Lepidoptera

Diese Besprechung von Dr. Alexander Wiehart wurde am 9. September 2017 online gestellt.

Bitte Folgendes beachten: Ziel meiner Besprechungen ist es nicht, Empfehlungen abzugeben. In erster Linie setze ich mich essayistisch mit Filmen und Serien auseinander und behandle an ihnen allgemeine philosophische, sozial- und geisteswissenschaftliche Fragen. Dabei muss ich das „Ende“, Pointen, Wendungen und Clous oft in die Überlegungen einbeziehen. Wer sich daher Spannung und Suspense nicht verderben lassen will, lese meine Kritiken immer erst nach Sehen des Films! Die Spoilerwarnung ist hiermit ausgesprochen.

Lepidoptera: D 2017, Omani Frei (Diplomarbeit Dresden).

Besprechungsgrundlage ist die Installation auf der Diplomausstellung 2017 der Hochschule für Bildende Künste Dresden (22. Juli 2017 – 3. September 2017).

Trailer:

 

„Lepidoptera“ ist der wissenschaftliche Name der Schmetterlinge. Seit der Antike dient der Schmetterling als Bild der Seele; im Altgriechischen trägt er sogar ihre Bezeichnung: „ψυχή“. Der Titel des zirka fünf minütigen Animationskurzfilms von Omani Frei lässt also eine Analyse des Seelischen erwarten. Und tatsächlich beginnt er mit einer einzelnen weiblichen Figur in der Mitte eines undefinierten, hintergrundlosen weißen Raumes wie in einer ganz auf das Thema reduzierten Versuchsanordnung. Die Zeichnung mutet durch Feinheit und Präzision, durch das dominierende Weiß und die hellblaue Tönung klinisch an. Klare, ungekünstelte Bilder und kunstvolle Rückblenden erhellen die handlungsleitenden existentiellen Sehnsüchte, die bei gemessenem Erzähltempo und der eindringlichen sphärischen Musik von Jonas Holfeld sogleich auch uns erfassen.

Losgelöst aus allen Kontexten sitzt die junge Frau inmitten einer Zentralkomposition in sich versunken da: eine Verkörperung der individuellen Perspektive, in der das Soziale als gesellschaftliche Rolle erlebt wird, zu deren Übernahme sich die Frau im Bild des Aufsetzens einer Maske verführen lässt: Sie will für andere erkennbar sein, sich verstetigen und sich ihrer selbst versichern. Daher streckt sich der schemenhafte Teil ihrer selbst immer nach einer verdinglichenden Maske aus. Der andere Teil versucht, sich von den Rollen zu emanzipieren und zu sich selbst zurückzufinden. Dieser unabgeschlossene, unentschiedene Kampf bildet die Puppe, woraus jene Schmetterlinge schlüpfen, die uns in die Masken locken, uns aber meiden, sobald wir eine der angebotenen Masken aufsetzen: Seele formt sich im unlösbaren Konflikt von Selbstentfremdung und Authentizität.

Gibt es überhaupt einen Zustand ohne Maske? In Lepidoptera hat bereits das maskenlose Gesicht etwas Maskenhaftes. Den gesamten menschlichen Körper zeigt Omani Frei weitgehend als Umriss: Er bleibt schwarz-blaue Zeichnung und damit ein Entwurf, der, wie spätestens im Paragone („Wettstreit der Künste“) seit der Renaissance erkannt, ausgestaltet werden muss, um Leben zu erlangen. Im Puppenstadium des Disegno, an dem leeren Ort, wo wir unbehelligt nur um uns selbst kreisen und über das Uneins-Sein mit uns selbst dem Weltschmerz verfallen, können wir nicht bleiben:

Da jedoch die blosse Kraft einen Gegenstand braucht, an dem sie sich üben, und die blosse Form, der reine Gedanke, einen Stoff, in dem sie, sich darin ausprägend, fortdauern könne, so bedarf auch der Mensch einer Welt ausser sich (Wilhelm von Humboldt: Theorie der Bildung des Menschen. Bruchstück, in: Wilhelm von Humboldts Werke, hg. v. A. Leitzmann, Bd. 1: 1785 – 1795, Berlin 1903, S. 282 – 287, hier S. 283).

Wie der Schmetterlingsschwarm am Ende aus Omani Freis Film herausfliegt direkt auf die Betrachtenden zu, drängen unsere Selbstentwürfe aus der Privatheit der Selbstreflexion nach außen, wo sie unter dem Druck der Bewährung stehen und, schmetterlingsflügelzart, nur allzu oft knicken. Dann beginnt alles von vorn: Wir fühlen uns auf uns selbst geworfen, ziehen uns ins Grübeln zurück, werden wieder in eine unliebsame Rolle gelockt, in der wir im Kampf mit uns selbst heraustreten in eine widerständige, uns herausfordernde Welt.

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