Spinnwebsterne

Wohl um 500 v. stellt Alkmaion von Kroton fest:

Der Mensch nämlich unterscheidet sich von den übrigen [sc. Lebewesen] dadurch, dass er allein versteht (xyniesi), die übrigen dagegen nehmen wahr (aisthanetai), verstehen aber nicht (DK 24 B 1a).

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Ob der Verstand tatsächlich als trennscharfes Merkmal taugt, zwischen Mensch und Tier zu unterscheiden, bleibe dahingestellt. Verblüffend jedenfalls ist unser starker Drang, allem Möglichen, das uns begegnet, einen Sinn zuzuschreiben. Das wurde mir jüngst vor dem Karlsruher ZKM wieder einmal bewusst, als ich in der monumentalen Installation The Morning Line verlassene, wassertropfenbeperlte und sich teils bereits auflösende Spinnweben entdeckte. Sogleich waren mehrere Ansätze des Deutens präsent:

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1) als Stern, wie er in der Dynamik des Universums, wovon das Kunstwerk unter anderem handelt, kurz aufflackert, bevor er erlischt.
2) als Bild der Vergänglichkeit und Verletzlichkeit alles Lebendigen, das darauf angewiesen bleibt, sich zu ernähren – spektakulär bezeugt durch das Jagenmüssen der Prädatoren. Bei aller Kurzlebigkeit überdauern die Netze der Spinnen den Augenblick des Erbeutens und konservieren in ihrer Struktur die Überlebensnotwendigkeit des Stoffwechsels, der sich weder Beute noch Räuber entziehen können.

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3) als Mahnung an uns angesichts sich zersetzender Werke tierischer Anstrengung, unsere eigene und unserer Errungenschaften Begrenztheit nicht zu vergessen: memento mori!
4) als (etwas abgenutztes) Bild schicksalhafter Verstrickungen.

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5) als Gelegenheit, der Schönheit des nutzlos Gewordenen nachzusinnen, das sich uns wie eine Ruine zur rein ästhetischen Betrachtung anbietet.

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6) als Lehrstück über die Perspektivität unserer Wahrnehmung. Denn deutlich sichtbar (und fotografierbar) war eine Spinnwebe in der Regel nur von wenigen Positionen aus: Erkennen und ästhetisches Erfahren beruhen auf der Beweglichkeit des eigenen Standpunktes, immer neue Blickwinkel zu gewinnen.

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7) als Anlass, uns selbst besser kennen zu lernen. Denn wir werden uns der Attraktivität bewusst, die etwas so Unbrauchbares wie vergehende Spinnennetze für uns hat, sobald es nur Bedeutung verheißt: Wir erfahren uns selbst als interpretationsversessene Lebewesen.

Sicherlich gibt es zahllose weitere Deutungsansätze. Bereits die genannten sieben verweisen auf die Offenheit unseres Interpretierens. Ihr entspricht eine unerschöpflich vieldeutige Welt.

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