Pilz der Sinnlosigkeit. Zu Heiko Sievers: „Albert Camus“

Heiko Sievers: Mushroom of the Day #1027 (9. April 2015): Albert Camus, Wasserfarbe und Bleistift auf Papier, h 32 x w 24 cm, Privatbes.

Sievers, Heiko Mushroom of the Day #1027 (9. April 2015) Albert Camus, Wasserfarbe und Bleistift auf Papier, h 32 x w 24 cm

Dank an Heiko Sievers für die Erlaubnis der Veröffentlichung des Bildes. Alle Rechte vorbehalten.

Eine geringe Abweichung vom Erwartbaren führt zu Irritation. Unsere Routinen stehen schlagartig in Frage und wir sehen uns genötigt, auf besondere Weise zu reagieren: mit Verärgerung, Gruseln, Lachen etc. In der Zeichnung von Heiko Sievers erreicht die Abweichung eine Intensität des Skurrilen. Bereits bei Homer ist die mythologische Bestrafung des Sisyphos belegt: In der Unterwelt muss er beständig mit ganzer Kraft denselben Felsen auf einen Hügel befördern. Kürz vor dem Ziel rollt der Stein jedesmal zurück und die Plackerei beginnt von vorn: Bild der Sinnlosigkeit menschlicher Anstrengung und allgemein menschlichen Lebens. Sievers ersetzt nun den körperlich bewegten, steil gegen Widerstand hochdrängenden Heros durch einen Pilz. Dessen ausladender Hut kann einem kleinen Stein, der auf ihm zu liegen gekommen ist, als Unterlage dienen, aktiv tragen oder gar aus eigenem Antrieb bewegen, kann er ihn aber nicht. Wesentliche Elemente des Mythos wie Anstrengung, tätiges Streben nach einem Ziel, Unerreichbarkeit des Zieles, Wiederholung der Aktion usw. bildet Sievers’ Zeichnung folglich nicht ab. Der Mythos von der Sinnlosigkeit menschlichen Tuns wird selbst sinnlos.

Das entspricht heutigem Stand des Nachdenkens über den Sinn des Lebens, das selten ernsthaft noch vollzogen, viel häufiger verspottet wird. Man denke an Monty Python’s The Meaning of Life (UK 1983, R: Terry Jones, dt.: Der Sinn des Lebens) oder an Douglas Adams Romanreihe, die mit The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy (1979, dt.: Per Anhalter durch die Galaxis) beginnt. Selbst Philosophie misstraut mittlerweile ihren eigenen altehrwürdigen Spekulationen, verzweifelten Gesten, verblüffenden Lösungen – ein seinerzeit vieldiskutierter Vorschlag stammt von Albert Camus (Der Mythos von Sisyphos, 1942), dessen Name Sievers als Titel der Zeichnung wählt. Thomas Nagel bringt heutige Abgeklärtheit auf den Punkt: Jede heftige Reaktion auf die Einsicht in unsere Sinnlosigkeit, jede dramatische Inszenierung

verrät ein Versagen, die kosmische Unwichtigkeit der Situation einzuschätzen. Wenn es sub specie aeternitatis [unter dem philosophischen Gesichtspunkt der Ewigkeit; Verf.] keinen Grund zu glauben gibt, dass irgendetwas von Belang ist, dann ist dies ebenso wenig von Belang und wir können unsere absurden Leben mit Ironie angehen statt mit Heroismus oder Verzweiflung (Mortal Questions, Cambridge 1979, 23, meine Übersetzung).

Sievers’ Pilzbild fügt eine Facette hinzu: Es ist ja nicht so, dass uns das Schmunzeln über die Sinnlosigkeit irgendwie entlasten würde. Die Mühen bleiben und nehmen in moderner Arbeitswelt meist die Form eines quälenden Dauerdrucks an, den nicht heroischer Widerstand, sondern Erschöpfungsmüdigkeit begleitet. Wir fühlen uns nicht wie ein muskelbepackter Sisyphos, sondern wie ein in verzweigte Strukturen fest eingebundener, unter der Belastung regloser, mit Totem gefütterter Pilz.

Wer das hier Skizzierte vertiefen will, sei auf meinen Aufsatz verwiesen:
Alexander Wiehart: „Armut, Dreck und Trübheit (II). Erlösende versus aporetische Komik? oder: Warum wir die Sinnfrage nicht ernst nehmen sollten“, Schöner Sterben. Vorträge zur Literatur beim Heinrich von Veldeke-Kreis, hg. v. T. Maier, S. Löwenstein, Berlin 2013, 163-227.
Bei Interesse gerne melden.

Die Besprechung eines weitern Bildes von Heiko Sievers findet sich unter:
https://wiehart.wordpress.com/fotos-zum-nachdenken/komischer-trotz-heiko-sievers-will-heute-keinen-pilz-malen-tut-es-aber-doch/

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