Leichenrede für meine Mutter

 

Wiehart, Christine 5 klein

Leichenrede für meine Mutter Christine Wiehart, geb. Kolienz

gehalten von
Dr. Alexander Wiehart
am 9. Juli 2014 um 12.00 Uhr in der Kapelle des Friedhofs von Brunn am Gebirge (Niederösterreich)

 

0 Begrüßung und Todesumstände

Liebe Verwandte, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Bekannte meiner Mutter. Willkommen und vielen Dank für Euer, für Ihr Erscheinen.

Vor fast zwei Wochen ist meine Mutter Christine Wiehart verstorben. Sie bereitete sich gerade auf ihren 80. Geburtstag am 13. Juli vor. Zwar kam der Tod aufgrund ihres allgemeinen Gesundheitszustandes nicht unerwartet. Der Tod kündigte sich aber nicht unmittelbar an. Am Tag ihres Todes wollte sie sich wie jeden Donnerstag mit ihren Freundinnen treffen, ist aber zu diesem Unternehmen nicht mehr aufgewacht. Sie durfte ohne Schmerzen, friedlich, im Besitz all ihrer mentalen Kräfte und mitten in dem Leben stehend sterben, das sie sich selbst ausgesucht hatte. Ein schöner Tod, tröstlich für uns Hinterbliebene.

Selbstverständlich ist es unmöglich, fast 80 Jahre eines Menschenlebens in wenigen Worten angemessen darzustellen. Zudem fällt es mir als emotional unmittelbar betroffener Sohn nicht leicht, mich auf die Rede zu konzentrieren. Es kann sein, dass mir diese Rede rhetorisch misslingt, weshalb ich die schriftliche Fassung zum Nachlesen auf meiner Webseite zugänglich mache. Ich wollte aber auch deshalb selbst heute vor Euch und Ihnen sprechen, weil jeder andere Leichenredner ohnehin nur meine Angaben verarbeitet hätte. Zudem will ich keine Standardleichenrede mit den üblichen Floskeln und Verschwiegenheiten halten. Das entspräche nicht dem einerseits herzlichen, andererseits von unüberbrückbaren Differenzen geprägten Verhältnis zwischen meiner Mutter und mir, das bei allen Spannungen immer von Offenheit gekennzeichnet war. Ich möchte hier nichts schönreden. Wie die meisten von Euch, von Ihnen wissen, bin ich früh aus den Bahnen, die meine Eltern für mich vorgesehen hatten, ausgebrochen. Das kam für meine Mutter am schmerzlichsten zum Ausdruck durch die große räumliche Distanz, die seit nunmehr 30 Jahren zwischen uns besteht und bestehen musste.

 

1 Ein Leben der Angst und der Bindung

Der Hauptgrund dafür, dass ich mich in mehreren Hinsichten von meinen Eltern entfernte, liegt, denke ich, in den unterschiedlichen Kindheitserfahrungen. Wie alle Kinder ihrer Generation – meine Mutter wurde 1934 geboren – wuchs sie auf in totalitärer Diktatur, mit Krieg, Hunger, in Lebensgefahr und unter den Bedingungen zusammenbrechender staatlicher Strukturen. Ihre schulische Erziehung war nationalsozialistisch geprägt. Sie bekam als Mädchen mit, wie Frauen aus der Nachbarschaft von sowjetischen Besatzungssoldaten brutal vergewaltigt wurden. Eine ältere vergewaltigte Frau zeigte vom Fenster aus laut weinend und anklagend das blutige Laken. Diese Erfahrungen schrieben sich tief in die junge Seele meiner Mutter ein und in das gesamte spätere Leben. Dasselbe gilt für meinen Vater, der niemals sanft aufwachen konnte, sondern immer aus dem Schlaf hochschreckte. Dessen letzte verständliche Worte im Zustand geistiger Umnachtung waren: „Ist der Krieg vorbei?“ und „Sind die toten Soldaten schon begraben?“

Es ist absolut unerträglich, was erwachsene Menschen Kindern antun, wenn sie meinen, Krieg führen zu müssen, zu welchen Erinnerungen und Haltungen sie ihre eigenen Kinder lebenslang verurteilen!

Entsprechend war das gesamte Leben meiner Mutter bestimmt von großem Misstrauen gegenüber der Außenwelt, die für sie manchmal bereits bei Ehemann und Kind, manchmal bei den Freund_innen, häufig beim weiteren sozialen Umfeld, auf jeden Fall aber an den Grenzen der Republik Österreich begann. Der österreichische Fremdenhass wurzelt zu einem großen Teil in der unverarbeiteten Kriegs- und Nachkriegserfahrung. Man hatte in dieser Außenwelt vorsichtig zu agieren, sich von vornherein gegen alles zu wappnen. Die Begegnung mit anderen Menschen war nicht nur, aber immer auch ein Wettbewerb, in dem man sich als stark, überlegen und unangreifbar präsentieren musste. Dies galt selbst dann, wenn man im Freundeskreis „den Schmäh rennen“ ließ. Auf vermeintliche oder tatsächliche Ehrverletzungen, Angriffe auf das soziale Standing, reagierte man entsprechend aggressiv und unerbittlich. Die Schwelle, sich angegriffen und beleidigt zu fühlen, lag aus meiner Sicht übertrieben niedrig. Hieraus ergibt sich eine Tendenz zu endgültigen Zerwürfnissen und gut gepflegten Feindschaften. Im Grunde blieb diese Generation gedanklich, emotional und im Verhalten dem Hobbesschen Naturzustand des Krieges eines jeden gegen jeden verhaftet.

All das entspricht der Erfahrung meiner Generation nicht: wir wuchsen in größter Sicherheit auf, umhegt von Eltern und Erziehern wie Schätze. Krieg, Hunger, Diktatur kennen wir nur aus den Nachrichten. Und doch lehrten uns unsere Eltern eine ganz andere Haltung der Welt gegenüber, vermittelten uns eine Ängstlichkeit und wollten uns nicht in eine Welt entlassen, die eigentlich harmlos und einladend geworden war und sich durch große horizontale (und sonstige) soziale Mobilität auszeichnet: Wenn es mir hier und bei diesen Leuten nicht gefällt, suche ich mir ein anderes Plätzchen und andere Leute. Nicht in der Realität angekommen zu sein – dieser gegenseitige Vorwurf stand zwischen meiner Mutter und mir insgeheim beständig im Raum.

Beweise der Bindungsfähigkeit, erlernt in Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsnöten, erbrachte meine Mutter in besonderem Maße. Seit 1954 war sie mit ihrem Mann verheiratet. Durch dessen Tod verpassten sie knapp den 60. Hochzeitstag. Wir heutigen können mit solch einer enormen Zeitspanne des Zusammenlebens und -arbeitens nicht mithalten und wollen es vielleicht auch gar nicht. Das Leben lang verblieb meine Mutter in ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld: ihre Sterbeadresse in der Brunner Turnerstraße liegt nur wenige Schritte entfernt vom Geburtsort im Enzersdorfer Abschnitt der Liechtensteinstraße. Diesem Umfeld fühlte sie sich verpflichtet bis zur Selbstaufgabe: So betreute sie ohne Anlass und unentgeltlich eine alte Frau, die im neu erworbenen Hause meiner Eltern wohnte und kümmerte sich um die Enkelkinder von Jugendfreunden als wären es ihre eigenen. Vor allem aber pflegte sie lange Jahre ihre eigene, schließlich im stolzen Alter von 95 Jahren versterbende Mutter, die sie bei uns in der Turnerstraße aufgenommen hatte.

Wie allen Kriegskindern war es meiner Mutter nicht vergönnt, sich auszuprobieren, mit alternativen Lebensformen zu experimentieren, eigene Lebensziele zu wählen. Zu groß waren die Angst vor der Welt und die materielle Not, Vorbilder und kulturelle Impulse fehlten. Eltern, das gesellschaftliche Umfeld, das Wirtschaftssystem und die Politik drängten diese Kinder in frühe und möglichst feste Beschäftigungsverhältnisse. Mit 13, 14 Jahren begann man eine Lehre bei einem örtlichen Betrieb und war froh über die Aussicht einer sicheren Zukunft und des beruflichen Aufstiegs. Man war froh, ein konkretes, mit Fleiß erreichbares, allgemein anerkanntes Ziel zu haben, etwas aus dem materiellen Nichts aufbauen zu können.

 

2 Ein Leben des materiellen Erfolgs

Dies haben meine Eltern auch mit Bravour geleistet und trugen das Ihre zum Wirtschaftswunder bei. Fleiß, Kompetenz und Behändigkeit meiner Mutter in ihrem Metier habe ich bis zuletzt bewundert: Als knapp 50jähriger brauchte ich für das Versenden der Parten sicherlich drei Mal so lange wie vor vier Jahren meine damals 75jährige Mutter für die Parten anlässlich des Todes meines Vaters.

Die wirtschaftliche Lebensleistung ist beeindruckend: Von 1963 bis 1990 waren meine Eltern in gemeinsamem Betrieb selbständig. Immer war meine Mutter gleichberechtigte unternehmerische Partnerin meines Vaters: in der gepachteten Kalksburger Tankstelle, der gepachteten Kfz-Reparaturwerkstätte. Die schließlich selbst erbaute Werkstätte in Wien-Liesing gehörte beiden zu gleichen Teilen. Beide hatten auch denselben Anteil am Erfolg dieser Unternehmen: mein Vater kümmerte sich um die technischen, meine Mutter um die kaufmännischen Belange. Ich habe selten eine beruflich und innerfamiliär so emanzipierte, so starke Frau erlebt, wie meine Mutter es war, obwohl sie Zeitlebens das Wort „Emanzipation“ als Reiz- und Schimpfwort empfand.

Mir ermöglichte dieser Erfolg, was man meinen Eltern vorenthielt: zu studieren, mich an fremden Orten auszuprobieren, mich von der materiellen Orientierung der Eltern zu lösen, eine Fülle zu finden, die meinen Eltern leider verschlossen geblieben ist. In den letzten Jahren hat meine Mutter dies bedauert: immer gehetzt gewesen zu sein, immer einem vermeintlichen Muss unterworfen. Die Leere, die ein solches Leben mit sich bringt, sobald der berufliche Zwang aufhört, konnte sie nicht füllen und flüchtete sich, wie ich erst jetzt erfahre, während der letzten Jahre immer mehr ins Glücksspiel an Einarmigen Banditen. Auch diese Neigung zur Suchtkrankheit ist für die Generation der Kriegskinder übrigens nicht untypisch. Wirtschaft und Politik bieten in der traurigen Gestalt von Casinos unseren Eltern eine kostspielige Betäubung jener seelischen Nöte an, zu denen unsere Eltern von Anfang an durch Politik und Wirtschaft verdammt waren.

 

3 Ein Leben der Fröhlichkeit und des Blödelns

Doch damit ist selbstverständlich bei weitem nicht die ganze Wahrheit über meine Mutter gesagt, die ich ohnehin weder zu vollständigem Ausdruck bringen kann, noch ganz kenne. Die große Stärke meiner Mutter, das wofür ich ihr unendlich dankbar bin, ist ihre Fröhlichkeit und ihre Fähigkeit, kleinere Katastrophen aus einer anderen, das Lachen ermöglichenden Perspektive zu betrachten.

Der Totenspruch auf der Parte soll diesen Charakterzug hervorheben. Man weiß nicht, wer, und man weiß nicht, wann genau im Mittelalter dieser Spruch auf den Deckel eines Manuskripts gekritzelt wurde, aber er bewegt die Menschen über die Jahrhunderte bis in unsere Tage:

Ich leb und waiß nit wie lang,
ich stirb und waiß nit wann,
ich far und waiß nit wahin,
mich wundert, das ich frölich bin.

Meine Mutter war kein religiöser Mensch; sie hat die Sinnlosigkeit unserer Existenz tief empfunden: „ich far und waiß nit wahin“ – das einzige, das ich weiß, ist, dass ich sterben muss, dass irgend wann einmal all mein Mühen zu Ende ist, dass aber irgend wann auch schlicht nichts mehr von mir bleiben wird. Das ist aber kein Grund, nicht fröhlich zu sein. Und kein Grund, nicht fröhlich zu sein, ist auch, wenn nicht alles so klappt, wie man es sich wünscht oder wie man es vielleicht auch verdient hätte. Einer der Lieblingssprüche meiner Mutter war daher:

100% kann man nie erwarten, über 80% kann man sich schon freuen und froh sein kann man bei 60%.

Mit diesen Einsichten gelang es meiner Mutter bis zuletzt, ihrem Leben immer wieder ein kindliches Lachen, eine erfrischende Blödelei abzutrotzen. Tante Hannerl – vielen Dank auch an dieser Stelle für all den Einsatz und die Zuwendung! – brachte meiner Mutter vor kurzem elegante Schuhe mit. Meine Mutter, die kaum gehen konnte, zog sie gleich freudig an und ging in der Vorraum, um dort vor dem Spiegel in diesen Schuhen zu tanzen. Leider stürzte sie dabei schmerzhaft, ließ sich durch solche Rückschläge aber nie in ihrer Grundstimmung beirren. Habe meine Mutter niemals jammern gehört.

Eine Mutter mit solch einem Frohsinn und solch einem Sinn für Blödelei kann man sich als Kind nur wünschen: Zahlreiche Anekdoten fallen mir sofort dazu ein, ich greife nur eine heraus: Im Volksschulalter und allein zu Haus plünderte ich den Kleiderschrank meiner Mutter und band alle möglichen Textilien an eine elastische Schnur, die ich gefunden hatte. Dieses ganze Ensemble – Kunsthistoriker würden es als Mobile klassifizieren – ließ ich vom Balkon der Wohnung aus an der Schnur herunter und vor dem Auslagenfenster des Kaffeehauses unter uns herumtanzen. Ich wurde immer kühner und warf das Mobile wie eine Fischer immer weiter aus. Dabei verfing es sich in den Leitungen, die in Höhe des Balkons die Straße entlang geführt waren. Als ich durch Ziehen und Schwingen nichts ausrichten konnte, ließ ich die Schnur zu allem Überfluss auch noch aus der Hand gleiten. Herrenlos baumelte das Mobile nun traurig über der Alexander Groß-Gasse. Als meine Mutter nach Hause kam und das Malheur sah, hat sie nicht etwa geschimpft, sondern musste herzlich lachen. Schnell war die Feuerwehr gerufen und mit Charme und Trinkgeld dazu gebracht, das Mobile herunterzupflücken.

Für diese Haltung werde ich ihr mein Lebtag dankbar sein; so behalte ich sie in Erinnerung. Fröhlich, zu jeder Blödelei aufgelegt und stark.

Impressum

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15 Gedanken zu “Leichenrede für meine Mutter

  1. Die Bezeichnung „Leichenrede“ ist mir vom Sprachgebrauch her einfach befremdlich. „Leichenrede“ hat etwas von „Obduktion“ und „sezieren“.
    Ich kenne nur die Begriffe Grabrede und Trauerrede.

    So wirkt auch die Rede vordergründig auf mich : Wie du schon in der Einleitung ankündigst, ist die Rede eine distanzierte Analyse.
    Sie wirkt kühl.
    Erwähntest du hier und dort nicht „meine Mutter“, so wäre man nicht überrascht, den Text in einem Sachbuch über Kriegskinder des Nationalsozialismus wiederzufinden.
    Der Text zeigt auf, dass dir deine Eltern in ihrem Empfinden im Grunde fremd waren und bis zum Tode blieben.
    Die schockierende Wirkung könnte daher rühren, dass mancher Leser sich wünschte, diese Fremdheit wäre nicht das bestimmende Moment in der Erinnerung geblieben. Leser erwarten Herzlichkeit in Erinnerung an Eltern, emotionale Dichte und Trauer.
    Die spricht nicht aus dem Text.
    Aus meiner Sicht entsteht die auch nicht im letzten Teil, wo du die Begebenheiten deiner Kindheit erwähnst.
    Dein Dank deiner Mutter gegenüber für ihre Nachsichtigkeit in kleinen Dingen ist ehrlich aber irgendwie …. auswechselbar.

    Es ist einfach kein trauerndes, schluchzendes Kind das da spricht und manch einem fehlt das sicher…

    Interessant ist, dass meine Grabrede zu meinen Eltern sicher auch anders aussehen würde, auch wenn ich nicht weiß, wie genau.
    Die Generation meiner Eltern ist aber auch eine ganz andere als die deiner Eltern, eher die deiner „älteren Geschwister“ – und es ist die Geschichte von Menschen, die ihre Jugend in der DDR verbracht haben.

    • „Leichenrede“ ist in Österreich meines Wissens schon gebräuchlich, ähnlich wie „Leichenschmaus“ (bei dem man übrigens nicht die Leiche verzehrt). Aber eine kleine Deftigkeit, um credibility zu signalisieren, ist mit dieser Wortwahl durchaus beabsichtigt: Es soll nichts beschönigt werden. Auch sehe ich mich nicht verpflichtet, den sozialen Erwartungen zu entsprechen, die gerne an Kinder von Verstorbenen herangetragen werden. Zu viele Krokodilstränen fließen auf Friedhöfen. Gerade an Trauerbekundungen sieht man übrigens recht gut, wie konventionell sogar unsere Emotionen und Gefühlsäußerungen sind: die Gesellschaft schreibt uns vor, wo welche erlaubt, erwartet, verboten sind, und alle tun dann so, als bräche das Gefühl spontan aus ihrem ganz Inneren hervor. Auch diese Konventionalität und das Selbstverständnis der Trauernden, die sich diese Konventionalität in der Regel nicht eingestehen, möchte ich mit meiner Leichenrede hinterfragen. Warum soll man dem Tod der in angemessenem Alter undramatisch verstorbenen Eltern mit einem emotionalen Ausnahmezustand begegnen? Weil Therapeut_innen und Kirchenpersonal nicht müde werden, uns zu versichern, dass Trauerarbeit zu leisten sei? – einer der vielen Arbeitsbefehle, die an uns ergehen…
      Du hast aber Recht, wenn Du eine bestimmte unüberbrückbare Fremdheit im Empfinden und Erleben zwischen mir und meinen Eltern feststellst. Wie sollte es aber auch anders sein und, Hand aufs Herz, bei wem meiner Generation ist das nicht der Fall? Denn ähnliches Erleben und Empfinden setzt ähnliche Grunderfahrungen, ähnliche Weisen der Interpretation von Situationen voraus – eine Ähnlichkeit, die zwischen unseren Generationen, wie in der Leichenrede ausgeführt, aufgrund der entgegengesetzten Kindheitserlebnisse bestehen gar nicht kann. Und ja, der schmale gemeinsame Grund, worauf man einander trotz dieses Unterschiedes begegnet, ist seinerseits hochkonventionell. Daher die Auswechselbarkeit meines Dankes, die Du gut beobachtest. Das hindert mich aber nicht, wirklich Dankbar für Stärke und Lachen meiner Mutter zu sein.
      Wie schon zuvor der kitschautorin gegenüber bemerkt: Fände wirklich interessant, wie sich das Generationenverhältnis zwischen Kriegskindern und Kriegsenkel in der DDR gestaltete.

  2. Danke, Herr Wiehard, für diese beeindruckende Rede, die nicht nur die Persönlichkeit ihrer Mutter, sondern auch den Zeitgeist unseres Nachbarlandes wiedergibt. Der Tod eines nahe stehenden Menschen gibt uns immer Anlass, den Blick schweifen zu lassen…
    Auch ich habe vor zwei Jahren meinen Vater begraben und eine Totenrede nach meinen Vorstellungen schreiben lassen. (Vielleicht hätte ich es selber tun sollen, so wie Sie….) Auch ich habe die Nazizeit erwähnen lassen. Und auch meinen Großvater, dem schlimmes Unrecht geschehen war, würdigen lassen.
    Was bleibt im Gedächtnis eines Demenzkranken bis zum Schluss? Die Geschehnisse des Krieges, das, was uns im Innersten berührt. So erzählte mein Vater bis zu seinen letzten Tagen das berührende Kriegserlebnis, das er als 18jähriger Soldat in Caen hatte, als er sich weigerte, einen alten Mann des Widerstandes zu erschießen und damit sein eigenes Leben in die Waagschale warf. Und wie er kurze Zeit später von diesem Mann ebenfalls gerettet wurde, als dieser sich den einmarschierenden alliierten Soldaten in den Weg stellte, als diese sein Bataillon exekutieren wollten. Mein Vater überlebte als einziger. Er hat ein Foto aus diesen Tagen mitgebracht, das einen kleinen Franzosenjungen zeigt, mit einem Brot in der Hand. Und ich werde mich bald auf eine Reise in die Normandie begeben, um diese Spuren wieder zu finden….
    Edith H.

    • Was mich immer besonders traurig stimmt, ist der Verlust so vieler erzählenswerter Geschichten. Umso mehr freut es mich, dass Sie die Erinnerung an den Mut Ihres Vaters wach halten und vertiefen wollen. Der Ausgang der Geschichte verleiht Hoffnung – durchaus im Kantischen Sinne. Eine gelingende Spurensuche in der Normandie und herzlichen Dank für Ihren Kommentar!

  3. Danke, Dagmar, für das Lob des Fotos! Dieses Foto rührt mich jedes Mal, weil darin Stärke, aber auch Verletzlichkeit zum Ausdruck kommen. Es zeigt meine Mutter wohl im Alter von 13, 14 Jahren, als sie ihre Lehre begann. In diesem Alter konnten wir Wohlstandskinder ungehindert unsere pubertären Träume und Gefühlslagen pflegen (was für uns schon aufreibend genug war).

  4. Bin überwältigt von der Resonanz, die meine Leichenrede gefunden hat. Gestern, am ersten Tag online, wurde sie 149 Mal aufgerufen. Herzlichen Dank an alle Interessierten und Anteilnehmenden! Ein Foto, das meine Mutter als junge Frau zeigt, habe ich der Seite hinzugefügt. „Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch Kostüme wechseln wie er will“ (Heimito von Doderer: Ein Mord den jeder begeht, Anfang des Romans).

  5. Wie schön, Menschen zu instrumentalisieren, egal zu welchem Anlass!
    Deine Mutter dabei exemplarisch für ein misstrauisches Volk? Eine
    gewagte These! Auch andere Menschen hatten extreme Kriegserlebnisse
    und völlig andere Reaktionen.
    Für einen Christen bleibt ein deprimierendes Gefühl. Trotz irdischer
    Fröhlichkeit eine gewisse Hoffnungslosigkeit.Glücklicherweise lassen
    einen die einarmigen Banditen wieder durchatmen.
    Nett, wie Du die Stärken Deiner Mutter hervorhebst. Besonders im
    letzten Absatz. Ich danke ihr für ihre vielen Bemühungen und bin
    in Gedanken bei Dir.

    • Besteht nicht ein Unterschied zwischen Instrumentalisieren und Exemplifizieren? Zudem ist die Zielsetzung der Rede eine andere: Ich thematisiere meine Mutter ja nicht, um eine Aussage über Kriegskinder (und schon gar nicht über Völker) zu gewinnen oder zu stützen. Vielmehr versuche ich, bestimmte Haltungen meiner Mutter verständlich zu machen, indem ich sie auf damals herrschende Umstände zurückführe, unter denen relevant viele Kinder leiden mussten. Ein solches Leiden formt nicht nur das einzelne Individuum (das sich selbstverständlich aus dem Mainstream grundsätzlich freischwimmen kann, was erfahrungsgemäß aber nur selten passiert), sondern prägt eine ganze „Gesellschaft“ bzw. „Kultur“ (oder wie man die entsprechende überindividuelle Struktur bezeichnen mag). Warum sollte meine These also gewagt sein? Ihr Inhalt ist Gang und Gäbe und meine Mutter selbst hat ihre Angst auf die Kriegserlebnisse zurückgeführt.

  6. Eine wirklich beeindruckende Rede. Die Rede für meine Mutter würde wohl, auch vom Stil her, deutlich anders ausfallen. Aber jeder (Verstorbene) ist anders und hat seine eigene Geschichte.
    Ich finde es auch wirklich interessant, wie die Geschichte das eigene Leben beeinflusst. Meine Eltern sind in der ehemaligen DDR aufgewachsen und das hat mich auch beeinflusst.

    • Dann könnten unsere Eltern wahrscheinlich unterschiedlicher gar nicht sein: die meinen als kapitalistische Nachkriegsaufsteiger par excellence. Würde mich interessieren, wie vergleichbare (wenn es solche denn überhaupt gab) DDR-Biographien ausgesehen haben.
      Danke jedenfalls für das wohltuende Lob; es tut umso mehr wohl, als ich mir mit dieser Rede schon einige Vorwürfe eingehandelt habe.

      • Beeinflusst hat es mich wohl hauptsächlich dahingehend, dass ich die DDR stark verurteile, bei all den Geschichten, die meine Familie mir erzählt hat.

  7. Mein Beileid nochmal. Die Erfahrung deiner Mutter „100% kann man nie erwarten, über 80% kann man sich schon freuen und froh sein kann man bei 60%.“ mache im beim Podcasten auch immer. 40% muss ich immer wegschneiden. Aber das ist hier wohl unangebracht zu erwähnen. Gern würde ich über dieses durchaus soziologische Thema der österreichischen NAchkriegsgeneration mal mit dir verpodcasten. Alles Gute für Österreich, freue mich auf deine Rückkehr.

    • Danke Dir und ja, lass uns gerne einen Podcast dazu fabrizieren. Habe ohnehin vor, besonders eine Figur meiner Familiengeschichte näher zu erforschen: meinen Urgroßvater Julius Kronich, der mit seinem Geschlechtsteil an der Entstehung der Freudschen Psychoanalyse beteiligt war. Wenn ich für Dich dereinst die Leichenrede halte, werde ich Dein Leben im Bild des Podcastproduzierens Revue passieren lassen und durchsetzen, dass Dein Sarg zur Donaldistenhymne hinausgeleitet wird.

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