Philosophie und Statistik

Anton Leo Hickmann (1834-1906): Historisch-statistische Tafeln aus den wichtigsten Gebieten der geistigen und materiellen Entwicklung der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien im neunzehnten Jahrhundert. 41 geographisch-statistische Tafeln in Farbendruck, nebst großem Plan von Wien 1800-1900 (im Umfang von 6 Tafeln), Wien: Hölder, 1903.

Da dieses Werk 1903 erschien und sein Autor 1906 verstarb, ist das Urheberrecht erloschen. Folgende Abbildungen habe ich angefertigt. Sie stammen aus einer Ausgabe des genannten Werkes in meinem Besitz.

Alle Rechte auf diese Abbildungen liegen daher bei mir. Bitte beachten Sie das Impressum.

Hickmann Wien 1 (Wiehart)

aus Taf. 23: „Geburts- und Sterblichkeits-Verhältnisse“

Hickmanns repräsentativer Band ist, wie bereits auf dem Cover in goldenen Buchstaben eingraviert steht, „im Auftrage der löblichen Stadtvertretung“ entstanden. Offenbar soll er eine Leistungsschau der damaligen Wiener Verwaltung bieten. Entsprechend wird man solche Politikfelder zur statistischen Erfassung ausgewählt haben, auf denen man meinte, etwas vorweisen zu können. Doch das ist bloß eine Vermutung. Darüber hinaus ließe sich die allgemeine Frage stellen, was man damals warum statistisch erhoben hat, ob es diesbezüglich markante Unterschiede zur heutigen Praxis gibt und von welchen Interessen die heutige Praxis geleitet ist.

Hickmann Wien 4 (Wiehart)

aus Taf. 33b des übergeordneten Kapitels „Schule und Unterricht“

Vor allem aber regen mich Hickmanns Diagramme zu einigen philosophischen Gedanken über Statstik an: Statistik, zumal ästhetisch so anspruchsvoll präsentiert wie zur Zeit um 1900, zeigt besonders deutlich die alles gleichmachende Wirkung moderner Wissenschaft. In wissenschaftlicher Perspektive kommt es nicht darauf an, was wir für wichtig und besonders wertvoll erachten, worin wir die Kernbestände unserer Selbstentwürfe erblicken.

Hickmann Wien 5 (Wiehart)

aus Taf. 34: „Die Bevölkerung Wien’s nach dem Bildungsgrade in den Jahren 1890 u. 1900“

Statistisch gesehen, handelt es sich beispielsweise bei Religionszugehörigkeit, Bildungsgrad und den Kosten für Bier um gleichwertige Phänomene, die mit derselben Methodik zahlenmäßig erfasst und ausgewertet werden können. Zuerst mag man sich vielleicht wie vor den Kopf gestoßen fühlen, eine (vermeintlich) so ehrwürdige Facette menschlichen Seins wie Religion – re-ligio: das Rückgebundensein an höhere Mächte – auf dieselbe Weise behandelt und dargestellt zu sehen wie eine lebensmittelökonomische Tatsache.

Hickmann Wien 2 (Wiehart)

aus Taf. 29: „Die Bevölkerung Wien’s nach den confessionellen Unterschieden im XIX. Jahrhundert“

 

Hickmann Wien 3 (Wiehart)

aus Taf. 30: „Die Bevölkerung Wien’s nach den confessionellen Unterschieden im XIX. Jahrhundert“

Doch sind Bierseligkeit und Konfession wirklich auf so unterschiedlichen Wertigkeitsniveaus angesiedelt? Welche Vorstellungen des Wertvollen liegen hier zu Grunde? Woher kommen sie und wem nützen sie? Philosophie hat solche Fragen immer schon gestellt. So etwa wird Epikur seit jeher angegriffen, weil er die Befriedigung sinnlicher Lust als höchstes Gut ansieht und damit die herkömmliche Wertehierarchie umkehre (eine Kritik, die Epikur allerdings nicht ganz gerecht wird).

Hickmann Wien 6 (Wiehart)

Taf. 36 zu dem Kapitel „Preisverhältnisse und Kaufkraft des Geldes“

Marx ordnet Religion, Moral, Recht etc. dem Bereich der Überbauphänomene und der Ideologie zu, die von der gerade herrschenden Produktionsweise als deren materieller Basis bewirkt werden. Und Nietzsche, auf den sich etwa Michel Foucault beruft, hat sich ohnehin ausdrücklich auf die Fahnen geschrieben, herrschende Werte umzuwerten und schmeichelhafte Selbstverständnisse zu zerstören: es gehe darum, zu lernen, sie als übelriechende Ausdünstungen der Macht wahrzunehmen. Hat Nietzsche vielleicht unter dem Eindruck statistischer Diagramme philosophiert?

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Ein Gedanke zu “Philosophie und Statistik

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