Universität Osnabrück

Sommersemester 2017

Lehrauftrag an der Universität Osnabrück, Fachgebiet Politische Theorie

Heroismus und Superheldentum

Batman, Superman, Wonder Woman, Captain America, Black Widow und die übrigen Avengers, die X-Men (und –Women), Deadpool, um nur solche Comic-Hero*inen zu nennen, die 2016 zu Kinoehren gelangt sind: Gegenwärtig erleben wir einen einzigartigen Boom an teuren, oft qualitätvollen und oft ausgesprochen erfolgreichen Superheldenfilmen. Zugleich kehrt in die Politik weltweit eine Rhetorik des Heroismus und der nationalen Größe ein. „Ehre“, im Deutschen fast vergessen, findet zurück in die Alltagssprache. Ehrenmale (etwa der Bundeswehr in Berlin, eingeweiht 2009), Memoriale (etwa das Londoner RAF Bomber Command Memorial, 2012) und Orden (etwa Ehrenkreuz der Bundeswehr, gestiftet 2008) haben Konjunktur. Mit der Performanz als „starker Mann“ und „Einzelkämpfer“ lassen sich Wahlen gewinnen. Glaubenskrieger und Selbstmordattentäter gehen scharenweise begeistert in den, wie sie meinen, Märtyrertod. Es scheint, als wuchs eine Generation heran, für die wieder gilt, was Ödön von Horváth an der Jugend am Vorabend des Zweiten Weltkrieges beobachtete: „Alles Denken ist ihnen verhasst. Sie pfeifen auf den Menschen!… Wie gern würden sie krepieren auf irgendeinem Feld! Der Name auf einem Kriegerdenkmal ist der Traum ihrer Pubertät.“ Wissenschaft beginnt also zu Recht, sich vermehrt mit diesem Phänomen zu befassen – wie etwa im Freiburger Sonderforschungsbereich „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ (SFB 948). Wie ist dieser aktuelle Heldenhype genau zu beschreiben, wie zu erklären? Was sagt er über unsere gegenwärtige politische Befindlichkeit aus? Wie ist er zu bewerten?
Das Heroische ist von Anfang an mit dem Politischen aufs Engste verbunden. So erscheint bereits auf der Narmer-Palette um 3000 v. Chr. der übergroße ägyptische Pharao in der Pose des „Erschlagens der Feinde“ und das wohl bis ins dritte Jahrtausend zurückgehende Gilgamesch-Epos kündet von den Abenteuern eines Stadtkönigs. Epen wie Ilias und Odyssee fixierten auch in Europa Jahrhunderte lang die Vorstellung vom Heldenpolitiker. Als Vorbild standen zudem die staatstragenden Götter höchstselbst bereit mit ihren zahllosen Einzelkämpfen und Schlachten gegen Monster. Gewalttaten und herausragende militärische Erfolge legitimieren seit je Herrschaft. In der Ikonografie der Heroen werden bis heute Führungsansprüche angemeldet und im öffentlichen Raum durch Triumphbögen, Siegessäulen, Statuen, sowie durch Denkmäler, Aufmarscharchitektur und Prachtbauten aller Art fixiert. Feiertags- und Festkultur erweitern die politische Heldeninszenierung um die Dimension des Performativen. Bei alldem handelt es sich zugleich um Versuche, politische Identitäten zu stiften und zu stabilisieren, die spätestens seit der Französischen Revolution den Charakter von nationalen Identitäten annehmen und sich im 19. Jahrhundert zunehmend an (re)konstruierten Nationalheld*innen kristallisieren (Jeanne d’Arc, Hermann, Siegfried, Königin Luise, Wilhelm I., Bismarck). Erinnerungs- und Bestattungskultur finden sich mehr und mehr nationalistisch aufgeladen (Völkerschlachtdenkmal). In jeweils besonderer Spannung zwischen heroischem Individuum und Kollektiv verstieg sich der Heldenkult im Dritten Reich und unter Stalin gänzlich ins Pompös-Groteske, während in den USA die Ära der Superhelden anbrach. Vor allem die heutige Popularität eines Captain America, Propagandaträger im zweiten Weltkrieg, gibt zu denken. Überhaupt suchen auch die Demokratien seit dem fünften vorchristlichen Jahrhundert (Tyrannentötergruppe, Gestaltung von Akropolis und Agora in Athen) nach eigenen, unvergifteten Ausdrucks- und Verehrungsformen, wie sie in jüngerer Zeit Gestalt angenommen haben etwa im ursprünglichen Washingtoner Vietnam Veterans Memorial (1982). All diesen Versuchen, Held*innen und mit ihnen der eigenen politischen Überzeugung Monumente zu errichten, stehen seit der griechischen Antike reichlich Kritik und Spott entgegen, die aber oft auch wieder ihre eigenen Hero*inen hervorgebracht haben: jene der Philosophie (Sokrates), Askese, der Erkenntnis und der Wissenschaft, der Religion, des künstlerischen Genies, des Gewaltverzichtes, des unkorrumpierbaren Intellekts und der kritischen Haltung (Voltaire), der Karikatur und Satire. Sogar unfreiwillige Opfer (etwa der Shoah, der 9/11-Anschläge) werden als Held*innen neu gedeutet und verehrt.
Ebenso disparat wie der geschichts-, kunst-, literatur- und medienwissenschaftliche Befund stellt sich die theoretische Reflexion des Heroischen dar. Was ist ein*e Held*in überhaupt? Steht sie*er für Einzigartigkeit und Selbstbestimmung oder nur für die Effektivität und vielleicht noch Kreativität bei der Vollstreckung eines fremden Willens? Erweist sich die „Kraft des Aufsichselbstbestehens“ (Karl Jaspers) gegen Gruppenzwang, Manipulation, Opportunismus und ideologische Vereinnahmung als charakteristisch für das Heroische oder ganz im Gegenteil das Aufgehen des Ich in der „Gewißheit des Klassenbewußtseins“ (Ernst Bloch) oder in dem Glauben an etwas anderes Überpersönliches wie dem Fortschritt, der Nation (Fichte), dem Mitmenschen, der Menschheit? Besteht das Heroische in vorbildlicher Erfüllung bürgerlicher Pflichten (Kant), besteht es darin, als Projektionsfläche kollektiver Wunschvorstellungen zu dienen (Ralph Waldo Emerson), in der nicht disziplinierbaren Lebensintensität des „Übermenschen“ (Nietzsche) oder im Charismatischen (Max Weber)? Kommen wir in der heutigen Politik nicht ohne Held*innen besser aus, sind sie vielleicht sogar in Zeiten dicht verwalteter Staatswesen überholt (Hegel)? Sollten wir nicht sowieso lieber die Perspektive menschlicher Fragilität einnehmen (Martha Nussbaum)? Lenken wir durch Heroismus nur von unserer Angreifbarkeit ab, um die Gegenseite als nicht beklagenswert zu „framen“ (Judith Butler)? Womöglich gibt es das traditionelle Heldentum gar nicht mehr und Walter Benjamin hat Recht mit dem Befund: „der moderne Heros ist nicht Held – er ist Heldendarsteller“. Waren Hero*inen vielleicht immer schon lediglich politisch interessierte Fiktionen? Welche politische Funktion, welchen politischen Sinn könnten solche Konstrukte heute haben? Und warum, um zu der anfänglichen Frage zurückzukehren, werden sie in unserer Gegenwart wieder verstärkt nachgefragt?
Das Seminar begibt sich auf Antwortsuche, indem es Politische Theorie im Horizont ihrer jeweiligen Zeit auf Ausdrucksformen des Heroischen anwendet und daran zugleich prüft.

 

Wintersemester 2016/17

Lehrauftrag an der Universität Osnabrück, Fachgebiet Politische Theorie

Seminar: Glück, Gelingen und Macht

Podcastfolge am SoWi-Stammtisch zur Vorbereitung

Wie die gängigen Glücksversprechen ist auch der Ausdruck „Glück“ schillernd: So kann er einen günstigen Zufall (engl. luck, franz. chance, ital. fortuna), ein kurzlebiges Hochgefühl und die Lebenszufriedenheit (happiness, bonheure, felicità), den Zustand jenseitiger Erfüllung (bliss, béatitude, beatitudine) sowie, im weitesten Sinne, das Gelingen des Lebens (altgriech.: eudaimonia) bezeichnen. Spätestens seit der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika dient „happiness“ als menschen- und staatsrechtlicher Leitbegriff, der in heutigen internationalen Debatten, etwa im Vorfeld der Agenda 2030, insbesondere gegen eine ökonomische Verengung politischer Zielvorstellungen aufgeboten wird. Auch auf nationaler Ebene rücken Begriffe wie „Bruttonationalglück“ (Bhutan), „Wohlstand“, „Lebensqualität“ und „nachhaltige Entwicklung“ immer weiter ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung, angeregt und begleitet von theoretischen Bemühungen etwa eines Amartya Sen und einer Martha C. Nussbaum. Allerdings erweisen sich Glück und Gelingen als sperrig gegenüber empirischem Messen und statistischem Erfassen. Selbst von einer anerkannten begrifflichen Klärung sind wir weit entfernt. Kant etwa legt die widersprüchliche Struktur von Glück und Glücksstreben bloß und hinterfragt radikal die Orientierungsleistung solcher Konzepte für unser Handeln. Womöglich also beföhle der Glücksimperativ Mensch und staatlicher Gewalt Unmögliches und liefe auf ‚den größten denkbaren Despotismus’ hinaus. „Der Mensch strebt nicht nach Glück,“ stellt Friedrich Nietzsche gar fest; Glücksstreben lasse den Menschen verkümmern. Womöglich scheitert unser individuelles und gemeinschaftliches Leben zudem vor allem aufgrund des Drucks, glücklich sein zu müssen, so dass wir uns von diesem Ziel gerade lösen sollten. Als tragfähiger stellt sich vielleicht der Begriff eines inhaltlich und empirisch gerade nicht von vornherein fixierten „Gelingens“ heraus. Unter dem Titel „eudaimonia“ steht er im Zentrum antiken Philosophierens und antiker Politischer Theorie. Eine Rückbesinnung insbesondere auf Platon und Aristoteles scheint vielversprechend. Gelingen ist beständig gefährdet durch Kontingenz, also durch Gelingensrelevantes, das sich menschlicher und insbesondere politischer Gestaltung entzieht. Wie Machiavelli herausarbeitet, bietet solche „fortuna“ der*dem Machthaber*in zugleich die Gelegenheit, sich zu bewähren sowie ihre*seine Position zu legitimieren und auszubauen. Also auch Kontingenz erweist sich für Politik als ambivalent.

Solche Probleme wollen wir in dem Seminar im Horizont unterschiedlicher Theorien und der Zeit, worin sie formuliert wurden, diskutieren. Darüber hinaus wollen wir uns befassen mit der so reichen literarischen, bildkünstlerischen, propagandistischen und allgemein medialen Repräsentation von Glück und Gelingen im historischen Wandel. Besonders berücksichtigt werden soll deren Wechselwirkung mit Theorie und politischer Praxis.

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Gliederung der Veranstaltung
Ausgewählte Literatur
Die Podcastfolge auf Youtube

 

Sommersemester 2016

Lehrauftrag an der Universität Osnabrück, Fachgebiet Politische Theorie

Seminar: Künstliche Intelligenz und Macht

Informatik, Neurowissenschaften und Robotik entwickeln sich rasant. Weitere Entwicklungsschübe in Richtung Künstliche Intelligenz (KI, engl. AI) sind von aktuellen öffentlichen und privaten Großprojekten zu erwarten. Kino und TV bieten eine Fülle an Fiktion zu diesem Thema: „Real Humans – Echte Menschen“ (2012-2014), „Her“ (2013), „Transcendence“ (2014) und allein im Jahre 2015: „Ex Machina“, „Avengers: Age of Ultron“, „Terminator: Genisys“, um nur jüngste und aufwendigere Produktionen zu nennen. Zwar ist noch nicht abzusehen, ob überhaupt jemals und gegebenenfalls wann wir es mit einer KI im strengen Sinne (mittlerweile gibt es zahlreiche inflationäre Verwendungsweisen dieses Ausdrucks) zu tun bekommen. Nicht einmal über die Kriterien für das Vorliegen einer KI ist man sich einig, geschweige denn über die Definition von „Intelligenz“. Doch bereits jetzt steht fest, dass uns eine KI, die diesen Namen verdient, mit größten politischen Problemen konfrontieren würde. Welchen rechtlichen Status hätte sie? Ist auch sie Trägerin von Grundrechten? Dürften es sich politische und/oder technologische Instanzen vorbehalten, die Selbstentfaltung einer KI zu kontrollieren, einzuschränken, abzubrechen und die KI sogar auszuschalten? Denn sie könnte sich auf eine Weise entwickeln und verhalten, die keine menschliche Einrichtung je beabsichtigt oder auch nur geahnt hätte, und sich darüber hinaus überlegene Gewaltmittel verschaffen. So ist nicht auszuschließen, dass sich eine freundlich konzipierte KI (FAI), sobald sie sich zur Superintelligenz vervollkommnet, schließlich gegen die Menschheit richtet: uns entmachtet, die totale Kontrolle übernimmt oder uns gar vollständig auslöscht (Nick Bostrom). KI gilt mittlerweile einigen daher als eine der größten künftigen Gefahren nicht nur für das Soziale und Politische, sondern für den Fortbestand der Menschheit. Daran knüpft sich die Frage, womit die Menschheit das Fortbestehen überhaupt verdient habe und ob man der begrenzten menschlichen Intelligenz zutrauen könne, die immer komplexeren und dringlicheren (weitgehend selbstgeschaffenen) Probleme zu lösen. Ist es vielleicht nicht geradezu geboten, dass sich der Mensch durch den Bau von etwas Intelligenterem schließlich selbst ersetzt (Transzendierender Transhumanismus)? Welches wie gut oder schlecht begründete Menschenbild steht hinter einer solchen Vermutung, welches (problematische) Politik- und Geschichtsbild (Francis Fukuyama)? Welche Vorstellungen von den politischen Gestaltungskräften des Menschen, von Charakter und Zielen des Politischen spiegeln sich in der gesamten KI-Debatte? Erschöpft sich Politik etwa in einer wissenschaftsbasierten Sozialtechnik? Handelt es sich allgemein bei menschlichen Konflikten letztlich um Rechenprobleme (Leibniz), die eine KI grundsätzlich besser lösen könnte? Oder hat politisches Entscheiden eine andere Struktur (Aristoteles, Hannah Arendt u. v. a.), eine Struktur, woran KI grundsätzlich scheitern muss (Joseph Weizenbaum)? Neben diesen ganz großen theoretischen Fragen gibt es genügend konkrete und aktuelle Beunruhigungen, die es zu diskutieren gilt: etwa die Möglichkeiten, die sich ergeben aus einer Vernetzung zwischen weltweiter Überwachung, selbständiger intelligenter Datenverarbeitung und vollautomatisch agierenden militärischen Robotern, z. B. Kampfdrohnen. Einen weiteren Schwerpunkt des Seminars soll die Analyse der medialen Reflexion zum Thema „Künstliche Intelligenz und Macht“ in ihrem jeweiligen historischen Horizont bilden: Literatur und Kino erweisen sich als besonders ergiebige Quellen. Zu nennen sind neben den eingangs gebrachten Beispielen vor allem Werke von Karel Čapek, Isaac Asimov, Stanisław Lem und William Gibson sowie die Filmklassiker „Lemmy Caution gegen Alpha 60“ (1965), „2001: Odyssee im Weltraum“ (1968), „Colossus“ (1970), „Terminator“ (1984) mit den Fortsetzungen bis heute sowie die Matrix-Trilogie (1999-2003).

Wintersemester 2015/16

Lehrauftrag an der Universität Osnabrück, Fachgebiet Politische Theorie

Seminar: Komik und Macht

Macht präsentiert sich gern seriös, wissend, voll Zuversicht, engagiert und im Vertrauen auf die eigene Gestaltungskraft. Sie nimmt Selbstverständnisse, Ängste und Nöte ernst und warnt besorgt vor drohenden Gefahren. Unterlaufen wird diese Performance seit Entstehung des Politischen durch Komik und verwandte Handlungsformen wie Ironie, Humor, Satire, Parodie, Persiflage, Karikatur, Spaß, Blödelei, das Groteske, Karnevaleske, Komödie, Kabarett, Comedy etc. Im dabei ausbrechenden Lachen findet nicht selten das Bewusstsein Ausdruck, dass Anspruch und Realität gerade in der Politik nur allzu oft auseinanderklaffen: was Politik als groß, heroisch, vernünftig und aufgerichtet inszenierte, zeigt sich als klein, läppisch, widersprüchlich, stürzend und kullernd. Heute sehen sich Karikaturisten vor allem theokratistischem Terror ausgesetzt. Bilden Komik und Verwandtes daher an sich Formen der politischen Kritik und der Verweigerung, sich mit der Macht ins Einvernehmen zu setzen? Oder dienen sie im Gegenteil den herrschenden Verhältnissen, indem sie Missstände letztlich verharmlosen und der Macht ein „Instrument des Betrugs am Glück“ (Adorno/Horkheimer) zur Verfügung stellen? Sind vor allem Formen des Spottes nicht Mittel der vertikalen Differenzierung und Exklusion? Befreit das Lachen oder herrscht in unserer Comedy-Kultur geradezu ein Lachzwang, der jede politische Auseinandersetzung verhindert? Worin bestehen Komik und all die verwandten Ausdrucksformen überhaupt und haben sie eine ursprüngliche Beziehung zur Macht? Welche politischen Funktionen können sie im einzelnen tatsächlich erfüllen, welche politischen Verhältnisse erzeugen welche Arten des Komischen? Warum etwa entsteht um die Mitte des 19. Jahrhunderts so etwas wie Nonsensdichtung und erweisen sich Nonsensformate bis heute als ausgesprochen erfolgreich? Was sagt dies aus über die Sinnerwartung seit dieser Zeit? Im Seminar wollen wir eine Auswahl der Theorien des Komischen an zahlreichen Text-, Bild- und Filmbeispielen überprüfen: Sokrates/Platon, Aristoteles, Kyniker, mittelalterliche Theologen von Basileios bis Thomas von Aquin, Hobbes, Descartes, Voltaire, Hegel, Schelling, Karl Rosenkranz, Kierkegaard, Nietzsche, Henri Bergson, Hugo von Hofmannsthal, Helmuth Plessner, Michail Bachtin, Joachim Ritter, Vertreter der Frankfurter Schule, Wolfgang Iser, Richard Rorty und gegenwärtige Autor_innen haben die Konfrontation zu bestehen mit Homer, Aristophanes, der „Trunkenen Alten“, mittelalterlichen Drolerien und Fatrasien, neuzeitlichen Grotesken, mit William Hogarth, James Gillray, Honoré Daumier und der politischen Karikatur bis heute, mit Wieland, Lichtenberg, Nestroy, Friedrich Theodor Vischer, Edward Lear, Fritz von Herzmanovsky-Orlando, der Wiener Gruppe und sonstiger experimenteller Kunst, mit Slapstick, Monty Python, gegenwärtigen Comedy-Formaten und dem heutigen Weird Cinema sowie einzelnen bemerkenswerten Produktionen wie „Das Leben ist schön“ von Roberto Benigni.
Gliederung der Veranstaltung

Sommersemester 2015

Lehrauftrag an der Universität Osnabrück, Fachgebiet Politische Theorie

Seminar: Liebe, Sex, Macht. Eine innige Verbindung?

Politik, zumal demokratische, bringt sich gern als allgemeingültig, transparent, gelassen, beherrscht, berechenbar, vernünftig und zielorientiert zur Aufführung. Geradezu als Gegenpole inszenieren sich Liebe und Sexualität: idiosynkratisch, verschleiert, innig, passioniert, unkontrollierbar, unvorhersehbar, zweckfrei. Allerdings besteht der Verdacht, dass Eros und Sexus die Politik im Verborgenen viel stärker bestimmen, als sich moderne Politik eingesteht. Zugleich geraten Intimität und emotionale Ausnahmezustände immer mehr als Konstrukt der Macht, wenn nicht gar als Machtformen in den Blick der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, besonders auch der Politischen Theorie. Die klare Abgrenzbarkeit des Politischen vom Erotischen ist fraglich geworden. Dem entspricht die gegenwärtige Erotisierungstendenz: Wahlkämpfer_innen werben für sich in schütterer Kleidung und verlockenden Posen, Aktivist_innen treten bunt, entblößt, queer ein für sexuelle Selbstbestimmung sowie Gleichstellung aller sexuellen Orientierungen. Auf der Gegenseite befeuern religiöse Strömungen und neupuritanische Forderungen nach Political Correctness den allgegenwärtigen sexuellen Diskurs, indem sie gegen ihn wettern. Unübersichtlicher und widersprüchlicher könnte sich die Beziehung zwischen Macht und Erotik gar nicht gestalten als in unserer heutigen Zeit – die beste Zeit, sich mit hierfür einschlägigen historischen Erfahrungen und dem Theoriebestand zu befassen: mit der altgriechischen Mythologie und Historiografie, mit der Bedeutung der Anmut für die Realität antiker Politik (Christian Meier), mit Platon, Augustinus, Mystiker_innen wie Katharina von Siena, mit Christine de Pizan, mit der verdächtigen Liebeswütigkeit der Renaissancehumanisten und –künstler_innen, mit Galanterie und Affektkontrolle des Barock und Rokoko, mit der von Rousseau getragenen Gegenbewegung unter dem Schlagwort „Natur“, mit Hegel, Georg Simmel, Max Weber, Freud, Marcuse, Lacan, Foucault, Luhmann, Judith Butler, Slavoj Žižek und Martha Nussbaum (namentlich mit ihrer aktuellen Monografie: Political Emotions. Why Love Matters for Justice). Für eine politikwissenschaftliche Erkundung als besonders ergiebig könnten sich Werke erweisen, die bereits von ihren Zeitgenoss_innen als grenzwertig bis inakzeptabel empfunden (aber gleichwohl gerne rezipiert) wurden: wie Werke von Marquis de Sade, Luis Buñuel, Pier Paolo Pasolini, Russ Meyer und heute etwa Lars von Trier (mit Antichrist und Nymphomaniac).
Gliederung der ersten Blockveranstaltung
Gliederung der zweiten Blockveranstaltung

Wintersemester 2014/2015

Lehrauftrag an der Universität Osnabrück, Fachgebiet Politische Theorie

Seminar: Monster und Macht in Film und Fernsehen

Gemeinschaftliche Abgrenzungsbedürfnisse, Erwartungen, Ängste und Traumata werden in öffentlichen Bildmedien seit je durch Inszenierungen des Monströsen veräußerlicht. Frühere Zeiten visualisierten das Grauen gerne an und in (oft durch den politischen Verband errichteten) Sakralbauten. Heute, unter säkularen Bedingungen, dienen vor allem Kinoleinwand und Mattscheibe als nährende Biotope für publikumswirksame Schrecklichkeiten aller Art. Man denke etwa an Dracula bzw. Nosferatu, Golem, Godzilla, King Kong, Frankensteins Geschöpf, Drachen, Werwölfe, Aliens, Terminatoren, die Replikanten in „Blade Runner“, die Zombies und all das Personal der groß angelegten Versuche dunkler Gewalten, menschliche Zivilisation wie in „Der Herr der Ringe“-Trilogie ganz auszulöschen. Traditionelle Figuren und Sujets werden weiterentwickelt, bisweilen, wie in den Serien „Buffy“, „Supernatural“ und „True Blood“, ironisch gebrochen, auch ganz neue Bestien quellen laufend aus den Studios hervor. Selten genug, beispielsweise in „THX 1138“ und „Brazil“, erscheint das gesichtslose System selbst als Scheusal. Insbesondere die Erfahrung politischen Wandels und Zusammenbruchs sowie der Fragilität und Bedrohlichkeit herrschender Ordnung finden sich im Horror- und vor allem Monstergenre reflektiert. Daher ist gerade die Politikwissenschaft zur Interpretation solcher Produktionen aufgerufen. Was sagen sie über die politischen Befindlichkeiten und Vorstellungen ihrer Entstehungszeit? Als was begreifen sie Staat und staatliche Institutionen? Welche politischen Theorien spiegeln sich darin? Welche wie tragfähigen Problemlösungen werden angeboten? Werden Bildersprache und Wahrnehmungsweise durch politische Strukturen geformt? Wie wirken Monsterdarstellungen ihrerseits auf die Politik zurück?
Gliederung der Veranstaltung

Sommersemester 2014

Lehrauftrag an der Universität Osnabrück, Fachgebiet Politische Theorie

Seminar: Neue Fernsehserien und politische Macht

Gegenwart und Zukunft der Unterhaltungsindustrie gehören TV-Serien, die sich von älteren Produktionen radikal unterscheiden durch ihre hohe ästhetische und dramaturgische Qualität sowie durch Realitätsbezug und Brisanz. Auffällig ist auch das besondere Interesse an politischen Zusammenhängen, die unüberhöht, ohne Moralistik und in deutlich analytischer Absicht zur Darstellung gelangen wie beispielsweise in „Rome“, „Game of Thrones“, „The Walking Dead“, „The Wire“ und „House of Cards“. „The Sopranos“, „Dexter“, „Hannibal“ und vor allem „Breaking Bad“ erkunden an ihren schwerstkriminellen Helden Grenzen sozialer und politischer Ordnung sowie Strategien der Konstruktion von Normalität und Abweichung. Das Seminar verortet die in den Serien selbst geleistete Reflexion des Politischen in der Politischen Theorie, behandelt aber auch die unbeabsichtigten Spiegelungen grundlegender politischer Vorstellungen und den Beitrag der Serien – wie etwa der Folterdarstellungen in „24“ – zur politischen Willensbildung. Auch die neuen Release- und Rezeptionsweisen (Streaming, Binge Watching) geben zu denken.

Wintersemester 2013/2014

Lehraufträge an der Universität Osnabrück, Fachgebiet Politische Theorie

Vorlesung: Macht und Herrschaft

(Vertretung Prof. Dr. Matthias Bohlender)

In dieser einführenden Vorlesung geht es darum, sich anhand ausgewählter Denker der politischen Theorie und Ideengeschichte einen Überblick über die Grundfragen und Grundprobleme der Ausübung von Macht und Herrschaft zu verschaffen. Zu den zentralen Zielen der Veranstaltung gehört die Kenntnis der wichtigsten Konzepte, Begriffe und Theorien von Macht und Herrschaft sowie deren Differenzen.Exif_JPEG_PICTURE
Gliederung der Vorlesung
Literaturhinweise zur Vorlesung
1 Einführung. Macht, Herrschaft, Politische Theorie
2 Platon. Polis der Bedürfnisbefriedigung
3 Aristoteles. Gemeinschaft zur menschlichen Entfaltung
4 Niccolò Machiavelli. Technik der Macht (nur Zusammenfassung und Kritik)
5 Thomas Hobbes. Vertragsstaat der Sicherheit (nur Zusammenfassung und Kritik)
6 John Locke. Rechtsstaat des Eigentums (nur Zusammenfassung und Kritik)
7 Jean-Jacques Rousseau. Gesellschaftsvertrag des Gemeinwillens (nur Zusammenfassung und Kritik)
8 Immanuel Kant. Republik aus Freiheit (nur Zusammenfassung und Kritik)
9 Karl Marx. Herrschaft des Kapitals
10 Hannah Arendt. Ethik der Macht (nur Zusammenfassung und Kritik)

Seminar: Politische Kartografie (Politische Theorie II: Vertiefung)

Landkarten sind in unserer Kultur allgegenwärtig. Sie bestimmen, meist ohne dass wir uns dessen bewusst sind, unsere politischen Hintergrundannahmen, Kenntnisse, Erwartungen, Hoffnungen und Entscheidungen. Eine Frage des Seminars ist es daher, welche visuelle Strategien der Kartographie hierfür zur Verfügung stehen und wie sie im Lauf der Geschichte genutzt und ausgeformt werden. Als machtgeleitete Zubereitung des Raumes und damit des raumgebundenen menschlichen Körpers prägen sie zudem unsere Performanz sowie unsere umfassenden Welt- und Selbstentwürfe bis in deren feinste Verästelungen. Wie genau dient kartographisches Denken dabei der Kolonisation und Konstituierung des Selbst? Welche Zustände und Prozesse finden ihren Ausdruck in Kartierungen des Körpers (etwa in anatomischen Schaubildern), von Gefühlen (z. B. in der „Karte des Reichs der Zärtlichkeit“ aus dem 17. Jh.) und des Geistes (in „Phrenologie“ und Rassismus des 19. und 20. Jhs.)? Aber auch radikale Kritik an Gesellschaft und Politik bedient sich seit dem Mittelalter der Landkarten, besonders eindrucksvoll etwa in dem Kupferstich „Die Welt unter der Narrenkappe“ aus dem 16. Jh. oder der Surrealistischen Weltkarte von 1929.
Gliederung Block 1
Gliederung Block 2
Literatur

Impressum

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