Kamelmarkt von Darau, Ägypten

Veröffentlicht von Dr. Alexander Wiehart am 23. Mai 2017.
Filmschnitt: Michaela Dehnert.

Die im unterägyptischen Darau auf dem Markt angebotenen Dromedare stammen aus dem Sudan. Wenn sie im Gouvernement Assuan ankommen, haben sie den entbehrungsreichen Weg der „vierzig Tage“ (arba’in) hinter sich. Weltweit gibt es knapp 30 Millionen Kamele, davon in Ägypten mit etwas mehr als 150.000 Exemplaren weniger als 1% (Stand 2014), die fast vollständig in Schlachthöfen verarbeitet werden. Damit haben Kamele bei insgesamt knapp 20 Millionen Schlachttieren pro Jahr (Stand 2013) allerdings nur einen geringen Anteil an der gesamten ägyptischen Fleischproduktion.

Welches Schicksal erwartet dieses Dromedar?

Glaubt man der (allerdings nicht immer aktuellen) Presse, wird das preiswerte Kamelfleisch vor allem von der ärmeren Bevölkerung Ägyptens konsumiert. Jüngeren Datums scheint der Aufstieg des Kamelfleisches zur Delikatesse. Andere Nutzungen, etwa als Lieferant von Milch, Fell, Leder und Brennstoff (Dung), als Last-, Pflug- oder Reittier – letzteres vor allem bei Beduinen, im Tourismus und in Kamelrennen -, kommen in Ägypten vergleichsweise selten vor.

Dromedare im Dienste der Tourismusindustrie bei den Pyramiden von Giza.

Keine Rolle scheint die anderenorts einsetzende exportorientierte Erzeugung hochwertiger Kamelmilchprodukte zu spielen. Aufgrund der immer schwierigeren allgemeinen Lage können sich Handel und Nutzung schnell ändern. So kostete, wie in dem Clip ab 0:47 zu hören, Anfang März 2017 ein Dromedar auf dem Markt von Darau bereits 20.000 bis 25.000 EGP (entsprach damals ca. 1.200 bis 1.500 €).

Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von über 40%, realen Abstiegsängsten, Verwaltungs- wie Infrastrukturdefiziten, Korruption, Terrorbedrohung, Einschränkung der Grundrechte und Polizeigewalt zählt Tierschutz in der Regel nicht zu den vordringlichen Sorgen von Politik und Bewohner*innen.
Über belastbare aktuelle Daten und Einschätzungen bin ich dankbar.

Gegenüber dem Besuch des Kamelmarktes hegte ich zuerst große Bedenken. Vorurteilen folgend, erwartet ich ein höllisches Szenario aus geprügelten und vielfältig gequälten Tieren, Exkrement, Gestank und einer erdrückenden Hektik. Ich wurde eines Besseren belehrt: Die Dromedare kauten friedlich vor sich hin und ließen ruhig den Blick von wiegenden Köpfen aus über das Treiben schweifen.

Schafe und Ziegen bewegten sich und interagierten miteinander frei in von Menschen als lebenden Gattern gebildeten Arealen. Reichlich frisches Grün lag zum Fressen bereit. Die Felle glänzten. Es bot sich das Bild entspannter Lebendigkeit.

Ich möchte nichts verklären: Wir befanden uns auf einem Markt mit dem Tier als Ware. Große Brandzeichen erheben menschliche Eigentumsansprüche.

 

Doch schien es mir, dass die Händler gut für ihre Ware sorgten und bisweilen regelrecht besorgt waren um das Wohl der Tiere.

Wie es beim Transport und auf den Schlachthöfen zugeht, entzieht sich meiner Kenntnis. Besonders umstritten ist das religiös gebotene Schächten. Massentierhaltung von Dromedaren gibt es meines Wissens allerdings nicht. Ausgesprochen genügsam, an heiße karge Steppen- und Wüstengebiete angepasst, machen sie dem Menschen weder bei Nahrung noch Lebensraum Konkurrenz.

Als eingefleischter und der Nutztierwelt völlig entfremdeter Großstädter fand ich es bemerkenswert, wie wenig das Treiben einem industriellen, von technischen Abläufen und exakten Terminen vorgegebenen Takt unterworfen ist. Mensch und Tier pulsieren in gleichem Rhythmus ohne voneinander räumlich abgegrenzt zu sein.

Gehege und Zäune gibt es auf dem Markt nicht. Die kleineren Tiere sind nicht einmal angebunden oder durch Fesseln in ihrer Bewegungsfähigkeit eingeschränkt, sondern nur durch körperliche Präsenz oder Aktion der Händler.

Immer wieder werden Rinder mitten durch die Menschenmenge getriebenen und drücken mit ihren Leibern die Menschen zur Seite. Zusammen mit den Tieren nehmen die Menschen auf den Ladeflächen der Pickups Platz. Manchmal kaut ein Mensch Blätter aus dem Viehfutter.

Räumliche Trennung, Verbote, aus demselben Topf oder an demselben Tisch zu essen, das Vermeiden von Berührung und das Kultivieren von Ekel gegenüber bestimmten Gruppen und gegenüber Tieren sind die effektivsten gesellschaftlichen Strategien der sozialen Ab- und Ausgrenzung: „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!“

Ein entscheidendes Moment von Herabsetzung ist Abscheu: Menschen in Machtpositionen schreiben anderen Gruppen von Menschen, ob Afroamerikanern, Frauen, niederen Kasten, Juden oder Schwulen, animalische Eigenschaften zu, die in der Regel Abscheu wecken (Schleimigkeit, Klebrigkeit, schlechter Geruch, eine Nähe zu Verwesung oder zu Körperflüssigkeiten und Exkrementen): dann nehmen sie diese angebliche Ekelhaftigkeit zum Vorwand für die Verweigerung von Kontakt. Dieses Syndrom muss von einer gerechten Gesellschaft erkannt und bekämpft werden (Martha C. Nussbaum: Politische Emotionen. Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist, Berlin 2014, 276f.).
A key device of subordination is disgust: people in power impute animal properties that typically inspire disgust (sliminess, stickiness, bad smell, connection with decay or with bodily fluids and excrement) to other groups of people, whether African Americans, women, lower castes, Jews, or gay men – and they then use that alleged disgustingness as a reason to refuse contact. This syndrome must be grasped and combated by a just society (Political Emotions. Why Love Matters for Justice, 1st paperback edition, Cambridge, Mass., London 2015, 182.).

Von solcher Abscheu gegenüber dem Tier kann auf dem Kamelmarkt keine Rede sein. Dort können wir lernen, uns von politisch so fatalen Berührungsängsten zu befreien.

Das Nahverhältnis zwischen Mensch und Tier entsteht auf dem Kamelmarkt nicht aus einer entfremdeten Romantik, Tiervermenschlichung oder -verniedlichung, sondern ist gelebte gegenseitige Abhängigkeit: ohne Nutztiere keine Tierhändler und -nutzer, ohne Tierhandel und -nutzung keine Nutztiere. Besonders eng und geradezu existentiell ist das Verhältnis zwischen Beduinen und Dromedaren.

Um mit Hildegard von Bingen zu sprechen:

So wird ein Geschöpf durch das andere gehalten, und jedes wird vom anderen unterstützt (Das Buch vom Wirken Gottes – Liber Divinorum Operum, übers. v. M. Heieck, Beuron 2012, 1. Teil, 2. Vision, Abschn. 32, S. 63).
… sic creatura per creaturum continetur et unaquaeque ab alia sustentatur (PL 197, Sp. 776B).

 

Die Nutztiere verdanken sogar ihr biologisches Sein der Nutzung durch den Menschen: Dromedare, Ziegen, Schafe, Kühe etc. sind Züchtungen und keine Wildformen, keine „Natur“. Ohne die Jahrtausende lange Nutzung und künstliche Selektion gäbe es sie nicht.

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