute ausgeträumt ist, auch wenn sich Künstler vereinzelt immer noch gerne als Visionäre, Propheten und orakelnde Künder höherer Einsichten in Szene setzen.

Julia Rüther: o. T., 2015, Öl auf Lw., 53 x 42 cm

Julia Rüther: o. T., 2015, Öl auf Lw., 53 x 42 cm

An ein sozial, historisch oder sonstwie unkontextualisiertes An-Sich des angeblich autonomen Kunstwerks kann ich allerdings schon gar nicht glauben.

Julia Rüther: o. T., 2015, Öl auf Lw., 53 x 42 cm

Julia Rüther: o. T., 2015, Öl auf Lw., 53 x 42 cm

Kunst muss anschlussfähig sein, um in unserer Welt überhaupt aufzuscheinen. Insbesondere eines würde ich Kunst nicht absprechen wollen: dass sie gegenwärtige Befindlichkeiten zum Ausdruck bringt.

Julia Rüther: o. T., 2015, Öl auf Lw., 53 x 42 cm

Julia Rüther: o. T., 2015, Öl auf Lw., 53 x 42 cm

In Hegels Worten:

Hiermit sind wir zu der wahren Aneignungsweise des Fremdartigen und Äußeren einer Zeit und zur wahren Objektivität des Kunstwerks durchgedrungen. Das Kunstwerk muß uns die höheren Interessen des Geistes und Willens, das in sich selber Menschliche und Mächtige, die wahren Tiefen des Gemüts aufschließen; und daß dieser Gehalt durch alle Äußerlichkeiten der Erscheinung durchblicke und mit seinem Grundton durch all das anderweitige Getreibe hindurchklinge, das ist die Hauptsache, um welche es sich wesentlich handelt (Vorlesungen über die Ästhetik I, Werke 13, FaM 1986, S. 360f.).

Julia Rüther: o. T., 2015, Öl auf Lw., 53 x 42 cm

Julia Rüther: o. T., 2015, Öl auf Lw., 53 x 42 cm

Kunst produziert im Medium der Sinnlichkeit und provoziert unsere Wahrnehmungsfähigkeit. Damit gelangt sie zu einem Ausdruck, der durchaus geistig, weil im Horizont der Zeit interpretierbar ist, aber aufgrund seiner Sinnlichkeit wissenschaftlich weder überholt, noch eingeholt werden kann.

Julia Rüther: o. T., 2015, Öl auf Lw., 53 x 42 cm

Julia Rüther: o. T., 2015, Öl auf Lw., 53 x 42 cm

Abermals Hegel:

Die Kunst bringt deshalb von seiten des Sinnlichen her absichtlich nur eine Schattenwelt von Gestalten, Tönen und Anschauungen hervor, und es kann gar nicht die Rede davon sein, daß der Mensch, indem er Kunstwerke ins Dasein ruft, aus bloßer Ohnmacht und um seiner Beschränktheit willen nur eine Oberfläche des Sinnlichen, nur Schemen darzubieten wisse. Denn diese sinnlichen Gestalten und Töne treten in der Kunst nicht nur ihrer selbst und ihrer unmittelbaren Gestalt wegen auf, sondern mit dem Zweck, in dieser Gestalt höheren geistigen Interessen Befriedigung zu gewähren, da sie von allen Tiefen des Bewußtseins einen Anklang und Wiederklang im Geiste hervorzurufen mächtig sind. In dieser Weise ist das Sinnliche in der Kunst vergeistigt, da das Geistige in ihr als versinnlicht erscheint (ebd., S. 61).

Julia Rüther: o. T., 2015, Öl auf Lw., 53 x 42 cm

Julia Rüther: o. T., 2015, Öl auf Lw., 53 x 42 cm

Julia Rüther hat für ihre aktuelle Ausstellung im schwedischen Maglehem Bilder geschaffen, die genau diesen Zusammenhang offenlegen: sie zeigen Fragmente von Schattenwelten mit starker Präsenz des aktuell Geistigen, ohne aber das Geistige zu illustrieren. Es entsteht unbeabsichtigt aus der altmeisterlichen Beschäftigung mit Form, Farbe, Material. Dabei vollzieht Julia Rüther einen atmosphärischen Übergang vom Barock früherer Bilder1 zum Grunge aufgegebener Fabrikhallen und speckiger Küchenwandverkleidungen längst verlassener Kleinbürgerdomizile.

Julia Rüther: o. T., 2015, Öl auf Lw., 53 x 42 cm

Julia Rüther: o. T., 2015, Öl auf Lw., 53 x 42 cm

Die Optik verspiegelter Oberflächen wird angereichert durch die Haptik klebriger Beschädigungen und von Narben wie aus Metall.

Julia Rüther: o. T., 2015, Öl auf Lw., 18 x 21 cm

Julia Rüther: jeweils o. T., 2015, Öl auf Lw., 18 x 21 cm

Das so sehr zeitgemäß Geistige entsteht vor allem in der Spannung zwischen diesen verfallssinnlichen Bildern und den meditativen Bildern, worin in einladenden, zentriert wabernden Formen freundlicher Farbe eine Transzendierung der Sinnlichkeit angestrebt scheint. Einerseits Archäologie der materiellen, historischen Last, andererseits die Sehnsucht nach dem materiell und historisch Unbelasteten: die schmerzliche Unvermittelbarkeit von Lebenswirklichkeit und Spiritualität. Damit ist Julia Rüther beim Schaffen ausdrücklicher Schemen- und Schattenwelten ein präzises Befindlichkeitsseismogramm unserer Gegenwart geglückt.

 

1 S. A. Wiehart: „Barock! Julia Rüther – Malerei der Überschreitung“, Julia Rüther. Malerei 2004-2006, 2006, 3-10.

 

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