Guardians of the Galaxy Vol. 2

Diese Besprechung von Dr. Alexander Wiehart wurde am 13. September 2017 online gestellt.

Bitte Folgendes beachten: Ziel meiner Besprechungen ist es nicht, Empfehlungen abzugeben. In erster Linie setze ich mich essayistisch mit Filmen und Serien auseinander und behandle an ihnen allgemeine philosophische, sozial- und geisteswissenschaftliche Fragen. Dabei muss ich das „Ende“, Pointen, Wendungen und Clous oft in die Überlegungen einbeziehen. Wer sich daher Spannung und Suspense nicht verderben lassen will, lese meine Kritiken immer erst nach Sehen des Films beziehungsweise der Serie! Die Spoilerwarnung ist hiermit ausgesprochen.

Guardians of the Galaxy Vol. 2: USA 2017, R: James Gunn, D: Chris Pratt, Zoe Saldana, Dave Bautista, Kurt Russell, Michael Rooker, Karen Gillan, Pom Klementieff, Elizabeth Debicki, Sean Gunn, Chris Sullivan, Laura Haddock, Sylvester Stallone, mit Cameo-Auftritten von Stan Lee, Jeff Goldblum, David Hasselhoff, im Original mit den Stimmen von Bradley Cooper und Vin Diesel.

Besprechungsgrundlage sind Kinoaufführungen. 

Guardians of the Galaxy Vol. 2 bildet das non plus ultra des Realfilmcomics. Quietschbunt wird alles ins Bombastische überdreht. Die gesamte Besetzung spielt dabei großartig lustvoll mit. So ist der Hauptbösewicht Ego (Kurt Russell) nichts Geringeres als ein Gott, wenn auch mit kleinem „g“, der nichts Geringeres plant, als die gesamte Galaxis in ihn selbst zu verwandeln. Sein Palast auf selbsterschaffenem Planeten verbindet Bollywood-Prächtigkeit in Fraktale-Ästhetik mit der sakralen Monumentalität einer gigantischen Kathedrale. Die Autobiographie präsentiert er wie eine Heiligenvita in einer Reihe von ellipsoiden Kapellen, ausgestattet mit bewegten Hochglanz-Pop-Art-Skulpturen, die ihn in den unterschiedlichen Phasen seiner Entwicklung verherrlichen – ihn, den Selfmademan par excellence: ein einsames Riesengehirn, das in seiner Inselexistenz einen ganzen Planeten aus sich selbst hervorbringt. Damit ist Ego die maximal aufgeblasene Persiflage des männlichen Einzelkämpfers auf kosmischer Mission, eines Weltraum-Citizen-Kane (USA 1941, R. Orson Welles), der von seinem Xanadu aus antritt, die Galaxie auf eine urige Weise zu besitzen. Denn Ego plant deren Einverleibung, indem er alles all überall mit hervorquellendem spermienähnlichem Gallert wie ein wuchernder Tumor überzieht. Ein drastischeres Bild kolonialistischer Männlichkeit lässt sich wohl nicht finden: Ego, der verkehrte Gott, der nicht selbst die Welt schöpft, sondern das Existierende im Nachhinein durch Überschmieren usurpiert. Dieses Unterfangen ist intellektuell so läppisch, so berückend sinnlos, dass es der Text eines kurzzeitigen Siebzigerjahre-Hits wie Brandy (You’re a Fine Girl) von Looking Glass vollständig zum Ausdruck bringt.

Ebenso sucht die Schnöseligkeit der Sovereigns ihresgleichen, einer technologisch überlegenen, sich selbst genetisch optimierenden Rasse mit goldener Haut, Modelappeal und grotesken Selbstbeweihräucherungspraktiken, die sich die Hände nicht selbst schmutzig machen. Aber auch das Weltraumbegräbnis des Underdogs, des verstoßenen Yondu Udonta (Michael Rooker), am Ende des Films mit Hunderten von Ravager-Raumschiffen sprengt alle Erwartungen, die man an ein Leichenbegängnis – und an ein Feuerwerk – nur haben kann. Die herrliche Geschmacklosigkeit beginnt bereits bei der Aufbahrung, als die Leiche zwischen allem möglichen und unmöglichen Billigkram aus der Spielzeugkiste wie etwa kleinen Monsterplastikpuppen drapiert wird. Hier schafft es James Gunn besonders eindrucksvoll, in der Kitschorgie echte Rührung, humane Wärme und Tiefsinn zu transportieren angesichts eines immer uneindeutigen und vertrackten konkreten menschlichen Lebens. Das erinnert an Hegels Forderung, konkret auch zu denken und sich stets die gesamte Geschichte zu vergegenwärtigen beim Urteilen über einen anderen Menschen:

Ein Menschenkenner sucht den Gang auf, den die Bildung des Verbrechers genommen, findet in seiner Geschichte schlechte Erziehung, schlechte Familienverhältnisse des Vaters und der Mutter, irgendeine ungeheure Härte bei einem leichteren Vergehen dieses Menschen, die ihn gegen die bürgerliche Ordnung erbitterte, eine erste Rückwirkung dagegen, die ihn daraus vertrieb und es ihm jetzt nur durch Verbrechen sich noch zu erhalten möglich machte (Wer denkt abstrakt? in: Werke 2: Jenaer Schriften 1801-1807, FaM 1986, S. 578. Online zugänglich etwa bei Zeno.org).

Guardians of the Galaxy Vol. 2 lehrt uns, nicht sofort auf die vermeintlich Bösen moralisch einzudreschen, sondern die Geduld aufzubringen, das Woher und Warum kennen zu lernen.

Unbändig gestaltet sich nicht zuletzt das permanente selbstverliebte Herumpsychologisieren und die Wortscharmützel zwischen den Held*innen. Jedem wird alles sofort aufs Brot geschmiert und unbegrenzt nachgetragen. Ohne Unterlass springen die gehässigen Kommentare hin und her wie Flipperkugeln. Der dabei entfaltete Humor ist brachial, zündet aber durchgängig. So lamentiert der selbsternannte Star-Lord, Peter Quill (Chris Pratt), gerne über seine vaterlose Kindheit und Jugend. Seine unglückliche Liebe zu Gamora (Zoe Saldana) ist ein offenes Geheimnis, über das sich wieder einmal der auf alle, insbesondere auch verbale naive Grobheiten abonnierte Drax (Dave Bautista) mit donnerndem Lachen Lustig macht. Peters Männlichkeitsprobleme reifen bis hin zu der Phantasie, das Raumschiff mit seinem angeblich so mächtigen Penis ideal zu steuern. Ebenso wenig bleibt das dem Klischee nach weibliche Nähkörbchen verschlossen: Die üblichen Schwesternkonflikte, wer warum der Liebling des Vaters war, trägt Nebula (Karen Gillan) mittels eines aus allen Rohren feuernden Raumschiffes aus, mit dem sie Gamora verfolgt und, blind vor Hass, beide in eine Felshöhle rammt. Trotz ihrer Plakativität entfaltet sich die Küchenpsychologie auch um Rocket und Yondu Udonta durchaus mitreißend: Beide ohne Liebe aufgewachsen, überwinden schließlich ihren Zynismus und bekennen sich zu ihren sozialen Bindungen. Menschen, denen von Kindesbeinen an vermittelt wurde, dass moralisches Gutsein und eine mitfühlende Haltung nichts als Schwäche seien, dass nur die Unsolidarischen und konsequent auf ihren unmittelbaren Vorteil Bedachten es zu etwas brächten im Leben, fällt es tatsächlich oft nicht leicht, Altruismus und Zuneigung zuzulassen und sich einzugestehen, jenseits egoistischer Interessenkalküle agieren und lieben zu wollen. Solche Einsichten überraschen angenehm in einem Spektakel wie Guardians of the Galaxy Vol. 2; wir kennen sie eher aus der „hohen“ Literatur, beispielsweise aus: A Moon for the Misbegotten (1947, Ein Mond für die Beladenen) von Eugene O’Neill.

Treffend wird der uneinheitliche Haufen von Außenseitern, die ein blindes Schicksal in Teil 1 (Guardians of the Galaxy: USA 2014, R: James Gunn) zu den Guardians zusammenwürfelte, klassifiziert im Dialog zwischen Nebula und Drax:

Nebula: All any of you do is yell at each other. You’re not friends.
Drax: You’re right… We’re family… (IMDb).
Nebula: Ihr schreit Euch alle immer nur gegenseitig an. Ihr seid keine Freunde.
Drax: Nein. Wir sind eine Familie… (dt. Übersetzung nach Gehör und Notiz)

Betont unfreundliche Umgangsformen untereinander und demonstrative Derbheit im gegenseitigen Ansagen gilt Drax offenbar als Merkmal authentischer Familiarität. In der Familie lässt man sich voreinander gehen, was Pierre Bourdieu als charakteristisch für die Unterschicht ausmacht:

Die gemeinsame Wurzel aller dieser Ungezwungenheiten und Formlosigkeiten, die man sich gestattet, gründet sicherlich im Gefühl, angesichts all der Not und all der Zwänge des tagtäglichen Daseins, denen man ohnehin auf Gedeih und Verderb ausgesetzt ist, sich nicht auch noch im häuslichen Leben, der einzigen Freiheitsinsel, selbstauferlegten Verhaltensnormen und -kontrollen zu beugen… (Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, FaM 1987, 315).

Überhaupt bieten die Guardians ein deftiges Bild des Unterschichtenhabitus, wie ihn Bourdieu beschreibt. Fern aller intellektuellen und sprachlichen Subtilität kann etwa Peter Quill lediglich Denkmuster und Vorstellungen der kommerziellen Popkultur seiner Kindheit reproduzieren. So reflektiert er seine Beziehung zu Gamora in Begriffen der TV-Serien-Dramaturgie und legt an seine gescheiterten Annäherungsversuche den Maßstab der Quotentauglichkeit an. Ausgerechnet den von Gamora unbeabsichtigt zu Zardu Hasselfrau verblödelten David Hasselhoff in dessen Rolle als Knight Rider (TV-Serie, 90 Episoden in 4 Staffeln, USA 1982–1986) fantasiert sich der kleine, alleine bei der krebskranken Mutter (Laura Haddock) aufwachsende Peter zu seiner Vaterfigur. Platteste Ohrwürmer zumeist der 70er hält für die Gipfelwerke menschlichen Musikschaffens.

Musik, deren einfache und repetitive Struktur nur eine passive, abwesende Teilnahme zulässt, Unterhaltungssendungen vom Fließband, von Ingenieuren der kulturellen Massenproduktion den Fernsehzuschauern vorgesetzt…: diese Produkte der Massenkultur unterlaufen jede Intention auf Selbstbestimmung, ja erzwingen versteckt, dass deren Unmöglichkeit anerkannt wird (Bourdieu, ebd. 602).

Der in allen Farben funkelnde, grotesk aufgebähte Kitsch, wie er sich nicht nur im Film findet, sondern den der Film als Ganzes darstellt, weist in dieselbe Richtung. Er ist Ziel der ästhetischen Sehnsüchte Peters, der als Sohn Egos davon träumt, eine hunderte Meter hohe Skulptur von Pac-Man, Skeletor und Heather Locklear zu schaffen – und anderen „weird shit“. Auch hier lässt sich ein Bourdieu-Zitat als Filmkommentar bruchlos anfügen:

… z. B. entspringt die Vorliebe für modischen Nippes und bunten Kitsch, die Wohnzimmer und Dielen füllen, der – Ökonomen und Ästheten meist verschlossen bleibenden – Absicht, mit dem geringsten Einsatz die größte Wirkung zu erzielen („das wird Eindruck machen“) – und eben das ist für den bürgerlichen Geschmack (der sich dadurch auszuzeichnen strebt, dass er einen maximalen Einsatz von Zeit, Geld und Geist mit den geringsten Mitteln zur Wirkung bringt) der Inbegriff des Trivialen (ebd. 595).

Mit Pac-Man, Skeletor und Heather Locklear sind übrigens die drei Kardinalmedien der Unterschicht in den 80ern angezeigt: Videospiele, Comics und TV-Serien.

Das polare Gegenteil zu dem Habitus der Guardians konnte man fast zeitgleich im Kino bewundern: Wonder Woman, die als Amazonenprinzessin und griechische Göttin in dem gleichnamigen Film von Patty Jenkins (USA 2017) unzählige Sprachen spricht, in jeder Hinsicht hoch gebildet, geschmackvoll, zuvorkommend, mitfühlend ist und, von hohen moralischen Prinzipien gleitet, aus eigener Entscheidung in den Kampf zieht. Dabei tut sie das, was Bourdieu (unzulässig pauschalisierend) für eine durch den Oberschichtenhabitus erzeugte machtverschleiernde Illusion hält, nämlich

„reine“ Beweise der Liebe, der Freundschaft, des Respekts, und nicht minder „reine“ Demonstrationen der Generösität und des moralischen Werts (ebd. 317)

zu geben. Wonder Woman resigniert nicht und beugt sich keinen vermeintlichen Notwendigkeiten. Sie wächst permanent über sich hinaus. Die Guardians sind dagegen immer die Getriebenen und Eingespannten, die gerade einen Job für andere erledigen müssen oder fragwürdige Ziele verfolgen. Wenn sie sich dann doch für die richtige Seite entscheiden, geschieht dies impulsiv – wie Peter Quill sich gegen seinen Vater Ego nicht aus moralischen Überlegungen stellt, sondern gepeitscht von der Empörung über den von Ego absichtlich herbeigeführten Tod der Mutter und dem zerstörten Walkman. Ein auf Verwertung des Galaxierettens abzielender Gedankengang, wie ihn Rocket schamlos äußert, wäre Wonder Woman völlig fremd:

Rocket: So, we’re saving the galaxy, again?
Peter Quill: I guess.
Rocket: Awesome! We’re really gonna be able to jack up our prices if we’re two-time galaxy savers (IMDb).
Rocket: Wir retten also schon wieder die Galaxis?
Peter: Ja.
Rocket: Der Hammer! Als zweifache Galaxie-Retter können wir unsere Preise schön hochschrauben (dt. Übersetzung nach Gehör und Notiz).

Die Guardians sind immer am Kämpfen, Reparieren und Verwerten. Ein anderes Leben kennen sie nicht und streben es auch nicht an:

Aus der Not heraus entsteht ein Not-Geschmack, der eine Art Anpassung an den Mangel einschließt und damit ein Sich-in-das-Notwendige-Fügen, ein Resignieren vorm Unausweichlichen… (Bourdieu, ebd. 585).

Die der Not enthobene Oberschicht hingegen verfüge, so Bourdieu, über die Ressourcen und Freiheiten, Abstraktionsvermögen, Wissenschaft, geistreichen Ausdruck und Kunstverstand zu kultivieren. Ihre Zugehörigen denken in Alternativen und Möglichkeiten, sie können es sich sogar leisten, mit dem eigenen Leben zu experimentieren. In Guardians of the Galaxy Vol. 2 hat die Bourgeoisie à la Bourdieu ihren grandiosen Auftritt als Sovereigns, die sogar die biologische Basis ihres Lebens als formbar betrachten und ihre Körper entsprechend kostbar gestalteten. Ihr Sozialverhalten ist extrem durch Etikette reguliert, auf die Spitze getrieben in dem bewegungsasketischen Auftritt der Hohen Priesterin Ayesha (Elizabeth Debicki) auf Contraxia: in langem, güldenem Kleid trippelt die schlanke, über zwei Meter große güldene Erscheinung vor sich hin auf güldenem Teppich, der vor ihr mit umständlich-archaischem Gerät quietschend und hakend entrollt wird. Dem entspricht präzise der von Bourdieu formulierte Kontrast zwischen ober- und unterschichtspezifischem Realitätsverhältnis:

… das ist Sein gegen Schein, die Natur („er ist ein Naturell“) und das Natürliche, Einfache und Schlichte („ohne Umstände“, „ungezwungen“) gegen das Gedruckse und Geziere, gegen das Förmliche und Manierierte, das allemal im Verdacht steht, bloßer Ersatz für Substanz zu sein, d. h. für Ernsthaftigkeit, Gefühl, für das ehrlich Empfundene und im Handeln sich Ausweisende; das ist unverblümtes Sprechen und Höflichkeit, die aus dem Herzen kommt, welche den wirklich „duften Kerl“ ausmachen; ein ganzer Mann, offen, gerade, ehrlich, aus einem Guss – gegenüber allem, was nur bloße Form ist, was nur pro forma gemacht wird („teilnahmslos“) und aus förmlicher Höflichkeit („zu höflich, um ehrlich zu sein“); das ist Ungebundenheit und die Ablehnung von Komplikationen, gegenüber dem spontan als Instrument der Distinktion und Macht wahrgenommenen Respekt der Formen. Diesen gänzlich konträren moralischen Überzeugungen und Weltsichten gegenüber gibt es keinen neutralen Standpunkt: wo die einen Ungeniertheit und Sich-gehen-lassen sehen, sehen die anderen das Fehlen von Manieriertheit und Anmaßung; ist Familiarität, Vertrautheit für die einen höchster Ausdruck von Anerkennung, Verzicht auf Distanz, vertrauensvolle Hingabe, eine Beziehung zwischen Gleichen – so für andere, die sich vor jeglicher Vertrautheit tunlichst hüten, das Ungebührliche allzu freien Benehmens.
Der Realismus der „einfachen Leute“, der die praktischen Handlungen auf den Wahrheitsgehalt ihrer Funktion zurückführt, der einen tun lässt, was man tut, sein lässt, was man ist („ich bin eben mal so“), und der praktische Materialismus, der den Ausdruck von Gefühlen hinter grobem Auftreten versteckt, bilden die nahezu vollkommene Antithese zu jener ästhetischen Verleugnung, die durch gleichsam essentielle Heuchelei (unverkennbar in der krassen Scheidung von Pornographie und Erotik) und die Privilegierung der Form das gleichwohl herrschende Interesse an der Funktion kaschiert und einen dazu bringt, mit seinem Handeln zugleich den Anschein von Nicht-Handeln zu erzeugen (ebd., 321f., ohne Bourdieus Hervorhebungen).

Heuchelnde Ästhetisierung des Sexuellen findet sich überdeutlich in dem albern erotischen Wortgeplänkel zwischen der Hohen Priesterin und Quill. Der zwischen beiden selbstverständlich nicht vollzogene Geschlechtsakt wird darin mehr oder weniger geistreich als Forschungsprojekt verhandelt: Oralverkehr, der nicht zur Sache kommt. Drohnen, die mithilfe von Spielkonsolen bequem vom Heimatplaneten aus gesteuert werden, bieten den Sovereigns eine besonders effiziente Möglichkeit, das eigen Handeln zu kaschieren: sie kämpfen weit entfernt im Weltraum, ohne dabei körperlich anwesend sein und Leib und Leben gefährden zu müssen.

Ob Bourdieus schematische, eindimensionale, monokausale und bereits in die Jahre gekommene Theorie – La distinction erschien zum ersten Mal 1979 – überhaupt und insbesondere heute noch überzeugen kann, bleibe ebenso dahin gestellt wie die Eignung von Guardians of the Galaxy Vol. 2 als entlarvende Satire unserer Gesellschaft. Im Zuge des Bologna-Prozesses, sprich: der Verschulung eines Studiums unter Zeitdruck, sowie der Hire-and-Fire-Mentalität kurz befristeter Verträge des wissenschaftlichen Nachwuchses eignen sich auch Studierende aus höheren Schichten und Jungwissenschaftler*innen zunehmend die allgemeingesellschaftlich immer stärker grassierenden Verwertbarkeitsimperative und einen insgesamt gehetzten Lifestyle an. Smartphones, Soziale Netze, permanent liefernde Info- und Unterhaltungsdienste stellen die Infrastruktur dazu bereit. Die Haltung des „Bulimielernens“, also des kurzfristigen Auswendiglernens großer Informationsmengen, die man zu Prüfung und Klausur gleich vollständig wieder auskotzt, ohne für das übrige Leben etwas zurückzubehalten, hat die Tendenz, sich zum Bulimieleben auszuwuchern. Zusammenhänge mühsam herstellendes Begreifen wird abgelöst durch flottes Aufrufen und Löschen von Simplem. Durch die hektische Vernetzung zirkuliert man ewig in fiebrigem Loop aus Ephemerem und Fragmentarischem. Bei aller angebrachten Skepsis gegenüber einer chronisch schlechtgelaunten sozialwissenschaftlichen Gegenwartsdiagnostik und der mit ihr regelmäßig verknüpften Untergansprophetie, die das Feuilleton immer sogleich begierig verbreitet: Fakt ist, dass ihre Schlagworte mittlerweile in den Kanon der gebildeten Selbstbeschreibungsroutine Eingang gefunden haben. Guardians of the Galaxy Vol. 2 mag, wie besonders augenfällig etwa auch In Time mit Amanda Seyfried und Justin Timberlake (USA 2011, R: Andrew Niccol), in der Haltung seiner Held*innen tatsächlich eine herrschende soziale Realität spiegeln – oder nur die vielleicht ja wirklichkeitsferne Narration aktueller Meinungsführer. Der enorme Publikumserfolg eines Einspielergebnisses von über 860 Mio. $ bei Produktionskosten von zirka 200 Mio. überraschte in beiden Fällen nicht.

Ironisch überspitzt der Film einen (tatsächlichen oder vermeintlichen) Unterschichtenhabitus mitsamt der zugehörigen Ästhetik, wozu nicht zuletzt das Lesen von „Schundheften“ gehört. Für den Großteil des Publikums (inklusive des Verfassers dieser Besprechung) dürfte die besondere Lust an diesem Film in dem sentimentalen Rückblick auf das Anheimelnde einer eher bildungsfernen Kindheit bestehen: mit ihrem ewigen Easy-Listening-Gedudel im Hintergrund, einer Geborgenheit vermittelnden Konformität (bevor sie zu eng wurde), klar definierten Geschlechterrollen, der Einfachheit des angeblich Selbstverständlichen und Notwendigen, ohne dauernde intellektuelle Problematisierungen dafür mit dem betäubenden Öl-Geruch der Garagen. Mehr noch: Guardians of the Galaxy Vol. 2 verführt uns – uns (durch Studium oder sonstige Ausbildung) Aufgestiegenen – dazu, mit Überlegenheitsgefühlen auf das Hinter-uns-Gelassene aus sicherer Distanz zurück- und schmunzelnd hinabzublicken. Darin liegt womöglich die Crux dieses umwerfenden Films…

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