Komischer Trotz: Heiko Sievers will heute keinen Pilz malen (tut es aber doch)

Heiko Sievers: Mushroom of the Day #1146 (16. September 2015): Leerstelle, Tinte auf Papier, h 32 x w 24 cm.

Im November 2009 setzte sich Heiko Sievers die Aufgabe, jeden Tag ein Pilzbild herzustellen. Jüngst wurde das Projekt „Mushroom of the day“ in einer Ausstellung der Villa Merkel gewürdigt. Das hier gezeigte und interpretierte Bild Leerstelle entstand nicht nur im Rahmen dieses Projektes, sondern handelt von einer Facette dieses Projektes: Das Projekt reflektiert darin über sich selbst. Der Künstler schreibt dazu: „Der heutige Pilz ist auch ein paradoxes Beispiel arbeitender Arbeitsverweigerung, mit welchem ich dem selbst geschaffenen Druck, einen Pilz zu malen, entgehen wollte.“

Sievers, Heiko Muschroom of the Day #1146 (16. September 2015) Leerstelle, Tinte auf Papier, h 32 x w 24 cm

Sievers Leerstelle erinnert an ein Schlüsselwerk der Konkreten Poesie: Eugen Gomringer genügte 1953 eine simple Anordnung des immer gleichen Worts, um ein literarisches Schwergewicht wie das Schweigen zu thematisieren:

Schema für Gomringer Schweigen

Auf den mit „xxxx“ gekennzeichneten Feldern steht in der Konstellation: „schweigen“. Aus Urheberrechtsgründen gebe ich das „Gedicht“ hier nicht wieder; man kann es sich aber leicht selbst basteln.

Das vierzehn Mal ohne erkennbaren syntaktischen Zusammenhang vorkommende Wort „schweigen“ wird hier nicht dazu verwendet, das Schweigen zu bezeichnen. Durch seine Anordnung stellt es das Schweigen vielmehr visuell dar, nämlich durch das Fehlen eines Vorkommens von „schweigen“ in der Mitte. Es wird also etwas ausgedrückt gerade durch das Fehlen eines Wortes. Wobei dieses Fehlen offenbar genau das ist, wovon das Gedicht handelt: das Schweigen als das Fehlen von Sprache, die in dem Gedicht mit zusätzlichem sprachkritischen Gestus ausgerechnet durch das Wort „schweigen“ vertreten wird. Um ein sprachliches Kunstwerk handelt es sich nur insofern, als man das Wort „schweigen“ muss verstehen können, um die Pointe zu erfassen.

Unweigerlich schmunzeln wir, Wohlwollen vorausgesetzt, lernen wir dieses Gedicht kennen. Bei allem existentiellen Ernst der Thematik, erzeugt die bloße Simplizität der Form Komik, weil sie die Fülle der beengenden Standards älterer Kunstproduktion trockenfrech einfach zur Seite wischt und damit die Schwäche solcher die Freiheit einschränkender Regelwerke erweist. Und dies entspricht genau der Komikkonzeption, die Karl Rosenkranz in seiner Ästhetik des Hässlichen von 1853 ausarbeitet: Komik als die sinnliche Darstellung von Überlegenheit der Freiheit über die Unfreiheit, indem die Unfreiheit (bzw. die Hässlichkeit als ihre sinnliche Repräsentation) sich schließlich selbst in Freiheit auflöst. Das Unfreie und Hässliche zeigt in der Komik eine innere Tendenz, sich selbst zu überwinden.

In Heiko Sievers Leerstelle besteht das Unfreie in den (fremden wie eigenen) Widerständen, die selbst gesetzte, also freie Aufgabe des „Mushroom of the day“ zu erfüllen. Indem Sievers Unlust und Trotz, auch heute wieder einen Pilz malen zu müssen, ausgerechnet im Herstellen eines Pilzbildes auslebt, erweisen sich Unlust und Trotz ipso facto als schwach. Es entsteht Komik.

 

Quellen

Karl Rosenkranz: Ästhetik des Hässlichen, Stuttgart 2007.

Gomringers Konstellation findet sich abgedruckt etwa in:
eugen gomringer (hg.): konkrete poesie. deutschsprachige autoren, stuttgart 1983, 58.

Meine Gomringer-Interpretation findet sich auf den Seiten 171-173 in dem Aufsatz:
Alexander Wiehart: „Armut, Dreck und Trübheit (II). Erlösende versus aporetische Komik? oder: Warum wir die Sinnfrage nicht ernst nehmen sollten“, Schöner Sterben. Vorträge zur Literatur beim Heinrich von Veldeke-Kreis, hg. v. T. Maier, S. Löwenstein, Berlin 2013, 163-227.

 

Die Besprechung eines weitern Bildes von Heiko Sievers findet sich unter:
https://wiehart.wordpress.com/fotos-zum-nachdenken/pilz-der-sinnlosigkeit-zu-heiko-sievers-albert-camus/

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